Schweizer Gletscher verschwinden schneller als gedacht – Experte zeichnet düsteres Bild

tzWeltGletscherschmelze in der Schweiz: 2026 droht ein „Katastrophenjahr“ für die Schweizer GletscherStand: 16.08.2026, 07:55 UhrKommentareUns auf Google folgenSchneearmer Winter, extreme Hitzewellen, rasende S...

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Schweizer Gletscher verschwinden schneller als gedacht – Experte zeichnet düsteres Bild

Gletscherschmelze in der Schweiz: 2026 droht ein „Katastrophenjahr“ für die Schweizer Gletscher

Stand: 16.08.2026, 07:55 Uhr

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Schneearmer Winter, extreme Hitzewellen, rasende Schmelze: Die Schweizer Gletscher erleben 2026 einen der schlimmsten Sommer ihrer Geschichte.

Bern/Val d‘Anniviers – Der Bella-Tola-Gletscher im Walliser Val d‘Anniviers gibt es nicht mehr – zumindest nicht so, wie man ihn kannte. Wo sich noch vor wenigen Jahren auf 3025 Metern Höhe eine geschlossene Eisfläche erstreckte, ragen heute nackte Felsen aus dem Berg. Die Westschweizer Zeitung Le Nouvelliste dokumentierte das Verschwinden mit einem Leserfoto vom 6. August und legte es dem Schneeexperten Robert Bolognesi zur Einschätzung vor.

Rhonegletscher in der Schweiz

Die Schweizer Gletscher haben innerhalb von zehn Jahren ein Viertel ihrer Eismasse verloren. (Archivbild) © Matthias Schrader/AP

Sein Urteil fällt eindeutig aus: „Das Katastrophenjahr, das wir Ende Mai befürchtet hatten, ist eingetroffen“, sagte Bolognesi gegenüber Le Nouvelliste. Der Schnee sei extrem schnell geschmolzen, das Eis dadurch ungeschützt der Sonne ausgesetzt gewesen – und dann seien die Hitzewellen Schlag auf Schlag gefolgt. Überrascht habe ihn das Ende des Bella-Tola kaum: Als aktiver, gesunder Gletscher habe er schon seit fünf Jahren nicht mehr gegolten. Im letzten Inventar von 2023 kam er noch auf eine Fläche von sieben Fußballfeldern.

Zehn Zentimeter weniger Eis jeden Tag: Der Rhonegletscher verliert den Kampf gegen die Wärme

Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, zeigt sich einige Kantone weiter am Rhonegletscher. Die Euronews-Journalistin Ilaria Federico begleitete Huss dorthin, wo er mit Messpfählen die Schmelze dokumentiert. Im Gespräch mit Euronews sagte er: „Seit meinem letzten Besuch vor zwei Wochen sind 1,40 Meter verloren gegangen. Das sind zehn Zentimeter Eis pro Tag! Etwa vier Meter sind in einem Monat verschwunden. Das ist sehr viel Schmelze und für den Gletscher natürlich äußerst problematisch.“

Noch beunruhigender: Der Rhonegletscher schmilzt längst nicht mehr nur von oben. Schmelzwasser frisst sich unter dem Eis hindurch und höhlt große Hohlräume aus, die eines Tages einstürzen. Diese Prozesse würden die Gletscher von innen angreifen und die Schmelze zusätzlich beschleunigen, erklärte Huss im selben Gespräch. Hält der Trend an, könnte im unteren, tiefer gelegenen Teil des Rhonegletschers seiner Einschätzung nach in fünf bis zehn Jahren kein Eis mehr liegen – der Gletscher selbst würde sich dann weiter oben am Berg halten, wo es kälter ist und mehr Schnee fällt.

Die Ursache sieht der Glaziologe bereits im Winter angelegt: 2026 sei bislang ein sehr schlechtes Jahr für die Gletscher, sagte er Euronews. Der Winter sei schneearm gewesen, die schützende Schicht auf dem Eis entsprechend dünn – und im Mai, Juni und Juli seien bereits frühe Hitzewellen gefolgt.

Immer weniger Eis: Dutzende Schweizer Gletscher könnten diesen Sommer verschwinden

Gegenüber SRF zeichnet Huss ein noch düstereres Gesamtbild: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass in diesem Sommer mehrere Dutzend Gletscher ganz verschwinden.“ Die Größenordnung ist keine neue Entwicklung, sondern ein langfristiger Trend: Seit 1970 sind bereits rund 1000 Schweizer Gletscher verschwunden, allein zwischen 2016 und 2023 waren es 160. Die meisten davon sind so klein, dass sie nie einen Namen trugen.

Den Tod eines Gletschers eindeutig festzustellen, ist laut Huss wissenschaftlich alles andere als trivial: „Ein Gletscher wird kleiner und kleiner und wird von Schutt und Steinen bedeckt. Irgendwann ist kaum mehr erkennbar, was noch Gletscher ist und was Toteis“ – also losgelöstes Eis, das sich nicht mehr bewegt und nicht mehr mit dem aktiven Gletscher verbunden ist. Ob der Bella-Tola offiziell aus dem Inventar gestrichen wird, zeigt sich deshalb frühestens beim nächsten Gletscherinventar in einigen Jahren.

Das bisherige Rekordjahr der Gletscherschmelze war 2022, als über sechs Prozent des gesamten Schweizer Eisvolumens verloren gingen. Ob dieser Rekord 2026 fällt, lässt sich noch nicht sagen. Klar ist schon jetzt: Die Zwischenbilanz für die Schweizer Gletscher sieht schlecht aus. (Quellen: Le Nouvelliste, SRF, Euronews, Nau.ch, Blick, Watson) (jal)