Empfehlung für die Wahl in Berlin: Im Zweifel für die Kinder!
Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. ...
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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Am 20. September 2026 wird in Berlin wieder gewählt. Wieder steht man also in der Wahlkabine und muss sich entscheiden: Bin ich für oder gegen etwas? Für Veränderung oder für den Erhalt des Bestehenden?
Wer nicht mehr wusste, wo sich die verschiedenen Parteien in Berlin in diesem Spektrum selbst verorten, dem wurde von Januar bis Mai 2026 noch einmal auf die Sprünge geholfen. Die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren „Berlin autofrei“ und die dazugehörigen Plakataktionen machten nicht nur politische Überzeugungen sichtbar. Sie zeigten auch, wie stark politische Debatten von Erwachsenenperspektiven geprägt sind – und wie selten die Sicht von Kindern darin vorkommt. Denn in politischen Auseinandersetzungen wird viel darüber gesprochen, was Erwachsene wollen. Viel seltener wird gefragt, was Kinder erleben und brauchen.
Keine Sorge: Sie erhalten eine zweite Chance
Dabei kann genau dieser Blick neue Perspektiven eröffnen und politische Entscheidungen konstruktiv erweitern. So zeigt etwa eine nicht repräsentative Umfrage des Tagesspiegel (2025), dass sich 17 bis 24 Prozent der Berliner Kinder und Jugendlichen auf ihrem Schulweg unsicher fühlen.
Haben Sie, falls Sie sich gegen das Volksbegehren „Berlin autofrei“ positioniert haben, einmal mit Ihren Kindern darüber gesprochen, ob und wie oft sie erlebt haben, dass Autofahrer an Zebrastreifen einfach durchfahren, obwohl sie erkennbar die Straße überqueren wollten? Haben Sie gemeinsam abgewogen, welche Vor- und Nachteile ein autofreies Berlin für Ihr Kind hätte? Falls nicht: Keine Sorge. Sie erhalten noch einmal eine zweite Chance.
Bevor Sie im September Ihr Kreuz setzen, sprechen Sie doch einmal mit Ihren Kindern über deren Erfahrungen und Wünsche. Nicht nur über den Verkehr in der Stadt, sondern vor allem über den Bereich, den politische Entscheidungen maßgeblich prägen und den Erwachsene nur noch aus der Distanz kennen: den Alltag in Kita und Schule.
Vielleicht trauen wir unseren Kindern zu wenig zu
Mehr als 400.000 Schüler haben ein weiteres Schuljahr durchlaufen – mit Erfahrungen, die Gehör verdienen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als Vater weiß ich: Auf Fragen wie „Was hat dir heute in der Schule besonders gefallen?“ oder „Wie war es in der Kita?“ folgt oft nur ein „Nichts“ oder ein „Gut“. Aber liegt das wirklich an den Kindern? Oder eher an den Fragen, die wir ihnen stellen? Vielleicht trauen wir Kindern und Jugendlichen zu wenig zu. Schließlich entscheiden Erwachsene regelmäßig über ihre Lebenswelt, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen.
Warum also nicht einmal den Spieß umdrehen und sie direkt zu dem befragen, was Politik für sie vorgesehen hat? Daher mein Vorschlag: Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die Vorhaben von CDU und SPD, wie sie im Koalitionsvertrag 2023–2026 festgehalten wurden. Fragen Sie nach, ob sich diese Vorhaben mit ihren Erfahrungen in Kita und Schule decken. Erkennen Kinder und Jugendliche diese in ihrem Alltag wieder?
Der Kampf gegen die Personalnot
Eine Frage zur Einstellungsoffensive könnte lauten: „Waren im vergangenen (Schul-)Jahr an deiner Kita genug Erzieherinnen und Erzieher beziehungsweise an deiner Schule genug Lehrkräfte?“ Der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) war es seit ihrem Amtsantritt ein zentrales Anliegen, die Personalnot an Kitas und Schulen zu bekämpfen. Um offene Stellen zu besetzen, setzte Berlin dabei verstärkt auf Quer- und Seiteneinsteiger. Nach Angaben der GEW Berlin lag im Schuljahr 2025/26 der Anteil der Neueingestellten mit voller Lehramtsbefähigung nur bei 23 Prozent. Was bedeutet das konkret? Immer häufiger werden Schüler von Menschen unterrichtet, die nicht klassisch ausgebildete Lehrkräfte sind, sondern zuvor in anderen Berufen tätig waren. Sie werden berufsbegleitend qualifiziert – und steigen gleichzeitig direkt in den Schulalltag ein.
Ein Vergleich: Stellen Sie sich vor, ein Kind mit Zahnschmerzen betritt eine Arztpraxis und erhält zwar schnell einen Termin, wird dort aber von einer ehemaligen Biologielehrerin behandelt, die gerade erst mit ihrer Ausbildung beginnt und parallel dazulernt. Mit welchen Gefühlen würden Sie der Operation zustimmen?
Das Problem mit der Heterogenität der Lerngruppen
Eine Frage zur Qualitätsoffensive: „Wurdest du in der Schule so gefördert, wie du es gebraucht hast?“ Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD wurde darauf hingewiesen, dass sich viele Berliner Schulen in sogenannten herausfordernden Lagen befinden. Gemeint sind insbesondere Schulen mit sehr heterogenen Lerngruppen, in denen Kinder sich deutlich hinsichtlich ihrer sozialen und ökonomischen Voraussetzungen unterscheiden. Bereits seit Jahren steht Berlin vor der Herausforderung, dieser Vielfalt im Unterricht angemessen zu begegnen. Bundesweite Vergleichsstudien zeigen jedoch, dass dies nur begrenzt gelingt.
Auch die jüngsten Ergebnisse des sogenannten Vergleichsarbeiten-Projektes (Vera) deuten darauf hin: In der Vera-3-Erhebung verfehlten rund 46 Prozent der Drittklässler im Fach Mathematik die Mindeststandards, in Vera 8 sogar rund 74 Prozent der Achtklässler. Die Bildungsverwaltung reagierte darauf mit der „Strategie zur Steigerung der Bildungsqualität im Land Berlin“. Ein zentrales Element dieser Strategie ist die stärkere Nutzung datenbasierter Steuerung und Qualitätsentwicklung. So sollen etwa die Vergleichsarbeiten Vera 3 und Vera 8 künftig in der jeweils folgenden Jahrgangsstufe erneut durchgeführt werden. Ob zusätzliche Testungen allerdings dazu beitragen, Kinder im Unterricht individueller zu fördern, können Sie am besten Ihr Kind fragen.
Offen bleibt zudem, welche konkreten Unterstützungsmaßnahmen folgen sollen, wenn die Wiederholungstestungen ähnlich ausfallen. Erhalten Schulen dann mehr Personal? Werden Lerngruppen verkleinert? Oder werden vor allem neue Daten erhoben?
Im Ländervergleich nur im hinteren Mittelfeld
Einige Fragen zur Digitalisierungsoffensive: „Funktioniert das WLAN an deiner Schule? Arbeitet ihr regelmäßig mit digitalen Geräten? Hast du ein eigenes Tablet oder musst du es teilen?“ Auch die Digitalisierung von Kitas und Schulen gehörte zu den zentralen Vorhaben der Berliner Koalition aus CDU und SPD. Der Koalitionsvertrag versprach eine bessere digitale Ausstattung, eine verlässlichere IT-Infrastruktur sowie die Förderung digitaler Kompetenzen von Kindern, Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften. Doch wie viel davon ist tatsächlich bei den Kindern angekommen? Haben sie im vergangenen Schuljahr digitale Produkte erstellt, sich systematisch mit den Möglichkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt oder über Schutzmaßnahmen gegen Gefahren im Internet gesprochen?
Der INSM-Bildungsmonitor 2025 zeichnet ein eher ernüchterndes Bild. In der Kategorie „Digitalisierung“, die den Einsatz digitaler Methoden im Bildungsprozess bewertet, landet Berlin im Ländervergleich lediglich im hinteren Mittelfeld. Als zentrale Schwachstellen nennt die Studie die digitale Infrastruktur und den Unterricht. Insbesondere die Ausstattung der Schulen mit leistungsfähigem Internet sowie der Umfang des Informatikunterrichts bleiben hinter dem bundesweiten Durchschnitt zurück. Die Frage, inwieweit die Digitalisierungsoffensive also bereits im Schulalltag angekommen ist, lassen Sie sich am besten einmal von Ihrem Kind beantworten – am besten aber analog.
Schüler, Studenten und Lehrer fordern Anfang Juni unter dem Motto „Bildung säuft ab“ auf dem Berliner Alexanderplatz bessere Bedingungen für die Kita-, Schul- und Hochschulbildung in Berlin. Aufgerufen zum dem Protest hatte das Berliner Bildungsbündnis Schule BBS.
© T.Seeliger/snapshot-photography/Imago
Die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit
Die drei Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster: An guten Absichten mangelte es der Berliner Bildungspolitik nicht. Dennoch sind viele der angekündigten Maßnahmen nur unzureichend bei den Kindern angekommen. Zu oft wurden Reformen angekündigt, begonnen, verändert oder verzögert. Die Folge: Zwischen politischen Versprechen und schulischer Wirklichkeit klafft weiterhin eine Lücke.
Daher mein Appell: Vielleicht lohnt es sich, vor der Wahl nicht nur zu fragen, wogegen man ist. Nicht gegen autofreie Straßen, nicht gegen den Mietendeckel, nicht gegen dieses oder jenes politische Projekt. Vielleicht lohnt es sich vielmehr zu fragen, wofür man ist. Für Schulen, in denen genügend qualifizierte Fachkräfte arbeiten. Für Unterricht, der Kinder individuell fördert. Für eine Digitalisierung, die mehr ist als ein Versprechen auf dem Papier. Kurz: für eine Politik, die Kinder und ihre Bildung nicht als Randthema behandelt.
Kinder dürfen am 20. September nicht wählen. Die Erwachsenen können es. Im Zweifel sollten sie deshalb nicht zuerst an das Auto, die Parklücke oder die nächste politische Empörung denken. Sondern an diejenigen, die die Folgen dieser Entscheidungen am längsten tragen werden: die Kinder.
Johannes Herdmann ist seit 2016 angestellter Lehrer für die Fächer Deutsch und Geschichte. In den vergangenen Jahren wirkte er zudem in verschiedenen Gremien zur Weiterentwicklung der Schulqualität in Berlin mit. Er ist außerdem Vater einer vierjährigen Tochter.
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