Leichtathletik-EM: Die Geher sollen mehr Aufmerksamkeit bekommen

Athleten wie dem Deutschen Christopher Linke ist die Aufmerksamkeit auch an der EM nicht sicher. Der Weltverband will ihre Disziplin attraktiver machen. Das kommt nicht bei allen gut an.

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Leichtathletik-EM: Die Geher sollen mehr Aufmerksamkeit bekommen

«Es wird oft übersehen, wie talentiert und schnell unsere Geher unterwegs sind»: Die Aussenseiter der Leichtathletik werden ins Rampenlicht geschoben

Athleten wie dem Deutschen Christopher Linke ist die Aufmerksamkeit auch an der EM nicht sicher. Der Weltverband will ihre Disziplin attraktiver machen. Das kommt nicht bei allen gut an.

Bertram Job14.08.2026, 14.04 Uhr

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Die Geher gehen los – hier beim 35-Kilometer-Wettkampf der Männer an der Leichtathletik-WM in Tokio 2025.

Die Geher gehen los – hier beim 35-Kilometer-Wettkampf der Männer an der Leichtathletik-WM in Tokio 2025.

Jan Papenfuss / Imago

«Eine aufregende Erfahrung für Athleten und Fans.» Das versprechen die Veranstalter der Leichtathletik-EM, wenn Europas beste Geherinnen und Geher unterwegs sind. Am Samstagmorgen um 7 Uhr 30 Ortszeit setzen sie sich auf der Colmore Row in Birmingham in Bewegung.

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Ein Fuss stets am Boden, das vordere Bein beim Bodenkontakt gestreckt. Die skurril anmutende Motorik und die vor Schweiss glänzenden Gesichter werden die Zuschauer hinter den Sperrgittern dabei immer wieder aus nächster Nähe sehen. Die Athleten absolvieren nach dem Knall der Startpistole eine Rundkursstrecke von einem Kilometer. Mitten im Stadtzentrum nahe der Town Hall.

So soll die ebenso traditionsreiche – seit 1932 olympische – wie wenig sichtbare Disziplin für einmal in den Mittelpunkt gerückt werden.

Ein richtiger Geher ist «im Tunnel» am besten

Der deutsche Hoffnungsträger Christopher Linke stellt sich auf «ein ziemliches Chaos» ein. Die beiden neu festgelegten Distanzen für Männer und Frauen, Halbmarathon und Marathon, werden zeitgleich ausgetragen.

Damit wickelt man rund 130 Aktive und vier Wettkämpfe auf einmal ab. Das scheint schwer durchführbar. Die Startfelder werden sich von Anfang an so vermischen, dass jeder Überblick verlorengeht. Zudem wird es den Streckenposten erschwert, Fehler in der Gangart der Athleten zu erkennen. Für solche droht die gelbe Karte als Verwarnung. Die rote Karte führt zur Disqualifikation.

«Vielleicht werden ja alle durchgewinkt, bis der Halbmarathon zu Ende ist», sagt Linke. Wie dem auch sei, Linke will aufs Podest. 2022 gewann er an der EM in München Silber über 35 Kilometer. Vor der diesjährigen EM hat er mit vier Teamgefährten viereinhalb Wochen in St. Moritz trainiert.

Christopher Linke tritt als einer der Medaillenfavoriten in Birmingham an.

Christopher Linke tritt als einer der Medaillenfavoriten in Birmingham an.

R. Schmitt / Imago

Linke wird als einer von fünf, sechs Medaillenkandidaten für die lange Distanz gehandelt. Er kann nur hoffen, dass er und seine Mitbewerber sich auf der Strecke nicht allzu sehr ins Gehege kommen – und er als 37-Jähriger den Jüngeren noch einmal die Hacken zeigen kann.

Ein richtiger Geher ist immer dann am besten, so heisst es, wenn er «im Tunnel» ist. Dann scheinen sich alle Bewegungsabläufe von allein zu synchronisieren: Abdruck, Schwung, Stand, Abdruck, Schwung, Stand. Aber dieser Zustand ist empfindlich und wird schnell gestört. Viel spielt sich im Kopf ab, «viel mehr als man denkt», sagt Linke. Denn: «Eigentlich sind wir alle gleich schnell.» Schwierige Anforderungen, zumal sich die Athleten in letzter Zeit auf immer neue Distanzen einstellen mussten.

So wurden die 50 Kilometer vom Verband World Athletics 2022 auf 35 Kilometer verkürzt. 2026 wurde die Strecke auf Marathonlänge gestreckt. Gleichzeitig wurden die 20 Kilometer minimal zum Halbmarathon verlängert. Für den Weltverbandspräsidenten Sebastian Coe ist das ein Schritt, um die Geherwettbewerbe für die Zuschauer attraktiver zu gestalten.

Das Publikum kann die Zeiten nun mit denen der Marathonläufer abgleichen und somit besser einschätzen. So erklärte es Coe zu Jahresbeginn. Schliesslich werde «oft übersehen, wie talentiert und schnell unsere Geher gehen». Für manche Athletinnen und Athleten fühlt sich das dennoch wie Willkür von oben an. «Wir werden immer vor vollendete Tatsachen gestellt», sagt Linke, «und das liegt daran, dass man mit dieser Disziplin überhaupt kein Geld verdient.»

Wird das Gehen also effektiv aufgepimpt oder eher zurechtgestutzt?

Sie gehen so weit, wie die Füsse sie tragen

In Birmingham wird keine Zeit sein, diese entscheidende Frage abschliessend zu klären. Die Verantwortlichen hoffen wohl jedenfalls, dass die Wettbewerbe die wenigen «Stars» der Disziplin stärker ins Rampenlicht rücken.

Sie rechnen damit, dass Spaniens Doppelweltmeisterin María Pérez und Italiens Olympiasiegerin Antonella Palmisano sich über die kurze Distanz gehörig pushen: zwei Erzrivalinnen, die gleichwohl öfter zusammen trainieren. Ähnlich dürften die beiden in Europa führenden Nationen die lange Distanz entscheidend prägen. In Person von Raquel González und der erst 21-jährigen Sofia Fiorini.

Der Rundkurs führt die Athletinnen und Athleten immer wieder an den Zuschauern vorbei.

Der Rundkurs führt die Athletinnen und Athleten immer wieder an den Zuschauern vorbei.

Flatemersch/Imago

Bei den Männern gibt es mit dem Apulier Francesco Fortunato wiederum nur einen klaren Favoriten auf der Kurzstrecke. Der 31-Jährige, der an der EM 2024 in Rom über 20 Kilometer Dritter wurde, ist in diesem Jahr noch unbesiegt. Beim Weltcup im tschechischen Podebrady hat er den gültigen Europarekord über die Distanz aufgestellt.

Über die Marathondistanz werden indes nicht nur dessen Landsmann Massimo Stano, sondern auch der Schwede Perseus Karlström und der Spanier Miguel Ángel López vorne erwartet. Nicht zu vergessen der Routinier Linke, der vor sechzehn Jahren erstmals bei Europameisterschaften der Senioren gestartet ist und seine Karriere bis zu den Sommerspielen 2028 in Los Angeles plant.

Das hohe Pensum falle ihm nicht jeden Tag leicht, hat er letzte Woche noch erklärt, «ich brauche deutlich länger, um zu regenerieren.» Dafür setze er gezielter Schwerpunkte. «Aber wie gut man wirklich ist, merkt man sowieso erst im Flachen.» In Sachen Erfahrung wird jedenfalls selbst der Routinier Linke übertroffen.

Der Portugiese João Paulo Garcia Vieira hat seine erste EM-Teilnahme noch in einem anderen Jahrtausend absolviert, 1998 in Budapest. 2019 avancierte er in der schwülen Nachthitze von Doha mit Silber über 50 Kilometer zum ältesten Medaillengewinner an Weltmeisterschaften. Er war 43 Jahre und 220 Tage alt. Nun nimmt der inzwischen 50-Jährige den Halbmarathon am Samstag als Jahresbester aus dem Team Portugal auf.

Manche gehen eben, so weit die Füsse tragen. Abdruck, Schwung, Stand.

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