Sturzflut in Nepal: Warum die Realität jeden Katastrophenfilm übertrifft – Filmexperte ordnet ein

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Sturzflut in Nepal: Warum die Realität jeden Katastrophenfilm übertrifft – Filmexperte ordnet ein

Filmwissenschaftler warnt: Echtzeitbilder von Katastrophen überfordern unser Gehirn

Stand: 01.09.2026, 18:00 Uhr

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Katastrophen will keiner sehen – außer im Kino. Da wird aus einem Katastrophenfilm schnell ein Blockbuster. Die Bilder der Sturzflut von Nepal sind real – und verstörend. Was ein Filmwissenschaftler dazu sagt.

Stuttgart/Karlsruhe – Es sind fast irreale Bilder: Eine gigantische Flutwelle prallt von hinten auf einen turmhohen Grenzposten zwischen China und Nepal und reißt gnadenlos alles mit sich: Flüchtende Menschen, Autos, Busse und ganze Gebäude. Die verheerende Sturzflut in Nepal mit bislang mehr als 900 geborgenen Toten und mehr als 4.000 Vermissten schockiert Menschen rund um den Globus.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Die unglaublichen Bilder erinnern an Katastrophenfilme im Kino, etwa an „The Day After Tomorrow“ von Roland Emmerich. In dem Blockbuster bricht eine riesige Flutwelle über New York herein und überschwemmt haushoch ganze Straßenzüge vollständig.

Bilder der Sturzflut in Nepal im Gebirge Himalaya, ein reißender Fluss hat

Die verheerende Sturzflut in Nepal mit bislang mehr als 900 geborgenen Toten und mehr als 4.000 Vermissten schockiert Menschen rund um den Globus. © Rajesh Kumar Singh

Verschwimmen angesichts der Ähnlichkeit der Schreckensbilder aus der Realität und dem Kino langsam die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion in unseren Köpfen? Überholt die Realität das Kino?

„Seltsamer Vorsprung“ realistischer Ästhetik

Der Karlsruher Filmwissenschaftler Wolfgang Petroll sagt, es gebe zwar einen „seltsamen Vorsprung“ realistischer Ästhetik im Medium Film. Die Wirklichkeit sei dem Kino bisher aber meist einen Schritt voraus gewesen.

Das könne man daran sehen, „dass eigentlich jeder Horrorfilm vom Horror der Nachrichten, ihres unsagbaren – und oft auch ungesagten – Schreckens in den Schatten gestellt wird“, sagte Petroll am Dienstag (1. September) der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Petroll ist seit 2001 Dozent für Film, Medienästhetik und visuelle Kompetenz. Er lehrt unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Katastrophen in Echtzeit

Petroll weist darauf hin, dass jeder Mensch nicht nur mit der Vernunft, sondern auch mit ganz bestimmten emotionalen Glaubenshaltungen schlimme Ereignisse wahrnimmt: „Was glauben wir – was wollen wir glauben – wovor schrecken wir zurück?“

Wer täglich mit dem Regionalexpress fährt, den ließ der erste Live-Eindruck vom Zugunglück von Riedlingen im Juli 2025 an Kino-Horror denken: mehrere Waggons entgleist, ineinander verkantet und aufeinandergeschoben. Und wer einmal einen Blick über den atemberaubenden Grand Canyon geworfen hat, wird die aktuellen Schreckensbilder von der Sturzflut in der berühmten Schlucht im US-Bundesstaat Arizona kaum glauben wollen – und doch sind sie echt.

Im Zeitalter der Überlebenskriege

Doch welche Rolle spielt die Tatsache, dass wir fast in Echtzeit erste Bilder der Sturzflut in Nepal gesehen haben? Der Filmwissenschaftler Petroll sagt dazu: „Die ‚Echtzeit‘ kann auch verhängnisvoll sein, denn sie zwingt uns zu sofortigen Reaktionen, ohne Zeit zur Verarbeitung des Gesehenen zu lassen.“

Die Folge: „Wir neigen mehr und mehr zu ‚besinnungslosen‘, panikartigen Reflexen.“ Dazu komme die ansteckende Hysterie der Sozialen Medien.

Ein weiterer wichtiger Faktor seien eigene Überlebensängste: „Mehr und mehr müssen wir erkennen, dass wir – trotz oder gerade wegen des technischen Fortschritts – im Zeitalter der Ressourcen-, Verteilungs- und Überlebenskriege angekommen sind“, sagt der Wissenschaftler.

Roland Emmerich: Film als Warnung

Der Antrieb, Alarmglocken in der Welt zu läuten, aber auch Todesängste, motivierten letztlich Roland Emmerich nach eigenen Worten zur Produktion von „The Day After Tomorrow“. Der 70-jährige Hollywood-Regisseur sagte im Mai bei einem Stuttgart-Besuch in einem KNA-Interview, sein Film „The Day After Tomorrow“, der 2004 in die Kinos kam, sei auch als Warnung gedacht gewesen. Mit diesem Film habe er sagen wollen: „Passt auf!“ Und dass sich die Welt verändern wird.

Roland Emmerich im Gärtnerplatztheater in München im November 2022

Roland Emmerich ist Blockbuster-Regisseur in Hollywood. © picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Emmerich war in jenen 2000er-Jahren eigentlich gar nicht in launiger Blockbuster-Popcorn-Stimmung. Denn bei ihm war 2001 ein Gehirntumor diagnostiziert worden. „Ich habe damals ‚The Day After Tomorrow‘ gemacht, weil ich gedacht habe, dass ich sterben werde“, sagte er. In jenen Jahren habe er noch einen wichtigen Kinofilm machen wollen: zum Klimawandel.

KI-Bilder sind nur Ersatz der Realität

Bei den extrem verstörenden Bildern von der Sturzflut in Nepal dürfte manch einer gedacht haben: „Das kann nicht wahr sein, das muss KI‑generiert sein!“ Doch die erschreckenden Bilder sind echt. Was bedeutet das für die Wahrnehmung und das Verständnis von realen Katastrophen im KI-Zeitalter?

Petroll will zunächst „Künstliche Intelligenz“ in dicken Anführungszeichen geschrieben wissen – denn KI sei eine sogenannte Intelligenz, sagt er. KI-generierte Bilder seien nur Wirklichkeitsderivate, also ein Ersatz für die Realität.

Mehr kritische Urteilsfähigkeit nötig

„Leider wird es immer einfacher für jeden digitalisierten Idioten, Wirklichkeit zu fälschen“, betont Petroll. Das mache auch die Problematik der Wahrnehmung von echten Katastrophen dramatischer. Anders gesagt: „Mit KI wird noch mehr Kompetenz in Wahrnehmung, Erkenntnis und kritischer Urteilsfähigkeit dringend nötig“, so der Filmwissenschaftler. Kritischer Journalismus sei daher wichtiger denn je im Zeitalter des „algorithmisierten Massendenkens“.