Wie Gore-Inhalte Kinder und Jugendliche gefährden

Es war ein Fall, der ganz Österreich erschütterte: Eine 14-Jährige wurde im Juni am Wiener Landesgericht wegen Mordes an einer 64-jährigen Pensionistin am Friedhof Baumgarten zu acht Jahren Haft und zur Einweis...

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Wie Gore-Inhalte Kinder und Jugendliche gefährden

Es war ein Fall, der ganz Österreich erschütterte: Eine 14-Jährige wurde im Juni am Wiener Landesgericht wegen Mordes an einer 64-jährigen Pensionistin am Friedhof Baumgarten zu acht Jahren Haft und zur Einweisung in ein forensisch-therapeutisches Zentrum verurteilt. 

Das Mädchen hatte gestanden, die ihr unbekannte Frau im Februar aufgrund von „Tötungsfantasien“ mit mehr als 80 Messerstichen getötet zu haben. 

Die Jugendliche hatte die 64-Jährige zufällig als Opfer ausgewählt. Vor Gericht berichtete sie zudem, fast täglich True-Crime-Inhalte, Videos über Serienmörder und sogenannte Gore-Videos konsumiert zu haben. „Das hat mir einen Kick gegeben“, sagte sie.

„Gore“: Ungefilterte Gewalt, frei zugänglich im Internet

Der englische Begriff „Gore“, der auch aus dem Horrorfilm-Genre bekannt ist, bezieht sich auf Inhalte, die Gewalt in jedweder Form drastisch und detailreich zeigen. Gerade im Internet finden die schockierenden, grausamen und ekelerregenden Bilder und Videos auf eigenen Homepages leicht Verbreitung. 

„Das sind Seiten, wo Gewaltdarstellungen ungefiltert gezeigt werden. Etwa in Form von Folterungen oder Kriegstötungen bzw. -hinrichtungen. Gerade rund um den Ukraine-Krieg oder durch die Selbstdarstellungen des IS haben viele solcher Videos Einzug ins Netz gefunden. Aber auch Todesfälle, Leichenfotos, Tierquälereien oder sexuelle Gewalt sind auf Gore-Seiten zu finden,“ erklärt Wolfgang Dirisamer im Gespräch mit dem KURIER.

Dirisamer war über 30 Jahre lang im Kriminaldienst tätig. Bei der Bundespolizeidirektion Linz habe er sich mit schweren Gewaltdelikten befasst. Danach wechselte er ins Landeskriminalamt, wo ich für die Bereiche Menschenhandel und Schlepperei zuständig war. Die letzten 13 Jahre bis zu seiner Ruhestandsversetzung war er Leiter im LKA OÖ für den Bereich Sexualdelikte. Nach seinem Ruhestand wollte er seine Erfahrung weitergeben und machte sich als Fachreferent für Medienkompetenz selbstständig. 

In Schulen, Vereinen, bei Elternabenden und für Organisationen hält Dirisamer nun praxisnahe Vorträge über die Gefahren in der digitalen Welt. „Ich habe in meinem Beruf hautnah erlebt, welchen Schaden fehlende Aufklärung anrichten kann – und was passiert, wenn Menschen rechtzeitig das richtige Wissen haben.“ 

Wolfgang Dirisamer

"Ich bin im Un-Ruhestand": Präventionsexperte Dirisamer hilft Eltern und Pädagog:innen dabei, Kinder und Jugendliche vor Risiken im Netz zu schützen.

Algorithmen als „Brandbeschleuniger“

Auch Gore-Seiten sind ein Thema, mit dem sich Dirisamer in der Präventionsarbeit beschäftigt. Welche Websites das etwa sind, möchte er nicht namentlich nennen. Ein Beispiel aber: „Es gibt eine Seite, die weltweit 5,5 Millionen registrierte User hat. Dabei muss man sich gar nicht darauf registrieren, man kann dort auch über den Zaun schauen und einen Blick auf die Beiträge werfen. Die sind ganz normal zugänglich, ohne nennenswerte Barrieren. Man klickt einfach nur an, dass man 'über 18 Jahre alt' sei.“

Zu einem großen Teil würden die gewaltvollen Inhalte auch über andere Plattformen weitergeleitet. Stichwort: Social Media. Gore-Videos oder -bilder würden beispielsweise zu Memes oder kurzen Clips verarbeitet und so über TikTok, Instagram, YouTube oder in Telegram-Gruppen rasch geteilt werden, wodurch Kinder und Jugendliche darauf aufmerksam werden – der Eintritt in ein düsteres Rabbit Hole, in dem sich auch Erwachsene leicht verlieren können.

Neu ist das natürlich nicht. Dass gewaltvolle Videos und Bilder im Internet kursieren ist kein Phänomen, das erst mit den Sozialen Medien aufkam. Man denke etwa zurück an Seiten wie Reddit und Co. 

Der Algorithmus auf Social Media, der nach der ersten Interaktion laufend ähnliche Inhalte in den eigenen Feed spült, ist jedoch ein fataler Faktor. „So bleibt das Thema präsent und man sieht wieder und wieder solche Videos.“

Was macht das mit Kindern und Jugendlichen, die noch in der Entwicklung sind  – oder die sich am sozialen Rand befinden, vielleicht mit Einsamkeit oder psychischen Problemen kämpfen? 

Dirisamer nennt den Social-Media-Algorithmus einen „digitalen Brandbeschleuniger“, der zum Risiko der Abstumpfung beiträgt: „Am Anfang ist man noch schockiert, vielleicht auch fasziniert. Aber irgendwann wird diese Gewalt mehr oder weniger als normal empfunden. Gore-Inhalte desensibilisieren für menschliches Leid und radikalisieren im Stillen. Daraus kann eine gefährliche Abwärtsspirale entstehen. Gerade Jugendliche sind hierfür eine sehr vulnerable Gruppe.“

In der Verantwortung sieht der Experte vor allem die Betreiber solcher Seiten. Gleichzeitig verweist er auf Schwierigkeiten bei international betriebenen Websites, deren Server mitunter in Ländern mit anderen gesetzlichen Bestimmungen stehen, was eine Einschränkung erschwert. 

Immerhin: Bei sozialen Medien könne man die Verantwortlichen leichter in die Pflicht nehmen, wie es die EU etwa mit Meta bereits tut. Auch die in mehreren Ländern geplanten Altersbeschränkungen für Social Media sieht Dirisamer als richtigen Schritt, dem Problem einen möglichen Riegel vorzuschieben. Darauf alleine verlassen dürfe man sich aber nicht. „Es braucht trotzdem laufend Aufklärung in Schulen und eine kompetente Vermittlung von Medienkompetenz, mit entsprechender Finanzierung und Lehrerausbildung.“

Was können Eltern tun?

Auch Eltern müssten aktiv und permanent mit ihren Kindern über die möglichen Risiken auf Social Media und im Internet sprechen. „Man kann ihnen nicht einfach das Handy in die Hand drücken, man muss sie auf den Umgang damit vorbereiten – genau so, wie man sie aufs Autofahren vorbereiten muss.“

Kindern einfach kein Smartphone zu kaufen, würde längst nicht mehr als Prävention ausreichen. „Es gibt genug Freunde und andere Wege, wo sie diese Inhalte trotzdem sehen können, wenn sie es wollen.“ Zwar gäbe es die – laut Dirisamer auch wichtige – Möglichkeit, über das eigene W-Lan oder über die Account-Einstellungen auf Instagram und Co. diverse Seiten und Inhalte auf „Blacklists“ zu sperren. Doch auch darüber müssten sich Eltern ausreichend informieren – und damit rechnen, dass ihre Kinder diese Barrieren schon bald findig umgehen.

Sein wichtigster Rat in Sachen Prävention daher: „Kommunikation, frei von Angst“. Kinder würden sich nämlich oft nicht trauen, ihren Eltern zu gestehen, dass sie über gewisse Videos gestolpert sind, aus Furcht, dass ihnen dann das Handy weggenommen wird. „Eltern müssen ihren Kindern deutlich vermitteln, dass sie mit allem zu ihnen kommen können, ohne Angst vor Strafen. Diese Vertrauensbasis ist für den Kinder- und Jugendschutz unerlässlich.“

kurier.at, bega  |  25.07.2026, 11:11