Erbitterter Kampf gegen die Flammen bei Bordeaux und Madrid
In Frankreich und Spanien versuchen tausende Feuerwehrleute und Freiwillige, die größten Waldbrände Europas in den Griff zu bekommen. Unterdessen warnen Wissenschafter vor den Folgen von Landflucht und Monokulturen
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Waldbrände
Erbitterter Kampf gegen die Flammen bei Bordeaux und Madrid
In Frankreich und Spanien versuchen tausende Feuerwehrleute und Freiwillige, die größten Waldbrände Europas in den Griff zu bekommen. Unterdessen warnen Wissenschafter vor den Folgen von Landflucht und Monokulturen
Reportage
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Reiner Wandler Gesche Wüpper
aus Bordeaux
Ein ganz normaler Sommernachmittag, strahlender Sonnenschein. Auf einen Schlag wird es dunkel, als habe eine bräunlich-rote Dämmerung eingesetzt, wie in einem Science-Fiction-Film. In der Luft liegt beißender Brandgeruch. "Meine Augen haben gebrannt und der Hals gekratzt", berichtet Alexandra. "Mir fiel das Atmen schwer."
Es ist der 24. Juli, als der Waldbrand von Saumos plötzlich auch mitten in Bordeaux zu spüren ist. Zwei Tage vorher war er rund 40 Kilometer westlich der Stadt ausgebrochen. Was vermutlich mit einem kleinen Funken bei Rodungsarbeiten begann, entwickelte sich innerhalb einer Woche zum verheerendsten Waldbrand Frankreichs der letzten 50 Jahre. 42.000 Hektar fielen den Flammen zum Opfer – eine Fläche so groß wie ganz Wien. 240 Häuser wurden zerstört, 224.000 Menschen evakuiert. Noch immer kämpfen mehr als 6200 Feuerwehrleute, Soldaten und Polizisten – unterstützt von hunderten Landwirten, Winzern und Freiwilligen – gegen das Feuer. Die Lage hat sich zwar etwas entspannt, doch unter der Erde schwelt die Glut im Torfboden weiter. Wind und Trockenheit können sie jederzeit wieder entfachen.
Hinzu kommt die schlechte Luftqualität, der Feinstaub. "Vor allem um meinen kleinen Sohn hatte ich Angst", erzählt Alexandra. Deshalb habe sie kurz entschlossen ihre Sachen gepackt und sei mit dem dreijährigen Victor aus Bordeaux zu Verwandten ins Département Gers geflohen – rund 200 Kilometer weiter südlich.
Feuer und Fake News
Vor allem die Feuerwehrleute sind dem giftigen Rauch an der Flammenfront ausgesetzt. "Rauchgasvergiftungen sind das, was wir am meisten behandeln müssen", sagt François Pantaloni, leitender Arzt beim Feuerwehr- und Rettungsdienst des Départements Gironde in Mérignac. Er erhält sogar Hilfe aus Paris: Das Rote Kreuz und die Feuerwehr haben 500 Mitarbeiter und freiwillige Helfer entsandt.
"Wir haben Teams, die jeden Tag durch das Einsatzgebiet fahren, um Feuerwehrleute vor Ort zu versorgen", erklärt Pantaloni. "Wir warten nicht erst ab, dass sie zu uns kommen." 267 Feuerwehrleute wurden bisher verletzt. "Die häufigsten Verletzungen sind Blasen an den Füßen", berichtet der Arzt. "Das hört sich nicht schlimm an, kann aber Feuerwehrleute stark bei der Arbeit behindern." Auch die hohen Temperaturen setzen den Einsatzkräften zu. "Wir achten darauf, dass sie genügend trinken, drei bis vier Liter." Um Hitzeschläge zu verhindern, stehen Wannen mit Eiswasser zur Verfügung.
Problematisch sind auch Fake News: "Es gab eine Meldung auf sozialen Netzwerken, dass 20 Feuerwehrleute verletzt seien, aber nicht medizinisch versorgt würden", erzählt er. "Wir sind deshalb losgefahren, um sie zu suchen." Später habe sich herausgestellt, dass es sich um eine Falschmeldung handelte. "Das hat uns viel wertvolle Zeit gekostet." Pantaloni verliert dennoch nicht den Mut. "Mit all der Solidarität, die wir jetzt erleben, wird es uns gelingen, dieses Feuer in den Griff zu bekommen."
Lebenswerk zerstört
650 Kilometer südwestlich, eine Autostunde westlich der spanischen Hauptstadt Madrid, ist die Lage kaum besser. "Alles abgebrannt", konstatiert Axel Mahlau traurig. Wo bis vor wenigen Tagen sein Lebensprojekt grünte, ist nun alles schwarz. Aus dem verkohlten Boden steigen Rauchsäulen auf.
Der 70-Jährige unterhielt in La Adrada einen Botanischen Garten. "Neun Hektar, 1700 verschiedene Pflanzen", erzählt der pensionierte Lehrer, der nach einer Woche Evakuierung wieder zurück durfte. Der nun zerstörte Garten nahm seinen Anfang mit Pflanzen, die sein Vater in den 1950ern von Reisen mitbrachte. Über die Jahrzehnte wuchs die Anlage und zog zahlreiche Besucher an. Dann kam das Feuer – und verschlang alles.
La Adrada ist eines der Dörfer, die am stärksten vom größten Waldbrand heimgesucht wurden, den Spanien je erlebt hat. Mitte vorletzter Woche hatte ein Arbeiter im Auftrag örtlicher Viehzüchter in Burgohondo, ein Tal weiter nördlich, einen Weg gerodet – trotz strikten Verbots wegen der Waldbrandgefahr. Die Landwirtschaftsmaschine schlug Funken, schon bald war das Feuer nicht mehr einzudämmen. Es breitete sich rasant aus. Ein zweites Feuer entstand durch ein in Brand geratenes Auto in San Martin de Valdeiglesias. Zusammen mit einem dritten Band in Almorox sind die Feuer mittlerweile fast zu einem verschmolzen und haben mehr als 80.000 Hektar verwüstet.
Der Nationale Notstand wurde ausgerufen, 90.000 Menschen wurden – wie Mahlau – evakuiert. Mittlerweile durften viele wieder zurückkehren. Doch was sie vorfanden und vorfinden, ist oft nur mehr eine schwarze Wüste. Auch bei Mahlau ist das so – doch immerhin stehen die Gebäude noch. "Meine Bücher, Musik, Bilder und all die Familienfotos haben überlebt", tröstet er sich. "Bevor wir gingen, haben wir die Tiere – Esel, Schweine, Ziegen und Pfauen, freigelassen." Er hat sie lebendig wiedergefunden. Ob er den Garten jemals wieder aufbauen wird? Er weiß es nicht.
"Nacht in der Hölle"
Javier Cuerva ist einer der rund 150 Einwohner aus La Adrada, die der Aufforderung zur Evakuierung nicht folgten und blieben, um dem Feuer die Stirn zu bieten. "Ein Polizeihubschrauber wies uns per Lautsprecher an, zu packen und zu gehen", berichtet der 55-jährige Mitarbeiter eines Telekommunikationsunternehmens. Er aber weigerte sich – es sei schließlich nicht sein erstes Feuer.
Doch was dann kam, übertraf alles: "Eine Nacht in der Hölle. Du schlägst auf Flammen am Boden ein – und plötzlich sind sie über dir in den Baumkronen, 30 Meter, 40 Meter hoch." Anders als in Nachbardörfern und auf Fincas, wie jener von Mahlau, blieb La Adrada selbst verschont. Cuerva und die selbst organisierten Brandwachen ziehen noch immer Tag für Tag in die Berge, um immer wieder aufflammende Brandherde zu löschen. "Ich habe seit meiner Kindheit wirklich viel gesehen – aber solch einen großen Brand? Das ist neu."
Was die Menschen auf dem Land beobachten, das untersucht Serafín González Prieto wissenschaftlich: "Seit mehreren Jahren wird es immer heißer und trockener. Die Vegetation fängt beim geringsten Anlass Feuer", weiß der Waldbrandexperte des Spanischen Rats für wissenschaftliche Forschung (CSIC). Die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung führt zu unkontrolliertem Bewuchs auf einstigen Äckern. Immer weniger Tiere weiden frei. Die klein strukturierte "Mosaiklandschaft" geht verloren – dabei habe gerade sie "vor Bränden geschützt", sagt González.
Vergleich mit Dresden
"Außerdem ändert sich das Klima", sagt González. Er meint damit nicht nur die höheren Temperaturen: "Es regnet nicht weniger, sondern anders." Immer häufiger falle der Regen im Winter und Frühjahr, der Sommer sei hingegen deutlich trockener als früher. Die Folge: Die Vegetation wächst schnell und trocknet dann ebenso schnell aus. "Wenn es brennt, dann richtig." González spricht von einem "Kamineffekt": Das Feuer entziehe der Umgebung den Sauerstoff und erzeuge Winde, Stürme, sogar Gewitter. "Das ist das gleiche Phänomen wie bei der Bombardierung von Dresden oder Coventry im Zweiten Weltkrieg."
"Wir müssen uns an den Klimawandel anpassen, statt ihn zu leugnen", fordert González. Die Löschkapazitäten ausbauen, sei allein keine Lösung. Nötig seien mehr Weidewirtschaft, die Rückgewinnung der kleinteiligen Mosaiklandschaft und der einstigen Mischwälder mit einheimischen Bäumen statt der heute monokulturell aufgeforsteten Fichten.
Unterdessen brennt es weiter – und der Sommer ist noch lange nicht vorbei. (Gesche Wüpper aus Bordeaux, Reiner Wandler aus Madrid, 31.7.2026)
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