Bestsellerautor Alex Capus: Mit dem Velo durch Frankreichs Hitzesommer

Bilder: PrivatTausendzweihundert Kilometer mit dem Velo, von der äussersten Spitze der Bretagne zurück in die Schweiz. Eine Tour de France mit existenziellen Fragen.Alex Capus21.08.2026, 14.11 Uhr8 LeseminutenA...

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Bestsellerautor Alex Capus: Mit dem Velo durch Frankreichs Hitzesommer

Bilder: Privat

Tausendzweihundert Kilometer mit dem Velo, von der äussersten Spitze der Bretagne zurück in die Schweiz. Eine Tour de France mit existenziellen Fragen.

Alex Capus21.08.2026, 14.11 Uhr

8 Leseminuten


Am letzten Abend sahen wir endlich ein Atom-U-Boot. Den ganzen Nachmittag hatten Helikopter über der Bucht von Brest gekreist, zwei kriegsgraue Fregatten hatten reglos vor der Mündung gelegen und aufs offene Meer hinausgeschaut wie Wachhunde, die auf ihren Meister warteten. Wir sassen auf der Klippe und assen eine Honigmelone, als das U-Boot gross und schwarz und furchteinflössend in die Bucht einfuhr.

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«Was für ein Ungetüm», sagte Nadja.

«Darth Vader», sagte ich.

«Ob da jetzt Atombomben an Bord sind?»

«Kann ich mir nicht vorstellen.»

«Ich auch nicht. Wir sind ja doch noch nicht im Krieg. Ob die Dinger einen Namen haben?»

«Die Bomben?»

«Die U-Boote.»

«Eins heisst ‹Le Terrible›, ein anderes ‹Le Triomphant›.»

«Was für Kindsköpfe», sagte Nadja. «Gibt’s nur zwei davon?»

«Vier. Die Namen der anderen habe ich vergessen.»

«Dass du dir so was merkst.»

«Ich merke mir so was doch nicht.»

«Aber du weisst es.»

«Hab’s halt irgendwo aufgeschnappt.»

Da löste sich am gegenüberliegenden Ufer neben dem Leuchtturm ein kleines, weisses Touristenboot aus dem Hafen. Aufgeregt wie ein liebestolles Entchen hüpfte es übers kabbelige Wasser und hielt direkt auf das mächtige schwarze U-Boot zu.

«Was ist das denn für ein Idiot?», fragte Nadja.

«Ein Familienpapa, würde ich sagen. Mit Kindern, bunten Schwimmhilfen und einer Oma an Bord.»

«Der will wohl ein Selfie machen.»

«Ein Selfie mit Baby, Oma und Atom-U-Boot.»

«Um jeden Preis. Für das Selfie legt er sich, wenn’s sein muss, auch mit der französischen Force de Frappe an.»

Das Schiffchen war schon ziemlich nah an das U-Boot herangekommen, als aus dem Nichts ein graues Kanonenboot auf den Plan trat. Es fuhr breitseits an das weisse Schifflein heran, aus einem Lautsprecher schnarrten unwirsche Befehle. Das Schiffchen kehrte folgsam ans Ufer zurück, während in der Mitte der Bucht das U-Boot düster und unbeirrt geradeaus dem schwarzen Loch seines Bunkers entgegenpflügte.

Am nächsten Morgen war es Zeit für uns zu gehen, wir hatten das Strandhaus nur für eine Woche gemietet. Ich schnallte unsere Gepäcktaschen an die Fahrräder und gab den Ketten ein paar Tropfen Öl, Nadja legte den Schlüssel unter die Fussmatte und klickte ihr Handy mit der Navi-App an den Lenker. Dann fuhren wir los. Unser Plan war, von der äussersten Spitze der Bretagne – finis terrae, wie die Römer die Gegend genannt hatten – quer durch Frankreich ostwärts nach Hause zu radeln, tausendzweihundert Kilometer bis in die Schweiz.

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Es war die heisseste Zeit des Jahres, Météo-France hatte nochmals zwei Wochen Hundstage vorausgesagt. Wir würden jeweils vor Sonnenaufgang aufbrechen und während der kühlen Morgenstunden durchfahren, um nachmittags in einem klimatisierten Hotelzimmer Siesta zu halten.

Der Radweg begann gleich hinter dem Strand und führte über das Trassee einer stillgelegten Schmalspurbahn in langgezogenen Kurven und sanften Steigungen ins Landesinnere. Links und rechts standen knorrige Eichen, alle gleich dick und gleich gross; sie waren beim Bau der Bahn vor hundertfünfzig Jahren als Schutz vor Wind und Wetter gepflanzt worden. An rostigen Stacheldrähten hingen morsche Zaunpfähle, dahinter lagen verdorrte Maisplantagen und abgemähte Weizenfelder, auf denen Rehe ästen und Hasen hoppelten. Am Horizont standen verrostete Pflüge vor zerfallenden Gehöften, am Himmel kreisten pfeifend Milane und Bussarde.

Kurz vor dem Morgengrauen war ein Gewitter übers Land gezogen, in der Luft lag der Geruch nach feuchter Erde.

«Köstlich, dieser Duft», sagte Nadja.

«Ja», sagte ich.

«Aber?»

«Nichts aber.»

«Du magst den Duft nicht?»

«Klar mag ich ihn.»

«Aber?»

«Nichts.»

«Jetzt sag schon.»

«Na ja», sagte ich. «Es ist einfach der Geruch von feuchter Erde nach einem Sommergewitter. Nicht Dior oder ofenfrischer Apfelstrudel.»

«Das behauptet auch niemand.»

«Eben.»

«Ich finde ihn köstlich.»

«Ich auch», sagte ich. «Alle Menschen mögen den Geruch von feuchter Erde.»

«Also?»

«Nichts.»

«Du bist schon ein komischer Kauz.»

«Das habe ich nie bestritten.»

Dann sprachen wir über etwas anderes.

Zu der frühen Stunde waren wir allein auf dem Radweg, wir konnten Seite an Seite fahren und reden. Wir sprachen über unsere Kinder, die allmählich gross wurden, dann über den Krieg in der Ukraine, den Klimawandel und die Strasse von Hormuz, dann nochmals über die Kinder und darüber, wie wir dieses oder jenes zerfallende Gehöft kaufen würden, das da oder dort auf einer einsamen Wiese am Ende einer Platanenallee stand, und wie wir es renovieren und einrichten würden und wie alle unsere Freunde uns drei Mal besuchen würden und danach nicht mehr, weil es noch andere hübsche Orte gibt auf der Welt, und wie auch unsere Kinder sich nicht mehr blicken lassen würden, weil sie dann selber Kinder hätten und sich die lange Reise mit den Windelpackungen und den schreienden Babys im Schlepptau nicht mehr antun wollten, und wie wir dann allein zu zweit in der gottverlassenen Gegend die Zeit totschlagen würden, bis sie halt um war, erst für den einen von uns beiden und dann für den anderen.

Unsere Räder flogen auf dem alten Bahntrassee dahin. Der Kilometerzähler auf Nadjas Handy zeigte erst zehn, dann zwanzig und dreissig gefahrene Kilometer an. Die Kühe auf den Weiden hoben neugierig die Köpfe, wenn wir vorbeifuhren, wir winkten ihnen zu und riefen: «Hallo, ihr Kühe, hallo!»

Ab und zu hielten wir an, um Wasser zu trinken oder Fotos zu machen. Wir fotografierten die Kühe und die zerfallenden Gehöfte, dann auch die rostigen Traktoren und die Windräder am Horizont, die verlassenen Bahnwärterhäuschen und die von Wicken überwucherten Ladekräne und die hübschen kleinen Belle-Époque-Bogenbrücken aus vernieteten Stahlträgern.

Und dann ging über dem nächsten Hügel wie in dem Beatles-Song die Sonne auf, und alles erstrahlte in goldenem Licht, und ich hörte die harten, zarten Stahlsaiten von George Harrisons akustischer Gibson-Gitarre und seine helle, verletzliche Stimme, die «Here comes the sun» sang, und ich sah Nadjas Silhouette vor mir im Gegenlicht und dachte: «Mein Gott, wie schön das alles ist.»

Aber nachdem die Sonne aufgegangen war, fing sie an zu brennen. Nadja fuhr rechts ran und kramte die Sonnencrème hervor.

«Für mich noch nicht, danke», sagte ich.

«Komm her.»

«Die Sonne steht noch tief.»

«Du sollst herkommen.»

«Nein.»

«Halt still. Was bist du für ein Weichei, Herrgott. Es ist nur Sonnencrème. Jetzt mach nicht so ein Gesicht.»

Hinter dem nächsten Hügel fuhren wir in ein Dorf ein. Es war Zeit für Kaffee und Croissants. Links der Landmaschinenmechaniker, rechts der Coiffeur und die Bäckerei, auf dem Dorfplatz schliesslich ein Bistrot, das «Chez Louisette» hiess oder so. Wir stellten unsere Räder in ordentlichem Abstand zum Bistrot unter einer Platane ab. Ich bin selber Gastwirt und kenne die Unhöflichkeit vieler Radfahrer, die ihre Gefährte am liebsten in die Kneipe hineintragen würden, aus Sorge, dass jemand ihre verschwitzten T-Shirts aus der Gepäcktasche stehlen könnte.

«Was war denn nun vorhin mit dem Duft?», fragte Nadja.

«Was für ein Duft?»

«Von feuchter Erde.»

«Ach so.»

«Jetzt sag. Du hast es doch sonst nicht so mit Parfum und Süssgebäck.»

«Ist doch egal.»

«Je mehr du dich anstellst, desto sicherer bin ich, dass etwas dahintersteckt.»

«Lass gut sein. Ich will doch jetzt nicht . . . wie heisst das, wenn alte Männer anderen Menschen ungefragt die Welt erklären?»

«Mansplaining. Aber ich frag dich ja.»

«Na gut. Dieser Geruch ist eigentlich nichts Besonderes.»

«Sondern?»

«Was wir da riechen, ist bloss Geosmin. Ein Alkaloid, das von Bakterien in feuchter Erde ausgeschieden wird.»

«Ach, du wieder. Wie heisst das Zeug?»

«Geosmin. Wir Menschen finden es toll, weil es für uns nach feuchter Erde riecht. In der Prärie Ostafrikas war es ein evolutionärer Vorteil, die Witterung von Wasserlöchern auf grosse Distanz wahrzunehmen.»

«Du machst Spass, oder?»

«Ich weiss, das klingt jetzt nicht sonderlich romantisch. Soll ich fortfahren?»

«Bitte.»

«Unsere Empfindsamkeit für Geosmin ist die Superkraft des Homo sapiens. Über Hunderttausende von Jahren hat sie unser Überleben sichergestellt. Eine Konzentration von vier Milliardstelgramm in einem Liter Wasser ist schon ausreichend, damit wir den Stoff wahrnehmen.»

«Wie muss ich mir das vorstellen?»

«Ein gehäufter Teelöffel Geosmin, aufgelöst in zweihundert olympischen Schwimmbecken.»

«Ich bin beeindruckt», sagte Nadja.

«Ich auch», sagte ich. «Wenn’s um Geosmin geht, haben Hunde und Wölfe keine Chance gegen uns.»

«Der Grizzly aber schon», sagte Nadja. «Der riecht ein Snickers auf zwanzig Kilometer Entfernung. Das habe ich mal gelesen. Auch wenn es originalverpackt im Handschuhfach eines Autos liegt.»

«Und wenn der Grizzly den Schlüssel nicht dabeihat?»

«Dann macht er das Auto auch so auf. Der holt sich das Snickers, keine Sorge.»

«Aber beim Geosmin hat er keine Chance gegen uns.»

«Und was ist mit dem Hai? Der riecht einen Tropfen Blut auf eine Million Kilometer.»

«Aber an Land ist er aufgeschmissen, aus naheliegenden Gründen.»

«Auch wieder wahr.» Nadja nickte nachdenklich. «Kennst du den Grönlandhai?»

«Was ist mit dem?»

«Der wird acht Meter lang und bis zu vierhundert Jahre alt. Das haben dänische Wissenschafter herausgefunden. Geschlechtsreif ist er mit hundertsechsundfünfzig Jahren, seine Lebenserwartung beträgt zweihundertzweiundsiebzig Jahre. Und er kann bis zu zweitausend Meter tief tauchen. Dort dümpelt er in der schwarzen Nacht der Tiefsee rum und wartet auf absinkende Kadaver.»

«Vierhundert Jahre im Dunkeln. Ohne Netflix.»

«Man hat schon Teile von toten Eisbären in seinem Magen gefunden, und von toten Walen. Einmal auch ein Menschenbein, mutmasslich von einem ertrunkenen Matrosen.»

«Ist ja toll. Hat das etwas mit dir und mir zu tun?»

«Nicht das Geringste. Der Grönlandhai interagiert nicht mit uns Menschen. Wir sind als Beute für ihn inexistent, weil wir nicht in arktischen Gewässern baden. Umgekehrt ist sein Fleisch für uns ungeniessbar.»

«Was lernen wir daraus?»

«Nichts. Mir war nur daran gelegen, deinen Wissenshorizont um die Kenntnis vom Grönlandhai zu erweitern.»

«Das ist dir bestens gelungen. Ich danke dir herzlich.»

Wir hatten unsere Tassen geleert und die Croissants gegessen, es war Zeit, aufzubrechen. Die Sonne stand schon hoch. Dreissig Kilometer Fahrt lagen noch vor uns bis zur Kühle des reservierten Hotelzimmers.

Wir waren jetzt nicht mehr allein auf dem Radweg, alle paar Minuten wurden wir von Freizeit-Rennfahrern auf filigranen Rennrädern überholt. Die Älteren trugen schwarze Radlerhosen und grellbunte Trikots mit Werbeaufschriften, wie sie in ihrer Jugend Mode gewesen waren, die Jungen waren in Schwarz und Anthrazit gekleidet, und auch ihre Räder waren mehrheitlich dunkel. Manche waren allein unterwegs, andere in Gruppen. Letztere redeten miteinander. Nadja und ich lauschten ihren herannahenden Stimmen.

Wir hatten schon vor langer Zeit festgestellt, dass der Homo sapiens eine erstaunliche Fähigkeit hat, das Alter eines Menschen anhand seiner Stimme in Sekundenschnelle recht präzise zu bestimmen. Wenn sich eine Gruppe plaudernder Radler von hinten näherte, sagten wir zum Beispiel «Ü 60!» oder «U 20!» oder «Ü 40!». Und wenn sie uns dann überholten, prüften wir den Befund mit einem raschen Seitenblick. Wir täuschten uns nie. Wir spielten dieses Spiel seit vielen Jahren. In den frühen Jahren, als wir noch keine Kinder hatten und die ersten Radtouren unternahmen, hatten wir noch versucht, einen Wettbewerb daraus zu machen. Aber das funktionierte nicht, weil wir uns immer einig waren.

Die Sonne stand schon hoch, am Nachmittag würde es wieder sehr heiss werden. Da und dort lagen Amseln und Sperlinge am Wegesrand, die in der Hitze der vergangenen Tage tot vom Himmel gefallen waren. Der Geruch nach Geosmin hatte sich verflüchtigt, die Sonne hatte das Erdreich abgetrocknet.

«Jetzt riecht’s nicht mehr nach dem Zeug», sagte Nadja. «Wie heisst es noch mal?»

«Geosmin.»

«Jetzt kannst du es mir doch sagen. Warum hast du so ein Trara darum gemacht?»

«Ich habe kein Trara gemacht», sagte ich.

«Hat es irgendwas mit dir und mir zu tun?»

«Nicht das Geringste», sagte ich. «Ich finde nur den Gedanken schön, dass wir Menschen für manche Dinge eine wirklich feine Nase haben.»

«Für Geosmin zum Beispiel.»

«Und für Dampfloks und U-Boote.»

«Und Kühe und Kinder.»

«Und den Grönlandhai.»

Alex Capus ist Schriftsteller und lebt in Olten. Diesen Sommer ist sein neuer Roman «Querfeldein» im Hanser-Verlag erschienen.

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