Streit um Grimseltunnel: Besuch in den Dörfern, die auf Röstis Denkmal hoffen

Das Haslital und das Goms warten darauf, miteinander verbunden zu werden. Es gibt bereits eine Deponie, Fahrpläne und Platz für ein Porträt von Verkehrsminister Albert Rösti. Doch ist der Grimseltunnel mehr als ein Nice-to-Have?

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Streit um Grimseltunnel: Besuch in den Dörfern, die auf Röstis Denkmal hoffen

Das Haslital und das Goms warten darauf, miteinander verbunden zu werden. Es gibt bereits eine Deponie, Fahrpläne und Platz für ein Porträt von Verkehrsminister Albert Rösti. Doch ist der Grimseltunnel mehr als ein Nice-to-Have?

Eine verkehrspolitische Sünde stellt der Grimseltunnel für die einen dar. Eine Geldverschwendung sei es, über eine halbe Milliarde Franken in zwei Bergtäler zu investieren, die so abgeschieden seien, dass die Züge halb leer wären, sagen Kritiker. Und als der Verkehrsminister Albert Rösti den Tunnel Anfang Jahr auf die Liste der dringlichsten Bahnprojekte der Schweiz gesetzt hat, wurde kommentiert, Rösti wolle sich bloss Denkmal setzen.

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Ein «Pionierprojekt» ist dieser Tunnel für die anderen. Die Befürworter wittern eine Gelegenheit, den Bau einer Bahnstrecke mit einem Infrastrukturprojekt zu verbinden. Durch das Grimselgebirge soll nämlich eine Stromleitung verlegt werden. Da die Arbeiten kombiniert würden, sei der Bahntunnel vergleichsweise günstig zu haben. Die Promotoren des Projekts sind im Bundeshaus bestens vernetzt und schwärmen von neuen Chancen für den Tourismus.

Seit Monaten überbieten sich die zwei Lager mit neuen Einschätzungen zum Grimseltunnel, welcher das Haslital im Kanton Bern mit dem Goms im Wallis verbinden soll. Das Projekt hat sich einer der grössten verkehrspolitischen Kontroversen der Schweiz entwickelt. Doch was die Menschen in den zwei Tälern davon halten, dass sie bald mit einer Grossbaustelle leben sollen, war bisher kaum Thema. Wollen die Leute vor Ort diesen Tunnel überhaupt? Und wenn ja, warum?

Kleines Dorf, grosse Pläne: Mit der Grimselbahn bekäme Guttannen einen Bahnhof und einen Stundentakt nach Nord und Süd.

Kleines Dorf, grosse Pläne: Mit der Grimselbahn bekäme Guttannen einen Bahnhof und einen Stundentakt nach Nord und Süd.

Markttag in Guttannen, dem hintersten Dorf des Haslitals. Das Postauto zischt, senkt sich ab, lädt Wanderer aus, die mit Rucksäcken und festgezurrten Stöcken zu den Verkaufsständen schreiten. Eine Frau webt barfuss auf einem alten Webstuhl. Wenn auf der Strasse Richtung Grimselpass, die mitten durch das Dorf führt, gerade kein Motorrad röhrt, ist leise Ländlermusik zu hören.

In Guttannen leben 280 Menschen. In den nuller Jahren waren es noch ein paar Dutzend mehr. Steile Hänge säumen das Dorf. Wegen Lawinengefahr ist die Strasse ins Tal zwei bis drei Mal pro Winter gesperrt. Noch hat Guttannen eine Primarschule und einen Dorfladen, doch die Abwanderung droht fortzuschreiten. Wäre da nicht die Hoffnung auf dieses zweiundzwanzig Kilometer lange dunkle Loch.

Werner Schläppi wartet, bis sich zwischen den Wohnmobilen, Ferraris und sirrenden Rennvelos, die Richtung Grimselpass fahren, eine Lücke auftut. Er ist der Gemeindepräsident von Guttannen und wollte hier einen Fussgängerstreifen malen lassen, damit die Leute sicher über die Strasse kommen. Aber der Kanton war dagegen. «Ich versteh’s nicht», sagt Schläppi, schüttelt den Kopf und eilt über die Strasse. Es ist für ihn ein Beispiel, dass man in der Stadt nicht immer weiss, was Berggemeinden brauchen. Das gilt auch bei der Grimselbahn.

Schläppi sagt, der Tunnel gebe dem Dorf eine Zukunftsperspektive. Guttannen bekäme einen Bahnhof und eine schneesichere Verbindung im Stundentakt. Im Gemeinderat wurden bereits Fahrpläne studiert.

Auf dem Grimselpass wird seit fast hundert Jahren Strom produziert. Vier Stauseen liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Guttannen.

Auf dem Grimselpass wird seit fast hundert Jahren Strom produziert. Vier Stauseen liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Guttannen.

Auf einer Schafweide würde der Bahnhof gebaut

Die bessere Anbindung soll es den Guttannern vereinfachen, ausserhalb zu arbeiten. Zuzüger aus der Stadt könnten angelockt werden: Ein paar Tage im Home-Office, ein paar Tage nach Meiringen, Interlaken oder via Oberwald nach Andermatt pendeln, auch wenn die Strasse verschneit ist. So stellt Schläppi sich das vor. Sein Wunsch: 50 neue Einwohnerinnen und Einwohner.

Auf einem Rundgang will er zeigen, was der Tunnel für Guttannen bedeuten würde. Schläppi trägt kurze Hosen und eine schwarze Aktenmappe unter dem Arm, darin ein Faktenblatt zum Projekt. Er zieht es kein einziges Mal hervor. Die Zahlen und die bahntechnischen Details kennt er auswendig.

Am Dorfrand bleibt er vor einer Weide stehen: zwei Schafe, ein Elektrozaun. Hier würde der Bahnhof gebaut. Schläppi fährt mit der Hand in der Luft einen Bogen, um den Verlauf der Schienen anzudeuten. Die Bahn käme in Guttannen für einige Minuten in einer seitlich geöffneten Galerie ans Tageslicht, bevor sie wieder im Berg verschwände.

Mit den Landbesitzern habe man sich bereits geeinigt, sagt Schläppi. «In Guttannen ist niemand gegen diesen Tunnel», sagt er, «ich wüsste nicht, warum.»

Guttannen im Berner Oberland kämpft gegen die Abwanderung. Der Grimseltunnel würde, so die Hoffnung des Gemeindepräsidenten Werner Schläppi, für neue Zuzüger sorgen.

Neben den Marktständen auf dem Dorfplatz wirft eine hohe Tanne ihren Schatten auf die Festbänke. Ein Bläserquartett spielt. Davon, dass der Tunnel so umstritten ist, ist hier wenig zu spüren. Eine ältere Frau sagt, dass es in Guttannen im Winter oft schattig sei und man dank der neuen Bahn ins Wallis an die Sonne fahren könnte.

An einem Stand mit selbstgenähten Kinderkleidern sagt die Verkäuferin, eine Bahnstrecke könnte praktisch sein. «Ich mache viele Taxidienste, weil ich für die Hobbys meiner Kinder ständig irgendwohin fahren muss.»

Falls es im Haslital doch Kritiker geben sollte, sind sie vielleicht einfach still. Sämtliche Standortgemeinden halten Aktien am Projekt. Und der Gemeinderat von Guttannen hat die Bevölkerung schon vor Jahren aufgefordert, einem Unterstützerverein beizutreten. Es gehe um die positive Beeinflussung des kommenden Parlamentsentscheids, stand im Gemeindeblättchen. «Darum, liebe Guttannerinnen und Guttanner, bitte umgehend Mitglied werden.»

Erst kürzlich hat die Bevölkerung von Guttannen einstimmig Ja gesagt zu einer Deponie für den Aushub. Stört es hier wirklich niemanden, dass das Dorf für mehrere Jahre zu einer Baustelle würde?

«Baustellen?», fragt Schläppi und lacht, «die sind wir uns gewohnt.» Guttannen ist ein schweizweit bedeutender Lieferant von Strom aus Wasserkraft. Vier grosse Stauseen liegen auf Gemeindegebiet, einer davon soll noch vergrössert werden, um die Energiewende voranzutreiben.

Für Schläppi ist der Tunnel ein Ausgleich für den Beitrag der Gemeinde zur Stromversorgung. «Jetzt könnte man uns etwas zurückgeben.»

Die Stromleitungen, die sich über das Grimselmassiv ziehen, sollen unter die Erde verlegt werden. Gleichzeitig soll ein Stollen für die neue Bahnstrecke gebohrt werden.

Die Stromleitungen, die sich über das Grimselmassiv ziehen, sollen unter die Erde verlegt werden. Gleichzeitig soll ein Stollen für die neue Bahnstrecke gebohrt werden.

Lokale Hoteliers hoffen auf mehr Gäste im Sommer

Soll dieser Tunnel also der Rettung eines Bergdorfs dienen? Auch Schläppi weiss, dass die Bahn nicht wegen Guttannen gebaut würde. Er spricht von einem «angenehmen Nebeneffekt» für das Dorf. Doch worum geht es dann?

Unter den Befürwortern des Grimseltunnels sind viele, die die Tourismusindustrie vertreten. Besonders auf der Südseite des geplanten Tunnels, im Wallis und im Goms, hofft man auf mehr Einnahmen für Hotels, Restaurants, Geschäfte.

Die Grimselbahn würde zwei touristisch hoch attraktive Bergbahnen miteinander verbinden: die Matterhorn-Gotthard-Bahn und die Zentralbahn von Luzern über Meiringen nach Interlaken. Beide haben jüngst neue Passagierrekorde verbucht. Und die Gäste aus China, Indien, Amerika lassen auf ihrem Weg durch die beliebtesten Destinationen der Alpen viel Geld liegen. Entsprechend pochen Touristiker von Zermatt bis zum Vierwaldstättersee auf den Bau dieses Tunnels.

Doch würden davon auch kleine Orte wie Oberwald profitieren? Das Dorf liegt in der hintersten Ecke des Goms, eines ruhigen Hochtals abseits des Massentourismus. Hier würde das Südportal des Tunnels gebaut.

Vor einem Gruppenhaus am Dorfrand tanzen ein paar Jugendliche zu Hip-Hop, einer filmt. Sonst ist an jenem Mittwoch im August wenig los. Schmale Chalets stehen eng beieinander, entlang der Hauptstrasse einige Hotels, dazwischen ein Volg. Es gibt hier eine bekannte Langlaufloipe, die im Winter für ausgebuchte Zimmer sorgt. Und sonst?

Der Betreiber eines lokalen Geschäfts sagt auf der Strasse, die Hoffnungen auf einen Aufschwung seien übertrieben. Es gebe im Goms halt kein Matterhorn.

Auf der Terrasse des Hotels Furka im Dorfzentrum servieren Kellner in schwarzen Polohemden die Mittagsmenus. Auch Claudio Spranzi, der Chef, bringt Teller zu den Tischen. Er ist für den Grimseltunnel. «Im Sommer könnten wir durchaus noch mehr Gäste brauchen», sagt er.

Oberwald liegt in der hintersten Ecke des Goms, eines ruhigen Hochtals südlich des Grimselgebirges. Touristiker erhoffen sich einen Aufschwung für die Region.

Eben hat ein Ehepaar eingecheckt, dem es in seiner Wohnung nachts zu warm war zum Schlafen. Claudio sieht das als Chance für das Goms, denn hier ist es im Sommer kühl.

Die Hoteliers in Oberwald haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Tunnel für Schub gesorgt hat. 1982 wurde der Furkatunnel eröffnet, seither gibt es eine ganzjährige Verbindung und einen Autoverlad nach Andermatt. Damals führte Claudios Grossmutter das Hotel. Der Furkatunnel habe den Winter im Goms für Hoteliers wie seine Familie erst interessant gemacht, sagt er. «Der Furka ist bis heute unsere Existenzgrundlage.»

In der Gaststube hängt ein schwarz-weisses Bild eines in die Ferne schauenden Mannes mit einem verkniffenen Lächeln um den Mund. Es ist Roger Bonvin, ehemaliger Walliser Bundesrat, der als Erbauer des Furkatunnels gilt. Würde Claudio Spranzi auch ein Porträt von Verkehrsminister Rösti aufhängen, sollte der Grimseltunnel gebaut werden? «Ja», sagt er und lacht. «Warum nicht?»

Chalets, Hotels, ein Volg. In Oberwald führt der Bau des Furkatunnels im Jahr 1982 zu einem Aufschwung. Ist so etwas noch einmal möglich?

Chalets, Hotels, ein Volg. In Oberwald führt der Bau des Furkatunnels im Jahr 1982 zu einem Aufschwung. Ist so etwas noch einmal möglich?

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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