Nur eine Ressource entscheidet, wer das KI-Wettrüsten gewinnt – diese ist es
Die USA und China rüsten längst nicht nur bei Chips und Algorithmen auf – sie ringen um eine ganz andere Ressource, von Venezuela bis zur Straße von Hormus. US-Innenminister Douglas Burgum hat nun offenbart, wie viel von dem Stoff abhängt
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Als sich Mitte Juli Teile der globalen Tech-Elite auf der World Artificial Intelligence Conference (WAIC) in Shanghai trafen, glänzten die USA durch Abwesenheit. Der chinesische Staatschef Xi Jinping warb bei der Konferenz zur KI-Technologie für eine vom Staat koordinierte Infrastruktur, eingebettet in internationale Kooperation.
Die Abwesenheit der USA sollte zeigen, dass sie andere Pläne verfolgen. Während US-Präsident Donald Trump im Mai dieses Jahres noch mit wichtigen Vertretern der Tech-Branche nach Peking gereist war, schlug Washington nun die Einladung nach Shanghai aus, ein deutliches Zeichen dafür, dass sich der Konkurrenzkampf zwischen Ost und West weiter verschärft.
Geht es nach der US-Rechten, die das wackelnde US-Imperium derzeit anführt, ist Regulierung böse. Der rechtsextreme Tech-Oligarch Peter Thiel sieht in globaler staatlicher Koordination gar den „Antichristen“. Das führt dazu, dass es in Sachen KI nun gleich zwei Staatenbünde gibt: die von chinesischen Eliten angeführte World AI Cooperation Organization (WAICO), der sich am 16. Juni dieses Jahres 29 Staaten angeschlossen haben, und einen von den USA geführten KI-Block mit dem Namen AI Opportunity Partnership. An ihr sind 35 Länder beteiligt, darunter Indien, Argentinien und mit der EU auch Deutschland.
Beim Rennen um die führende KI-Technologie geht es auch um „Energiedominanz“
KI befeuert so die sich verschärfende Blockkonfrontation zwischen dem Westen und seinen aufstrebenden Konkurrenten weiter. Diese Konkurrenz ist nicht nur eine um Algorithmen, Chips oder Investitionen, sondern auch um Energie. „Wir befinden uns in einem KI-Wettrüsten mit China. Der einzige Weg, diesen Wettlauf zu gewinnen, besteht darin, mehr Strom bereitzustellen.“ Diese Worte stammen von keinem Geringeren als US-Innenminister Douglas Burgum, der gleichzeitig auch Chef des von Donald Trump per Dekret geschaffenen National Energy Dominance Councils (NEDC) ist.
Der Nationale Rat für „Energiedominanz“ der USA soll im KI-Zeitalter ausreichend Strom für Rechenzentren heranschaffen – heißt vor allem Dominanz über fossile Energieträger. 43 Prozent des in den USA produzierten Stroms werden durch die Verbrennung von Gas erzeugt.
Derzeit produzieren die USA so viel Gas und Öl, dass sie nicht nur den eigenen Bedarf decken können, sondern auch Rekordmengen fossilen Brennstoff exportieren. In den vergangenen Jahren sind die USA zum größten Gasexporteur der Welt aufgestiegen. Ermöglicht hat das vor allem der Ukraine-Krieg, der die günstigen russischen Gas-Exporte nach Europa teilweise kappte und durch deutlich teurere Flüssiggas-Lieferungen ersetzte, unter anderem aus den USA.
Warum aber brauchen die USA einen Rat für „Energiedominanz“, wenn ihnen ohnehin ausreichend Energie zur Verfügung steht?
Die USA wollen den Energiefluss nach China drosseln
Die knappe Antwort lautet: China. Die US-Strategie zielt darauf ab, den Energiefluss nach China zu drosseln und damit die volkswirtschaftliche und technologische Entwicklung, vor allem im Bereich KI. Bereits im Sommer 2023, noch während der Präsidentschaft von Joe Biden, erbat der US-Senat in einer Anfrage an das US-Verteidigungsministerium eine Untersuchung möglicher Szenarien einer Blockade von Energielieferungen in die Volksrepublik China – für den Kriegsfall.
Doch das Szenario ist auch ohne Kriegserklärung längst Realität. Mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Anfang dieses Jahres zielte US-Präsident Trump nicht nur auf einen US-kritischen Störenfried im Hinterhof des Weißen Hauses, sondern auch auf die venezolanischen Öl-Exporte nach China.
Auch der Angriff auf den Iran und die darauf folgende Blockade der Meerenge von Hormus sollen das iranische Regime und damit einen engen Verbündeten Pekings treffen: Die Öltanker, die die Straße von Hormus normalerweise durchlaufen, haben oft Zhoushan, Rizhao und andere chinesische Ölhäfen als Ziel.
Trotz seines Solar- und Windkraftbooms braucht China weiter viel fossile Energie
Dass der befürchtete weltweite Ölpreisschock, den Experten als Folge des Kriegs gegen den Iran prognostiziert hatten, bislang ausgeblieben ist, lag auch daran, dass China seine Nachfrage vorübergehend drosselte und auf seine strategischen Reserven zurückgriff. Wie groß diese tatsächlich sind, hält Peking geheim. Schätzungen westlicher Energieanalysen, die auf Satellitenbildern von Ölspeichern basieren, gehen jedoch davon aus, dass die Lager zusammengenommen inzwischen deutlich über eine Milliarde Barrel umfassen könnten – vermutlich die größten strategischen Ölreserven der Welt.
Doch selbst solche Reserven kaufen nur Zeit. Ein längerer Ausfall der Exporte durch die Straße von Hormus, eine weitere Eskalation im Nahen Osten oder mehrere gleichzeitige Konflikte um die wichtigsten Energiekorridore könnten die Weltwirtschaft weit schwerer treffen als die Schocks der vergangenen Jahre. Die Reserven würden schrumpfen, die Preise explodieren, Lieferketten reißen und die Industrieproduktion einbrechen.
Die internationale KI-Konkurrenz schafft an dieser Stelle nicht nur einen weiteren Grund für Krieg um Energieflüsse, sondern verschärft auch die Verwundbarkeit des Energiesystems, denn Rechenzentren konkurrieren künftig mit Stahlwerken, Chemieindustrie, Verkehr und privaten Haushalten um dieselben Kilowattstunden.
Noch mehr Kohle, Öl und Gas - oder „drill, baby, drill!“
Die Antwort der Regierungen auf diese Problemlage lautet: Noch mehr Kohle, Öl und Gas - oder „drill, baby, drill!“, um es mit den Worten Donald Trumps zu sagen. Sein erwähnter „Energie-Zar“ Burgum verkündet, eine Niederlage im KI-Rennen sei „gefährlicher als der Klimawandel“.
Das gilt für den Westen, das gilt aber auch für den Osten. China baut heute zwar mehr Solar- und Windkraftwerke als jedes andere Land der Erde – es errichtet gleichzeitig aber auch neue Kohlekraftwerke. War der Ausbau von Kohlekraftwerken in China Mitte der 2010er Jahre noch rückläufig, geht der Trend in den letzten Jahren wieder steil nach oben. Ende 2025 befanden sich dutzende neue Kohlekraftwerke im Bau.
Indien verfolgt denselben Weg. Die Adani Group, einer der größten Infrastruktur- und Energiekonzerne des Landes, investiert parallel in Solarfabriken, Stromnetze, Häfen und den Ausbau der Kohleförderung. Und trotzdem: China und auch Indien müssen weiter fossilen Brennstoff importieren. Damit bleiben sie angreifbar.
Historische Parallelen sorgen im Westen wie Osten für zusätzliche Angst
Auf beiden Seiten, sowohl in Asien als auch im Westen, wird das Rennen um Energie und damit um Konkurrenzfähigkeit auch von Angst angetrieben. Im Westen grassiert die Angst davor, die westliche Hegemonie auf dem Weltmarkt, konkret den Dollar als globales Zahlungsmittel, die Kontrolle von Handelsrouten und die europäischen Exportüberschüsse zu verlieren.
Im Osten sind dagegen die Erinnerungen an die mit Kohle betriebenen britischen Kanonenboote, die die Segelflotte des chinesischen Kaisers in die Knie zwangen, um China in den Opiumkriegen zum Öffnen seiner Märkte zu zwingen, noch präsent.
Man erinnert sich bis heute an den Sieg des britischen Kapitalismus, der mit seinem Vorsprung in der Kohleenergie Stahl schmiedete und Eisenbahnen durch ganze Kontinente trieb, um Rohstoffe schneller aus den Kolonien zu den Häfen und von dort in die Fabriken Europas zu transportieren. Man erinnert sich an die US-Invasion in Vietnam und an die Millionen Toten im Koreakrieg. Nicht noch einmal wollen die asiatischen Mega-Volkswirtschaften vom Westen technologisch übertrumpft und überrumpelt werden.
Die Straße von Malakka ist Chinas Achillesferse
Sowohl das weltweite Energiesystem, seine angesichts der Klimakrise eigentlich dringend notwendige Entkarbonisierung, als auch die Gefahren, die der unregulierte Boom von KI-Systemen birgt, schreien nach mehr internationaler Kooperation. Doch die Verletzungen aus der Vergangenheit und die zugespitzte Staatenkonkurrenz auf dem Weltmarkt sorgen für das Gegenteil.
Das birgt tonnenweise Sprengstoff, schließlich ist die Meerenge von Hormus nicht der einzige verletzliche Punkt der globalen Wirtschaft: Neben der Straße von Hormus zählen die Straße von Malakka und die Meerenge Bab al-Mandab zu den verwundbaren Punkten des globalen Handels.
Die Straße von Malakka verbindet den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer und ist für China besonders kritisch, da ein großer Teil seiner Energieimporte über diese Route transportiert wird. Sie liegt zwischen Indonesien, Malaysia und Singapur. Im US-Senat gab es bereits Forderungen, untersuchen zu lassen, wie im Konfliktfall eine Blockade von Energie- und Rohstofflieferungen nach China über Seewege umgesetzt werden könnte – insbesondere mit Blick auf Chinas Abhängigkeit von maritimen Versorgungswegen.
Bab al-Mandab ist ein weitere Arterie des Welthandels
Ein zweiter kritischer Punkt ist Bab al-Mandab am Eingang zum Roten Meer zwischen Jemen und Eritrea. Die Meerenge verbindet den Indischen Ozean mit dem Suezkanal und ist damit eine zentrale Route für Handel zwischen Asien und Europa. Seit Ende 2023 haben die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen dort wiederholt Handelsschiffe mit Drohnen, Raketen und anderen Angriffsmitteln attackiert, und gezeigt, wie verwundbar auch diese Arterie des Welthandels ist.
Und dann gibt es, neben dem Hauen und Stechen um Energieliefer-Routen, auch diverse Konflikte und Kriege um die Quellen, aus denen Öl und Gas sprudeln. Eine der ersten Auslandsreisen des ehemaligen deutschen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck führte ihn im März 2022 in die Gasdiktatur Katar. Vor der katarischen Küste liegt mit dem Gasfeld North Dome (der Iran nennt es South Pars) das größte bekannte Erdgasfeld der Erde.
Es wird sowohl von Iran als auch von Katar angezapft, deren Staatsgrenze mitten durch das Vorkommen verläuft. Eine Konkurrenz, die sich künftig auch stärker militärisch entladen könnte. Schließlich beherbergt das Emirat mit der Al-Udeid-Luftwaffenbasis einen der wichtigsten US‑Militärstützpunkte im Nahen Osten. Diese Basis macht Katar strategisch bedeutend für amerikanische Operationen in der Region und zugleich zu einem möglichen Ziel iranischer Vergeltung.
Wem gehören die Gasfelder vor Gaza und Libanon?
Auch Gasreserven im östlichen Mittelmeer gewinnen angesichts der Drohkulisse einer globalen Energiekrise wieder an Wichtigkeit und heizen die Kriegspolitik des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu und seiner rechtsextremen Regierung an: Vor den Küsten Israels, Gazas und des Libanon wurden in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende Erdgasfelder entdeckt.
Israel exportiert Gas aus den Feldern Leviathan und Tamar über Ägypten, wo es verflüssigt und als LNG nach Europa verschifft wird. Aber: Auch die Regierung des Libanon erhebt Ansprüche auf Teile der Gasfelder vor seiner Küste, Ansprüche, die mit denen Israels kollidieren.