Einfacher, als du denkst: Dieser praktische Skill spart Geld und schont die Umwelt

Ich kam über eine Freundin zum Nähen. Damals hatte ich nicht geglaubt, dass ich mich mal viel mit Mode auseinandersetzen würde. Im Nachhinein war dieser Schritt einer der wichtigsten auf meinem Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil.

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Einfacher, als du denkst: Dieser praktische Skill spart Geld und schont die Umwelt

Ich kam über eine Freundin zum Nähen. Damals hatte ich nicht geglaubt, dass ich mich mal viel mit Mode auseinandersetzen würde. Im Nachhinein war dieser Schritt einer der wichtigsten auf meinem Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil.

Ich bin wahrscheinlich das Gegenteil einer Fashionista – und trotzdem denke ich heute mehr über Kleidung nach als je zuvor. Nicht wegen Trends. Sondern wegen eines neuen Hobbys, das meinen Blick auf Kleidung komplett umgekrempelt hat.

Meine Klamotten kaufe ich seit Jahren überwiegend Secondhand, alte Sachen trage ich auf, bis sie kaputt gehen und Modetrends verfolge ich kaum. Was mich bei Kleidung interessierte, war eigentlich nur eine Frage: Wie kaufe ich so ein, dass ich damit möglichst wenig Ausbeutung und Umweltverschmutzung finanziere? Denn mit den Schattenseiten der Textilindustrie habe ich mich für Utopia.de ausgiebig auseinandergesetzt.

In meinem Kopf war das Interesse an Kleidung zudem lange eng mit Modetrends und schnellem Konsum verknüpft. Weil ich diesen Konsum ablehnte, klammerte ich das Thema einfach weitgehend aus. Fair Fashion kannte ich natürlich – aber die ist teuer und deshalb nicht immer eine Option für mich. Also: Secondhand kaufen, Sachen aufragen, fertig.

Bis eine gute Freundin das änderte. Sie brachte mich zum Nähen – und das hat meine Einstellung zu Kleidung komplett verändert. Heute beschäftige ich mich gerne mit Klamotten, weil ich endlich einen Weg gefunden habe, der meine Ideale mit diesem Thema verbindet. Einen Weg, der Geld spart, Ressourcen schont – und von dem ich nie gedacht hätte, dass er mir so viel Spaß machen könnte.

Wie ich als Modemuffel zur Nährmaschine kam

Nähen ist natürlich kein unglaublich ausgefallenes Hobby, aber eben auch nicht alltäglich. Dabei sollte es das – finde ich – zumindest ein kleines bisschen mehr sein. Denn schon ein kleinere Fähigkeiten können viel Geld sparen und Lieblingsteile erhalten – und das Ganze kostet oft nur wenige Minuten Zeit.

Laut einer Greenpeace-Umfrage hatten 2022 etwa 49 Prozent der Deutschen ihre Kleidung noch nie selbst repariert. Auch ich hätte ein paar Jahre zuvor noch zu dieser Gruppe gehört und wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen. Vielleicht auch weil ich mir den Prozess sehr kompliziert vorstellte. Das ist er nicht – und heute weiß ich auch, wie einfach es gewesen wäre, sich aufzuschlauen beziehungsweise wie viel Spaß darin steckt, Kleidung zu gestalten und zu erhalten.

Darum folgt hier mein kleiner Appell.

Nähen ist mehr als Stoff unter die Maschine zu legen

Mich brachte, wie gesagt, eine Freundin zum Nähen. Sie näht schon seit Jahren sehr viel und sehr gut. Als wir uns pandemiebedingt weniger sahen, kam sie auf die Idee, mit mir ein Nähprojekt zu starten. Sie würde mir zeigen, was zu tun ist und ich könnte dann Zuhause die nächsten paar Schritte allein versuchen – bis zum nächsten Treffen. Gesagt getan.

Schon während meinen ersten Versuchen lernte ich dabei einiges. Vor allem: Nähen ist viel mehr als Stoff unter die Maschine zu legen. Das macht vielleicht 25 Prozent der Arbeitszeit aus. Der Rest ist Planung, zuschneiden, stecken, bügeln, fluchen, Nähte auflösen, neu stecken, nochmal bügeln, Faden verlieren, nochmal fluchen. Oder anders gesagt: Richtig viel Arbeit.

Aber auch ganz viel logisches Denken, Rechnen, Messen – Verstehen, wie sich Kleidung zusammensetzt. Kluge Hacks für knifflige Kanten, Wissen über Eigenschaften von Stoffen und endlich rausfinden (und wieder vergessen), wie die Einfädelhilfe der Maschine funktioniert.

Bis das erste Projekt (ein eher kompliziertes Kleid samt Unterrock) fertig war, ist einige Zeit vergangen. Ich dachte, ich würde erleichtert sein, die viele Arbeit endlich hinter mir zu haben. Doch tatsächlich suchte ich mir kurz darauf ein zweites Projekt. Nähen ist nicht zu unterschätzen, aber es macht auch echt viel Spaß – und das Ergebnis der eigenen Arbeit tragen zu können, ist ein ziemlich guter Bonus.

Dunkelgrünes, locker geschnittenes Oberteil mit halblangen Ärmeln, das an einem Holzkleiderbügel hängt. Nahaufnahme zeigt eine Öffnung an den Ärmeln, durch die ein Arm gesteckt ist.
Nach dem ersten Kleid suchte ich mir schnell weitere Projekte. Vor kurzem etwa nähte ich mir diesen Pulli mit schön geschnittenem Ärmel. (Foto: Utopia.de/ KS)

Dazu kommt: Ich weiß nun, dass fürs Nähen meines Kleides (oder darauffolgende Pullis, Hosen und andere Projekte) niemand ausgebeutet wurde. Natürlich kann ich das nur für den letzten Schritt der Lieferkette sagen, der Stoff muss ja auch gewebt und die Baumwolle angebaut werden. Aber es ist immerhin ein guter Anfang. Tipp: Auch beim Stoffkauf kann man auf Zertifikate wie das GOTS-Siegel achten.

Meine neu entdeckte Nähleidenschaft ist aber nicht der Grund, wieso ich diesen Text schreibe. Sondern die Tatsache, dass sich seitdem die Art, wie ich Kleidung konsumiere, grundlegend geändert hat.

Der größte Vorteil von Nähwissen: Du musst absolut nichts mehr wegwerfen

Ich kaufe überwiegend gebrauchte Kleidung. Das ist einfach, günstig, nachhaltig – und nach wie vor eine tolle Art und Weise, den eigenen Kleiderschrank aufzustocken. Doch es gibt auch einen Haken: Gebrauchte Kleidung geht oft schnell kaputt. Entweder, weil sie von vorherigen Besitzer:innen viel getragen wurde. Oder weil es sich zwar um Gebrauchtes, aber doch meist auch um Fast Fashion handelt, die billig produziert und gar nicht darauf ausgelegt ist, lange zu halten.

Wer allerdings ein bisschen darüber weiß, wie Kleidung funktioniert, dem eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

Wenn ich ein Kleidungsstück selbst nähe, bestimme ich, welcher Stoff verwendet wird. Ich persönlich bevorzuge zum Beispiel Baumwollstoffe oder Leinen, wo es geht. Kunstfasern sind zwar günstiger, aber oft nicht so langlebig und können auch beim Waschen und Bügeln mit der Zeit Schaden nehmen. Zudem sind sie viel weniger angenehm auf der Haut.

Außerdem kann ich darauf achten, dass die Nähte gut verarbeitet sind. Hier gibt es viele historische Tricks wie Französische Nähte oder Counter Hems, die heute gar nicht mehr angewendet werden, weil sie zeitaufwendiger sind. Wer sich die Zeit aber nimmt, hat ein besonders gut verarbeitetes und hochwertiges Kleidungsstück. Und sollte doch mal eine Naht auftrennen? Kein Problem, dann näht man die Naht eben neu.

Das ist generell der größte Vorteil von ein bisschen Nähwissen: Auch bei gekauften Teilen, die an einer Stelle kaputt gehen, kann man einfach schnell zu Nadel und Faden greifen – und schon ist das Teil wieder ganz. Wissen zum Flicken, Stopfen etc. findet man leicht auf Youtube, und ein paar nützliche Tricks auch hier auf Utopia.de.

Und das schöne ist: Sogar das macht Spaß. Selbst kniffelige Risse sind eine Herausforderung, die man meistern kann. Ein repariertes Teil zu tragen, das man selbst vor der Tonne gerettet hat – bei dem man die kaputte Stelle kaum mehr sieht – das ist ein ziemlich gutes Gefühl.

Das linke Top hatte ich mit fehlendem Knopf vom Flohmarkt gekauft, doch einen ähnlichen Knopf findet man immer. Der rechte Schal hatte ein Brandloch, war aber schnell geflickt.
Das linke Top hatte ich mit fehlendem Knopf vom Flohmarkt gekauft, doch einen ähnlichen Knopf findet man immer. Der rechte Schal hatte ein Brandloch, war aber schnell geflickt. (Foto: Utopia.de/ KS)

Wieso wir unseren Modekonsum überdenken sollten

Rückblickend glaube ich: Nähen zu lernen war für mich eine der wichtigsten Entscheidungen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil. Ich habe erst eine überschaubare Zahl an Projekten umgesetzt, muss ständig Sachen nachlesen und habe noch sehr viel zu lernen. Meine Ergebnisse sind nicht perfekt und müssen es auch nicht sein. Aber seitdem ich einigermaßen mit Nadel und Faden umgehen kann, hat sich mein Kleiderkonsum radikal geändert.

Weil ich jetzt weiß, wie viel Arbeit in Kleidungsstücken steckt. Weil ich Klamotten, in die ich Arbeit investiert habe, anders wertschätze. Und weil ich Kaputtes repariere, statt es wegzuwerfen – wodurch ich manche Teile quasi endlos tragen kann. Und das lässt mich viel genauer darüber nachdenken, was ich mir wirklich anschaffen will.

Das ist auch gut so: Tendenziell konsumieren wir in Deutschland nämlich viel zu viel Mode. 18 Kilo sind es pro Jahr und Kopf, nach sieben- bis zehnmal Tragen landen die Teile im Müll. So handelt natürlich nicht jede:r, schon gar nicht die Leser:innen auf Utopia.de. Aber wir alle (auch ich) können unseren Konsum hinterfragen und nach Möglichkeiten suchen, es besser zu machen. Das hilft auch dem Klima: Die Textil- und Schuhindustrie verursachen zusammen zehn Prozent der globalen Emissionen, mehr als der Flug- und Schiffsverkehr.

Spart man beim Nähen Geld? Es kommt darauf an

Bewusstes Konsumieren ist nicht nur gut fürs Klima, sondern auch allemal gut für den Geldbeutel. Wobei ich vor einem kleinen Missverständnis warnen will: Ein Kleidungsstück selbst zu nähen, statt es zu kaufen, kann günstiger sein, muss es aber nicht.

Wir leben in einer Welt, in der Mode massiv unter Wert verkauft wird. Arbeiter:innen entlang der globalen Lieferketten verdienen viel zu wenig, damit wir möglichst günstig shoppen können und Ultra-Fast-Fashion von Shein und Temu treibt dieses Problem auf die Spitze. Stoff aus dem Stoffladen dagegen ist teuer, vor allem wenn man auf hochwertige Materialien achtet.

Günstiger als die 20-Euro-H&M-Hose und das 5-Euro-Shein-Top kann die selbstgenähte Bluse oder Hose also nicht sein, selbst wenn man die Arbeitszeit nicht mitberechnet. Aber das ist auch kein fairer Vergleich, denn in der Regel wird das eigene Modell viel hochwertiger sein. Wer Fair Fashion kauft und diese durch eigens kreierte Kleidung ergänzt, merkt schon eher, dass man durch Selbermachen sparen kann. Denn da kostet eine Hose gerne an die 100 Euro. 2,5 Meter Stoff für eine Hose liegen meist deutlich drunter.

Muss Nähen ein teures Hobby sein? Auf keinen Fall

Ist Nähen also immer ein teures Hobby? Auf keinen Fall. Es gibt endlose Möglichkeiten zu sparen: Gebrauchten Stoff kaufen, alte Bettlaken zu Kleidung umnähen, alte Teile auflösen und neu gestalten … man kann wirklich alles upcyclen. Und ich meine ALLES. Neulich habe ich gelernt, wie ich Fadenreste als Füllung für Knöpfe aus Stoffresten verwende. Man kann sie aber auch fürs Zusammenheften von Stoffen nutzen oder für Knopflöcher.

Eine Nähmaschine kostet natürlich Geld, aber für die ersten Nähversuche kann man sich die Maschine auch leihen (bei Bekannten oder über diverse Portale). Für kleinere Projekte braucht es auch gar kein Gerät: Flicken, umnähen, die Größe ändern – das geht alles mit Hilfe von Nadel und Faden. Die kosten so gut wie nichts und wie man sie einsetzt, verrät ebenfalls das Internet. Ich empfehle für Handnäharbeiten außerdem einen Fingerhut, einen kleinen Bienenwachsblock für den Faden (einmal durchziehen, dann verheddert er sich nicht so leicht) und einen Nadeleinfädler. Die drei Dinge sind ebenfalls nicht teuer und machen das Leben viel leichter.

Fehlt noch das Schnittmuster. Wer hier sparen will, kann im Internet nach kostenlosen Schnitten suchen. Auch auf Gebrauchtportalen findet man viele Retro-Schnitte aus vergangenen Jahrzehnten. Moderne Muster werden regelmäßig in Nähzeitschriften veröffentlicht – diese haben etwa Büchereien oft im Abo. Auch hier muss man also nicht viel Geld investieren.  

Und wenn man an einen Punkt kommt, an dem man nicht weiterweiß? Das ging mir am Anfang ganz oft so. Nicht jede:r hat das Glück, eine Freundin mit viel Näherfahrung und einer Engelsgeduld zu haben, auf die man bei Fragen zukommen kann. Aber für Interessierte gibt es viele andere Angebote: Gute Nähbücher, VHS-Kurse und Näh-Communities, die weiterhelfen können. Und Youtube, das wirklich eine Fundgrube für Nähwissen ist – mit dem Vorteil, dass alles direkt vor einer Kamera passiert und man das Video bei Bedarf stoppen und zurückspulen kann.

Wenn ihr etwas von diesem Text mitnehmt: Probiert es einfach aus

Mode ist ein Weg sich auszudrücken und deshalb etwas sehr Individuelles. Und 100 Prozent nachhaltig zu konsumieren ist generell schwierig, bei Klamotten genauso wie bei anderen Dingen. Anders gesagt: Mein Weg ist einer von vielen. Ich will mit diesem Text nicht sagen, dass ihr künftig unbedingt alles selber nähen oder flicken müsst oder dass ihr euch schlecht fühlen solltet, wenn ihr ganz normal weiter Klamotten kauft.

Was ich euch mitgeben will, ist ein bisschen Motivation, es selbst zu probieren und einfach mal zu Nadel und Faden zu greifen. Denn es ändert den Blick, die Wertschätzung und hilft, Kleidung länger am Leben zu erhalten.

Ich hätte nie gedacht, dass Kleidung schneidern mal für einen Modemuffel wie mich relevant werden würde, geschweige denn, dass ich Spaß daran hätte. Eine Fashionista bin ich nach wie vor sicher nicht, die Erfahrung war für mich trotzdem ein Gamechanger.

Ihr müsst auch nicht mit einem komplizierten Kleid anfangen. Aber vielleicht findet ihr ja einen Stoffrest, aus dem ihr einen Beutel oder etwas ähnliches machen wollt. Oder ihr habt ein Teil mit Loch und versucht euch mal an einer kleinen Reparatur. Man braucht nur Nadel und Faden, eine Anleitung aus dem Internet und etwas Geduld.

Wenn es beim ersten Anlauf nicht perfekt klappt, habt ihr nichts verloren, das Teil war ja schon kaputt oder der Stoff sowieso nur ein Rest. Aber wenn doch, wisst ihr sofort, dass es die Mühe wert war. Denn der Moment, in dem man merkt, dass man etwas selbst repariert oder erschaffen hat – den kann man sich nicht kaufen. Den näht man sich selbst.

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