«Grosse Autos, kleine Penisse»: Wenn ein Schweizer Radio auf KI setzt
«Grosse Autos, kleine Penisse»: Was passiert, wenn Schweizer Radios plötzlich auf KI-Songs setzenZwischenmeldung von der «wohl fulminantesten Revolution der Menschheitsgeschichte» (Roger Schawinski).11.07.2026,...
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«Grosse Autos, kleine Penisse»: Was passiert, wenn Schweizer Radios plötzlich auf KI-Songs setzen
Zwischenmeldung von der «wohl fulminantesten Revolution der Menschheitsgeschichte» (Roger Schawinski).
11.07.2026, 21.46 Uhr
7 Leseminuten

Hiesige Radios können mit KI-Musik Geld sparen. Doch in künstlerischer Hinsicht sind die Resultate eher zweifelhaft.
Illustration: Hans-Jörg Walter / NZZaS
Zuweilen wird es derb. So handelt ein Song offenkundig von Fürzen. Jemand habe zu viele Bohnen gegessen, singt die KI. Nun mache sich Gestank breit. Ein anderes Lied erzählt von Männern, die zur Kompensation mit Vehikeln prunken. «Grosse Autos, kleine Penisse», trällert die Stimme.
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Es ist frühmorgens auf Radio 1, dem Sender von Roger Schawinski, dem Schweizer Pionier, und es geht wild zu und her.
«Es war seine Idee», sagt Dani Wüthrich, der Musikchef des Senders. Schawinski hat die KI-Songs in Auftrag gegeben. Wüthrich warf daraufhin die Software Suno an und erstellte 160 Lieder. «Pro Song benötigte ich etwa fünf bis zehn Minuten.» Wüthrich setzt auf entspannte Genres wie Reggae, Bossa nova oder Soul. Die Songs werden morgens von zwei bis halb fünf gespielt.
Der Musikchef gibt offen zu, dass vor allem wirtschaftliche Überlegungen hinter dem KI-Einsatz stünden. Wer eigene Stücke spielt, muss keine Gebühren an die Suisa abliefern, die Schweizer Urheberrechtsgesellschaft. Wie viel Geld der Sender so spart, will Wüthrich aber nicht sagen.
Der Suisa passt das selbstverständlich nicht. Und sie warnt: In solchen Songs könne Material stecken, das urheberrechtlich geschützt sei. «KI-Software wurde oft mit Musik trainiert, ohne dass dafür die nötigen Lizenzen eingeholt wurden», erklärt ein Sprecher. Wenn Musiker einen Klau nachweisen können, können sie klagen. Die anderen bekannten Radiobetreiber im Land – SRG, CH Media und Ringier – halten sich bis jetzt zurück und verzichten auf ein redaktionell erstelltes KI-Musikprogramm.
Musikchef weiss nicht, wie der Song genau entstanden ist
So unklar die Herkunft des Materials, mit dem die Software arbeitet, so merkwürdig sind ihre Resultate. Sogar für den Musikchef birgt das KI-Programm des Senders Überraschungen. In einem Song über eine Bäckerei wird geschwärmt: «Sabine macht die Plätzchen, die feinsten diesseits der Elbe.» Wie solche Texte zustande kommen, kann Dani Wüthrich nicht erklären. «Das spuckt die KI halt so aus.»
Bäckerei-Song
Radio 1
Zu den Furz- und Penis-Songs meint Wüthrich, es brauche manchmal auch etwas zum Schmunzeln, gerade in der Nacht. Wobei er eigentlich gedacht habe, mittlerweile alle Furz-Songs aus dem Repertoire entfernt zu haben. Bereits im Winter hatte sich ein verdutzter Hörer beim Nachrichtenportal nau.ch gemeldet, nachdem er auf Radio 1 das Klagelied eines Mannes vernommen hatte, das von der Mühsal übler Blähungen erzählte. «Der fremde Furz» – so hiess dieser Song – wurde danach beim «Blick» ebenfalls zum Thema.
Auch finden sich heute im Programm mehrere Lobeshymnen auf einen Chef. «Der Boss ist unser Held, sein Wort ist unser Geld», jubelt ein Sänger, begleitet von einer Big Band. «Der Chef ist immer supertoll.»
Chef-Song
Radio 1
Wollte Wüthrich damit seinem eigenen Vorgesetzten, Roger Schawinski, ein musikalisches Denkmal setzen? «Nein, nein. Es ging um den Chef im Allgemeinen.»
Dani Wüthrich verteidigt den KI-Einsatz. Auch er höre lieber Musik von Menschen. «Aber wir Privatsender kämpfen ums Überleben, uns bricht die Werbung weg. Wir brauchen jeden Franken. Wenn wir pleitegehen, ist damit auch keinem Musiker geholfen.»
Staat könnte Radios die Gebührengelder streichen
Ganz anders sieht das Cécile Drexel, die Geschäftsleiterin von Sonart, dem Verband für Schweizer Musikschaffende. Radio 1 solle andere Wege suchen, um Geld zu sparen. «KI-Songs können keine Lösung sein, weil sie letztlich auf einem gewaltigen Diebstahl basieren.»
Für Drexel ist klar: Radios, die KI-Songs spielen, missbrauchen nicht nur die Vorarbeit echter Musikerinnen und Musiker, sondern gefährden auch deren Existenz. Denn das Radio sei nach wie vor ein zentrales Medium. Wegen der Tantiemen, aber auch wegen der Hörbarkeit und der Reichweite. «Wer im Radio nicht gespielt wird, kann sich keine Fangemeinde aufbauen.» Und ohne Fangemeinde werde man nicht für Konzerte gebucht.

Cécile Drexel, Interessenvertreterin der Schweizer Musikbranche.
PD
Drexel fordert die Politik zum Handeln auf. «Wenn ein Sender systematisch auf KI-Songs setzt, muss das Folgen haben.» Der Staat habe verschiedene Möglichkeiten, um Druck auszuüben: von der Deklarationspflicht für KI-Songs über die Streichung von Gebührengeldern bis hin zu Konsequenzen bei Konzessionen. Drexel appelliert an hiesige Radios, die auf KI-Songs setzen oder damit planen: «Wer von öffentlicher Infrastruktur profitiert, darf nicht gleichzeitig Schweizer Musikschaffen durch künstlich erzeugte Billigware verdrängen.»
«Gewissermassen Hehlerei»: harter Vorwurf von Ueli Schmezer
Ein Adressat von Drexels Forderung ist auch Ueli Schmezer – Nationalrat der Sozialdemokraten, Musiker, Jurist und früher selber Radiojournalist. Ihm gelang es jüngst, im Bundeshaus eine überparteiliche Musik-Allianz zu bilden: Diese will Streamingdienste dazu zwingen, ihre Algorithmen umzubauen und Schweizer Musiker prominenter sichtbar zu machen. Auch bei der KI-Musik sieht Schmezer Handlungsbedarf. Sie sei ein weiterer Angriff auf die Einkommen der Musikerinnen und Musiker. «Ein Radio, das KI-Musik spielt, betreibt gewissermassen Hehlerei.»

Ueli Schmezer, Politiker, Musiker und Jurist.
Keystone
Bundesrat Albert Rösti müsse sich überlegen, ob er jemandem eine Konzession erteilen wolle, dessen Musikprogramm auf einer systematischen Verletzung des Urheberrechts basiere und der sich offen dazu bekenne. «Zumindest die Radios, die aus dem Gebührentopf unterstützt werden, müssen auf KI-Musik verzichten.»
Diese Forderung beträfe zum heutigen Zeitpunkt etwa Radio Grischa, das jährlich rund 3 Millionen Franken Gebühren erhält. Der Bündner Sender hat es Schawinski nachgemacht und spielt nun ebenfalls am frühen Morgen eigene Songs, die mithilfe von KI-Tools erstellt wurden. Doch ein Sprecher wiegelt ab. Radio Grischa fördere heute Schweizer Musik stärker als andere Sender, und man halte es für keine gute Idee, neue Technologien unterbinden zu wollen.
Eine weitere Forderung Schmezers lautet: «Wer KI-Musik bringt, soll jeden einzelnen KI-Song mit einem Jingle als solchen deklarieren müssen.» Das beträfe auch Schawinskis Radio 1. Die Europäische Union führt bereits nächsten Monat eine Kennzeichnungspflicht für KI-Kreationen ein. Radios werden ihr Programm künftig öfters für Transparenzhinweise unterbrechen müssen. Wie sehr die neuen Vorgaben ihre Arbeit mit KI-Songs einschränken, ist allerdings noch offen.
Roger Schawinski droht Ueli Schmezer mit Klage
Und was sagt Roger Schawinski selber zu alledem? Er, der 81-jährige Pionier, der bei der KI-Nutzung wieder einmal ganz vorne dabei ist? Die künstliche Intelligenz, erklärt Schawinski am Telefon, sei wohl die fulminanteste Revolution der Menschheitsgeschichte. «Seit Chat-GPT ändert sich alles rasend schnell.» Und ja, manche der eigenen KI-Songs gefielen ihm ganz gut. Bereits früher hätten Radio 1 und andere Sender auf Suisa-freie Musik gesetzt. KI eröffne nun neue Möglichkeiten, und die wolle man nutzen.
«Nach dem Sieg unserer Nati über Algerien hat Dani Wüthrich direkt einen Murat-Yakin-Jubel-Song gepromptet und sofort ins Programm gestellt.»
Murat-Yakin-Song
Radio 1
Auch verberge man nichts: Wenn das Programm mit den KI-Songs laufe, informiere man das Publikum jeweils stündlich, dass es sich beim Gehörten um KI-Musik handle. Natürlich sei das Urheberrecht ein grosses Problem der KI-Nutzung. Aber dafür brauche es internationale Regeln. Das sei nicht seine Baustelle, meint Schawinski, sondern jene grosser Verlage wie desjenigen der «New York Times».
Schawinski erklärt weiter: «In der tiefen Nacht haben wir kaum Hörer und null Werbung.» Trotzdem wolle die Suisa Geld für Musik, die in diesen Stunden gesendet werde.
«Nun machen wir es eben anders.»

Roger Schawinski, Medienpionier. Hier im Studio von Radio 1.
Christian Merz für NZZ
Damals, mit Radio 24, habe er als Erster in der Schweiz ein Rund-um-die-Uhr-Programm eingeführt. «Daran möchte ich festhalten, obwohl die Bedingungen schwieriger geworden sind. Ich glaube, dass unsere KI-Musik – für die wir übrigens viele positive Reaktionen erhalten – eine deutlich interessantere Lösung ist, als wie früher Radio Beromünster das Programm um Mitternacht mit der Nationalhymne zu beenden.»
Zu Ueli Schmezers Vorwurf, gewissermassen Hehlerei zu betreiben, sagt Schawinski: Als Radiosender verletze man kein Gesetz zum Einsatz von KI-Songs, weil es ein solches gar nicht gebe. «Darum ist der Vorwurf der Hehlerei ehrverletzend. Wir behalten uns rechtliche Schritte vor.»
«Ein trauriges Hörerlebnis», sagt der Forscher der ETH
Schawinski hat sich mit seinen KI-Experimenten als erster prominenter Schweizer Radiomacher vorgewagt. Eine Entwicklung, deren Ende nicht absehbar ist – und die von zwei befragten hiesigen Experten interessiert verfolgt wird: Der eine ist Peter Kraut, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Musik an der Hochschule der Künste Bern. Der andere ist Martin Rohrmeier, Professor der ETH Lausanne und Forscher für digitale Musikwissenschaft. Eine Hörprobe der KI-Songs von Radio 1 vermag beide wenig zu begeistern.

Martin Rohrmeier, Erforscher der KI-Musik
PD
«Billige Massenware», urteilt Kraut. «Ein trauriges Hörerlebnis», bilanziert Rohrmeier.
Der ETH-Professor fügt an: «Ich erwarte von einem Radio, dass man sich um Originalität bemüht. Warum macht man sonst Radio? Dieser KI-Einsatz ist ein Armutszeugnis.» Peter Kraut fordert die Radios auf, ihre Aufgabe als Kulturträger wahrzunehmen. «Mit KI-Songs schaufeln Sender wie Radio 1 das Grab der Musikschaffenden.»
Zugleich attestierten beide Experten, dass die Oberfläche der Songs nahezu perfekt sei. «Diese Stücke sind zusammengesetzte Klischees und zu keiner Sekunde originell. Aber die Klangqualität ist exzellent», sagt Kraut. «Musikalisch ist das alles astrein», bestätigt Rohrmeier. Derzeit liefere die KI jedoch optimiertes Mittelmass. «Keith Jarrett, Bob Dylan oder Freddie Mercury sind derzeit noch ausser Reichweite. Aber den statistischen Durchschnitt erwischt die KI mittlerweile sehr gut.»
«Letzter Schritt zur Musik der Apparate und Algorithmen»
Auch Peter Kraut sieht die KI-Musik in einer langen Entwicklungslinie. «In der Pop-Musik werden ja bereits seit Jahrzehnten Maschinen verwendet. Künstliche Intelligenz ist der letzte Schritt hin zu einer Musik der Apparate und Algorithmen.»
Rohrmeier sagt, die Herstellung solider Radiomusik mit KI sei heute möglich. «Das KI-Programm von Radio 1 fliegt nicht wegen des Sounds auf, sondern wegen der Texte. Aber auch diese werden allmählich besser.»
Spielt das Radio bald göttliche Musik?
Ein weiterer eigener KI-Song, den Radio 1 spielt, heisst «Die Stimme der KI». Er ist ein Preisgesang auf die unbegrenzten Möglichkeiten der neuen Technologie, ein eigentümlich selbstreflektives Lied. «KI singt für mich, oh yeah», jubiliert die Digitalstimme zu swingenden Klängen. «Ich steh im Licht dank der künstlichen Magie.»
KI-KI-Song
Radio1
So wenig ihm diese Musik auch gefällt: Rohrmeier kann den Tech-Optimismus, der dieses generische Liedchen durchweht, durchaus nachvollziehen.
Viele, die heute über KI-Musik spotteten, unterschätzten die Dynamik der technologischen Entwicklung. Rohrmeier vergleicht die Situation mit den frühen Neunzigern. «Damals belächelte man den Schachcomputer. Wenige nahmen ihn als Konkurrenz des Menschen ernst. Kurze Zeit später besiegte Deep Blue dann Garri Kasparow.» Heute dienten Computer den Schachprofis als Inspirationsquelle für Züge, auf die sie selber nie gekommen wären. Es seien Züge, die uns Menschen verblüfften.
Ähnliches könne auch in der Musik passieren, meint Martin Rohrmeier. Zwar sei eine musikalische Komposition ungleich komplexer und, anders als Schach, tief mit menschlichem Ausdruck, Emotion und Subjektivität verbunden. Doch die Fortschritte der neuen KI-Modelle versetzen den Musikforscher in Erstaunen.
Könnte die künstliche Intelligenz also bald mit einem Sound aufwarten, der überwältigend ist und auf eine völlig neue Art berührt? Das, so erwidert Professor Rohrmeier nüchtern, sei im Raum des Möglichen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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