Gegen Voyeurismus im Sport: So sollen TV-Bilder Athletinnen schützen
Zwar hat sich der Fokus von TV-Bildern in Sportübertragungen in den vergangenen Jahren gewandelt. Aber noch nicht genug, findet die European Broadcast Union. Neue Standards sollen die Athletinnen nun besser schützen.
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Gegen den voyeuristischen Blick: Der Kampf für eine TV-Berichterstattung, die Leichtathletinnen nicht mehr sexualisiert
Zwar hat sich der Fokus von TV-Bildern in Sportübertragungen in den vergangenen Jahren gewandelt. Aber noch nicht genug, findet die European Broadcast Union. Neue Standards sollen die Athletinnen nun besser schützen.
23.08.2026, 05.30 Uhr
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Welche Bilder von Leichtathletik-Wettkämpfen gezeigt werden, macht für die Athletinnen einen grossen Unterschied.
Iris Van Den Broek / ANP / Imago
Pure Kraft, präzise Technik und Körper, in denen jede Muskelfaser arbeitet: Ein Leichtathletik-Meeting im Fernsehen gleicht einer Bilderflut, in der Athletinnen und Athleten die Grundbewegungen des Menschen in ein visuelles Spektakel verwandeln.
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Doch wie diese Leistungen von der Kamera eingefangen werden, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Auch im Jahr 2026 noch, was die European Broadcast Union (EBU) in Zusammenarbeit mit European Athletics dazu bewogen hat, unter dem Titel «Raising the bar» (die Messlatte höher legen) Standards zu verfassen. Diese sollen sicherstellen, dass «sportliche Leistung, redaktionelle Integrität und berufliche Würde» bei der Berichterstattung über den Frauensport im Vordergrund stehen.
In den Disziplinen Hochsprung, Stabhochsprung und Weitsprung erläutert das Handbuch an Beispielen der Kamerapositionen, welche Einstellungen das Können der Athletin ins Zentrum rücken und welche zu herabwürdigenden Bildern führen. Beim Weitsprung zwischen die Beine filmen oder auf der Hochsprungmatte das Gesäss der Athletin nach dem Abrollen von unten in Grossaufnahme zeigen – all dies braucht es nicht, um die sportliche Leistung der Athletin einzufangen.
Bei den Guidelines haben auch Weltklasse-Athletinnen mitgearbeitet, die von ihren Erfahrungen berichten. Viele von ihnen weisen seit Jahren auf die Problematik hin. Die Stabhochspringerin Holly Bradshaw sagt: «Wie viele Athletinnen habe auch ich mich schon in Wettkampfsituationen wiedergefunden, in denen ich fokussierter auf die Kameras war als auf meine Leistung. Dabei wollen wir es geniessen, unseren Sport auszuüben, ohne uns unwohl zu fühlen. Oder besorgt darüber zu sein, welches Filmmaterial live gezeigt wird.»
Die Bilder landen zweckentfremdet auf Youtube
Eines der Hauptprobleme ist, dass die Bilder längst nicht mehr nur live über den Fernseher flimmern. Auf Onlineplattformen wie Youtube existieren zahlreiche Videos, die Zeitlupen und Nahaufnahmen von Sequenzen aneinanderreihen, die die Athletin sexualisieren. Die Host Broadcaster, die den Wettkampf für die Übertragung in alle Welt produzieren, haben es in der Hand, dass solches Bildmaterial gar nicht erst entsteht. Sie bestimmen über die Position der Kameras und darüber, welches Bild tatsächlich im Fernsehen ausgestrahlt wird.
Die Fernsehstationen, die übertragen, haben keinen Einfluss auf das Bild. An den Leichtathletik-EM in Birmingham etwa hatte SRF noch eine eigene Kamera vor Ort, um die Schweizerinnen und Schweizer vermehrt zu filmen. Welche Bilder aber über das Weltsignal laufen, kann es nicht mitbestimmen.
Vor allem drei Faktoren entschieden darüber, ob ein Fernsehbild die Leistung in den Vordergrund stelle oder den Fokus auf den Körper der Athletinnen lenke, sagt Ueli Barmettler, Regisseur beim Schweizer Fernsehen. Erstens die Distanz zur Sportlerin, wie nah der Körper gefilmt wird. Zweitens der Winkel, aus dem die Kamera filmt. Und drittens die Zeitachse – es ist ein Unterschied, ob man eine Athletin eine Zehntelsekunde von hinten sieht oder in einer Super-Slow-Motion über mehrere Sekunden.
«Jedes Bild sollte eine Bedeutung haben, und ich als Regisseur bin verantwortlich dafür, dass die Inhalte respektvoll bleiben, wir eine natürliche Distanz wahren und nicht auf die Intimzone einer Athletin fokussieren», sagt Barmettler. Zumal die Leichtathletik mehr als genug Möglichkeiten bietet, spektakuläre Bilder zu liefern, die die Anforderungen einer Disziplin illustrieren und die Schlüsselmomente eines Sprungs transportieren.

Positives Beispiel aus der EBU-Broschüre: Diese Kameraeinstellung kann den Grund zeigen, weshalb eine Hochspringerin die Latte reisst oder mit wie viel Luft zur Latte sie diese überquert hat.
PD

Negatives Beispiel: Der Fokus auf den Schritt hilft in keiner Weise dabei, die Bewegung der Athletin besser einordnen zu können.
Barmettler arbeitet seit bald zwanzig Jahren beim Fernsehen, zuerst als Slow-Motion-Operator, heute als Regisseur; er ist unter anderem bei Weltklasse Zürich in der Hauptverantwortung. Beim Schweizer Fernsehen sei schon immer Wert darauf gelegt worden, Respekt und Distanz zu wahren, sagt er. Doch er spürt, dass sich auch international etwas verändert hat im Vergleich zu den Zeiten, als die Kameras des internationalen Host Broadcasters an der Fussball-WM 2014 in Brasilien etwa Brüste von Zuschauerinnen noch ins Vollbild rückten.
Oder an den Olympischen Spielen 2004 in Athen, als in der TV-Übertragung des Frauen-Beachvolleyballs zu fast 40 Prozent nur der Hintern und die Brüste der Spielerinnen gefilmt wurden, wie eine Auswertung der Universität Alabama zeigte.
Regie-Workshops und Sensibilisierung
Heute gibt es immer mehr weibliches Personal in den entscheidenden Positionen, auch an der EBU-Broschüre hat eine erfahrene Leichtathletik-Regisseurin mitgearbeitet. Es gibt Regie-Workshops, in denen sportartenübergreifend Fallbeispiele diskutiert werden. Und vor jedem Event – wie bei SRF vor Weltklasse Zürich – eine Besprechung mit den Kameraleuten, in der man auf Winkel und Inhalte der einzelnen Positionen eingeht. Dort werden alle Involvierten dafür sensibilisiert, respektvoll mit den Athletinnen umzugehen. Doch dass die EBU in ihrer Broschüre von einem «dringenden Handlungsbedarf» schreibt, zeigt, dass das Bewusstsein längst noch nicht überall angekommen ist.
Distanz, Winkel und Zeitachse sind umso wichtiger in einer dreidimensionalen Sportart wie der Leichtathletik, wo sich etwa die Stabhochspringerinnen in alle Richtungen drehen. Oder nicht absehbar ist, wohin sie nach einem Sprung gehen – zum Trainer auf der Tribüne, zurück zur Bank, zur Jury.
Und auch deswegen, weil die Athletinnen meist knappe Dresses tragen. Heute erhalten die Sportlerinnen eine Auswahl an Kleidern von ihren Ausrüstern, haben wie in anderen Sportarten mehr Spielraum als früher. Im Beachvolleyball tragen immer mehr Duos Shorts, im Kunstturnen sind Ganzkörperanzüge gemäss Reglement seit 2013 erlaubt. Als die deutsche Turnerin Sarah Voss an den EM 2021 einen solchen trug, löste sie damit trotzdem Aufregung aus. Lange hatte es kaum eine gewagt, weil sie Punkteabzüge befürchtete.
Und dann waren da die Online-Kommentare männlicher Fernsehzuschauer, die fanden, so müsse man den Sport ja gar nicht mehr schauen. Und damit untermauerten, wie dringlich das Thema ist.
Das Wettkampf-Outfit gibt einen Boost
In der Leichtathletik tragen trotz der Auswahl die meisten Athletinnen die knappen Varianten. Die Schweizer Siebenkämpferin Annik Kälin setzt bei den Wurfdisziplinen auf Shorts, in den Laufdisziplinen aber auf Dresses. Sie sagt: «Für mich hat das einen psychischen Faktor. Ich trage dieses Outfit nur im Wettkampf, und es fühlt sich extrem windschlüpfrig und wettkampfmässig an, gibt mir einen Boost.»
Der Körper ist für die Leichtathletinnen Werkzeug und Lebensgrundlage, sie trainieren ihn Tausende Stunden, sind stolz auf das, was er leisten kann. Umso wichtiger ist es, dass sie sich auf dem Wettkampfplatz bewegen können, ohne Angst zu haben, durch die Kamerabilder sexualisiert zu werden. Dass der Schutz der Athletinnen ernster genommen wird, ist längst überfällig. Kälin sagt: «Es ist gut, dass nun darüber geredet wird. Und wichtig, dass die Leute, die die Bilder machen und auswählen, aufmerksam sind und die ganze Athletin im Fokus haben. Nicht nur den Körper.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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