Gleichschaltung: So bringt Hitlers Vertrauter Kurt Daluege ab 1933 die Polizei auf Linie

Gleichschaltung im NS-Staat "Erschreckend, wie schnell sich der Umbau vollzog"16.08.2026 - 18:23 UhrLesedauer: 8 Min.Nach 1933 bringt der Himmler-Vertraute Kurt Daluege die Polizei auf Linie. Historiker Sascha ...

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Gleichschaltung: So bringt Hitlers Vertrauter Kurt Daluege ab 1933 die Polizei auf Linie

Gleichschaltung im NS-Staat

"Erschreckend, wie schnell sich der Umbau vollzog"


16.08.2026 - 18:23 UhrLesedauer: 8 Min.

Nach 1933 bringt der Himmler-Vertraute Kurt Daluege die Polizei auf Linie. Historiker Sascha Steger erklärt die Mechanismen des Staatsumbaus und was sich daraus vor den Landtagswahlen im September lernen lässt.

Kurt Daluege – sprich Dalüge – organisierte nach 1933 für die Nazis die Gleichschaltung der Polizei und später die Eingliederung der Bereitschaftspolizei in die Wehrmacht sowie ihre Einbindung in die Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes. Historiker Sascha Steger vom Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors hat sich in seiner Promotion mit diesem Prozess befasst. Die Ergebnisse trug er in seinem Buch "Die Organisation der Gewalt. Kurt Daluege – Chef der Ordnungspolizei im NS-Staat" zusammen.

Ein Interview über die Gleichschaltung der Polizei im Dritten Reich, Methoden des nationalsozialistischen Staatsumbaus und die demokratische Resilienz der Ordnungskräfte heute.

t-online: Herr Steger, Sie haben nicht Dalueges Lebensgeschichte ins Zentrum gerückt, sondern sich auf die Organisationsgeschichte der Polizei nach 1933 konzentriert. Worum geht es genau in Ihrem Buch?

Sascha Steger: Die Studie ist keine klassische Biografie, es geht vielmehr darum, das Leben Kurt Dalueges zusammen mit der Organisationsgeschichte der Ordnungspolizei im NS-Staat nachzuzeichnen. Zentral sind Dalueges Wirken als SS-Führer und Chef der uniformierten Polizei – zunächst ab 1933 in Preußen, schließlich nach 1934 in ganz Deutschland.

Was lässt sich zur Persönlichkeit des NS-Polizeichefs sagen?

In der Geschichtsschreibung wurde Daluege bisher eher verharmlosend beschrieben, etwa als intellektuell überforderter Bürokrat oder an ideologischen Fragen wenig interessierter Funktionär, der von SS-Chef Heinrich Himmler entmachtet und in eine Nebenrolle abgedrängt wurde. Auf der Basis meiner Arbeit würde ich Daluege hingegen als sehr machtbewusst charakterisieren, als ehrgeizig bis hin zur Rücksichtslosigkeit sowie als sehr leistungsfähig, versehen mit Organisationsgeschick. Dadurch trug er entscheidend zur organisatorischen und ideologischen Ausgestaltung des NS-Verfolgungs- und Terrorapparats bei. Dabei kennzeichnete ihn eine starke Loyalität zu Himmler.

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Kurt Daluege. (Quelle: imago)

Der Täter

Kurt Daluege (1897–1946) nimmt nach seinem Armeedienst im Ersten Weltkrieg in Berlin ein technisches Studium auf und arbeitet als Ingenieur für die Berliner Müllbetriebe. Früh stößt er 1923 zur NSDAP, steigt in die Führungsriege der SS auf und bringt nach 1933 die Polizei auf Linie – erst in Preußen, dann im Deutschen Reich. 1942 folgt er Reinhard Heydrich in Prag als stellvertretender Reichsprotektor nach, muss sich aber 1943 wegen der Folgen einer Syphilis-Erkrankung zurückziehen. Nach Kriegsende wird Daluege an die Tschechoslowakei ausgeliefert und 1946 zum Tode verurteilt.

Daluege stieß schon früh 1923 zur NSDAP. Was lässt sich über die Beweggründe sagen?

Es gibt keine Tagebuchaufzeichnungen, die uns über seine Motive berichten könnten. Aber Daluege hat eine fast klassische Karriere junger NS-Kader hingelegt. Er machte im Ersten Weltkrieg Fronterfahrungen, tummelte sich nach Kriegsende in Freikorps und stieß über diesen Weg zur NSDAP. Auffällig ist, dass auch seine Brüder früh in die Partei eintraten. Die Familie stammte aus Kreuzburg in Oberschlesien, einer Region, die sich als "Burg des Deutschtums" empfand. Mitunter war auch diese Herkunft prägend. In der NS-Bewegung machte Daluege schnell Karriere: Er gründete 1926 die Berliner SA und wurde stellvertretender Gauleiter unter Joseph Goebbels, 1930 wechselte er zur SS und gehörte bald zur Führungsriege um Himmler.

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 wird Daluege als "Sonderkommissar zur besonderen Verwendung" ins preußische Innenministerium berufen. Wie schaffte er es, die Polizei in Preußen in kurzer Zeit auf Linie zu bringen?

Daluege zog 1932 als Abgeordneter der NSDAP in den preußischen Landtag ein. In mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen versuchte er, die republikanische Polizeiführung in Misskredit zu bringen. Diese Ausschussarbeit verschaffte ihm zugleich wichtige Einblicke in die interne Polizeistruktur und machte Daluege zum führenden Polizeiexperten der NS-Bewegung. Zudem unterhielt er eine Art Nachrichtendienst, der Polizeireviere überwachte und Listen politischer Gegner in der Beamtenschaft erstellte. So wusste Daluege nach 1933 recht schnell, an welchen Stellen im Polizeiapparat er ansetzen musste.

Dabei galt die republikanische Schutzpolizei in Preußen, aufgebaut unter dem sozialdemokratischen Innenminister Carl Severing, als demokratische Vorzeige-Institution in der Weimarer Republik. Hat Sie das Tempo der Abkehr nach 1933 überrascht?

Es ist schon erschreckend, wie schnell und reibungslos sich der Umbau vollzog. Ein Blick auf die Sozialstruktur der preußischen Polizei zeigt, dass die Wachtmeister insgesamt eher sozialdemokratisch geprägt waren. Für die übergeordnete Ebene lässt sich aber feststellen, dass rund die Hälfte der Polizeioffiziere aus ehemaligen Berufsmilitärs bestand. Der Schutz der Demokratie stand hier weniger im Vordergrund als eine autoritäre Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung.

Sascha Steger.

Sascha Steger. (Quelle: Holger Schibilsky, fotocharlotte25)

Zur Person

Sascha Steger, 34, ist in Brandenburg aufgewachsen und lebt in Potsdam. In seiner Doktorarbeit befasst er sich mit der Polizei im NS-Regime: "Die Organisation der Gewalt. Kurt Daluege – Chef der Ordnungspolizei im NS-Staat", lautet der Titel der Studie. (Metropol Verlag, 36 Euro). Steger gibt sein Wissen auch in Schulungen an die Polizei weiter. Der Historiker arbeitet am Dokumentationszentrum Topographie des Terrors auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Zentrale in Berlin. Dort läuft bis Ende Januar 2027 die Ausstellung: "Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?". Der Eintritt ist frei.

Wie wurde der Prozess der Gleichschaltung der Polizei in Preußen konkret umgesetzt?

Die neue Führung drohte damit, Beamte, die in Opposition zur NS-Bewegung standen, aus der Polizei auszuschließen. Republikanische Polizeipräsidenten und höhere Polizeioffiziere in Schlüsselstellungen wurden sofort entlassen. Sämtliche Polizisten sollten auf ihre politische Gesinnung überprüft werden. Das erzeugte großen Anpassungsdruck. Außerdem wurden gezielt Zehntausende SA- und SS-Mitglieder als Hilfspolizisten rekrutiert. Eben noch hatten sich republikanische Polizei und SA in heftigen Kämpfen auf der Straße gegenübergestanden, nun marschierten die Gegner der Demokratie plötzlich auf Streife mit. Die Hilfspolizisten gingen mit äußerster Brutalität vor, sie verhafteten und terrorisierten politische Gegnerinnen und Gegner. Als Sonderkommissar war Daluege an der Steuerung dieses Prozesses maßgeblich beteiligt.

Neben Einschüchterung setzte Daluege auf eine weitere Strategie?

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Den angekündigten "Säuberungen" der Polizei fielen am Ende lediglich zwei Prozent der Beamten zum Opfer, denn die Nationalsozialisten waren auf das Funktionieren des Polizeiapparats und auf das Fachwissen der Polizisten angewiesen. Daluege machte den Beamten im Nachgang der "Säuberungen" also immer wieder Angebote, sich in den Nationalsozialismus zu integrieren. Straßenschlachten gehörten der Vergangenheit an, die Polizei erhielt mehr Autorität und wurde zu einer soldatischen Elite erklärt. Das war für viele Beamte attraktiv.

Nach 1934 wird das preußische Innenministerium mit dem Reichsinnenministerium zusammengelegt. Daluege bleibt im Amt und leitet die Gleichschaltung der Länderpolizeien ein. Er spricht von "Verreichlichung". Was bedeutet das?

Das heißt konsequente Zentralisierung. In der Weimarer Republik war die Polizei Ländersache, so wie heute in der Bundesrepublik grundsätzlich auch. Das Ziel der NS-Führung war es, einen zentralisierten Staat zu schaffen, mit Hitler an der Spitze. Die Polizei als das wichtigste staatliche Gewaltinstrument stand da an erster Stelle. Einmal mit Blick auf die Bekämpfung politischer und weltanschaulicher Gegner, zum anderen mit Blick auf die Kriegsvorbereitung.

Dabei lag ein Schwerpunkt Dalueges auf der kasernierten Landespolizei – heute würden wir sagen Bereitschaftspolizei – die später der Wehrmacht angegliedert wurde. War diese Militarisierung von Teilen der Polizei von Anfang an geplant?

Ja, für die NS-Führung war die Vorbereitung auf den Krieg vom ersten Tag an das entscheidende politische Ziel und die kasernierte Polizei war ein wichtiges Personalreservoir. Allein in Preußen zählte die kasernierte Landespolizei rund 23.000 Mann. Diese wurden schon im April 1933 aus dem normalen Polizeidienst ausgenommen, um sie militärisch auszubilden. Dalueges Aufgabe war es – zuerst in Preußen, dann in ganz Deutschland – diese Trupps schnellstmöglich kriegstauglich zu machen. Ab 1935 wurden sie in die Wehrmacht überführt. Deutschlandweit waren das rund 55.000 Mann – bei einer Stärke der Streitkräfte laut Versailler Vertrag von 100.000 Mann. Das war also eine besonders effiziente Form der verdeckten Aufrüstung.

Sie schildern das Spannungsverhältnis von Heinrich Himmler als Reichsführer-SS, Reinhard Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des SD und Daluege als starker Mann der uniformierten Polizei. Wie haben sich die drei arrangiert?

In der Geschichtsschreibung wird das Verhältnis zwischen dem Führungsgespann Himmler und Heydrich auf der einen sowie Daluege auf der anderen Seite oft als konfliktbelastet beschrieben. Aus den Quellen ergibt sich aber ein anderes Bild. Die drei Männer arbeiteten äußerst effektiv auf ein gemeinsames Ziel hin. Daluege unterstützte Himmler bei der Übernahme der Gestapo im April 1934 und bereitete seine Ernennung zum Chef der Deutschen Polizei am 17. Juni 1936 vor. Er wurde mit der Ernennung zum Chef der Ordnungspolizei – also der gesamten uniformierten Polizei des Deutschen Reiches – belohnt. Heydrich erhielt die Kontrolle über Gestapo und Kriminalpolizei. Das Ziel, das die drei dann verfolgen, war die Schaffung eines "Staatsschutzkorps", also die völlige Verschmelzung von SS und Polizei.

Polizeikräfte werden gezielt auf die NS-Ideologie eingeschworen. Welche Folgen hat das?

Daluege bestimmte Aufgaben und Stellung der Polizei neu. Die Polizei ist für ihn eine Gemeinschaft "hundertprozentiger Nationalsozialisten". Und er definiert die Polizeikräfte als "Einsatzkorps im Dienst der Volksgemeinschaft", das nicht durch Recht und Gesetz eingeschränkt sein darf. Im Kern ist das der Beginn der völligen Entgrenzung staatlicher Gewalt.

Diese Entgrenzung zeigt sich auch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Seit der Wehrmachtausstellung und Forschungen, etwa des Historikers Christopher Browning, sowie der Goldhagen-Debatte ist die Einbindung der Polizeikräfte in die NS-Vernichtungsmaschinerie weithin bekannt. Wie stark war Daluege persönlich involviert?

Daluege war als enger Mitarbeiter Himmlers maßgeblich in die Planung und Umsetzung der NS-Vernichtungspolitik eingebunden. Die Aufstellung der Polizeibataillone fiel unmittelbar in seinen Aufgabenbereich. Daluege war aber mehr als ein Schreibtischtäter. Im Zuge des Angriffs auf die Sowjetunion 1941 ließ er ein mobiles Hauptquartier aufstellen und unternahm mehrere Inspektionsreisen in die besetzten Gebiete. Er überbrachte den Polizeibataillonen persönlich die Befehle, die jüdische Bevölkerung – zuerst Männer, später auch Frauen und Kinder – zu ermorden. Seine Präsenz an den Tatorten hatte eine radikalisierende Wirkung und war entscheidend für die Ingangsetzung des flächendeckenden Völkermordes.

Und darüber hinaus?

Die Ordnungspolizei war außerdem für die Deportationen von Jüdinnen und Juden aus dem gesamten deutschen Herrschaftsbereich verantwortlich. Auf Befehl Dalueges verschleppten Schutzpolizisten jüdische Männer, Frauen und Kinder und zwangen sie in Deportationszüge. Die Züge wurden auf dem gesamten Weg von Ordnungspolizisten bewacht. Das ist vielen heute immer noch nicht bewusst.

Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich wurde Daluege 1942 zusätzlich stellvertretender Reichsprotektor in Prag. Ein Jahr später zog er sich zurück. Warum?

Daluege litt schon länger an der Geschlechtskrankheit Syphilis. Das war mit seiner Stellung in SS und Polizei nicht vereinbar. Daluege hielt die stigmatisierte Krankheit daher geheim. Seine monatelangen Kuren kaschierte er mit dem Hinweis auf ein Herzleiden. Die Symptome wurden während des Krieges aber immer stärker. Im Frühjahr 1943 erlitt er einen körperlichen Zusammenbruch, von dem er sich nicht wieder erholte.

Nach Kriegsende wird Daluege an die Tschechoslowakei ausgeliefert und 1946 in Prag zum Tod verurteilt. In Deutschland entwickelte die Polizei die Legende, sie habe mit der SS und den NS-Verbrechen nichts zu tun gehabt. Wie konnte diese Mär so lange erfolgreich sein?

Das lag unter anderem daran, dass Daluege beim Nürnberger Prozess wegen des Verfahrens in Prag nicht auf der Anklagebank saß. Außerdem gelang es dort einem seiner engsten Mitarbeiter, Adolf von Bomhard, eine eidesstaatliche Erklärung abzugeben, wonach die Ordnungspolizei weder von den NS-Verbrechen wusste, noch an ihnen beteiligt war. Die uniformierte Polizei wird auf dieser Basis nicht zur verbrecherischen Organisation erklärt und damit indirekt entlastet. In der Bundesrepublik haben in den 1950er-Jahren ehemalige Mitarbeiter Dalueges diese Legende als "Historiker in eigener Sache" weitergestrickt. Teils sogar in offiziellen Polizeihandbüchern.

Was hat Sie bei Ihren Forschungen am meisten überrascht?

Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang nicht damit gerechnet, so viel aussagekräftiges Material zu Daluege zu finden, gerade auch, weil er lange als Randfigur im NS-System verkannt wurde. Mich hat überrascht, wie prägend seine Rolle war – nicht nur beim Aufbau der Ordnungspolizei zu einer der zentralen Stützen der NS-Herrschaft, sondern gerade auch innerhalb der SS.

Im September sind Landtagswahlen. Verteidigungsminister Boris Pistorius will die AfD im Fall einer Regierungsverantwortung von sicherheitsrelevanten Informationen fernhalten. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht gar von Widerstand. Aus Ihrer Sicht: Wie lassen sich demokratische Strukturen in Ordnungskräften dauerhaft sichern?

In erster Linie natürlich durch demokratische Kontrolle und durch eine unabhängige Justiz. Das Handeln der Polizei muss immer an Recht und Gesetz gebunden sein. Mit Blick auf das Ende von Weimar zeigt sich aber auch: Es reicht nicht aus, wenn sich eine Polizei allein mit demokratischen Leitbildern ausstattet. Die müssen auch gelebt werden.

Wie lautet Ihre Schlussfolgerung aus der Geschichte?

Gegen die Übernahme der Polizei durch die Nationalsozialisten gab es keinen nennenswerten Widerstand aus den Reihen der Polizeibeamten. Das spricht dafür, dass die republikanischen Werte bei ihnen nicht hinreichend verankert waren. Für viele von ihnen war weniger der Schutz der demokratischen Ordnung, sondern vielmehr Befehl und Gehorsam handlungsleitend. Diese Erfahrung verdeutlicht, dass es gerade in politischen Krisenzeiten darauf ankommt, dass die Polizei rechtsstaatliche Prinzipien und den Schutz der Demokratie als unverzichtbaren Teil des beruflichen Selbstverständnisses begreift.

Herr Steger, vielen Dank für das Gespräch.