86 Tote: Wie blickt Nizza auf den Terroranschlag vom 14. Juli 2016 zurück?

Mohamed Lahouaiej Bouhlel fuhr 2016 mit einem Laster in die Spaziergänger auf der Uferstraße in Nizza. Das Massaker begann um 22.32 Uhr und dauerte 15 Minuten. Ein Rundgang vom ehemaligen Wohnviertel des Täters bis zur Promenade des Anglais

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86 Tote: Wie blickt Nizza auf den Terroranschlag vom 14. Juli 2016 zurück?

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86 Tote bei Terroranschlag: Wie blickt Nizza auf die Amokfahrt vom 14. Juli 2016 zurück?

Mohamed Lahouaiej Bouhlel fuhr 2016 mit einem Laster in die Spaziergänger auf der Uferstraße in Nizza. Das Massaker begann um 22.32 Uhr und dauerte 15 Minuten. Ein Rundgang vom ehemaligen Wohnviertel des Täters bis zur Promenade des Anglais

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13.07.2026

Gedenkskulptur zu den Anschlägen vom 14. Juli 2016 in Nizza

Gedenkskulptur zu den Anschlägen vom 14. Juli 2016 in Nizza

Foto: MAXPPP/Imago

Am Abend des 14. Juli 2016, als sich 30.000 Schaulustige das Feuerwerk ansahen, beschleunigte ein vom Islamischen Staat (IS) inspirierter Terrorist einen Laster und hinterließ auf gut anderthalb Kilometern 86 Tote und 458 Verletzte. Zehn Jahre später verbringe ich einen Tag im Viertel des Mörders und eine Nacht auf der „Promenade des Anglais“.

Was hat sich seither geändert, fragt man sich. Nun, beispielsweise das: Ein rechtsextremer Politiker, der mit der Le-Pen-Partei Rassemblement National verbündete Ex-Vorsitzende der bürgerlichen Republikaner Éric Ciotti, trug bei der Kommunalwahl im März den Sieg davon. „Scooter-Held“ Franck Terrier, der 2016 auf den Attentäter im Fahrerhaus eingeschlagen hatte, legte Nizzas neuem Bürgermeister persönlich die Schärpe um.

Der 31-jährige Mörder, der 2005 eingewanderte und in Nizza „blitzradikalisierte“ Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel, wohnte im benachteiligten Osten der Stadt in den „Abattoirs“, den „Schlachthöfen“. Die Schweizer Zeitung Le Temps verstörte am 17. Juli 2016 mit einer Reportage über ein „Territorium des Islam“, wo Frauen den Hidschab und Männer den bodenlangen Qamis trugen – und wo der IS und die Muslimbruderschaft einander die Rechtgläubigkeit absprachen.

2026 ist die Route de Turin überraschend gemischt, ein junger Mann beendet sein Telefonat mit „Va bene, inschallah!“, und die Nr. 62 zeigt türkis gestrichene Fensterläden, Bambusrohr-Wäsche-Balkone und französische Namen auf den Briefkästen. Hier lebte Mohamed L. B., der kleinkriminelle, Shit rauchende, sowohl Frauen als auch Männer konsumierende Sex-Maniac, nach der gewaltbedingten Trennung von seiner Frau und den drei Kindern. Eine Türmatte weiß: „Das Glück kommt stets von innen.“

Der ehemalige Schlachthof schräg gegenüber ist heute das Kulturzentrum „Le 109“. In einer Kunstausstellung dekonstruiert ein Video Männlichkeit: Ein nackter Typ – kurzer Penis zwischen langem Schamhaar – muss in roten Fußballschuhen zwischen weißen Plastiktischen herumspringen, ohne die darauf abgestellten Bierflaschen runterzustoßen. Das misslingt. Ich bin der einzige Besucher.

Ein Vogelmensch erinnert

Weiter stadtauswärts hört das Viertel auf die Namen Roquebillière, Saint Roch, Pasteur, vor allem aber: Bon Voyage. Sozialwohnblöcke wechseln sich mit pittoresk in den Alpes-Maritimes-Steilhang geschmiegten Häuschen ab. Als der Le-Temps-Reporter 2016 auf die Cité des grauen Waschbetons zutrat, wurde er von „Wächtern“ der Muslimbruderschaft gefilzt. Mich trifft nur der stumme Blick eines Bürgersteig-Moped-Fahrers. Nicht dass hier irgendwas in Ordnung wäre – den aus dem Maghreb, aber auch aus Rumänien stammenden Bewohnern fehlt zum Beispiel ein Café. Aber natürlich gibt es in Westeuropa krassere Islam-Ghettos.

Ziemlich genau zur Tatzeit, also zwischen 22.32 und 22.50 Uhr, starte ich meine Wanderung über die Promenade des Anglais, von Hausnummer 147 bis 11. Eine Häuserfront mit Côte-d’Azur-Blick, eine zweimal dreispurige Verkehrsschneise, danach ein Flanierweg. Weiter vorn ein astrein kolonialistisches Denkmal, das zu den Jahren 1830 und 1962 mit in Marmor gehauener Schrift verkündet: „Sie bauten ein Land auf – Algerien – und verließen es 1962 unter Schmerzen.“

Vor dem Hotel „Negresco“ verrät eine Steuerungs-Kamera-Säule, dass die in die Promenade eingelassenen Anti-Terror-Boller von der EU kofinanziert wurden, vom „Fonds pour la sécurité intérieure police“. Gegen Ende dann hochpreisige Beach-Lounges wie „Le Temps d’un Été“, der Kieselstrand wird feiner. Heruntergekommene weiße Holzkonstruktionen erinnern an den verflossenen Weltkulturerbe-Ruhm der „Winter Resort Town of the Riviera“.

Vor dem „Palais de la Méditerranée“, wo 2016 der Lastkraftwagen mit dem toten Mohamed L. B. zum Stehen kam, die berührend einfache Skulptur „Für unsere 86 Engel“: ein Vogelmensch mit ausgebreiteten Schwingen, aber gebücktem Rücken und zu Boden blickendem Kopf.

Nachts ist die Promenade des Anglais afrikanisch und maghrebinisch besiedelt. Meine algerische Französischlehrerin würde die abhängenden Kerle „magouilleurs“ nennen, zwielichtige Nichtstuer. Einer schnorrt mich um eine Kippe an, ein allein Dasitzender betrachtet das Video eines runden, sich darbietenden Männerarschs. Wenn Bürgermeister Ciotti Law and Order verspricht, scheint er noch nicht angefangen zu haben. Das Rauchverbot am Strand setzt niemand durch. In der Nacht rolle ich mich dort in eine Decke ein und schlafe, obwohl die Promenaden-Betriebsamkeit nie ganz erlischt, gar nicht mal schlecht.

Während am Morgen in Bistros wie „Immo Café – Real Estate, Real Coffee“ gefrühstückt wird, gehe ich schwimmen. Zwischen sieben und zehn findet sich hier ein entspanntes, geruhsames Nizza ein. Badende Ruheständler-Paare sprechen ein gelächeltes Französisch, und über dem azurblauen Meer steigen Easyjet-Flieger auf.

Europa Transit: Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa