„Ein Schrei nach Hilfe“: Putin-Gegner deckte Folter auf – und will jetzt aufhören

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„Ein Schrei nach Hilfe“: Putin-Gegner deckte Folter auf – und will jetzt aufhören

Stand: 02.08.2026, 18:15 Uhr

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Der russische Oppositionelle Wladimir Ossetschkin dokumentiert seit Jahren Folter in Putins Gefängnissen. Nun friert er seine Arbeit ein.

Moskau/Paris – Wladimir Ossetschkin kennt das russische Strafvollzugssystem aus eigener Erfahrung. Mehr als vier Jahre saß der Oppositionelle im Gefängnis. Später gründete er die Menschenrechtsplattform Gulagu.net, um Folter, Misshandlungen und Korruption in russischen Haftanstalten aufzudecken. Jetzt will er seine Arbeit allerdings einfrieren. Es sei ein „Schrei nach Hilfe“ – nicht für die eigene Rettung, sondern für den Menschenrechtsschutz.

Ukraine-Krieg - Putin

In Gefängnissen von Kreml-Chef Wladimir Putin werden offenbar Kriegsgefangene und Oppositionelle gefoltert. (Archivbild) © Uncredited/Russian Presidential Press Service/AP/dpa

Putin-Gegner Ossetschkin hatte Folter aufgedeckt: Er pausiert jetzt seine Arbeit

Im Gespräch mit ntv.de schilderte er, wie er selbst zum Ziel der russischen Behörden wurde, wie Gefangene mit Elektroschocks und Fesselungen misshandelt wurden und wie sich die Folter nach Beginn des Ukraine-Krieges ausweitete. „Ich hatte über vier Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen“, sagt Ossetschkin. Man habe ihm sein Vermögen genommen und vier Jahre seines Lebens. Die Erfahrungen hätten ihn dazu gebracht, Gulagu.net aufzubauen.

Ossetschkin kennt die Zustände in russischen Gefängnissen aus eigener Erfahrung. 2007 wurde er festgenommen und verbrachte anschließend mehr als vier Jahre in Haft und wurde 2011 entlassen. Über die Bedingungen während seiner Haft sagt er gegenüber ntv.de: „Ich kam kahl und ohne Zähne aus der Haft.“ Er schildert die Haft als „fürchterliche“ Zeit. Schon in seiner Zelle im Medvedkovo-Gefängnis dachte er über den Namen für seine Plattform nach, wie das Investigativmedium Proekt.Media über ihn schildert.

Er habe damals erkannt, dass es ein unabhängiges Netzwerk aus Angehörigen von Häftlingen, ehemaligen Gefangenen, Menschenrechtlern und Journalisten brauche, so Ossetschkin. Mit Gulagu.net wollte er dabei vor allem Menschen erreichen, die innerhalb des Strafvollzugssystems über Misshandlungen berichteten. „Wer Folter meldet – manchmal sind es Bedienstete des Straflagersystems selbst –, dem müssen wir Anonymität garantieren“, sagt er. „Wie Ärzte sind wir dem Grundsatz verpflichtet, nicht zu schaden.“

„Spuren von Fesseln, von Elektroschocks“: Folter in russischen Haftanlagen

Die Arbeit brachte ihn jedoch auch nach seiner Haft bald in Konflikt mit den russischen Sicherheitsbehörden. Ossetschkin berichtet, er sei dreimal in die Präsidialverwaltung zitiert worden. Dort habe man verlangt, einen „Kurator“ des Geheimdienstes FSB für seine Plattform einzusetzen. Der endgültige Bruch mit den Behörden kam 2015. Über die Hotline von Gulagu.net erreichten die Organisation Informationen, wonach Männer, die im Zusammenhang mit der Ermordung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow festgenommen worden waren, im Moskauer Gefängnis Lefortowo gefoltert worden seien.

Ossetschkin spricht von „Spuren von Fesseln, von Elektroschocks“. Seine Mitarbeiter hätten die Angaben zu den Verletzungen bestätigt. Er forderte öffentlich Ermittlungen gegen die Spezialeinheit, die für die Misshandlungen verantwortlich gewesen sein soll. Das brachte ihn selbst ins Visier der Behörden. Während der FSB-Chef im Staatsfernsehen erklärte, die Verdächtigen hätten freiwillig gestanden, wurde gegen Ossetschkin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als ihm klar geworden sei, dass eine Festnahme bevorstehe, habe er mit seiner Frau Russland verlassen.

Ossetschkin stellt Arbeit an Gulagu.net ein: „Kein Heldentum mehr, sondern Wahnsinn“

Seine Arbeit an Gulagu.net, die im französischen Exil an Fahrt aufgenommen hatte, will er jetzt jedoch einfrieren – trotz aller Errungenschaften. „Mein Schritt ist kein Ruf um meine eigene Rettung, Frankreich schützt mich. Es ist ein Schrei nach Hilfe für das System des Menschenrechtsschutzes, das man erstickt hat“, erklärt er. Und weiter: „Weiterzumachen, in die fast sichere physische Vernichtung hinein, wäre kein Heldentum mehr, sondern Wahnsinn, der an Idiotie grenzt.“

Denn offenbar zweifelt Ossetschkin aktuell an der Bedeutung von Menschenrechten in den Augen von Politikern. Doch er gibt die Hoffnung nicht auf. Er glaubt, dass die von Gulagu.net gesammelten Beweise eines Tages Grundlage für internationale Strafverfahren gegen Verantwortliche werden könnten. Seine Archive sollen daher erhalten bleiben. „Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um den Gulag des 21. Jahrhunderts zu entlarven“, sagt er. Um ihn tatsächlich zu zerschlagen, brauche es aber die Anstrengungen der gesamten Welt – „und in erster Linie der Russinnen und Russen selbst“.

Oppositionsplattform liefert wichtige Hinweise auf Folter in Russland

Im Exil hat sich Gulagu.net dabei zu einer Anlaufstelle für Informanten aus dem russischen Strafvollzug entwickelt. Besonders bekannt wurde ein umfangreiches Folterarchiv aus einem Gefängnis in Saratow. Der ehemalige Häftling Sergej Saweljew hatte die Aufnahmen aus dem Gefängnissystem herausgeschmuggelt und an Ossetschkin übergeben. Das Material dokumentierte schwere Misshandlungen von Gefangenen und löste international Empörung aus.

Nach Angaben Ossetschkins hatte die Veröffentlichung konkrete Folgen: Der Leiter des russischen Strafvollzugsdienstes verlor seinen Posten, Dutzende Mitarbeiter wurden entlassen und mutmaßliche Folterer aus der Führungsebene festgenommen. Ossetschkin und seine Mitarbeiter hätten damals geglaubt, dass sich tatsächlich etwas verändern könnte. Ende 2021 habe man den Eindruck gehabt, Russland sei unter internationalem Druck sogar bereit, Folter härter zu bestrafen. „Wir nannten uns im Scherz ein ‚Team von Surfern gegen die Folter‘ und glaubten, 2022 werde unser Jahr“, sagt Ossetschkin.

Dann begann der Ukraine-Krieg von Wladimir Putin. Nach dem 24. Februar 2022 richtete Gulagu.net den Fokus zunehmend auf die Behandlung ukrainischer Kriegsgefangener. Ossetschkin spricht von einem System von Folterlagern, in denen der FSB und der russische Strafvollzug ukrainische Gefangene seit März 2022 systematisch misshandelt hätten. Dabei habe die Dimension der Gewalt eine neue Stufe erreicht. „Anders als in Russland nicht selektiv, sondern flächendeckend“, beschreibt Ossetschkin die Folter ukrainischer Kriegsgefangener.

Putin-Gegner Ossetschkin will seine Archive aufbewahren: „Bis eine neue Generation von Politikern kommt“

Besonders brisant seien Informationen aus dem Inneren des russischen Systems gewesen. Mitarbeiter hätten sich an Gulagu.net gewandt, weil sie nicht länger an der Gewalt teilnehmen wollten. Manche hätten erklärt, sie wollten keine „Faschisten des 21. Jahrhunderts“ sein. Gulagu.net habe einige Informanten dennoch gebeten, zunächst im System zu bleiben – allerdings nicht, um selbst zu foltern, sondern um Beweise zu sammeln. Sie sollten dokumentieren, „wer zum Foltern ausrückt“, erklärt Ossetschkin.

Die Organisation habe schließlich Zeugen aus Russland herausgebracht. Ihre Aussagen seien später internationalen Ermittlern zur Verfügung gestellt worden. Eine zweite große Untersuchung von Gulagu.net betraf nach Ossetschkins Angaben die Rekrutierung von Häftlingen für den Krieg gegen die Ukraine. Die Organisation habe Beweise dafür gesammelt, wie Gefangene aus russischen Gefängnissen für den Krieg angeworben wurden.

Ein CNN-Reporter habe ihm damals gesagt: „Entweder Sie veröffentlichen die größte Fälschung meines Lebens, oder Ihr Land stürzt wirklich in die Hölle.“ Ossetschkin zufolge war es keine Fälschung. Die wichtige Arbeit, die er leistete, wird nun vorerst pausiert. Zumindest, „bis eine neue Generation von Politikern kommt, für die Menschenrechte wieder etwas bedeuten.“

Für den Oppositionellen persönlich ist die Arbeit gefährlich. Im Oktober 2025 nahmen französische Anti-Terror-Ermittler vier Männer fest, die nach Angaben der Behörden einen Anschlag auf einen russischen Oppositionellen in Frankreich vorbereitet hatten. Laut französischen Medien und Ossetschkin selbst richteten sich die Pläne gegen ihn. Drei der Verdächtigen sollen zuvor sein Haus und einen weiteren von ihm regelmäßig aufgesuchten Ort in Biarritz gefilmt haben. (Quellen: ntv.de, Proekt.Media, Zeit, Le Parisien, eigene Recherche) (bb)