Krise an Grenze: Hat Marokko den Migrantenansturm auf Ceuta bewusst zugelassen?

Hat Marokko den Sturm von Migranten auf Ceuta zugelassen?Die Beziehungen von Spanien und Marokko schienen zuletzt harmonisch. Doch ohne Komplizenschaft des Königreichs wäre der Ansturm von mehr als 50 000 Mensc...

  • 5 min read
Krise an Grenze: Hat Marokko den Migrantenansturm auf Ceuta bewusst zugelassen?

Hat Marokko den Sturm von Migranten auf Ceuta zugelassen?

Die Beziehungen von Spanien und Marokko schienen zuletzt harmonisch. Doch ohne Komplizenschaft des Königreichs wäre der Ansturm von mehr als 50 000 Menschen kaum möglich gewesen.

01.08.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Spaniens grösste Migrationskrise seit Jahren: Migranten klettern über den Zaun bei Ceuta.

Spaniens grösste Migrationskrise seit Jahren: Migranten klettern über den Zaun bei Ceuta.

Marcos Moreno / Getty

Eigentlich wirkten die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko zuletzt harmonisch. Die beiden Länder kooperierten bei der Eindämmung der irregulären Migration so eng wie nie; Spanien ist längst Marokkos wichtigster Handelspartner; 2030 richten die beiden Länder gemeinsam die Fussball-WM aus.

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Doch dann durchbrachen am Donnerstag Tausende von Migranten, die meisten von ihnen Marokkaner, die Grenze zur spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta. Schwimmend, manche in Unterwäsche, viele voll bekleidet, mit Schwimmringen als Hilfe.

Mindestens 50 000 Migranten sind in den vergangenen Tagen in Ceuta auf europäischen Boden gelangt. Für Spanien ist die grösste Migrationskrise seit 2021, als ein ähnlicher, aber kleinerer Sturm auf stattfand.

Es ist auch eine potenzielle Krise für die spanisch-marokkanischen Beziehungen. Denn ohne Komplizenschaft Marokkos wäre ein solch massiver Bruch der Grenze nicht möglich gewesen.

Auf Social Media kündigte sich der Sturm an

Tatsächlich blieben die Sicherheitskräfte auf der marokkanischen Seite der Grenze am Donnerstag laut Augenzeugenberichten während Stunden Zaungäste des Ansturms. Sie waren passiv, während Tausende Menschen sich ins Meer warfen und um eine Mole Richtung spanischen Boden schwammen. Erst am Abend setzten die marokkanischen Grenzschützer offenbar Wasserwerfer ein und drängten Migranten zurück.

Es ist unklar, ob die Sicherheitskräfte schlicht überfordert waren angesichts der Masse an ankommenden Menschen. Oder ob die Passivität gewollt war. Merkwürdig mutet auch an, dass die marokkanischen Kräfte ihre Präsenz offenbar nicht verstärkt hatten, obwohl schon in den Tagen zuvor viel mehr Migranten überzusetzen versuchten als üblicherweise. Und auf Social Media in Marokko seit Wochen für einen Grenzsturm getrommelt wurde.

Weshalb blieben sie passiv? Marokkanische Sicherheitskräfte an der Grenze.

Weshalb blieben sie passiv? Marokkanische Sicherheitskräfte an der Grenze.

Abu Adem Muhammed / Getty

Es wäre nicht das erste Mal, dass Marokko den Grenzschutz instrumentalisiert, um eine Botschaft nach Madrid zu senden. 2021, als mehr als 5000 Migranten innerhalb von zwei Tagen nach Ceuta gelangten, hatte Marokko den Ansturm explizit provoziert. Grenzschützer griffen nicht ein, Migranten waren sogar in Bussen aus dem Landesinneren an die Mittelmeerküste gekarrt worden. Marokkos Regierung wollte damals Zugeständnisse von Spanien in der Westsahara-Frage erzielen. Marokko hält die ehemalige spanische Kolonie seit 1976 besetzt – Spanien unterstützte zu dem Zeitpunkt ein Selbstbestimmungsreferendum für das Territorium.

Aber diesmal schien sich nichts dergleichen anzubahnen. Spanien ist seit 2021 diplomatisch äusserst vorsichtig mit Marokko umgegangen – im Bewusstsein, dass das Königreich die Migrationsschleuse kontrolliert. 2022 akzeptierte Madrid einen marokkanischen Autonomie-Plan, der die Westsahara dauerhaft unter marokkanischer Kontrolle behält.

Die Grenze als Waffe

Vieles deutet denn auch darauf hin, dass der jetzige Ansturm weniger mit marokkanischen Sensibilitäten als mit einem Urteil des Obersten Spanischen Gerichtshofs von Ende Juni zu tun hat. Die Richter entschieden, dass Migranten, die schwimmend nach Ceuta gelangen, nicht gleich wieder nach Marokko zurückgebracht werden dürfen. Anders als Personen, die Zäune oder andere Barrieren überwinden – weil Schwimmen kein gewaltsamer Übertritt sei.

Das Urteil hat offenbar Migranten und ihre Schlepper beflügelt und zu einer Mobilisierung geführt, die am Donnerstag ihren dramatischen Höhepunkt erreichte.

Auch die Tatsache, dass Spaniens sozialistische Regierung im Januar ein Dekret verabschiedete, das Hunderttausenden von Migranten, die sich ohne Papiere im Land aufhalten, die Regularisierung erlaubt, könnte zum jetzigen Ansturm beigetragen haben.

Spaniens Kommentatoren sind sich aber trotzdem einig, dass Marokko mitschuldig sein muss. «Die Grenze als Waffe», titelte die Zeitung «El Mundo» und schrieb: «Eine Bewegung in dieser Grössenordnung ist unvorstellbar ohne die Passivität Marokkos, dessen Sicherheitskräfte die Zone kontrollieren, wenn sie wollen.»

Tatsächlich hat Marokkos König Mohammed VI. ein Motiv. Mitte Juli besuchte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez Marokkos Nachbarland und Erzrivalen Algerien. Dieses befürwortet die Unabhängigkeit der Westsahara. Beim Besuch von Sánchez ging es vordergründig um Energiefragen – Algerien ist seit diesem Jahr Spaniens wichtigster Lieferant von Erdgas. Die Reise diente aber auch dazu die Beziehungen zu verbessern, die in dem Moment Schaden genommen hatten, als Spanien 2022 Marokkos Autonomie-Plan für die Westsahara billigte. Ministerpräsident Sánchez verkündete nach dem Besuch in Algiers eine «neue Etappe» der spanisch-algerischen Beziehungen.

In Spaniens Parlament kursiert zudem ein Gesetzesvorhaben, das Marokko ein Dorn im Auge ist. Das Gesetz sieht vor, dass Bewohner der Westsahara, die vor dem Abzug Spaniens 1976 geboren wurden, ein Anrecht auf die spanische Staatsbürgerschaft haben. Das Gesetz ist auch in Spanien umstritten, könnte aber nach der Sommerpause des Parlaments verabschiedet werden.

Es ist deshalb möglich, dass Marokkos Regierung durchaus eine Botschaft senden wollte, indem ihre Grenzschützer den Ansturm duldeten. Womöglich fiel die Botschaft lauter aus als beabsichtigt, weil eine Mobilisierung von mehr als 50 000 Menschen kaum vorhersehbar war.

Ob die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko im jetzigen Sturm Schaden nehmen, dürfte sich in den nächsten Tagen zeigen. Vorerst versuchten beide Länder zu beschwichtigen. Die spanische Regierung sagte, die Regierung von Marokko kooperiere «auf loyale und dauerhafte Weise». Aus Marokko hiess es, die Zusammenarbeit im Migrationsbereich mit Spanien sei beispielhaft und eine der fundamentalen Säulen der strategischen Allianz der beiden Länder.

Weil die Aufnahmezentren in Ceuta überfüllt sind, schlafen Migranten in Strassen und Pärken.

Weil die Aufnahmezentren in Ceuta überfüllt sind, schlafen Migranten in Strassen und Pärken.

Jesus Torres / Getty

6 Kommentare

Hendrik C.R. Lock

vor 35 Minuten

2 Empfehlungen

Wozu hat man Geheimdienste? Um sich vor Überraschungen zu schützen, dort wo ein gesundes Mißtrauen angebracht ist. Das wäre in diesem Fall die marokkanische Umgebung von Ceuta. Mit den so gewonnen Information kann man sich vorbereiten, zB indem man diplomatisch interveniert, und die Abwehrmaßnahmen verstärkt. Nichts von dem wurde berichtet. Forderungen, in so einem Fall Schengen zeitweise auszusetzen, machen Sinn, auch als Signal nach Madrid.

Fabian Schlarmann

vor 41 Minuten

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Alleine deshalb sollte Europa schon nicht an der WM in Marroko teilnehmen.

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