Deutschtümelnd und völkisch So will die AfD Sachsen-Anhalt verändern

AfD in Sachsen-Anhalt Alles so hässlich, seit der deutschen Einheit01.09.2026 - 01:18 UhrLesedauer: 5 Min.Wird Sachsen-Anhalt AfD-Land? Und wenn ja, was ist das für ein Land? Ein sehr deutsches Land, klar. Ist ...

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Deutschtümelnd und völkisch So will die AfD Sachsen-Anhalt verändern

AfD in Sachsen-Anhalt

Alles so hässlich, seit der deutschen Einheit


01.09.2026 - 01:18 UhrLesedauer: 5 Min.

Wird Sachsen-Anhalt AfD-Land? Und wenn ja, was ist das für ein Land? Ein sehr deutsches Land, klar. Ist es auch lebens- und liebenswert? Ein Streifzug durch die blaue Zukunft.

Alles Flachzangen. Sagt Alice Weidel. Merz, Klingbeil, die ganze Bagage in Berlin. Ich bin kein Handwerker, musste erst mal googeln. Eine einfache Zange zum Greifen, Halten oder Biegen, umgangssprachlich als Schimpfwort benutzt.

Im TV-Duell der Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt fragte der Moderator den AfD-Star Ulrich Siegmund, ob sein Kontrahent Sven Schulze von der CDU auch so eine Flachzange sei. Siegmund, der sonst ohne Punkt und Komma drauflos schnattert, war einen Moment sprachlos. Man sah es in ihm arbeiten. Sollte er dem Regierungschef von Angesicht zu Angesicht diese kleine Beleidigung um die Ohren hauen? Oder besser staatsmännisch auftreten, als selbst ernannter Ministerpräsident in spe? Er zog sich aus der Affäre: Menschlich sei Schulze keine Flachzange, politisch schon.

Die AfD will in Sachsen-Anhalt regieren. Weil die Flachzangen von den Altparteien es verbockt haben. Alles. Energiepreise, Steuern und Abgaben: viel zu hoch. Rente zu niedrig. Straßen und Plätze sind nicht sicher. Ausländer werden lax behandelt, die eigenen Leute dürfen nicht mehr sagen, was sie denken. Das ganze Geld geht an die Flüchtlinge. Oder in die Ukraine. Sie kennen die Litanei, ob Weidel, ob Siegmund, für die Rechten steht Deutschland im Allgemeinen und Sachsen-Anhalt im Besonderen kurz vor dem Exitus.

Uwe Vorkötter

(Quelle: Reinaldo Coddou H.)

Zur Person

Uwe Vorkötter gehört zu den erfahrensten Journalisten der Republik. Seit vier Jahrzehnten analysiert er Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, er hat schon die Bundeskanzler Schmidt und Kohl aus der Nähe beobachtet. Als Chefredakteur leitete er die "Stuttgarter Zeitung", die "Berliner Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau". Er war Herausgeber von "Horizont", einem Fachmedium für die Kommunikationsbranche. Bei t-online erscheint jeden Dienstag seine Kolumne "Elder Statesman".

Der AfD wird oft vorgeworfen, sie suhle sich geradezu in Untergangsfantasien. Das stimmt. Aber das ist nicht alles. In Sachsen-Anhalt tritt Siegmund mit einem 258 Seiten starken Programm an, das kann man Punkt für Punkt auseinandernehmen, dies ist nicht bezahlbar, für jenes ist der Bund zuständig, da hat das Land nichts zu sagen. Welche Grenzen will Sachsen-Anhalt eigentlich schließen, das Land ist umgeben von Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen, haha. Andere lesen das Programm als Manifest des faschistischen Umsturzes, Siegmunds Kampf. Nun ja, wir wollen nicht übertreiben.

Dieses Programm enthält immerhin eine Vision. Es zeichnet das Bild eines Landes, wie es sein sollte, aus der Sicht der AfD. Ist das ein lebens- und liebenswertes Land?

Familien sollten möglichst viele Kinder haben

Am Anfang steht für die AfD die Familie, "bestehend aus Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern". Kennen Sie junge Paare, die möglichst viele Kinder wollen? Sollte der Staat sie zur Großfamilie drängen? Die AfD sorgt sich, sonst werde das deutsche Volk aussterben. Ulrich Siegmund ist 35 Jahre alt, seine Frau arbeitet als Schulsozialarbeiterin. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, eine weitere brachte Siegmunds Frau mit in die Ehe. Offenbar richten sie ihr Leben nicht am Programm seiner Partei aus.

Für die ersten beiden Kinder gibt es im AfD-Land ein Baby-Begrüßungsgeld von 2.000 Euro, für jedes weitere 4.000 Euro. Das ist ein schönes Versprechen. Kostenlose Kita, kostenloses Mittagessen in der Schule – wir wollen hier nicht gleich übers Geld reden, als sozialpolitisches Ziel ist das respektabel. Wenig respektabel sind aus Sicht der AfD "sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen". Genauer wird das nicht ausgeführt, aber ich vermute, die Lebensweise von Alice Weidel und ihrer Partnerin ist damit gemeint.

Zurück zur Familie mit möglichst vielen Kindern, die kommen bald in die Schule. Wenn überhaupt. Die Schule ist ein Angebot, das der Staat vorhalten muss, aber es gibt im Land der AfD keine Schulpflicht: "Das Recht auf Hausunterricht ist als Elternrecht zu begreifen." Die Besserverdienenden können also einen Hauslehrer engagieren, wie die Adeligen im 19. Jahrhundert. Und Sektierer und Spinner aller Art bringen ihren Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen selbst bei. Ist das ein gutes Gesellschaftsmodell?

Nicht, dass Flüchtlingskinder auch noch Deutsch lernen

"Kinder gehören in die Schule!" Das steht andererseits auch im AfD-Programm. Aber das gilt nur für Flüchtlingskinder, die sollen vorzugsweise in eigenen Klassen in ihrer Heimatsprache unterrichtet werden. Nicht, dass die auch noch Deutsch lernen!

Für die deutschen Kinder, egal ob in der Schule oder im Hausunterricht, ändert sich einiges. Sie lernen wieder Russisch, wie früher in der DDR. Auch der Schüleraustausch mit Russland wird wiederbelebt, sofort, egal ob Krieg herrscht oder nicht. Gehört zum Elternrecht auch die Entscheidung, die eigenen Kinder aktuell nicht nach Moskau oder Sankt Petersburg zu schicken? Steht nicht im Programm.

Der Geschichtsunterricht wird sich ändern. Mehr Bismarck, weniger Hitler! Überhaupt, nicht nur in der Schule wendet sich die AfD gegen die "Verewigung des Schuldkomplexes", dagegen hilft nur eine neue, patriotische Kulturpolitik. "Von Heinrich I. und Otto I. über Luther bis hin zu Bismarck und Nietzsche: Aus Sachsen-Anhalt kommen Figuren, die Deutschland entscheidend geprägt haben. Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts war im Mittelalter das Zentrum des deutschen Reiches." Ja, großartig. Die Merseburger Zaubersprüche werden wieder gelehrt, althochdeutsch, 9. Jahrhundert.

Unverkrampft mit der deutschen Geschichte umgehen

Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt war allerdings auch Standort des KZ Langenstein-Zwieberge und der Tötungsanstalt Bernburg, eines Zentrums der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde. Die AfD will mit der deutschen Geschichte unverkrampft umgehen. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, das größte Menschheitsverbrechen, das von deutschem Boden ausging, in deutschem Namen, daran erinnern laut AfD "von Selbsthass geprägte, zerknirschte Regenbogen-Deutsche". Die rechte Partei kennt keine Demut, nur "gesundes Selbstbewusstsein". Das kann sehr ungesund sein.

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Ein Problem hat Siegmund mit einer "umstrittenen Architekturschule", ich nehme an, er meint das Bauhaus in Dessau. Weltkulturerbe, mehr als hundert Jahre alt, eine Schule für Kunst und Handwerk, Symbol der architektonischen Moderne, von den Nazis geschlossen. Jedes andere Land würde sich um dieses Erbe reißen, nur AfD-Land nicht.

Obwohl man sich sehr fürs Bauen interessiert. "Öffentliche Gebäude, die nach 1990 in Sachsen-Anhalt errichtet wurden, sind oft von einer außerordentlichen Hässlichkeit", heißt es im Programm. Nach 1990, West-Bauten. Vorher war die große Zeit der DDR-Bauten, Halle-Neustadt, Wolfen-Nord. Darüber sagt die AfD nichts. Egal, es geht um die Zukunft. Die AfD wird die Bauordnung ändern: "Wir orientieren uns an einer von Donald Trump während seiner ersten Amtszeit erlassenen Exekutivorder. Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden und müssen historische Identität widerspiegeln." Donald Trump, Vorreiter des guten Geschmacks. Na denn.

Ach, das AfD-Land hat so seine Eigenarten. Es lehnt "kulturfremde" Fachkräfte ab, das machen wir alles selbst, am Bau, in der Pflege, in der Gastronomie. Hoffentlich werden die möglichst vielen Kinder rechtzeitig groß. Die "Kirchensteuer-Kirchen" werden abgemeiert, die Moped-Kultur wird geschützt, es wird "wieder niveauvolle informierende und bildende Medien" geben. Wieder. Wann gab es die zuletzt? Als die "Aktuelle Kamera" sendete? Und ein "Kessel Buntes"? Da lacht der Bär. Das war auch eine Unterhaltungsshow im DDR-Fernsehen.

"Wir brauchen keine betreute Meinung, sondern echten Pluralismus! Medien müssen wieder das ganze Meinungsspektrum abbilden." Eine gute Forderung. Der nächste Satz im AfD-Programm lautet: "Radio Corax den Geldhahn zudrehen!" Freie Meinung, sofern es die rechte Meinung ist. Die Rundfunkstaatsverträge werden gekündigt, als Erstes. Kein MDR, kein ZDF. Tagesschau und Sportstudio kann man bestimmt schwarzsehen, wie früher.

Die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt müssen selbst entscheiden, ob dieses Land ihr Land ist. Meins wäre es nicht. Zu eng, zu unfrei, zu starr, deutschtümelnd und völkisch. Die Leute, die dieses Land schaffen wollen, das sind doch Flachzangen, oder etwa nicht?