Elbtunnel: Diese Raststätte gehört für viele zum Urlaubsbeginn

Quickborn. Der Plan klang von Anfang an gewagt. Im Grunde war es eine dieser romantischen Theorien, in die sich Journalisten verlieben, weil sie noch nicht von der Realität behelligt wurden. Könnte es nicht sei...

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Elbtunnel: Diese Raststätte gehört für viele zum Urlaubsbeginn

Quickborn. Der Plan klang von Anfang an gewagt. Im Grunde war es eine dieser romantischen Theorien, in die sich Journalisten verlieben, weil sie noch nicht von der Realität behelligt wurden. Könnte es nicht sein, hatte ich mich gefragt, dass die Deutschen schon auf dem Weg in den Urlaub in Urlaubsstimmung kommen? Und zwar, nachdem sie das letzte große Hindernis überwunden haben?

Zum Beispiel den Elbtunnel, einen der zuverlässigsten Staugaranten des deutschen Straßenverkehrs. Danach ist der Weg meist frei auf der A7, Deutschlands längster Autobahn, nach Dänemark, zu den Fähren, zur Nordsee, zur Ostsee, ans Meer eben. Müsste ich an der ersten Raststätte nördlich von Hamburg also nicht ausschließlich in erleichterte Gesichter sehen, weil sie die Schwelle zum Urlaub war? Dieser Ort hieß Holmmoor Ost.

Für meinen Plan hatte ich mir den geeignetsten aller Tage ausgesucht. Samstag, 18. Juli, Ferienanfang in NRW, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. „Mit dem Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen erreicht die Sommerreisewelle ihren nächsten Höhepunkt“, vermeldete der ADAC vergangene Woche nüchtern. Gegen acht Uhr war ich in Holmmoor Ost auf Höhe der Stadt Quickborn eingetroffen, der ersten bewirtschafteten Raststätte nach dem Elbtunnel.

Eine Tankstelle, ein Schnellrestaurant mit Shop, Toilette und Starbucks, ein mit Rindenmulch bedeckter Spielplatz, zwei E-Ladesäulen, ein eingezäunter Ententümpel, Tische, Bänke, Parkplätze. Solide 3,9 von fünf Google-Sternen, 4400 Bewertungen. Eine von 440 Raststätten an deutschen Autobahnen. Von hier aus waren es noch 150 Kilometer bis zur dänischen Grenze, 170 bis zum Sylt-Shuttle der Deutschen Bahn in Niebüll. Spätestens ab hier wird runtergezählt.

Die Raststätte Holmmoor Ost: Erstmal unscheinbar. Foto: Sebastian Dalkowski

Zunächst sah ich aber keine erleichterten Gesichter, sondern Menschen, die ihre Hunde ausführten. Sehr viele Menschen. Eine Autobahnraststätte ist vielleicht der einzige Ort, an dem alle Hundebesitzer ihre Hunde anleinen. Fast alle.

Da waren sie also, die Streber unter den Verkehrsteilnehmern, die sich um vier, fünf Uhr morgens in Wesel oder Aachen oder Wuppertal oder Siegen ins Auto gesetzt hatten, in die Familienkutschen mit Dachgepäck-Boxen, in die Wohnmobile, um vor allen anderen durch den Elbtunnel zu fahren. Und selbstverständlich hatten sie ihre Hunde mitgenommen und die mussten jetzt mal raus. Näpfe hatten sie auch dabei.

Hundelaufsteg Holmmoor Ost: Angeleint. Foto: Sebastian Dalkowski

Sowieso konnte ich den Menschen bei allem Möglichen zusehen. Beim Butterbrotdosen auspacken und die Inhalte auf Motorhauben oder Tische im Freien verteilen, die Dosen mit den Käsewürfeln und Weintrauben. Ich sah viele weiche Brötchen, No-Name-Capri-Sonnen, in Alufolie gewickelte Waffeln. Dieser Samstag markierte die inoffiziellen Weltmeisterschaften im Broteauspacken, und der Finalgegner hieß Holland. Zwar gab es auch Dänen, aber die fuhren nicht in den Urlaub, sondern wieder nach Hause.

Familienväter, die sich am Auto dehnen

Ich sah die Leute auch Kaffeebecher nach draußen tragen, vom Starbucks oder vom Dallmayr-Automaten, Kaffee, Kaffee, Kaffee, den trank man jetzt nicht mehr aus der Kanne, den trank man frisch aufgebrüht. Ich sah Familienväter bei ernsthaften Dehn- und Streckübungen, am Auto, mit Auto.

Weltmeisterschaft im Butterbrotdosen auspacken: Finalgegner Holland. Foto: Sebastian Dalkowski

Ich sah sie auch in ihrer Kleidung, die sich in zwei Kategorien aufteilte. Die einen, vor allem Jugendliche, hatten sich angezogen wie für den Netflix-Abend auf der Couch, Jogginghose, Kapuzenpullover, dazu Badelatschen, die man neuerdings auch draußen trägt. Nicht schön, aber schön bequem.

Die anderen trugen Kleidung, die ihnen ermöglichen sollte, das gute Wetter schon für die Ankunft herbeizumanifestieren, kurze Jeans-Shorts, gerne grün, dazu weiße Sneaker. Womit sie allerdings in Holmmoor Ost noch keinen Erfolg hatten. Den ganzen Tag über war es windig, bedeckter Himmel und 20 Grad, im Grunde das Wetter an der dänischen Küste und auf Föhr.

Ich sah Kofferräume, die Sternstunden der Logistik oder der puren Kraftanstrengung darstellten und die bis zur Ankunft auf keinen Fall geöffnet werden sollten, sondern nur von der Rückbank aus zu durchwühlen waren.

Kofferraumladung: Wo hatten wir noch mal die Taschentücher hingepackt? Foto: Sebastian Dalkowski

Ein Kleinkind verteilte vor neun Uhr ein Eis am Stiel gleichmäßig im und auf seinem Mund. Zur selben Zeit verdrückten Menschen im Restaurant Bockwürste im Brötchen.

Eis vor neun Uhr? Aber klar. Foto: Sebastian Dalkowski

Andere Menschen, vor allem Frauen, warteten in der Schlange vor den Sanifair-Toiletten. Die Schlange war schon um acht Uhr lang, um zehn noch länger. Man hatte den Elbtunnel geschafft, nur um hier aufgehalten zu werden. Männer gingen auf eine Wiese und erleichterten sich an Maschendrahtzäunen.

Ich sah die kleinen und größeren Dramen. Ein Reisebus hatte auf der Autobahn ein Auto gerammt, beide Parteien standen nun auf dem Rastplatz. Die Polizei befragte. Das Auto hatte einen Fahrradträger am Heck, ein Erwachsenen- und ein Kinderrad waren unbrauchbar geworden. Ich konnte den Familienvater aus dem Heidekreis, Niedersachsen, auch aus großer Entfernung laut telefonieren hören.

Wo sind die Chia-Brötchen?

Eine niederländische Familie hatte sich eine Schraube in den linken Vorderreifen gefahren. Sie wollten heute noch bis Dänemark, morgen mit der Fähre nach Norwegen.

Ich hörte in ihrer Schlichtheit wunderschöne Sätze:

„Wo sind denn die Chia-Brötchen?“, fragte der Mann. Die Frau wusste es auch nicht.

„Gucken, wie viel Millionen das da kostet“, sagte eine Frau vorm Betreten des Restaurants. Eine Banane kostete jedenfalls 1,99 Euro, das Knusperschnitzel mit Pommes 18,99 Euro.

„Es tut mir leid, bis nach draußen standen sie“, sagte die Frau entschuldigend zu den Familienmitgliedern, die am Auto auf sie gewartet hatten. Im Grunde ließen sich die Menschen in zwei Lager unterteilen: Menschen, die vor der Toilette warteten, und Menschen, die darauf warteten, dass sie zurückkehrten. Für einige wahrscheinlich die längste Trennung des Urlaubs.

In der Raststätte: Anstehen für den Ein-Euro-Sanifair-Gutschein. Foto: Sebastian Dalkowski

„Stell dir vor, du wärest um acht erst losgefahren …“, sagte auch jemand. Tja, dann steckte man jetzt im Elbtunnel fest, der auf den Stauradaren den ganzen Tag über nur eine länger werdende rote Linie war.

Okay, ich hatte Anzeichen in Aussicht gestellt, dass Menschen allmählich in Urlaubsstimmung kamen. Dafür war ich schließlich hergefahren.

Kinderweinen gab es kaum

Das erste Lächeln bemerkte ich im Gesicht einer Dänin. Aber im Laufe des Tages entwickelte ich die Theorie, dass Deutsche ihre Gelöstheit anders signalisieren. Als jemand auf der Suche nach einem Parkplatz, von denen es selten genug gab, hupte, fiel mir auf, dass nur selten jemand hupte. Als der Vater zur Tochter sagte: „Mann, wir wollen doch los“, und sie mit ihrem Matcha-Trunk aus dem Starbucks eilte, fiel mir auf: Es wurde nur wenig geschimpft.

Dann war da das Kleinkind, das sich zwischen Eis und Spielzeug entscheiden sollte, Eis wählte, danach aber auch das Spielzeug haben wollte und diesen Wunsch nun unterstrich, indem es die Eltern schlug und wütend weinte. Da fiel mir auf: Wenige Kinder weinten.

Es war eben vor allem die Abwesenheit stressbedingter Handlungen, die mir signalisierte: Die Leute kommen in den Urlaubsmodus. Schon die Tatsache, dass hier Menschen überhaupt auf den Rastplatz fuhren, sich die Familie eine halbe Stunde um die in Tupperware verpackten Lebensmittelvorräte vereinte, war für mich ein Zeichen von Entspannung.

Raststätten-Romantik: An der Nordsee wartet das Meer, in Holmmoor Ost dieser Ententümpel. Foto: Sebastian Dalkowski

Was aber auch bedeutete: Die, die wirklich im Stress waren, bretterten gleich durch bis zur Fähre oder zum Ferienhaus, um bloß nicht zu spät zu sein, und beschieden alle Wünsche der anderen Familienmitglieder nach Pause mit Sätzen wie „Pinkeln könnt ihr, wenn wir in Dänemark sind“ oder „Ich hab’ euch gesagt, frühstückt vernünftig“.

Das Kind mit Freude wickeln

Und dann gab es die, die gar nicht erst von zu Hause losfuhren, weil sie sich den Urlaub nicht mehr oder immer noch nicht leisten konnten. Laut Statistischem Bundesamt sind das 21 Prozent der Bevölkerung, denen selbst für einen einwöchigen Urlaub das Geld fehlt.

Ich entdeckte sie aber doch, die deutlichen Zeichen der Entspannung. Wenn Väter mit Freude ihre Kinder auf dem Raststättentisch wickelten. Wenn die Teenager-Tochter, mit Vater und Mutter im Schnellrestaurant sitzend, fragte: „Hab ich euch schon die Geschichte erzählt …?“ Hier rückte Familie zusammen, hier ließ man den Alltag hinter sich. „Na, wollen wir uns kurz hierhin setzen?“, fragte die Frau. Ja, wollten sie.

Auf dem Parkplatz: Familien um Essensvorräte versammelt. Foto: Sebastian Dalkowski

Und sowieso: Wer um neun Uhr Bockwurst aß oder um zehn Uhr Eis oder eine Tüte Doritos, der hatte den vereinbarten Ausnahmezustand namens Urlaub schon auf der Fahrt ausgerufen.

Was mich zu dem führt, was ich an dem Tag eigentlich begriff. Ich lernte, wie man den Urlaub beginnen ließ, noch bevor man im Ferienhaus, im Hotelzimmer, am Strand war.

Ich begriff es, als ich mal wieder auf die Toilettenschlange blickte, die mittlerweile bis ins Freie führte. Eine Tochter, die gerade von der Toilette zurückkehrte, erzählte ihrem Vater davon, wie sie erst das falsche Geldstück dabei hatte und dann doch noch ... und so weiter.

Der Elbtunnel im Kopf

Das hier war das erste Erlebnis des Urlaubs, von dem man vermutlich auch noch abends erzählen würde oder nach der Rückkehr, wisst ihr noch, wie wir eine Stunde … Oder weißt du noch, wie wir vom Reisebus gerammt worden waren und abends irgendwie doch ins Hotelzimmer kamen? Oder wisst ihr noch, die Schraube im Vorderreifen, wie der Mann vom ADAC kam, uns so weit wie möglich half und wir doch noch rechtzeitig die Fähre nach Norwegen erwischten?

Auch im Urlaub drohten weitere Wartezeiten, wieder vor Toiletten, vor Eisdielen, vor Freizeitparkattraktionen, vielleicht auch bloß vorm Strandkorbverleih. Die Fahrt gehörte schon deshalb zum Urlaub, weil sie auf ihn vorbereitete. Es ist nicht entscheidend, man sehe mir meinen Pathos nach, den Elbtunnel zu überwinden, sondern den Elbtunnel im eigenen Kopf. Nur der hält einen vom Glück ab.

So selten wie Heu im Heuhaufen: ein Stau am Elbtunnel. Foto: dpa

Nicht denken, wenn ich das geschafft habe, dann wird’s gut, sondern den organisierten Regelbruch von Beginn an umarmen. Man würde ja ohnehin anfangen, unabhängig von Uhrzeiten zu essen, viel zu viel Geld für überteuerte Dinge auszugeben, Kleidung ohne Rücksicht auf andere oder auf Stil auszuwählen, deshalb sollte man mit alldem auch schon auf der Fahrt beginnen. Bockwurst um neun, Chips um zehn, Eis allerspätestens um elf.

Raststätten sind, folgt man dem französischen Anthropologen Marc Augé, eigentlich Nicht-Orte wie Flughäfen und Bahnhöfe. Nüchterne Orte ohne eigene Identität, ohne allzu viel Kommunikation, vollständig zweckgebunden, die man sobald wie möglich wieder verließ. Holmmoor Ost aber war, diesen Eindruck gewann ich, an diesem Samstag eine der Gelegenheiten, sich der Gemeinschaft der Familie zu vergewissern und den Urlaub einzuläuten.

Dieser verfluchte Elbtunnel

Ich hörte, das möchte ich noch sagen, später auf der Raststätte jemanden in sein Handy fluchen, eine glühende Zigarette in der Hand. Ich weiß, das, was jetzt folgt, klingt nun wirklich wie ausgedacht, aber genau aus diesem Grund lief ich mehr als zehn Kilometer über den Rastplatz: um genau solche Szenen zu erwischen. Jedenfalls, der Mann schimpfte über den Elbtunnel. Bis in den Elbtunnel hinein sei alles gut gewesen, dann aber sei der Stau losgegangen.

Es gibt einen sehr speziellen Grund für dieses Phänomen, das habe ich nachgelesen. Manchmal hat der Stau im Elbtunnel nicht bloß mit zu vielen Autos zu tun, sondern damit, dass der Tunnel in der ersten Hälfte leicht bergab führt, eben unter der Elbe hindurch. Und dann, wenn die Straße nach der Elbe wieder aufwärts führt, vergessen die Leute, rechtzeitig wieder mehr Gas zu geben und werden langsamer. Die hinter ihnen müssen auch langsamer werden und plötzlich müssen alle bremsen.

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Einfach rechtzeitig stärker aufs Gaspedal treten, wenn's wieder bergauf geht, dann haben alle was davon. Das gilt im Elbtunnel, das gilt im Urlaub.

Erstpublikation: 24.07.2026, 04:00 Uhr.