Geier: Verleumdet, verfolgt und gejagt

StartseiteWissenStand: 14.08.2026, 14:06 UhrKommentareUns auf Google folgen„Müllentsorger der Natur“. © PanthermediaSeit 30 Jahren werden in der Drôme provençale im Südosten Frankreichs erfolgreich Geier wieder...

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Geier: Verleumdet, verfolgt und gejagt

Stand: 14.08.2026, 14:06 Uhr

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Ein Geier sitzt auf einem Stein.

„Müllentsorger der Natur“. © Panthermedia

Seit 30 Jahren werden in der Drôme provençale im Südosten Frankreichs erfolgreich Geier wiederangesiedelt. Doch immer noch sind Vorbehalte gegen die beeindruckenden Tiere verbreitet – nicht wenige bezahlen das mit dem Leben.

Eine Reportage von Sabine Hamacher

Ein Raunen geht durch die Gruppe: Ganz nah und auf Augenhöhe gleitet ein riesiger Vogel an uns vorbei. Seine Flügelspannweite von fast drei Metern macht ihn zu einem der größten flugfähigen Tiere überhaupt; gut ist der lange, helle, mit nur wenig Federflaum besetzte Hals auszumachen. „Un vautour fauve“, ruft Deborah. Ein Gänsegeier also. Die Naturschützerin hat uns an diesem heißen Julimorgen vorbei an hoch gelegenen Lavendelfeldern auf den Rocher du Caire geführt, ein Felsplateau bei Saint-May im Naturpark der Baronnies in der Drôme provençale.

Der luftige Ort macht es möglich, die Geier nicht nur hoch oben am Himmel kreisen zu sehen – man schaut sogar auf sie hinab, wenn sie zu ihren Nestern in der Felswand zurücksegeln, in denen die Küken sitzen. Wir stehen nur wenige Meter vom Abgrund entfernt, es geht senkrecht hinunter. Unzählige Schmetterlinge flattern umher; zwischen den Steinen wächst Thymian.

Sein Duft vermischt sich mit dem Geruch nach Feuer, den der Wind offenbar von einem rund 50 Kilometer entfernten Waldbrand zu uns herüberträgt: Nahe dem Städtchen Die ist in den vergangenen Tagen ein Gebiet der Größe von mehr als 3.000 Fußballfeldern verkohlt. Das ist die harte Realität im südfranzösischen Sommer – ein Idyll wird der rund 20-köpfigen Gruppe aus Frankreich, Belgien und Deutschland hier nicht präsentiert.

Ein Geier fliegt mit ausgebreiteten Flügeln am Himmel.

Am wohlsten fühlen sich die Geier hoch oben in der Luft. © David Peña González/Smarterpix

Kein Idyll zwar – aber doch ein Lebensraum, in dem sich der Gänsegeier so wohl zu fühlen scheint, dass hier inzwischen rund 350 Paare leben; die Art gilt nicht mehr als bedroht. Und das, nachdem in der Region etwa hundert Jahre lang nicht ein einziger Geier zu finden war.

Zu verdanken ist das dem Wiederansiedelungsprojekt „Vautour en Baronnies“, das dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Die ersten Gänsegeier wurden hier am 7. Dezember 1996 ausgesetzt. Es dauerte bis 1999, bis das erste Küken aus einer Felswand abhob, in der es vier Monate zuvor aus dem Ei geschlüpft war.

Um das Überleben der Tiere zu sichern, sind Deborah und ihre drei Kolleg:innen unermüdlich im Einsatz. Mit Erfolg, denn inzwischen lassen sich in der felszerklüfteten Landschaft alle vier europäischen Geierarten blicken: Gänsegeier, Mönchsgeier, Schmutzgeier und Bartgeier. Bis auf den Gänsegeier sind es allerdings nur jeweils wenige Exemplare.

Als Aasfresser stehen sie für die Nähe zum Tod

Denn das Projekt erleidet immer wieder Rückschläge. Ohnehin überleben nur weniger als die Hälfte der Jungvögel. Aber auch erwachsene Tiere werden erschossen, vergiftet oder verletzen sich tödlich an Stromleitungen und Windrädern. Wobei letztere in den dünn besiedelten Baronnies kaum zu finden sind.

Deborah baut ein Standfernglas auf. Durch das Objektiv ist ein junger Gänsegeier zu erkennen, der sich auf einem Felsvorsprung ausruht. Zwei Kinder aus unserer Gruppe versuchen, ihn durch das Fernglas mit ihrem Mobiltelefon zu fotografieren. Das gelingt tatsächlich – die beiden sind ganz begeistert.

Schautafel mit Bildern und Beschreibung der Geierarten.

Alle vier europäischen Geierarten leben in den Baronnies. © Sabine Hamacher

Stimmungsdämpfer – die Expertin hat jetzt Trauriges zu berichten: „Letztes Jahr haben wir ein Schmutzgeierpaar verloren, das hier seit neun Jahren gelebt hat“, sagt sie, „es wurde vergiftet“. Es war in der Region das einzige Paar der extrem seltenen Tiere. Das Weibchen wurde im April 2025 tot aufgefunden; Laboranalysen zeigten, dass es an einem in der EU seit Langem verbotenen Insektizid gestorben war. Das Männchen gilt seitdem als verschwunden und ebenfalls tot. Zur gleichen Zeit verendeten auch mehrere Gänse- und Mönchsgeier an Gift.

Empörung und Unverständnis in der Besuchergruppe. „Wer macht denn so was, und warum?“, fragt eine Touristin. „Es gibt immer noch Menschen, die glauben, dass Geier schlecht sind, dass sie Schaden anrichten“, erklärt die Fachfrau. Die Tiere werden ihren miserablen Ruf nicht los. Obwohl sie in keinerlei Hinsicht aggressiv sind, halten sich die Gerüchte hartnäckig, sie würden kleinere Tiere oder gar Menschenbabys rauben. Und natürlich stehen sie als Aasfresser für die Nähe zum Tod. Wer kennt nicht die langhalsigen und krummschnabeligen Figuren, die in unzähligen Comics auf einem Felsen hocken und auf das Ableben ihrer Beute lauern?

In den Baronnies stirbt manch ein Geier aber auch, weil er mit Gift versetztes Fleisch frisst, das eigentlich für Wölfe bestimmt war – auch denen sind bekanntlich nicht alle Menschen wohlgesonnen. So war wohl auch der Tod der beiden Schmutzgeier im vergangenen Jahr ein „Kollateralschaden“.

Die gute Nachricht: Ein neues Schmutzgeier-Paar hat sich in den Baronnies niedergelassen. Der männliche Vogel kam im Frühjahr aus Spanien, das Weibchen von der Ardèche. Doch das grundsätzliche Problem bleibt: Viele Menschen finden Geier abstoßend oder fürchten sich vor ihnen. Dabei sind die Greifvögel extrem nützlich und spielen mit ihrem Fressverhalten als „Müllentsorger der Natur“ eine wichtige Rolle.

Lage in Europa

Vier Geierarten leben heute in Europa. Der Gänsegeier ist der mit Abstand häufigste, gefolgt vom Mönchsgeier. Der markante Bartgeier hat sich als spezialisierter Knochenfresser an extreme Höhenlagen angepasst. Der deutlich kleinere, weiß-dunkle Schmutzgeier zieht als einzige europäische Art im Winter nach Afrika.

Die Iberische Halbinsel ist das Hauptverbreitungsgebiet dieser Greifvögel, da Spanien und Portugal dank ihrer Thermik und der traditionellen Weidewirtschaft weltweit zu den wichtigsten Rückzugsräumen zählen. Auch in den Pyrenäen sind alle vier Arten stark vertreten.

Im gesamten Alpenraum, besonders in Frankreich, der Schweiz, Italien und Österreich, wurden Bartgeier und Gänsegeier in langjährigen Projekten erfolgreich wiederangesiedelt. Weitere stabile, teils wachsende Vorkommen gibt es auf dem Balkan, vor allem in Bulgarien und Griechenland.

In Deutschland läuft ein erfolgreiches Auswilderungsprojekt für Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden (Bayern). Dort können die Tiere in freier Wildbahn beobachtet werden. Seit 2021 wurden insgesamt zehn Bartgeier ausgewildert, zwei davon in diesem Jahr. Im Sommer fliegen Gänsegeier regelmäßig zur Nahrungssuche in die deutschen Alpen und verirren sich manchmal auch in andere Teile Deutschlands. Sie brüten dort aber nicht.

Die „Association Vautours en Baronnies“ hat ihren Sitz in der Ortschaft Rémuzat in der Drôme provençale im Südosten Frankreichs. Dort findet sich auch das Haus der Geier („Maison des Vautours“), zentral am Place du Champ de Mars. Die Geier-Führungen lassen sich über die Website buchen:
https://www.vautoursenbaronnies.com/

Als reine Aasfresser ernähren sie sich von den Kadavern von Wild- und Nutztieren. Ist ein Tier nur verletzt, halten sie sich fern, denn im Gegensatz zu anderen Raubvögeln, die ihre scharfen Krallen als Waffe einsetzen, töten sie nicht. Indem sie verendete Tiere vertilgen, helfen sie aber, Infektionskrankheiten vorzubeugen. Der Verdauungstrakt von Geiern gilt als „epidemiologische Sackgasse“ und hindert Viren, Bakterien und andere Erreger daran, sich in der Umwelt auszubreiten. Wie sieht also eine typische Geiermahlzeit aus? Das große Fressen läuft in mehreren Etappen ab, die uns Deborah ausführlich schildert.

Liegt irgendwo zum Beispiel ein verendetes Schaf, stürzen sich als Erstes Raben, Krähen und Milane darauf. Von deren Geschrei und Gezanke angelockt, kommt als Nächstes der Gänsegeier. Mit seinem langen, fast glatten Hals kann er tief in die Eingeweide der Beute vorstoßen; er holt sich vor allem die inneren Organe und den Mageninhalt aus dem Tierkörper.

Auf einem Vorsprung ruht ein Jungtier aus. Geier 6.jpg

Auf einem Vorsprung ruht ein Jungtier aus. © Sabine Hamacher

Genau geregelt ist auch, wer als Erstes fressen darf: „Die Gänsegeier haben am Schlüsselbein eine helle, fast kahle Stelle. Wenn es bei einem Tier hier rot oder rosa durchscheint, hat es viel Hunger und wird als Erstes rangelassen“, erklärt Deborah und zeigt den Punkt an einem Modell aus Pappe.

Nach dem Gänsegeier ist die Reihe am Mönchsgeier, mindestens ebenso groß wie dieser, aber dunkelbraun gefiedert. Sein fast kahler Hinterkopf erinnert an die Tonsur eines Mönchs, daher der Name. Die Mönchsgeier vertreiben ihre hell gefiederten Konkurrenten vom Fressplatz, indem sie in einer Art Stechschritt mit ausgebreiteten Flügeln auf die Beute zumarschieren. Sie haben es mithilfe ihres scharfen, kräftigen Schnabels vor allem auf das Muskelfleisch und andere, festere Bestandteile des Kadavers abgesehen.

Sind sie gesättigt, machen sie den kleineren Schmutzgeiern Platz, die sich um die Reste kümmern. Die Flügelspannweite des Schmutzgeiers erreicht „nur“ maximal 1,70 Meter. Auffällig wuschelig weiß bis dunkelgrau gefiedert, was ihm wohl seinen deutschen Namen eingebracht hat, ist er der einzige Zugvogel unter den europäischen Geiern und überwintert von August bis März im Süden der Sahel-Zone.

Hat der Schmutzgeier sein Werk getan, ist der Kadaver bis auf die Knochen abgenagt. Als vierter und letzter kommt nun der Bartgeier zum Zug, der von seiner Größe her mit Gänse- und Mönchsgeier gut mithalten kann. Unter seinem Schnabel sitzen die namensgebenden schwarzen Borsten. Der Bartgeier räumt mit den Knochen auf. Sein Magen hat einen pH-Wert von 1, sodass er sie problemlos verdauen kann. Um sie zu zerkleinern, lässt er Knochen im Flug auf den Boden fallen. Bis zu 30 Zentimeter lange Stücke kann er ohne Weiteres schlucken.

Die Landwirtschaft liefert verendete Schafe und Ziegen

Ein ausgeklügeltes System also, bei dem am Ende nichts übrig bleibt von dem toten Schaf. Doch ist die Ernährung der Geier in den Baronnies nicht dem Zufall überlassen, wie Deborah erklärt: Das Projekt arbeitet mit landwirtschaftlichen Betrieben in der Region zusammen, die jährlich mehr als 1.200 verendete Schafe und Ziegen zur Fütterung der Raubvögel beisteuern.

Hinter uns taucht jetzt auf dem Rocher du Caire eine Gruppe Pfadfinder:innen in blauen Hemden und rot-blau gedrechselten Halstüchern auf. Nach kurzer Rast mit Blick auf die kreisenden Vögel ziehen sie in hohem Tempo weiter, begleitet von lauter Popmusik.

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Deborah präsentiert riesige Federn. © Sabine Hamacher

Von der Sonne, die ihre Kraft jetzt gegen Mittag immer stechender entfaltet, lassen sie sich ihre Wanderung nicht verderben. Wieder rauscht ein Tier nah an uns vorbei. „In der Luft fühlen sie sich sicher“, sagt Deborah. Ist es ein Geier oder eine Geierin? Am Gefieder ist das nicht zu erkennen, so ihre Antwort auf die Frage einer Touristin. Allerdings verhielten sie sich unterschiedlich: Die Weibchen sind größer und aggressiver. Ein etwa zwölfjähriger Junge mit Strohhut will wissen, ob die Geier sich wohl zu ihm setzen würden, wenn er ganz allein wäre. „Nein“, muss ihn Deborah enttäuschen, „sie würden auch dann nicht kommen. Am Boden sind sie extrem scheu, ihr Element ist die Luft.“

Zum Fliegen warten die großen Tiere auf eine Luftströmung. Vom Boden zu starten, ist für sie wegen ihres Gewichts und der schweren Flügel extrem anstrengend und kostet viel Energie. „Damit das Segeln klappt, brauchen sie ein glattes Gefieder“, sagt Deborah und reicht ein paar riesige, zerfledderte Federn herum, die die Tiere wohl nicht mehr brauchen konnten und fallen gelassen haben. Zum Glätten nutzen sie ihren Schnabel und Öl aus einer Körperdrüse.

Ein Schritt nach vorn an die Felskante öffnet den Blick ins Tal, in dem das Flüsschen Oule und die wenigen Straßen von Rémuzat zu erkennen sind. Hier steht, brandneu und modern, ein sehenswertes Museum, das Haus der Geier („Maison de Vautours“). Wenn Deborah und ihre Kolleg:innen gerade keine Führung machen oder den Vögeln Tierkadaver auf ihren bekannten Fressplätzen servieren, sind sie hier im Einsatz.

Im Museum lässt sich die Verleumdung der doch so nützlichen Tiere historisch gut zurückverfolgen. Im 19. Jahrhundert wurden die Geier als „Monster“ gejagt, weil sie angeblich Lämmer und sogar kleine Kinder rauben würden. Der Bartgeier mit seinem rot umringten Auge galt gar als Abgesandter des Teufels. Ein martialisches Foto zeigt zwei Männer, die in triumphierender Geste auf ihren Schultern eine Stange tragen, an der kopfunter sechs tote Geier an ihren zusammengebundenen Füßen hängen. Die Vögel seien häufig mit Beute angelockt und dann erschlagen worden, ist auf einer Tafel zu lesen. Die Zeiten sind zum Glück vorbei.

Wie ein Feuerwerk zum Abschluss der Führung, sind plötzlich mehr als 30 Geier in der Luft über dem Rocher du Caire. „Da oben rechts, ein Mönchsgeier!“, ruft ein mittelalter Mann, der sich in Flipflops auf das Felsplateau gewagt hat. Tatsächlich ist unter den hellen Gänsegeiern ein einzelnes dunkleres Tier zu erkennen. „Für den Mönchsgeier ist dieses Jahr das schlimmste seit der Wiederansiedelung, es gibt nur drei Junge“, sagt Deborah. Aber immerhin: drei gibt es.

Vom Felsplateau geht es steil nach unten. Geier 11.jpg

Vom Felsplateau geht es steil nach unten. © Sabine Hamacher