Experten schlagen Alarm: Milliarden-Wette auf grünen Stahl droht zu scheitern
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Stand: 05.08.2026, 14:16 Uhr
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Eine PwC-Studie stellt Deutschlands Stahlstrategie infrage: Selbst die Direktreduktion sei langfristig kaum wettbewerbsfähig. Experten widersprechen.
Düsseldorf – Milliardenschwere Subventionen, ein industriepolitisches Vorzeigeprojekt – und trotzdem könnte am Ende nichts davon übrigbleiben: Eine Studie der Unternehmensberatung PwC stellt die Strategie der deutschen Stahlbranche grundlegend infrage. Das Ergebnis der Berater: Ein großer Teil der Produktion wird in ihrer heutigen Form in praktisch allen denkbaren Zukunftsszenarien unwirtschaftlich. Für die Untersuchung haben die Experten die Herstellungskosten von Stahl unter verschiedenen Rahmenbedingungen, an unterschiedlichen Standorten und mit verschiedenen Technologien verglichen.

„Der klimabedingte Transformationsbedarf der deutschen Industrie ist tiefgreifender als vielleicht erwartet“, sagt PwC-Partner Andree Simon Gerken. Während globale Wettbewerber diesen Wandel bereits für Entwicklungssprünge genutzt hätten, müssten sich Deutschland und Europa ihre Daseinsberechtigung im globalen Wettbewerb neu erkämpfen.
Selbst die grüne Alternative gilt als gefährdet
Dass die klassische Hochofenproduktion, bei der Eisenerz durch die Verbrennung von Koks zu Roheisen reduziert wird, keine Zukunft mehr hat, gilt in der Branche längst als ausgemacht – zu hoch sind die CO₂-Emissionen. Brisant ist jedoch ein anderer Befund der Studie: Auch die als klimafreundlicher geltende Direktreduktion, bei der künftig Wasserstoff statt Kohle zum Einsatz kommen soll und in die deutsche Hersteller bereits Milliarden gesteckt haben, sehen die Berater hierzulande langfristig als kaum konkurrenzfähig an.
Dabei fließen allein an Thyssenkrupp Steel, Salzgitter und die Stahl-Holding-Saar staatliche Beihilfen von deutlich mehr als fünf Milliarden Euro für die Umstellung auf CO₂-arme Produktion. Erst im Februar hatte der Bund die Förderung für Salzgitter um weitere 322 Millionen Euro aufgestockt. Die Bundesregierung hat den Umbau der Stahlindustrie zu einem zentralen Baustein ihrer Industriepolitik gemacht – die Studienergebnisse rütteln nun an dieser Strategie.
Drei Szenarien, ein Ergebnis: Deutschland verliert
Ob die milliardenschweren Investitionen zu Fehlinvestitionen werden, hängt laut der Studie von der weiteren Entwicklung ab – in allen drei durchgerechneten Szenarien verliert Deutschland jedoch die Primärstahlproduktion:
- Importgetriebener Wandel: Energie und Eisenerz bleiben in Europa teuer, in Nordamerika oder Asien dagegen günstig. Der CO₂-Preis liegt 2030 bei moderaten 126 Euro pro Tonne, wirksame Schutzzölle gegen klimaschädlich produzierten Importstahl fehlen. Die Folge: Die Primärstahlproduktion wandert weitgehend in die Golfstaaten und nach Indien ab.
- Ausgewogener Übergang: Der CO₂-Preis steigt 2030 auf 145 Euro pro Tonne, klimafreundlicher Stahl gewinnt an Bedeutung. Doch auch anderswo verteuern sich Energie und Eisenerz. Ab 2035 importiert Europa zwar mehr Stahl, baut aber auch eigene Kapazitäten aus – vor allem in Skandinavien, wo klimafreundlicher Wasserstoff günstig zu erzeugen ist. Im übrigen Europa dominiert eher Sekundärstahl aus eingeschmolzenem Schrott.
- Europäische Eigenversorgung: Auch hier liegt der CO₂-Preis 2030 bei 145 Euro. Dank starker politischer Unterstützung steht der europäischen Industrie Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung, während sie in anderen Regionen teuer bleibt. Importe spielen kaum eine Rolle – dennoch verlagert sich die Primärstahlproduktion nach Skandinavien, während Deutschland vor allem seine Sekundärstahlkapazitäten ausbaut.
Zollschranken würden unrealistisch hoch ausfallen müssen
Als Schutzschild für europäischen Stahl plant die EU bislang den Mechanismus CBAM: Unternehmen, die CO₂-intensive Stahlprodukte von außerhalb der EU importieren, sollen eine Art Klimazoll zahlen. Die Studienautoren zeigen sich skeptisch, dass dies ausreicht: „Der Kostenvorteil außereuropäischer Standorte ist in vielen Szenarien so groß, dass die erforderlichen Zollsätze unrealistisch hoch wären.“
Der Grund: Länder wie Indien oder die Golfstaaten können Direktreduktionsanlagen mit deutlich geringeren Arbeitskosten bauen als Europa. Zudem lässt sich in sonnenreichen Regionen klimafreundlicher Wasserstoff aus Solarstrom günstiger herstellen.
Zukunft liegt im Know-how, nicht im Material
Für Europa bleibt den Studienautoren zufolge neben der Sekundärstahlproduktion aus Schrott vor allem ein Weg: mehr Innovation. „Zukunftsfähig sind in Deutschland jene Produkte und Fertigungsschritte, bei denen der Know-how-Anteil am Produktwert den Materialwert übersteigt“, heißt es in der Studie.
Einfache Verarbeitungsschritte wie Walzen, Stanzen, Biegen oder Schneiden könnten künftig ebenso gut dort stattfinden, wo das Material hergestellt wird – also außerhalb Deutschlands. Stattdessen gelte es, sich auf kundenspezifische Lösungen, Spezialstähle sowie Komponenten mit hohen Anforderungen an Material, Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit zu konzentrieren.
Widerspruch aus der Beraterzunft
Nicole Voigt, Partnerin bei der Unternehmensberatung BCG und Stahlexpertin, widerspricht der düsteren Prognose in Teilen. „Direkt reduzierten Eisenschwamm vollständig in Deutschland herzustellen, wird wirtschaftlich kaum funktionieren. Aber daraus folgt nicht, dass die Primärstahlproduktion aus Deutschland verschwindet“, sagt Voigt. Als Eisenschwamm wird Roheisen bezeichnet, das nicht mit Kohle, sondern mithilfe von Gas reduziert wird. Realistisch sei stattdessen eine Mischkalkulation aus heimischer Herstellung und Importen.
Auch beim Kostenargument widerspricht sie: „Die Herstellungskosten von Stahl waren in Deutschland und Europa immer schon höher als anderswo. Dennoch konnte sich heimischer Stahl behaupten, zum Beispiel aufgrund höherer Qualität.“
Eine vollständige Importabhängigkeit hält Voigt zudem für riskant: „Eine hundertprozentige Abhängigkeit von importiertem Eisenschwamm wäre keine tragfähige Strategie. Lieferketten können unterbrochen werden – deshalb braucht Europa eigene Kapazitäten und eine diversifizierte Versorgung. Wer den gesamten Eisenschwamm aus dem Nahen Osten beziehen will, muss auch geopolitische Risiken einpreisen.“ Sie geht davon aus, dass die drei geplanten Direktreduktionsanlagen von Thyssenkrupp Steel, Salzgitter und der Stahl-Holding-Saar gebaut werden und langfristig auch in Betrieb bleiben.
Konzerne pochen auf Wirtschaftlichkeit
Auch Thyssenkrupp Steel, Deutschlands größter Stahlhersteller, investiert bereits in eine solche Anlage und baut sie derzeit. Ein Verlust der Primärstahlproduktion würde nach Einschätzung einer Unternehmenssprecherin die wirtschaftliche Resilienz und technologische Souveränität Europas schwächen. Sie erklärt weiter: „Zudem kann der zukünftige Stahlbedarf nicht allein durch eine Sekundärstahlproduktion auf Basis von Schrott gedeckt werden, da hierfür nicht ausreichend Schrottmengen in der erforderlichen Qualität und Verfügbarkeit zur Verfügung stehen. Eine leistungsfähige Primärstahlproduktion bleibt daher unverzichtbar.“
Zurückhaltender äußert sich der Stahlhersteller ArcelorMittal. Grundsätzlich müssten weitere Transformationsschritte wirtschaftlich sein, sagt ein Pressesprecher des Unternehmens. Dafür brauche es neben einem neuen Handelsschutzinstrument und einem wirksamen CBAM vor allem angemessene Förderung und wettbewerbsfähige Energiepreise. Erst im vergangenen Jahr hatte der Konzern den geplanten Bau von Direktreduktionsanlagen in Bremen und Eisenhüttenstadt gestoppt. Der Sprecher begründet dies so: „Der Umfang und die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieversorgung reichen noch nicht aus, um auf eine Stahlproduktion auf Basis von grünem Wasserstoff und direkt reduziertem Eisen umzustellen.“
Stattdessen investiere ArcelorMittal weltweit dort, wo die Bedingungen stimmen – in Regionen „mit guten natürlichen Ressourcen und günstigen Rahmenbedingungen“. In Europa betreibt der Konzern nach eigenen Angaben bereits eine Direktreduktionsanlage in Hamburg, weltweit sind es insgesamt schon 20 Anlagen an sieben Standorten. (Quellen: Handelsblatt, PWC) (han)