Fifa-Präsident Infantino hat Gaza Fussballplätze versprochen – bis jetzt fehlt jede Spur
Im Februar unterschrieb die Fifa ein Abkommen mit Donald Trumps Board of Peace: Sie kündigt darin den Aufbau eines neuen Fussballökosystems im Gazastreifen an. Nun zeigt sich, dass die Pläne nicht vorankommen. Das liegt auch an der Situation vor Ort.
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Fifa-Präsident Infantino versprach, die Fifa werde im Gazastreifen Fussballplätze bauen. Sechs Monate später ist er noch keinen Schritt weiter
Im Februar unterschrieb die Fifa ein Abkommen mit Donald Trumps Board of Peace: Sie kündigt darin den Aufbau eines neuen Fussballökosystems im Gazastreifen an. Nun zeigt sich, dass die Pläne nicht vorankommen. Das liegt auch an der Situation vor Ort.
23.08.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Kinder spielen im Gazastreifen Fussball – sie müssen das weiterhin zwischen Trümmern tun. Für die von der Fifa versprochenen Plätze ist die Lage noch zu unsicher.
Ahmed al-Arini / Imago
Es war eine grosse Bühne, so, wie Gianni Infantino das gefällt. Der Fifa-Präsident, inmitten der mächtigsten Männer der Welt, auf Einladung von Donald Trump. In Washington wird an jenem Tag im vergangenen Februar die Zukunft des zerstörten Gazastreifens verhandelt. Es geht um Frieden, Wiederaufbau, Visionen. Die grossen Linien.
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Infantino ist nicht mit leeren Händen nach Washington gekommen. Er gefällt sich schon länger in der Rolle des Mannes, der nicht nur den Weltfussball führt, sondern sich in dieser Funktion gleich auch noch um den Weltfrieden kümmert. Nur ein paar Monate zuvor hat er den Fifa-Friedenspreis erfunden – und bald darauf an US-Präsident Trump verliehen, im Rahmen einer denkwürdigen WM-Gruppenauslosung.
Nun spricht Infantino in Washington davon, dass es im Gazastreifen nicht nur darum gehe, Häuser, Schulen und Strassen wiederaufzubauen. «Wir müssen auch die Menschen wiederaufbauen, Emotionen, Hoffnung und Vertrauen», sagt er, «und darum geht es beim Fussball, meinem Sport.»
Der Fifa-Präsident hat einen Kurzfilm voller Pathos und grosser Versprechen mitgebracht: Immer wieder werden darin Fifa-Fahnen geschwenkt, in einer Sequenz sprayt ein Mann das Logo des Verbands gar an eine kriegsversehrte Hausmauer. Die Fifa kündigt in dem KI-Video an, dass sie im Gazastreifen ein «komplettes Fussballökosystem» kreieren werde, in Zusammenarbeit mit dem Board of Peace, dem kontroversen Organ, das Trump ins Leben gerufen hat, um Gaza wieder aufzubauen.
Von fünfzig Minifussballplätzen ist in dem Film die Rede, von einer Fussballakademie, der Schaffung eines Ligasystems, einem neuen Nationalstadion für bis zu 25 000 Zuschauer. Von Investitionen über insgesamt 70 Millionen Dollar.
Infantino unterzeichnet damals in Washington eine Absichtserklärung. Nicht nur detaillierte Pläne, sondern auch eine Zeitachse findet sich in dem Dokument, das auf der Website des Board of Peace aufgeschaltet ist. In der ersten Phase, heisst es darin, plane die Fifa, fünfzig Miniplätze zu bauen und Fussbälle an umliegende Schulen zu spenden. Zeithorizont: drei bis sechs Monate.
Diese Woche, am Mittwoch, sind die sechs Monate abgelaufen. Was haben Infantino und die Fifa in dieser Zeit erreicht?
Barfuss auf Trümmern Fussball spielen
In der Mitte des Gazastreifens, in einer Nebenstrasse in der Stadt Deir al-Balah, rennen vier junge Männer zwischen den Zelten von Vertriebenen einem Ball nach. Sie sind barfuss, zwei kleine Steine an den Rändern der Strasse markieren das Tor. Rundherum liegen Sand und Trümmer.
Ez al-Din Hassuna, 19 Jahre alt, lebte vor dem Krieg in der Stadt Gaza. Dort übte er mit anderen jungen Männern auf Spielfeldern, in Sportschuhen. Nun seien einige seiner Freunde tot, sagt er.
Er hofft, dass es wieder so werde wie früher, dass er mit anderen auf einem Feld stehen könne, statt sich die Füsse an den Trümmern zu verletzen. An Equipment mangelt es im Gazastreifen, wie an allem anderen auch. Zu den Plänen der Fifa, im Gazastreifen Fussbälle zu sponsern und Felder zu bauen, sagt der Palästinenser: «Davon habe ich noch nie gehört.»
Die Fifa geht sechs Monate nach Infantinos Auftritt in Washington nicht vertieft auf eine Anfrage der «NZZ am Sonntag» ein, wie weit die Pläne vorangeschritten seien. Aber der Verband bestätigt, was Recherchen im Gazastreifen ergeben haben: dass er in den letzten sechs Monaten keine Fussballplätze gebaut und auch keine Fussbälle verteilt hat. Und dass schon gar keine Grundsteine gelegt wurden für Akademien oder Stadien. Dass, kurzum, noch nichts zu sehen ist von den Fifa-Plänen.
Ein Sprecher des Weltfussballverbands verweist auf eine eigene Ankündigung, welche die Fifa im Februar auf ihrer Website veröffentlichte. Darin finden sich die gleichen Versprechen wie in der Absichtserklärung mit dem Board of Peace. Am Ende steht ein zusätzlicher Satz: Die Umsetzung der ersten Phase beginne, wenn die Umstände vor Ort das erlaubten.
Diese Umstände haben sich seit vergangenem Oktober, als zumindest auf dem Papier ein Waffenstillstand vereinbart wurde, zwar verbessert. Doch friedlich ist die Lage keineswegs. Das israelische Militär fliegt immer noch regelmässig Angriffe. Seine Truppen halten mittlerweile rund zwei Drittel des Gazastreifens besetzt. Den Menschen in dem von der Hamas kontrollierten Gebiet bleibt nur noch wenig Platz.
So stocken auch die grossen Wiederaufbaupläne von Trumps Board of Peace, das in Gaza eine palästinensische Technokratenregierung installieren will. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu stellt sich sogar öffentlich quer und weigert sich, seine Armee schrittweise zurückzuziehen, bis die Hamas alle Waffen abgegeben hat. Diese wiederum macht den Truppenabzug zur Bedingung für ihre Entwaffnung. Die Friedensbemühungen sind blockiert.
Das erschwert auch der Fifa die Arbeit. Und selbst wenn sie ihre Pläne umsetzen wollte, würde sie zurzeit wohl an den Umständen scheitern. Cogat, eine Einheit im israelischen Verteidigungsministerium, kontrolliert alles, was in den Gazastreifen eingeführt wird. Tausende Güter werden laut NGO-Berichten blockiert oder stark eingeschränkt. Material, das von der Hamas zweckentfremdet werden könnte, wird als sogenanntes Dual-Use-Material klassifiziert. Zurückgewiesen wurde auch schon eine Lieferung Schlafsäcke, weil sie in grüner Farbe waren, was offenbar ans Militär erinnert. Ob da Kunstrasen durchgelassen werden würde? Cogat hat auf eine Anfrage nicht reagiert.
Palästinensischer Fussballverband wusste von nichts
Erster Ansprechpartner der Fifa beim Aufbau der Fussballinfrastruktur im Gazastreifen müsste eigentlich der Palästinensische Fussballverband (PFA) sein. Doch dessen Sprecherin Dima Said sagt gegenüber der «NZZ am Sonntag», sie verfüge über keine offiziellen Informationen bezüglich der Pläne. Von dem Fifa-Abkommen habe sie aus Medienberichten erfahren. «Wir kennen weder die Details noch den Umsetzungsmechanismus, wir wurden in keiner Weise konsultiert», sagt Said.
Die PFA ist eines der 211 Fifa-Mitglieder und verantwortlich für die Organisation des palästinensischen Fussballs. Dass sie von der Fifa und dem Board of Peace bei der Planung der Projekte im Gazastreifen nicht einbezogen wurde, bezeichnet die Sprecherin Said als inakzeptabel. «Wir sind der Meinung, dass diese Angelegenheit sehr ernste Fragen zur Governance und zur Transparenz innerhalb der Fifa aufwirft», sagt Said. Man brauche und begrüsse Unterstützung. Doch sie müsse über die richtigen institutionellen Kanäle erfolgen.
Ahmed al-Karnz trainierte vor dem Krieg zwei-, dreimal pro Woche, achtete auf seine Ernährung und darauf, dass er gut schlief. Der 29-Jährige spielte unter anderem vier Jahre für al-Sadaka Sports, einen bedeutenden Verein im Gazastreifen. Als Spieler, sagt er, brauche er einen klaren Kopf, um sich auf den Sport zu konzentrieren. Doch jetzt hat der Fussball in seinem Leben nur noch wenig Platz. Al-Karnz muss sich darum kümmern, dass seine Familie Wasser und Essen hat, Treibstoff und Holz, um ein Feuer zu machen. «Ich habe hundert Dinge im Kopf. Wie soll ich Zeit finden, Sport zu treiben?», sagt er.
Der Krieg hat nicht nur weite Teile des Gazastreifens zerstört, sondern auch den palästinensischen Sport schwer getroffen. Seit dem Kriegsbeginn im Oktober 2023 wird in den palästinensischen Gebieten, im Gazastreifen und im Westjordanland kein organisierter Fussball mehr gespielt; nur die Nationalmannschaft bestreitet seither noch Partien.
Laut Verbandsangaben kamen im Krieg bisher 1014 Sportler ums Leben, unter ihnen 569 Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Funktionäre oder sonstige Mitarbeiter aus dem palästinensischen Fussballuniversum. Die Zahlen lassen sich – wie die Umstände und der Hintergrund der Getöteten – nicht unabhängig überprüfen. Erst kürzlich kündigte die PFA an, den Spielbetrieb im September wieder aufzunehmen. Es ist ein Schritt, der auch eine politische Dimension hat, er soll Widerstandskraft und Aufbruchstimmung vermitteln.
Der Unmut im Palästinensischen Fussballverband über sein Vorgehen im Gazastreifen kommt für den Fifa-Präsidenten Infantino zu einem schlechten Zeitpunkt. Nachdem der Schweizer seine Pläne, kommerzielle Rechte teilweise an private Investoren zu verkaufen, hat beerdigen müssen, kämpft er um seine Zukunft an der Spitze des Weltverbands. Für Infantino zählt nun jede Stimme. Ob er auf jene der PFA noch zählen kann, lässt der Verband auf Nachfrage offen.
Zwischen den Trümmern und Zeltstädten des Gazastreifens spielen Machtpolitik und Verbandsstimmen derweil keine Rolle. Für den Fussballer Ahmed al-Karnz zählt einzig, dass die Versprechen von Washington irgendwann den Gazastreifen erreichen. Er zweifelt nicht daran, dass die Hilfe eine ausgezeichnete Sache wäre. «Ich hoffe einfach, dass aus den Worten auch tatsächlich Realität wird», sagt er. Es ist ein Satz, den er an diesem Tag mehr als einmal wiederholt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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