Eine Japanreise: Das Werk von Karl Walser, Robert Walsers Bruder, wird wiederentdeckt.

Eine Japanreise: Das Werk von Karl Walser, Robert Walsers Bruder, wird gerade wiederentdeckt. Es sind Bilder einer längst versunkenen WeltKarl Walser bereiste vor über hundert Jahren Japan. Die dort entstandene...

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Eine Japanreise: Das Werk von Karl Walser, Robert Walsers Bruder, wird wiederentdeckt.

Eine Japanreise: Das Werk von Karl Walser, Robert Walsers Bruder, wird gerade wiederentdeckt. Es sind Bilder einer längst versunkenen Welt

Karl Walser bereiste vor über hundert Jahren Japan. Die dort entstandenen Aquarelle und Gemälde gehören zum Besten, was von dem Schweizer Maler erhalten geblieben ist.

08.08.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Karl Walsers ethnografisch-detaillierter Blick auf die «Yamaboko-Parade», eines Höhepunkts des Gion-Matsuri-Sommerfests in Kyoto (Gemälde, 1908).

Karl Walsers ethnografisch-detaillierter Blick auf die «Yamaboko-Parade», eines Höhepunkts des Gion-Matsuri-Sommerfests in Kyoto (Gemälde, 1908).

NMB New Museum Biel, on permanent loan from the Gottfried Keller Foundation, Federal Office of Culture

Seine Freundin Molly erschoss sich mit einem Revolver vor seinen Augen. Karl Walser hatte sich in eine andere verliebt, die später auch seine Frau werden sollte. Sein Bruder Robert Walser, der heute berühmte Schriftsteller, quittierte den tragischen Vorfall trocken: «Sie hätte die Waffe ja auch gegen meinen Bruder richten können.» Karl Walser aber geriet darüber selbst in eine tiefe Lebenskrise.

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In dieser kritischen Phase griff Walsers Förderer und Galerist Paul Cassirer ein. Der renommierte Berliner Kunsthändler wusste, was in einem solchen Fall zu tun war. Er verstand es, das Gute mit dem Praktischen zu verbinden. Dem Schweizer Maler finanzierte er kurzerhand eine Reise nach Japan. Davon versprach er sich nicht nur Besserung von Walsers labilem psychischen Zustand, sondern auch reichlichen Ertrag für künftige Galerieausstellungen seines Schützlings.

Japan war schon vor über hundert Jahren ein Sehnsuchtsort. Heute bedient der boomende Japan-Tourismus, der nicht zuletzt dem billigen Yen zu verdanken ist, eine Faszination für das Fremde. Das war damals nicht viel anders: Das fernöstliche Inselland stand für ästhetische, religiöse und erotische Erfüllung. Nachdem Japan nach 250-jähriger Isolation seine Grenzen geöffnet hatte, wurde es für den Westen das Land der Verheissung schlechthin.

Das glücklichste Volk

Von dem irdischen Paradies im fernen Osten fühlten sich Abenteurer, Intellektuelle und Geschäftsleute angezogen. Aber auch Diplomaten und Ingenieure bereisten das Land. Und nicht zuletzt Künstler wie der Maler Karl Walser.

Für eine Weltflucht von ein paar Monaten erwies sich Japan als der ideale Ort. Die Reise jedenfalls wurde zur produktivsten Zeit in Karl Walsers Malerleben. Von Land und Leuten liess sich der 1877 im schweizerischen Biel geborene Künstler trotz dem traumatischen Erlebnis einige Wochen zuvor in Berlin leicht einnehmen. An seine Schwester Fanny schrieb er im Mai 1908: «Von ihrer alten Tradition her sind die Japaner wohl das liebste und glücklichste Volk der Erde.»

Karl Walser hatte als Bühnenbildner eine Affinität zum japanischen Theater: «Kabuki-Theaterszene», 1908, Öl auf Holz.

Karl Walser hatte als Bühnenbildner eine Affinität zum japanischen Theater: «Kabuki-Theaterszene», 1908, Öl auf Holz.

NMB New Museum Biel, on permanent loan from the Gottfried Keller Foundation, Federal Office of Culture

Wie viele seiner Japan bereisenden Zeitgenossen unterlag auch Walsers erster Eindruck einer Verklärung. In Europa grassierte eine Obsession, die Japonismus genannt wurde. Exotische Güter überschwemmten den Westen. Alle waren verrückt nach den japanischen Farbholzschnitten mit ihren gewagten Perspektiven, nach den bunten Seidenkimonos, nach bizarr verformter Keramik oder nach feinsten, dekorativ mit Gold bestäubten Lackwaren. All das hinterliess in Europas Kunst, Mode und Design unverkennbare Spuren.

Auch Walser war schon länger vom Japonismus-Virus infiziert. Wie so viele seiner Künstlerkollegen übte er sich in ornamentaler Linienführung. Er war 1901 nach Berlin gekommen, einem der bedeutendsten Zentren der Kunst, um sich eine Karriere als Maler, Bühnenbildner und Buchgrafiker aufzubauen. Bis der Schicksalsschlag – der Suizid seiner Freundin – Japan unverhofft zum heilsamen Fluchtort werden liess.

Walsers Schilderung seiner ersten Eindrücke im fernen Osten klingt wie eine Beschreibung durch den Japan-Kenner Lafcadio Hearn zwanzig Jahre zuvor. Der griechisch-irische Schriftsteller, der Japan zu seiner Wahlheimat machte, schwärmte vom «Zauber eines Elfenlandes kleiner, lächelnder Menschen in malerischen, von tausend chinesischen und japanischen Schriftzeichen geschmückten Strassen».

Auch Walser verbarg seine Begeisterung nicht, wenn er in besagtem Brief festhielt: «Selbst das gemeine Volk ist anständig und höflich. Oft begegne ich auf der Strasse ganz kleinen Kindern von 2 Jahren, die sich verbeugen. Das Nett- und Artigsein scheint diesen Menschen Spass zu machen.» Er kam zu dem Schluss: «Ich würde wohl in Japan für immer bleiben.»

Seine Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde schildern eine einzige Idylle. Es sind Bilder von zierlichen Tänzerinnen im Kimono, von Teehäusern und religiösen Festen mit Feuerwerk und Prozessionen, von Szenen des japanischen Kabuki-Theaters, von alten Gärten, Häusern und Tempeln. Mehr als siebzig solcher Arbeiten sind erhalten geblieben, von den zehn Gemälden, die in Japan entstanden, sind noch vier bekannt.

In einem solchen Gemälde schildert Walser ein Shinto-Fest, bei dem ein tragbarer Schrein durch die Strassen von Kyoto geführt wird. Bis ins kleinste Detail hat er die Zuschauer erfasst, wie sie sich in der Strasse, an den Fenstern der Häuser und auf den Dächern drängen, um dem bunten Spektakel beizuwohnen.

Untergehende Welt

Das Fremde und Ursprüngliche in diesen Bildern fasziniert nach wie vor. Heute wird von Walsers Werk insbesondere sein Blick auf Japan wiederentdeckt. Im Jahr 2008 zeigte das Museum Neuhaus in Walsers Geburtsstadt Biel dessen Japan-Bilder erstmals umfassend in einer Sonderausstellung. Dieses Jahr ist Walser sogar eine Ausstellung in Japan gewidmet: Dort wird mit 160 Arbeiten sein breites Schaffen vorgestellt, mit frühen Stillleben, symbolistisch beeinflussten Landschaften sowie seinen Buchillustrationen. Mit den Bildern aus Japan aber kehrt gleichsam sein bedeutendstes Vermächtnis an seinen Ursprung zurück.

In Walsers Werk – zurzeit in Osaka ausgestellt – kann auch das moderne japanische Publikum eine längst versunkene Welt erblicken. Denn Karl Walser sah im Japan seiner Zeit vor allem auch ein untergehendes Paradies. Das Land der aufgehenden Sonne befand sich damals in einem radikalen Modernisierungs- und Verwestlichungsprozess, dem sprichwörtlich viele alte Zöpfe zum Opfer fielen. Allerdings pflegten die Schwärmer aus dem Westen vor dem modernen Japan der Telegrafen, Zeitungen und Dampfschiffe die Augen zu verschliessen.

Nicht so Karl Walser. Er bedauerte in der Verwestlichung den Niedergang japanischer Kultur. Sein beinahe ethnografischer Blick war getrieben von einer ernüchternden Befürchtung: dass das Geschilderte bald und für immer der Vergangenheit angehören könnte.

«All dies Schöne», schrieb er seiner Schwester, «ist nur noch eine Frage der Zeit. Japan wird Amerika werden, ob es will oder nicht. Die Kaufleute werden die Herren des Landes, die alten Samurai, die Ritter von früher, sterben aus. Edelmut wird mit seiner Schwester Schönheit zum Teufel abmarschieren, und aus den Tempeln werden Museen werden. Basta. Basta.»

Mit präzisem Strich hielt Walser fest, was er glaubte, für die Nachwelt retten zu müssen. Das macht sein Vermächtnis für heutige Augen – auch für japanische – so wertvoll.

Heute ein Hotspot des Tourismus: «Sommerterrassen am Kamo-Fluss, Pontocho» in Kyoto, gemalt von Karl Walser 1908.

Heute ein Hotspot des Tourismus: «Sommerterrassen am Kamo-Fluss, Pontocho» in Kyoto, gemalt von Karl Walser 1908.

NMB New Museum Biel, on permanent loan from the Gottfried Keller Foundation, Federal Office of Culture

Lob in der NZZ

Nach seinem Tod 1943 geriet Karl Walser in Vergessenheit. Er gehörte keiner der Avantgarden an, die die Kunst der Moderne prägen sollten. So machte Walser etwa die impressionistische Mode nicht mit. Obwohl vom Japonismus angetan, hielt er sich an seinen realistischen Stil – eine solide Malweise, in der er sich nicht nur während seiner Lehre als Bauzeichner und Dekorationsmaler, sondern auch durch sein Studium an der Kunstgewerbeschule geübt hatte.

Mit seinen realitätsnahen Darstellungen vermochte er ein breites Publikum zu interessieren und zu begeistern. Paul Cassirer sollte recht behalten: Walsers Japan-Reise mündete in mehrere von Verkaufserfolgen gekrönte Ausstellungen. Cassirer brachte auch zwei Bücher zu Japan heraus, die Walser gestaltete und illustrierte. Und selbst in Zürich wurden Walsers Bilder aus Japan ausgestellt.

Hans Trog, der damalige Kunstredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», brachte am 26. September 1909 seine Begeisterung mit folgenden Worten zum Ausdruck: «Was für ein Lichtzauber geht etwa von dem Fest auf dem Flusse aus.» Und lobte den Künstler: «Phantasie und Sachlichkeit gehen eine feste Verbindung in Walsers Künstlerphysiognomie ein. In der Japanreise wird dieses Doppelinteresse des Künstlers jedem Beschauer sofort klar werden.»

Heute schreibt Akira Tomita, Direktor der Tokyo Station Gallery, in dem bibliophil aufgemachten Band, der die Ausstellungen in Japan begleitet: Diese Werke «erwecken das Erscheinungsbild Japans von vor 120 Jahren auf brillante Weise wieder zum Leben».

Karl Walser hielt in Kyoto auch das Gion-Matsuri-Festival im berühmten Yasaka-Schrein fest (Gemälde, 1908).

Karl Walser hielt in Kyoto auch das Gion-Matsuri-Festival im berühmten Yasaka-Schrein fest (Gemälde, 1908).

NMB New Museum Biel, Switzerland

Karl Walser – Retrospektive in Japan: Katalog in englischer und japanischer Sprache, 360 S., zahlreiche Farbabb., Fr. 40.–. Buchvernissage: 19. August, 18 Uhr, Robert-Walser-Zentrum, Marktgasse 45, Bern. Ausstellung in Osaka: Nakanoshima Museum of Art, bis 27. September.

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