Globaler "Höllenritt": Welche Folgen der historische El Niño für Europa haben kann

Jahrhundertphänomen Globaler "Höllenritt": Welche Folgen der historische El Niño für Europa haben kann Ein Klimaphänomen, das alle bisherigen Rekorde bricht, braut sich zusammen. Hierzulande könnten vo...

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Globaler "Höllenritt": Welche Folgen der historische El Niño für Europa haben kann

Jahrhundertphänomen

Globaler "Höllenritt": Welche Folgen der historische El Niño für Europa haben kann

Ein Klimaphänomen, das alle bisherigen Rekorde bricht, braut sich zusammen. Hierzulande könnten vor allem die Lebensmittelpreise steigen

Julia Sica

Ein Stier steht vor einem erleuchteten Haus, umgeben von lodernden Bränden im Amazonas-Regenwald. Der Nachthimmel ist orangefarben von Rauch und Feuer, und Bäume im Hintergrund werfen dunkle Silhouetten.
Brände im Amazonasgebiet, Dürren und Überflutungen dürften dafür sorgen, dass die Lebens- und Futtermittelpreise ab dem Winter steigen.

Die Klimaforschenden pfeifen es durch die Medien und nach den Semesterferien durch die Hörsäle: Es zeichnet sich ein enorm starker El Niño ab. Wie der britische Wetterdienst, das Met Office, berichtet, wird es sich um ein Ereignis von ungekannten Ausmaßen handeln – wahrscheinlich das stärkste seit dem 19. Jahrhundert. Damit passt die aktuelle Einschätzung zu den Prognosen vor einem Monat, die für den heftigsten El Niño seit 150 Jahren sprechen.

"Ich habe in unseren Prognosen noch nie ein so starkes El-Niño-Signal gesehen", betont Adam Scaife, der im Met Office die Abteilung für Langzeitprognosen leitet. Ein typischer El Niño führe zu einem Anstieg der Temperatur der Meeresoberflächen im äquatorialen Pazifik um 1 bis 2 Grad, wobei 2 Grad bereits ein wirklich großes Ereignis darstellen würden. An dieser Grenze ist man bereits angelangt – und prognostiziert Meerestemperaturen, die im Schnitt sogar um 3 Grad und mehr über dem Mittel liegen.

Liniendiagramm mit El-Niño-Vorhersagen für die Meeresoberflächentemperatur-Anomalie (in Kelvin) in der Nino3.4-Region von März bis Januar. Die schwarze Linie zeigt beobachtete Temperaturen, die rote Linie den Vorhersagemittelwert. Farbige Flächen repräsentieren Unsicherheitsbereiche: 5-95 Perzentil (hellrosa), 20-80 Perzentil (dunkleres Rosa) und 40-60 Perzentil (dunkelrot). Die Vorhersage deutet auf Anomalien von über 3°C in den kommenden Monaten hin.
In der für dieEl-Niño-Entwicklung relevanten tropischen Meeresregion dürften die Oberflächentemperaturen in den kommenden Monaten um 3 Grad wärmer als üblich sein – ein immenser Unterschied, wie Fachleute betonen.

Das Klimaphänomen – offiziell "El Niño und die Southern Oscillation", kurz ENSO – wird in den kommenden Monaten in manchen Teilen der Erde für besonders hohe Temperaturen und tropische Stürme sorgen. Tendenziell erwartet man dann feuchteres Klima an der amerikanischen Westküste und Trockenheit in Südostasien und Australien, welche aber auch verstärkt zu Sturzfluten kommen wird. Selbst in Europa wird man die Konsequenzen spüren, aber anders, als man vermuten könnte.

Nordwesten betroffen

Klimatisch sind die Auswirkungen am ehesten im Nordwesten Europas, im Nordatlantik, zu spüren. Im Rest Europas ist das Signal, das die Entwicklungen der Ozean- und Luftströme unter ENSO-Einfluss beschreibt, schwach. Da El Niño – der spanische Name verweist auf das Christkind – im Winter richtig loslegt, sind in diesen Monaten auch in Europa am ehesten Effekte bemerkbar.

"Starke El-Niño-Ereignisse bringen in Großbritannien in der Regel einen temperaturmäßig milden, aber stürmischen Herbst und frühen Winter, worauf eine bittere Kälte folgt – auch wenn dies nicht in Stein gemeißelt ist", sagt Bill McGuire, emeritierter Professor für geophysikalische Risiken am University College London. Sowohl dort und in Irland als auch im Nordwesten Frankreichs kann es durch Stürme und überdurchschnittliche Niederschläge zu einem höheren Überflutungsrisiko kommen. Je weiter man sich in den Süden und Osten entfernt, desto schwächer fällt der Einfluss aus, doch auch in anderen Teilen Europas können die Temperaturen und die Niederschläge dadurch minimal zunehmen.

Ein trockenes Maisfeld bei Probstdorf, Österreich, mit vertrockneten Blättern und Pflanzen unter klarem, blauem Himmel. Die Trockenheit zeigt Auswirkungen auf die Ernte.
Das Klimaphänomen dürfte weltweit die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben.

Größer dürfte der indirekte Einfluss in Zentraleuropa ausfallen. Es ist damit zu rechnen, dass durch Extremereignisse wie Überschwemmungen und Dürren die weltweite Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigt wird. Das dürfte die Lebensmittelpreise weiter steigen lassen – nach einem überaus trockenen und für die Landwirtschaft belastenden Sommer, der durch die Klimakrise verschärft wurde. Da davon auszugehen ist, dass sich der Zustand des Klimas in Zukunft verschlimmert, bietet die Prognose für die kommenden Monate einen Ausblick auf die Probleme der kommenden Jahre.

Nächstes Rekordjahr

Die Auswertung des Met Office gleicht den Ergebnissen aller anderen meteorologischen Zentren auf der Welt, die sich mit der Vorhersage von El Niño befassen, sagt McGuire. "Sie alle deuten darauf hin, dass der Welt ein Höllenritt bevorsteht." Im östlichen Pazifik sammle sich derzeit so viel Wärme, dass dem Klimaexperten zufolge "der stärkste El Niño seit Menschengedenken, möglicherweise sogar der stärkste seit mehreren Jahrhunderten", naht.

Da ein Großteil dieser Wärme in die Atmosphäre gelangt, hält McGuire es für wahrscheinlich, dass 2027 weltweit das heißeste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn wird. Womöglich könne die Durchschnittstemperatur sogar um 1,7 Grad oder mehr über dem vorindustriellen Niveau liegen, derzeit sind es 1,3 bis 1,4 Grad im Vergleich zum Referenzwert der Jahre 1850 bis 1900. McGuire rechnet mit Dürren, Waldbränden im Amazonasgebiet und in Teilen Australiens, sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen in Kalifornien sowie mit einem schwächeren Monsun in Südasien.

Millionen Tote vor fast 150 Jahren

Das historische Ausmaß des erstarkenden El Niño betonen mehrere Fachleute, darunter Hayley Fowler von der Universität Newcastle. "Der Super-El-Niño, der sich im Pazifik entwickelt, wird wahrscheinlich der stärkste sein, der jemals verzeichnet wurde", wird sie in einem Rundruf des britischen Science Media Centre zitiert. Das Klimaphänomen dürfte diesmal das Ausmaß des El Niño 1877 bis 1878 erreichen oder übertreffen, und es sei bekannt, dass dieser weitreichende Auswirkungen hatte: Dazu zählen Hungersnöte, die für drei bis vier Prozent der Weltbevölkerung zum Tode führten. Rund 50 Millionen Menschen starben damals, vor allem in Asien und Südamerika.

Drei Personen gehen bei starkem Regen mit Regenschirmen über einen Zebrastreifen in Yangon, Myanmar. Im Hintergrund sind parkende Autos und eine Baustelle mit einem Gerüst zu sehen.
Regen in Myanmar. Extremwetter treten unter dem Einfluss von El Niño öfter ein.

Während das Bevölkerungswachstum dazu führt, dass mehr Menschen von Extremereignissen betroffen sind, kann die Globalisierung lokale Missernten teilweise abfedern. Doch weltweit wird sich die Situation in den kommenden Monaten – El Niño hält üblicherweise sechs bis zwölf Monate an – verschärfen. Die heute wärmere Atmosphäre verstärkt außerdem die Folgen. "Unsere Infrastruktur wurde größtenteils für das Klima der Vergangenheit konzipiert, zunehmend muss sie jedoch mit den Extremsituationen der Zukunft fertig werden", hebt Fowler hervor. Daher sei es so wichtig, rasch in Anpassungsmaßnahmen zu investieren und die weltweite Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

El Niño gewinne massiv an Stärke, betont der Meteorologe Akshay Deoras von der Universität Reading, "und es ist noch 'Treibstoff' für Monate übrig, bevor das Phänomen im borealen Winter seinen Höhepunkt erreicht." Es bestehe kein Zweifel daran, dass sich gerade ein historisches El-Niño-Ereignis entwickle. Dessen Auswirkungen werden Ende diesen Jahres deutlich und können sich weit ins Jahr 2027 ziehen. (Julia Sica, 22.8.2026)

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