Felix Mitterers "Feuernacht" in einem nackten Abbruchhaus in Telfs

Sommertheater Felix Mitterers "Feuernacht" in einem nackten Abbruchhaus in Telfs Das Stück um Sabotageakte im Südtirol-Konflikt ging bei den Volksschauspielen mit Patina über die Bühne – Standing Ovati...

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Felix Mitterers "Feuernacht" in einem nackten Abbruchhaus in Telfs

Sommertheater

Felix Mitterers "Feuernacht" in einem nackten Abbruchhaus in Telfs

Das Stück um Sabotageakte im Südtirol-Konflikt ging bei den Volksschauspielen mit Patina über die Bühne – Standing Ovations für alle, für den Autor noch extra

Margarete Affenzeller

Eine mehrstöckige Bühne in einer Ruinenkulisse, dargestellt mit verschiedenen Szenen: Ein Musikerensemble oben, ein Wohnraum in der Mitte und ein Verhörszenario in Uniformen unten. Rechts ein großer Bildschirm mit dem Porträt eines jungen Jungen. Im Vordergrund Schutthaufen.
Szenenbild aus "Feuernacht" bei den Volksschauspielen Telfs, inszeniert in einem Abbruchhaus der sogenannten Südtiroler Siedlung. In großer Projektion zu sehen ist ein Detail aus dem Gemälde "Der verwundete Engel" von Hugo Simberg.

Unmittelbar vor Vorstellungsbeginn brandet auf der Tribüne der Volksschauspiele Telfs Applaus auf, und im Nu stehen alle. Felix Mitterer (78), Autor der diesjährigen Eigenproduktion, ist mit Geleit aufgetaucht. Trotz all seiner anderen literarischen Stoffe ist er der Tiroler Heimatdichter geblieben, und das Publikum dankt es ihm. Zeit seines Lebens wird Mitterer vor Ort gefeiert, sei es in Erl, im Zillertal oder eben in Telfs, wo nun Feuernacht Premiere hatte. Darin geht es um die historische Wunde der Abspaltung Südtirols von Österreich und den Keil, den die spätere "Option", sich zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich zu entscheiden, in die Gesellschaft getrieben hat.

Mitterer griff dieses von der Politik den Menschen überlassene Dilemma in seiner Südtiroler Familiensaga Verkaufte Heimat auf, die ab 1989 vom ORF als Fernsehserie ausgestrahlt wurde. 2019 zeigten die Volksschauspiele die beiden ersten Teile, nun flossen die beiden letzten in eine Bühnenfassung des Tiroler Autors Peter Lorenz (Jahrgang 1994). Der Fokus richtet sich darin auf die Sabotageakte, vornehmlich die Sprengung von Strommasten, die Südtiroler verübten, um die ihnen zwar zugesprochene, aber nicht umgesetzte Selbstbestimmung zu erkämpfen. Die umfänglichste Aktion war die sogenannte Feuernacht im November 1961. Wir sind also in den Sixties.

Südtiroler Siedlung

Die Volksschauspiele Telfs unter der Intendanz von Gregor Bloéb haben dafür einen historischen Schauplatz adaptiert: die sogenannte Südtiroler Siedlung im Norden der Marktgemeinde Telfs, wo – wie andernorts ebenso – einst aus dem italienischen Staatsgebiet ausgewanderte Südtirolerinnen und Südtiroler (86% haben sich infolge des Hitler-Mussolini-Pakts 1939 dafür entschieden) eine neue Bleibe fanden. Bevor das letzte Einfamilienhaus dieser Siedlung bald vollständig abgerissen wird und dem gemeinnützigen Wohnbau zufällt, beanspruchen die Volksschauspiele dessen noch stehende Hälfte. Das Publikum von Feuernacht blickt also auf eine Ruine, auf einen nackten Querschnitt aus Ziegelwänden und Schuttbergen, ein frappierendes Abbild von Unbehaustheit.

Ein Bühnenbild der Aufführung
Die Südtirol-Frage führte zu Gewalt, auch innerhalb von Familien, der Pfarrer im Stück "Feuernacht" bei den Volksschauspielen Telfs (Thomas Widemair) verbietet sich jedes Menschenopfer.

Auf drei Etagen sowie am Freigelände rundherum spielen sich die Konflikte innerhalb und zwischen den Familien Rabensteiner, Tschurtschentaler und Magalone sowie der übrigen Bevölkerung (Pfarrer, Carabinieri, Geheimdienstler, Bauern u.a.) ab. Es wird vorwiegend Tirolerisch und Italienisch gesprochen. Lokalkolorit kommt auch durch Tracht ins Spiel, die auf die Sixties-Mode der jungen Leute trifft (Kostüme: Esther Frommann).

Eine Baustelle wie diese bietet schweres Gerät auf, das sich Regisseur Thomas Gassner nicht scheut einzusetzen. Als stünde eine Papstmesse in Vorbereitung, hievt der Baukran ein riesiges Eisenkreuz von hinten über das Hausdach vor die Zuschauertribüne, wo es an der Seite in den Schuttberg gesetzt wird (Technische Leitung: Tobias Hartung von Hartungen). Zum Einläuten der Pause kommt auf gleiche Weise der metallener Adler geflogen (aus dem Tiroler Wappen?), der die Botschaft auch auf Italienisch überbringt: "Intervallo".

Helf da Gott!

Im angrenzenden Gastro-Zelt, wo es Brennerwürstel oder Tiroler Gröstl gibt, läuft alles wie am Schnürchen. Die Bier- und Stehtische, wo es zu Beginn noch so heiß war, dass sich manch einer seiner Schuhe entledigte und wo Gregor Bloéb vom Sockel zweier Bierkisten leger begrüßte, sind gedeckt für alle, die in der Pause vorbestellt haben. Im Merchandise-Eck (Taschen, Kochschürzen mit Dynamitrollen-Aufdruck) werden Mitterer-Briefmarken feilgeboten, drei Stück um zehn Euro. Dazu Alpenglühen über der Mieminger Kette. Jemand niest – "Helf da Gott!"

Ein Kranelement dient horizontal als Brückensteg zwischen Schuttberg und Haus, hier finden die Anschlagsszenen statt, wird die Tiroler Flagge von der italienischen Polizei angezündet, hier braust der zwänglerische Pro-Italiener (Fabian Mair Mitterer) mit dem Mofa herunter, dessen rigidem Verhalten Mutter (Lisa Hörtnagel) und Vater (Lukas Spisser) nicht folgen können. Hier wird Hermann Tschurtschentaler (Markus Oberrauch) verhaftet, hier verzweifelt im Staub seiner eigenen Wutausbrüche der gekaufte Revoluzzer Alfons (Lenz Moretti). Im Keller wird sein Vater (Lukas Lobis) gefoltert. "Ich hob nochgedenkt", heißt es öfters in den Geheimzellen der Anschlagsplaner.

Angelus Novus

Die Ehefrauen (Brigitte Jaufenthaler, Lisa Laner) werden nicht müde, die Männer von den gefährlichen Sabotageplänen abzuhalten. Viel Text wirft das nicht ab, auch sonst bleiben die Rollen einem alten Geschlechterbild verhaftet. Kurzum, es ist ein Männercast, in dem Frauen keine Akteurinnen sind. Das fällt nicht weiter auf, auch neun von zehn Grußworten im Programmheft kommen von Männern.

Zurecht viel Applaus erntete Herbert Pixner mit seiner vierköpfigen Liveband, die sich mit anrührend-mitreißenden Klängen aus der zweiten Etage des Gebäudes ins Geschehen einmischte und neben Bild- und Filmprojektionen (auf einer mittigen Fläche am Haus) die wechselnden Stimmungen vorgab. Von dieser Projektionswand schaut auch einmal Paul Klees Angelus Novus herab, der "Engel der Geschichte", der sein Gesicht der schockierenden Vergangenheit zuwendet. Ihr haben sich die Volksschauspiele – wenn auch mit Patina – erneut gestellt. (Margarete Affenzeller, 31.7.2026)

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