Erster Bezirk geschafft: Rentnerin läuft 1200 Straßen in Steglitz-Zehlendorf ab

KI-Stimme. InfoEs ist einer dieser Hitzetage mit 30 Grad. Renate Zimmermann kommt nicht im Sommerkleid, sondern im bequemen Wanderlook. Knielange Hosen, kurzärmeliges T-Shirt, Halbschuhe – so steht sie am Ausga...

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Erster Bezirk geschafft: Rentnerin läuft 1200 Straßen in Steglitz-Zehlendorf ab

KI-Stimme. Info

Es ist einer dieser Hitzetage mit 30 Grad. Renate Zimmermann kommt nicht im Sommerkleid, sondern im bequemen Wanderlook. Knielange Hosen, kurzärmeliges T-Shirt, Halbschuhe – so steht sie am Ausgang der U9 an der Zimmermannstraße. Sie plaudert mit Andreas Koska, der ein Buch über die Zimmermannstraße herausgegeben hat. Beide werden gleich getreu dem Titel des Buches „410 Meter zwischen Kiez und Weltgeschichte. Auf den Spuren einer 120-jährigen Straßengeschichte“ wandeln.

Diese Tour durch die Seitenstraße der Steglitzer Schloßstraße ist für Renate Zimmermann nur der Anfang. Etwa 20 Kilometer wird sie an diesem Tag noch laufen und dabei alle Straßen zwischen Grunewaldstraße, Englerallee und Schildhornstraße ablaufen. Es ist das vorletzte Gebiet in Steglitz-Zehlendorf. Noch eins, und sie hat Steglitz-Zehlendorf und damit den ersten Berliner Bezirk geschafft. Etwa 1200 Straßen ist sie dann abgelaufen, ungefähr 11.000 gibt es insgesamt in Berlin. An zwei Tagen in der Woche, immer am Dienstag und Donnerstag, läuft sie, an den anderen plant sie die nächste Tour und schreibt ihre Erlebnisse in einem Blog (renate-zimmermann.com) auf.

Seit einem halben Jahr läuft Renate Zimmermann die Straßen ab

Am 6. Januar startete Renate Zimmermann ihr großes Projekt. Die Berliner Morgenpost hatte sie bereits bei einem Rundgang im Februar begleitet. Die 66-Jährige arbeitete 23 Jahre in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn. Am Ende ihres Berufslebens kam ein Ruhe- oder Stillstand für sie nicht infrage. Sie hatte das Projekt schon im Kopf und freute sich darauf. Sie wollte am Ende ihres Arbeitslebens nicht in ein tiefes Loch fallen.

Renate Zimmermann arbeitete 23 Jahre in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn und läuft jetzt alle Straßen in Berlin ab, hier die Zimmermannstraße mit Andreas Koska, der ein Buch über die Zimmermannstraße geschrieben hat.

Ein Hausflur in der Zimmermannstraße: Die ehemalige Fensterscheibe hängt nun als Kunst an der Wand.© Katrin Lange | Katrin Lange

Als Bibliothekarin war Renate Zimmermann unter anderem für die Berlin-Literatur zuständig. Dabei sei ihr das Buch von Andreas Koska über die Zimmermannstraße in die Hände gefallen, erzählt die Hellersdorferin. Dass man so viel über eine einzige Straße schreiben könne, habe sie schon überrascht. Daraufhin hat sie den Autoren angeschrieben und sich mit ihm zu einem gemeinsamen Rundgang durch die Straße verabredet. „Da habe ich heute mein lebendiges Hörbuch dabei“, sagt die Straßenwanderin an diesem späten Vormittag.

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Renate Zimmermann

Andreas Koska hat 26 Jahre in der Zimmermannstraße gewohnt und sechs Bananenkisten mit Material über die Straße gesammelt. Die hat er in Cammer (Potsdam-Mittelmark), wo er seit 18 Jahren lebt, ausgepackt. Aus den vielen Originaldokumenten entstand 2020 das Buch. Angefangen hat es mit der 750-Jahr-Feier in Berlin, erzählt Koska. Anlässlich des Jubiläums hatte der ehemalige Steglitzer 1987 eine Ausstellung über die Geschichte der Straße in der Zimmermannstraße 34 organisiert.

Renate Zimmermann arbeitete 23 Jahre in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn und läuft jetzt alle Straßen in Berlin ab, hier die Zimmermannstraße mit Andreas Koska, der ein Buch über die Zimmermannstraße geschrieben hat.

Spiegel, Marmor und alte Pracht sind noch in vielen Häusern der Zimmermannstraße zu finden. Autor Andreas Koska erklärt Renate Zimmermann viele geschichtliche Details.© Katrin Lange | Katrin Lange

Diese Ausstellung bildete den Grundstock seiner Sammelleidenschaft über die kleine Steglitzer Straße, die in 120 Jahren tatsächlich Weltgeschichte geschrieben hat. 460 Seiten im ersten Buch, das im Ortssinn Verlag erschien, reichten noch nicht aus, um die vielen historischen Dokumente zu verarbeiten. Das zweite Buch sei fast fertig, verrät Koska. Es wird eine Fortsetzung auf noch einmal 200 Seiten geben.

Ich hatte nicht gedacht, dass es so ausufert.

Renate Zimmermann,, ehemalige Bibliothekarin und Straßenwanderin

An der Ecke Schloßstraße, wo die Zimmermannstraße als Sackgasse endet, starten Renate Zimmermann und Andreas Koska die Tour, mit dem Zimmermannstraßen-Buch unter dem Arm. Die ersten Häuser wurden 1902 gebaut, benannt ist sie nach dem Amts- und Gemeindevorsteher von Steglitz, Julius Zimmermann (1834–1902). Der Name „Zimmermann“ wird auf den knapp 500 Metern mehrfach, zum Teil in abgewandelter Form, auftauchen.

Renate Zimmermann arbeitete 23 Jahre in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn und läuft jetzt alle Straßen in Berlin ab, hier die Zimmermannstraße mit Andreas Koska, der ein Buch über die Zimmermannstraße geschrieben hat.

Der Kiosk „Kiezimmer 13“ ist seit 120 Jahren an der Stelle, wo in den Gründungsjahren schon ein Zeitungskiosk war.© Katrin Lange | Katrin Lange

So gibt es in der Straße das „Zimmermanns Pflegeteam“, den Friseur „Haarzimmer“, das „Café Zimmer 3“ und einen Kiosk mit Namen „Kiezimmer 13“. Der Kiosk, einst als Zeitungsladen entstanden, gehört nach Auskunft von Koska zu den „Urgesteinen“ in der Straße. Er entstand in der Bauzeit vor 120 Jahren und ist bis heute ein Kiosk geblieben.

Vier Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler gab es in der Straße

Damit ist der Laden mit dem kleinen Verkaufsfenster zur Straße tatsächlich etwas Besonderes. Allein vier Bäcker gab es früher in der Straße, dazu Fleischer und Gemüsehändler. Alle sind verschwunden, genau wie die Kneipe an der Ecke Rothenburgstraße, die nach 70 Jahren so heruntergewirtschaftet war, dass der Nachfolger alles hätte umbauen müssen. Stattdessen hat er eine Wohnung daraus gemacht. Koska führt in wunderschöne Hauseingänge mit Stuck, Marmor und Glas und konzentriert sich auf die wichtigsten Stationen der Weltgeschichte.

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Er zeigt das Haus, in dem sich der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff (1882–1949) erfolgreich im Klappsofa versteckte und so den Kontrollen entkam. Und die Eingänge, in denen die Steglitzer Werkstatt gegründet wurde und der Club Dada sein Büro hatte. Natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass unzählige Schauspieler in der Straße wohnten, wie Rolf Zacher, Frederick Lau und Daniel Fehlow. Alle Geschichten können in dem Buch nachgelesen werden.

Die Eckkneipe ist die Nachrichtenzentrale für die Straße

Am Irish-Pub „General Post Office“, kurz „GPO“ genannt, ist die Tour zu Ende. Koska erinnert noch daran, dass die Eckkneipe einst der „Steglitzer Krug“ war, danach jahrzehntelang „Buntspecht“ hieß und heute zwar nicht mehr wie ein Postamt mit vielen alten Telefonen ausgestattet ist, aber immer noch so heißt. Das „GPO“ ist Stammtisch und Nachrichtenzentrale zugleich. Wer wissen will, was in der Straße los ist, kommt in die Kneipe an der Ecke Lepsiusstraße.

GPO in Steglitz, Zimmermannstraße Ecke Lepsiusstraße

Im „General Post Office“ in der Zimmermannstraße, Ecke Lepsiusstraße trifft sich die Nachbarschaft zum Austausch von Neuigkeiten.© Katrin Lange | Katrin Lange

Für Renate Zimmermann geht es weiter in die Flemmingstraße. Dort erwartet sie der nächste Gesprächspartner zum Kaffeetrinken. Sie hat noch viel vor. Ein halbes Jahr hat sie für einen Bezirk gebraucht, in sechs Jahren könnte sie fertig sein. „Ich hatte nicht gedacht, dass es so ausufert“, sagt sie. Aber sie sei sehr glücklich über ihre Idee, vor allem über die Bewegung für Körper und Geist. Außerdem lerne sie Berlin so kennen. Als Nächstes kommt Spandau dran.