Drohnenabwehr in Leipzig: "Da ist gravierend etwas schiefgelaufen"
Experte zum Flughafen Leipzig "Dann war die gesamte Kette ein Fehlschlag"07.08.2026 - 13:00 UhrLesedauer: 5 Min.15 Millionen Euro kostet es, einen Flughafen drohnensicher zu machen, schätzt ein deutscher Expert...
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Experte zum Flughafen Leipzig
"Dann war die gesamte Kette ein Fehlschlag"
07.08.2026 - 13:00 UhrLesedauer: 5 Min.
15 Millionen Euro kostet es, einen Flughafen drohnensicher zu machen, schätzt ein deutscher Experte. Im Interview erklärt er, wie das geht – und was in Deutschland fehlt.
Eine Drohne mit Sprengvorrichtung am Flughafen Leipzig hat am Dienstagabend Alarm ausgelöst. Der Flugverkehr wurde zeitweise lahmgelegt, Innenminister Alexander Dobrindt brach seinen Urlaub ab. Einiges deutet auf einen Anschlagsversuch mit möglicher russischer Beteiligung hin. Zwischenfälle mit Drohnen häufen sich und werfen die Frage auf, ob Deutschland ausreichend vorbereitet ist.
Mit der Aaronia AG sitzt eines der weltweit führenden Unternehmen für Technik, die Drohnen entdeckt und abwehrt, im Dorf Strickscheid in der Eifel. Stephan Kraschansky, Leiter der Sparte Militär & Behördenkunden, erklärt im Interview, wie er den Fall in Leipzig bewertet, wie Drohnendetektion funktioniert – und wo noch kaum bekannte Probleme liegen.
t-online: Herr Kraschansky, wenn wie in Leipzig ein Busfahrer auf dem Flughafengelände eine Drohne entdeckt, ist dann etwas schiefgelaufen?
Stephan Kraschansky: Da ist gravierend etwas schiefgelaufen. Wenn die Drohne von außerhalb eingeflogen ist, war die gesamte Detektionskette ein Fehlschlag. Da ist schlicht nicht die richtige Technologie im Einsatz. Ein Detektionssystem, das solche Bedrohungen nicht rechtzeitig aufspürt, ist zwar besser als nichts. Aber das hat mit echter, verlässlicher Detektion nicht viel mehr zu tun als ein Stein, den man nach einer Drohne wirft.
Wie funktioniert denn Detektion, also das Erkennen von Drohnen?
Im Kern ist das ein Zusammenspiel modernster Instrumente. Den Grundstock bilden leistungsstarke Radar-Sensoren und Radiofrequenz-Sensoren. Unterstützend werden optische Systeme und Wärmebildkameras zur visuellen Verifizierung eingesetzt. Radar allein reicht oft nicht aus.
Warum?
Drohnen können beispielsweise auf einem Radar wie Vögel aussehen, es kann zu Fehlalarmen kommen. Radiofrequenz-Sensoren sind ein wichtiger Faktor, weil sie die elektromagnetischen Signale der Drohne und des Piloten aufspüren. Mit diesen Daten ist eine exakte Triangulation von Position, Geschwindigkeit und Sender möglich, also im Idealfall auch dem Standort des Piloten.
Können Drohnen denn an einem bestimmten Frequenzbereich der Signale erkannt werden?
Das war mal so. Früher, als vor allem Standard-Drohnen von Hobbypiloten unterwegs waren, reichte es aus, den für Drohnen vorgesehenen und vergebenen Frequenzbereich zu überwachen. Bei einer anfliegenden Drohne konnte man einen tragbaren Störsender, einen sogenannten Jammer, auf diesen Frequenzbereich richten. Doch diese einfache Detektion und Abwehr greift heute zu kurz. Herkömmliche Detektionssysteme berücksichtigen nicht, dass die Frequenzbereiche von Drohnen manipuliert werden.
Stecken dahinter staatliche Akteure?
Das ist nicht zwingend so, zur Manipulation braucht es nicht viel. FPV-Drohnen, also der gängige Drohnentyp mit Kamera und entsprechender Steuerung, lassen sich heute mit minimalem technischem Aufwand anpassen. Das geht mit Teilen eines chinesischen Versandhändlers und KI-Tools. Das ist aber eine Standard-Angriffsmethode, die wir aus aktuellen Krisenherden kennen.

Zur Person
Stephan Kraschansky ist Leiter der Sparte Militär & Behördenkunden der Aaronia AG, die auf die Abwehr von Drohnen spezialisiert ist, und Geschäftsführer der Aaronia Austria GmbH. Zuvor war er Offizier beim Österreichischen Bundesheer und verantwortete unter anderem die Abteilung für elektronische Drohnenabwehr.
Das merken sie in der Ukraine, wo Ihre Technik zur Drohnenerkennung massiv im Einsatz ist?
Wir haben dort wenige Tage nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gesehen, wie schnell die russische Seite Frequenzen manipuliert. Sich dagegen zu verteidigen, ist technisch absolut machbar – aber eben nicht mit den kleinen Standard-Detektoren, die sich an vielen europäischen Flughäfen finden. Uns war von Anfang an klar, dass böswillige Akteure versuchen werden, über Frequenzwechsel zu täuschen. Als wir unsere ersten Systeme auslieferten, deckten sie bereits eine extrem große Bandbreite an Frequenzen ab. Die Befürchtung ist traurige Realität geworden.
Deutschland war beim Thema Drohnendetektion eigentlich früh dran. 2019 beauftragte das Verkehrsministerium die Deutsche Flugsicherung, Drohnen-Detektion an 16 internationalen deutschen Verkehrsflughäfen aufzubauen. Das wurde aber 2023 gestoppt, als Kosten von 30 Millionen Euro pro Flughafen im Raum standen.
Die Zahl hat vielleicht abschreckend gewirkt. Eine realistische Summe liegt bei etwa der Hälfte, bei 15 Millionen – je nach Größe des Standorts. Der Mensch zahlt ungern Versicherungen, bis es einmal so weit ist. Wenn es aber einen katastrophalen Zwischenfall oder ein explodierendes Flugzeug braucht, ist es zu spät.
Wie sieht die Abwehr mit einem solchen System aus?
Einerseits ist das elektronisches Jamming. Unsere Systeme programmieren sich im Ernstfall blitzschnell auf die exakte Frequenz der ankommenden Drohne. Aber wir sehen längst autonome Drohnen oder glasfasergesteuerte Systeme, die völlig ohne Funksignale auskommen. Da hilft nur noch kinetische Abwehr.
Also physisches Abfangen. Wir reden aber nicht von Abschießen?
Da natürlich rund um zivile Flughäfen keine Flugabwehrgeschütze aufgestellt werden können, setzen wir auf Lösungen wie Netzabfangdrohnen. Da kooperieren wir aktuell mit einem deutschen Anbieter. Ein alternativer Weg ist, eine Drohne mit einer anderen Drohne zu rammen.
Kann ein Flughafen überhaupt komplett vor Drohnen geschützt werden?
Wir zeigen aus unserer Sicht, dass es funktioniert: An den Flughäfen, die von Aaronia geschützt werden, gab es bisher keine durch Drohnen verursachten sicherheitsrelevanten Ausfälle. Die ersten Flughäfen, die wir ausgerüstet haben, waren London-Heathrow und Maskat im Oman. Das war eine Reaktion darauf, dass der Flughafen Gatwick nach 100 Drohnensichtungen im Dezember 2018 für drei Tage lahmgelegt war.
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In Deutschland führte Streit darüber, wer die Kosten tragen soll, zum Ende der damaligen Ansätze zur Drohnenabwehr bei der Deutschen Flugsicherung. Seit März ist die Drohnendetektion und -abwehr jetzt gesetzliche Aufgabe der Bundespolizei.
Die Aufgaben müssen zwingend in einer Hand liegen oder extrem eng vernetzt sein. Wenn ein Flughafenbetreiber eine Drohne, die mit 90 Kilometern pro Stunde anfliegt, zwei Kilometer vor dem Zaun sieht, bleiben oft nur Sekunden. Bis man da behördlich durchtelefoniert hat, ist das Objekt längst da. Es braucht klare Befugnisse und die Möglichkeit, dass qualifiziertes Personal in so einem Fall unmittelbar reagieren kann.
Der Flughafenverband ADV hat im Herbst nach der Innenministerkonferenz frohlockt. Bei der Drohnenabwehr werde aufs Tempo gedrückt, und zunächst acht Flughäfen sollen Systeme zur Detektion und Abwehr bekommen. Ist die Branche schon aktiv?
Mir ist derzeit keine konkrete Ausschreibung bekannt, an der wir uns beteiligen könnten. Wir sind mit unseren 130 Mitarbeitern ausgelastet – aber die Sicherheit am Standort Deutschland ist uns natürlich ein Anliegen. Grundsätzlich positiv ist, dass Bewegung von unterschiedlichen Seiten ins Spiel kommt.
Stillstand ist bei Flughäfen aber auch sehr teuer. Da müsste das Interesse doch größer sein, so etwas zu verhindern?
Bei den Versicherern ist der Gedanke sicher da, wenn sie rechnen: Lieber ein System finanzieren, das präventiv schützt, anstatt wiederholte Flughafenschließungen abzusichern. Ich war kürzlich auf einer Informationsveranstaltung einer großen Rückversicherung eingeladen: Die erwägt, die Detektionstechnik als europäisches Projekt zu finanzieren.
Wir reden ständig von Flughäfen. Geht das Problem nicht weit über den Luftverkehr hinaus?
Weltweit sind Drohnenabwehrsysteme an den unterschiedlichsten Standorten im Einsatz. Von Aaronia sind es zum Beispiel 840, darunter auch mobile Einheiten für Großveranstaltungen oder Einheiten für den Schutz kritischer Infrastruktur wie Kraftwerke und Umspannwerke von Stromnetzbetreibern. Deren Ausfall hätte verheerende Folgen.
Und die Polizei kann nicht überall sein. Sollten Unternehmen bei Drohnen selbst tätig werden können? Einen solchen Vorstoß hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. gemacht.
Betreiber fordern zu Recht, hoheitliche Abwehrbefugnisse unter klaren Bedingungen auf ihr geschultes Personal zu übertragen. Es muss eben schnell gehen, wenn es ernst wird.
Herr Kraschansky, vielen Dank für das Gespräch.