GEW warnt vorm Datensammeln - wenn Kapazitäten für anschließende Förderung fehlen - News4teachers
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KIEL. Schleswig-Holstein startet mit zusätzlichen Unterrichtsstunden, mehr Diagnostik und nach Angaben des Bildungsministeriums einer guten Unterrichtsversorgung ins neue Schuljahr. Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reicht das nicht. Ihre Co-Landesvorsitzende Kerstin Quellmann kritisiert, dass die entscheidende Frage offenbleibe: Wann sollen Lehrkräfte die individuelle Förderung leisten, die von ihnen erwartet wird? Entlastungen im Schulalltag vermisst die Gewerkschaft.

„Wir sind uns mit der Bildungsministerin einig, dass wir die Kinder in den Schulen besser fördern müssen. Für bessere Bildung, die alle Kinder mitnimmt, braucht es aus Sicht der GEW aber nicht jedes Halbjahr mehr Diagnostik und neue Daten“, erklärte Quellmann anlässlich der Pressekonferenz von Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU) zum Schuljahresstart 2026/27. Daten könnten zwar helfen. „Das Kernproblem ist doch aber die Umsetzung der individuellen Förderung!“
Damit setzt die GEW ihren Gegenakzent zu einem Schwerpunkt, mit dem Stenke ins neue Schuljahr geht: Das Land will insbesondere die Basiskompetenzen stärken. Die Grundschulen erhalten dafür zwei zusätzliche Unterrichtsstunden, jeweils eine in Deutsch und Mathematik. Beide gehen in die erste Jahrgangsstufe. Über die vier Grundschuljahre erhöht sich damit die Zahl der Wochenstunden in Deutsch von 25 auf 26 und in Mathematik von 21 auf 22.
Zugleich baut das Land die Lernstandsdiagnostik aus. Das standardisierte Verfahren LeA.SH zur Erhebung der Lernausgangslagen in Deutsch und Mathematik bleibt in den Jahrgangsstufen 1 und 5 verpflichtend und wird nun zusätzlich in den Jahrgangsstufen 2 und 6 angeboten – dort zunächst freiwillig. Nach Darstellung des Ministeriums sollen damit unter anderem die Übergänge von der Kita in die Grundschule sowie von der Grundschule auf die weiterführende Schule genauer betrachtet und Kinder gezielter unterstützt werden. Die Ergebnisse dienen der Förderung und nicht der Leistungsbeurteilung.
„Damit Lehrkräfte im Schulalltag den immer größer werdenden Herausforderungen begegnen können, müssen sie konkret entlastet werden“
Doch wer soll die Förderung leisten? Hier setzt die Kritik der GEW an. Mehr Erkenntnisse über den Lernstand der Schülerinnen und Schüler seien aus ihrer Sicht allein noch keine Antwort darauf, wie Lehrkräfte die daraus folgende individuelle Unterstützung im Schulalltag bewältigen sollen. „Damit Lehrkräfte im Schulalltag den immer größer werdenden Herausforderungen begegnen können, müssen sie konkret entlastet werden“, fordert Quellmann. Auch zusätzliche Unterrichtszeit hält sie dafür allein nicht für ausreichend: „Einfach mehr Unterrichtsstunden in Deutsch und Mathematik werden das Problem nicht lösen.“
Die GEW-Landesvorsitzende fragt deshalb nach den Bedingungen, unter denen Förderung stattfinden soll: „Wie will das Bildungsministerium dafür sorgen, dass Lehrkräfte mehr Raum und Zeit für die dringend notwendige individuelle Förderung bekommen? Weniger Leistungsnachweise in den Grundschulen? Entlastung von Verwaltungstätigkeiten? Mehr Differenzierungsstunden? Fehlanzeige!“
Das Bildungsministerium verweist zum Schuljahresbeginn seinerseits auf die Personalsituation. Nach Angaben Stenkes können an Grundschulen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe die vom Haushalt bereitgestellten Stellen besetzt werden. Schwieriger bleibt die Lage an Förderzentren und Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Dort waren zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch 77 beziehungsweise 34 Stellen offen; die Besetzungsverfahren liefen nach Ministeriumsangaben weiter.
Für die Sekundarstufe I strebt das Land eine Unterrichtsversorgung von 103 Prozent an. Dafür wurden unter anderem 200 zusätzliche Stellen für Vertretungsunterricht geschaffen, von denen laut Stenke nur noch wenige im Besetzungsverfahren sind. Hinzu kommen neue Stellen für die Demokratiebildung. Gymnasien und Gemeinschaftsschulen erhalten im Schuljahr 2026/27 eine zusätzliche „Demokratiestunde“. Ab 2027/28 sollen zwei zusätzliche Wochenstunden Wirtschaft/Politik verbindlich in die Kontingentstundentafel aufgenommen werden. Dafür sind insgesamt 80 Stellen vorgesehen, jeweils 40 in den beiden Schuljahren 2026/27 und 2027/28.
Bei der Gewinnung von Lehrkräften setzt das Land unter anderem auf erleichterte Lehramtswechsel, finanzielle Anreize für Bedarfsregionen und das Modell „AbordnungPlus“. Im neuen Schuljahr sollen darüber 74 Lehrkräfte Kollegien in Bedarfsregionen verstärken – nach Angaben des Ministeriums doppelt so viele wie im Vorjahr. Besonders schwierig bleibt jedoch die Sonderpädagogik. Das Land hat dort nach Stenkes Angaben die Studienplatzkapazitäten erhöht und einen dualen Masterstudiengang eingerichtet.
Neben zusätzlichem Unterricht und Diagnostik kommen weitere Veränderungen auf die Schulen zu. Das sogenannte Leseband wird auf 20 weiterführende Schulen ausgeweitet, nachdem bereits alle 103 Grundschulen im Startchancen-Programm daran teilnehmen. Eine neue digitale Bibliothek soll Lehrkräften differenzierte Materialien für unterschiedliche Lesestufen zur Verfügung stellen. Auch der Vorbereitungsdienst wird reformiert: Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, die seit August ihre Ausbildung beginnen, unterrichten im ersten Ausbildungshalbjahr zwei Stunden weniger eigenverantwortlich und erhalten dadurch mehr Zeit für Hospitationen und angeleiteten Unterricht.
Damit setzt Schleswig-Holstein zum Schuljahresbeginn an mehreren Stellen zusätzliche Ressourcen ein. Die GEW stellt jedoch infrage, ob sie dort ankommen, wo aus Sicht der Gewerkschaft der entscheidende Engpass liegt: bei der verfügbaren Zeit der Lehrkräfte für die Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler. „Aus Sicht der GEW bleibt die Ministerin leider auch in diesem Schuljahr schuldig, wie sie die Lehrkräfte konkret im Schulalltag entlasten will“, erklärt Quellmann. News4teachers
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