Ein Pizzaofen für 9000 Dollar aus Connecticut: Ist das die Reindustrialisierung der USA?
Die amerikanische Regierung freut sich über Milliarden, die in neue Fabriken im Land fliessen. Der Fortschritt hängt aber stark von der Branche ab. Ohnehin wird die Industrie in den USA nie mehr wie «früher» aussehen, wie sich in einer Mikrofabrik in Connecticut zeigt.
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Ein Pizzaofen für 9000 Dollar, hergestellt in Connecticut. Reicht das für die Reindustrialisierung der USA? Ein Besuch
Die amerikanische Regierung freut sich über Milliarden, die in neue Fabriken im Land fliessen. Der Fortschritt hängt aber stark von der Branche ab. Ohnehin wird die Industrie in den USA nie mehr wie «früher» aussehen, wie sich in einer Mikrofabrik in Connecticut zeigt.
01.08.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten

Pizzaöfen «made in America»: In Stamford im Gliedstaat Connecticut ist ein kleines Stück Reindustrialisierung geglückt.
NZZ
Die Pizza kommt aus einer Schauküche in einem unscheinbaren Industriepark in Stamford im Gliedstaat Connecticut. Und doch ist sie so gut wie vom Italiener: Der Boden ist dünn, der Rand mit schönen Luftblasen versehen und leicht angebräunt, aber nicht verbrannt.
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Das Resultat müsste selbst den Burger-Liebhaber Donald Trump freuen, der offenbar nur den Belag seiner Pizza isst und den Boden verschmäht. Denn der Ofen, der bis zu 700 Grad heiss wird und damit diese Meisterleistung ermöglicht, ist «made in America». Die Firma GE Appliances stellt ihn seit vier Jahren hier in Stamford mit viel Handarbeit und in kleinen Stückzahlen her, unmittelbar neben der Schauküche. Ein Ofen kostet 9000 Dollar. Ist das die Reindustrialisierung, die Trump so gross angekündigt hat?
Stamford ist ein wohlhabender Ort im Speckgürtel von New York und keine zerbröselnde Industriestadt. Es gibt hier keine rostigen Fabrikruinen, sondern Glastürme, in denen die UBS oder die Axa-Versicherung grosse Büros unterhalten. Und doch verkörpert kaum ein Gebiet die amerikanische Industriegeschichte so gut wie Connecticut. Weil sich die Flüsse für die Energiegewinnung leicht erschliessen liessen, war es das erste Zentrum der Massenfertigung im Land.
Hier wurden die ersten modernen Schreibmaschinen produziert oder die Munition, die den Alliierten den Sieg im Ersten Weltkrieg eintrug. Ab den 1920er Jahren baute GE, die «Everything Company», hier Radios, Bügeleisen, Ventilatoren. Bis zur Jahrhundertwende verliessen viele dieser Firmen den Gliedstaat, sie zogen in die Südstaaten oder gleich ins Ausland. Zuletzt ging auch GE, die sich in der Finanzkrise beinahe in den Ruin getrieben hatte und aufgeteilt wurde.
Kein Anstieg bei den Arbeitsplätzen in der Industrie
Nun sollen die alten Zeiten zurückkommen. Das zumindest strebt der US-Präsident Donald Trump an. Die Pizzaofen-Mikrofabrik ist nur ein winziger Beitrag zur grossen Reindustrialisierung, die er angekündigt hat.
Ob die Jobs tatsächlich wiederkehren und ob das Trumps Verdienst ist, wird in den USA oft gemäss der Parteilinie beurteilt. Der Mann, der die Backofenfabrik in Stamford angesiedelt hat, hat für die versammelten, Pizza kauenden Journalisten eine salomonische Antwort parat. «Die USA wachen auf. Es ist gut, zu sehen, dass Washington endlich verstanden hat, wie wichtig die Industrie ist», sagt Kevin Nolan, der Chef von GE Appliances, zunächst lobend. Zölle böten einen Anreiz, lokal zu produzieren, aber sie schüfen auch Probleme.
Dann folgt die fundamentale Manöverkritik. Manche Leute sagten, so Nolan, wer in den USA produziere, müsse keine Zölle zahlen. «Ich weiss nicht, auf welchem Planeten diese Leute leben. Wer komplexe Produkte herstellt, spürt die Zölle entlang der Lieferkette.»

Kevin Nolan, der CEO von GE Appliances, schreckt auch vor politisch heiklen Aussagen nicht zurück.
The Washington Post via Getty
Viele Firmenchefs drücken sich vor solchen politisch heiklen Aussagen. Aber Nolan – einer der vergleichsweise wenigen Ingenieure, die grosse amerikanische Firmen führen – kann seinen Erfolgsausweis für sich sprechen lassen. Seit der GE-Veteran 2017 den Chefposten von GE Appliances übernommen hat, hat das Unternehmen seinen Umsatz verdoppelt und ist nach Volumen zum führenden Anbieter von Haushaltgeräten des Landes aufgestiegen. GE Appliances beschäftigt 15 500 Mitarbeiter in den USA, etwas mehr als die Hälfte am Hauptstandort in Louisville im Gliedstaat Kentucky.
Die Ironie dieser Reindustrialisierung wie aus dem Maga-Bilderbuch: Sie geschah erst unter chinesischen Eigentümern. 2016 kaufte der Konkurrent Haier die Haushaltsparte von GE. Weil sich die Chinesen die Namensrechte sicherten, dürfen Waschmaschinen und Geschirrspüler weiterhin unter dem Namen GE Appliances verkauft werden.
Unter den Chinesen hat das Unternehmen seither 3,5 Milliarden in moderne Massenproduktion in den USA investiert. Bis 2030 sollen weitere 3 Milliarden folgen. «Wir waren eine Cash-Cow für GE», sagt Nolan, «wir gaben unsere Profite ab, erhielten aber keine Investitionen zurück.» Das habe sich negativ auf die Marktposition und die Moral ausgewirkt. Mit Haier sei das komplett anders geworden.
Es geht nicht nur um Jobs
Die Geschichte von GE Appliances zeigt: Die Reindustrialisierung verläuft nicht nach dem Drehbuch der Politiker. Die Republikaner hören nicht gern, dass auch einige chinesische Firmen dazu beitragen. Die Demokraten ignorieren, dass manche Branchen unter Trump Fortschritte gemacht haben.
Als er im Januar 2017 das erste Mal amerikanischer Präsident wurde, sprach Trump von einem «Blutbad», das die Globalisierung in der amerikanischen Industrie angerichtet habe. Seither will er die Millionen verlorener Industriejobs zurückholen. In seiner ersten Amtszeit ging er gegen Güter aus China vor, jetzt setzt er auf flächendeckend hohe Zölle und tiefere Steuern. Ausländische Unternehmen will er dazu bringen, Fabriken in den USA zu bauen.

Wirklich, nie wieder abwaschen? Ein Techniker führt um 1940 in einem Werbefilm einen Geschirrspüler von General Electric vor.
Vintage Images / Archive Photos / Getty
Ob Trump damit Erfolg hat, ist höchst umstritten. Im Juni zählten die Statistiker in den USA 12,6 Millionen Jobs. Etwa so viele wie zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, aber 7 Millionen weniger als Ende der 1970er Jahre. Damals lebten in den USA aber nur 226 Millionen Menschen, heute sind es 342 Millionen. Das heisst: Die relative Bedeutung der Industrie ist noch viel stärker zurückgegangen. Die USA entwickelten sich zur Dienstleistungswirtschaft. Auch Trump hat diesen Prozess nicht stoppen können.
Die meisten Jobs gingen zwischen 2000 und 2010 verloren: Der «China-Schock», als zahlreiche amerikanische Industriebetriebe ihre Produktion ins Reich der Mitte verlagerten, trug dazu bei, aber auch die fortlaufende Automatisierung der Fabriken. Die unmittelbaren Auslöser von Massenentlassungen in Amerika waren die Rezessionen im Jahr 2001 und ab dem Jahr 2008.
So sehen moderne Industriejobs aus
Aber bemisst sich der Erfolg nur an den Arbeitsplätzen oder auch an den Produkten, welche die Betriebe herstellen? In einer modernen Autofabrik übernehmen Hunderte Industrieroboter die körperlich anspruchsvollen Arbeiten, die Angestellten überwachen sie. In den 41,6 Wochenstunden, die ein Industriearbeiter in den USA im Schnitt in der Fabrik verbringt, stellt er viel mehr Autos her als sein Urgrossvater vor 85 Jahren.
Ausgerechnet der Produktivitätsschub erschwert es, für neue Arbeitsplätze in den Fabriken für Millionen Werktätiger zu sorgen. Die Lohnkosten in den USA sind hoch. Viele amerikanische Industriebetriebe investieren daher in hochautomatisierte Werke, die nur wenig Mitarbeiter brauchen, um einen hohen Output zu erzeugen. Die Produktion von Medikamenten, Autos oder Halbleitern entwickelt sich in diese Richtung.
Die Alternative besteht darin, sich auf Luxusprodukte zu konzentrieren, die in kleinen Serien und mit Handarbeit hergestellt werden. Wie sich in Stamford bei GE Appliances zeigt, hat das nichts mehr mit den Förderbändern alter Ford-Fabriken zu tun. In der Montagehalle herrschen nicht ohrenbetäubender Lärm und Hektik, sondern konzentrierte, betriebsame Ruhe. Die Monogram-Öfen werden zwar händisch zusammengesetzt, die Arbeiter greifen aber auf moderne Metallbearbeitungsmaschinen zurück.

Die Backöfen von Monogram werden in kleiner Stückzahl hergestellt.
NZZ

In der Mikrofabrik von GE Appliances in Stamford finden sich keine riesigen Förderbänder.
NZZ
Wer als Luxusanbieter Erfolg haben will, muss indes mit Neuheiten aufwarten. Die Pizzaofen-Mikrofabrik ist auch deshalb eingebettet in einen 2023 eingeweihten Innovations-Hub. Dieser enthält neben der Schauküche auch eine frei zugängliche Werkstatt, in der Anwohner im Austausch mit Vertretern von GE Appliances an eigenen Produkten tüfteln können.
Gemäss Kevin Nolan hilft die Nähe zu Kunden und Partnern seiner Firma, innovativ zu sein. Aus einer solchen Partnerschaft ist etwa ein kleiner, mit Holzpellets betriebener Smoker entstanden, mit dem sich Fleisch bei tiefen Temperaturen zubereiten und mit einem Raucharoma versehen lässt. Der Smoker ist kompakt und die Räucherkammer hermetisch abgeschlossen, so dass man ihn auch in Innenräumen nutzen kann.
Zölle schaden wohl mehr, als sie nützen
Was aber hat Trumps protektionistische Industriepolitik seit Anfang 2025 bewirkt? Es gab zwar eine Flut von Investitionsversprechen, von ausländischen wie von amerikanischen Firmen, diese konzentrierten sich aber auf einige wenige Branchen – etwa die Pharmaindustrie, die sehr hohen Zöllen und Trumps Druckversuchen zuvorkommen will.
Andere Industriezweige wie die Autoindustrie haben sich nicht erholt, obwohl der US-Präsident gerade ihr grosse Bedeutung zumisst. Der Grund liegt vor allem in der schleppenden Nachfrage – die wiederum in den hohen und steigenden Autopreisen begründet liegt.
Betrachtet man die Bauinvestitionen im amerikanischen Industriesektor, wird klar: Der eigentliche Boom fand schon unter Joe Biden statt, der zahlreiche Industrien mit enormen Subventionen unterstützte, was angesichts der hohen Staatsschulden der USA allerdings auch nicht nachhaltig war. Unter Trump sind die Bauinvestitionen zurückgegangen, befinden sich aber noch immer auf vergleichsweise hohem Niveau.
Seit zehn Jahren gehört GE Appliances zum chinesischen Haier-Konzern.
Michael Hickey / Getty Images
In der Öffentlichkeit wird heftig debattiert. Greg Ip, der stellvertretende Wirtschaftschef des «Wall Street Journal», sprach im April von einem «verdeckten Industrieboom». Die Arbeitnehmer seien unter Trump II noch einmal viel produktiver geworden, der Wert der produzierten Güter sei deutlich angestiegen.
Grund für den Aufschwung seien aber nicht Trumps Zölle. Die einheimischen Unternehmen konkurrierten oft nicht direkt mit ausländischen Herstellern, sondern komplementierten diese. Bestes Beispiel ist der Ausbau von Rechenzentren: Amerikanische Firmen liefern Systeme zur Kühlung oder für das Elektrizitätsmanagement, während viele Grafikkarten aus Taiwan oder Speicherchips aus Südkorea importiert werden.
Der Ökonom und Blogger Noah Smith hielt dagegen, dass der jüngste Boom der Industrieproduktion – etwas mehr als 4 Prozent seit Trumps Amtsantritt – verschwinde, wenn man die aufgelaufene Inflation berücksichtige. Die langjährige Stagnation halte an. Der Gegenwind durch Zölle gleiche die positiven Entwicklungen aus.
Die Industrie hat Zukunft
Auch Kevin Nolan plädiert dafür, gewisse Rohstoffe und Maschinen von Zöllen zu befreien. Er nennt als Beispiel ein Bauteil, das GE Appliances bisher aus China bezogen hat, jetzt aber in den USA fertigen will. Die Maschinen dafür kommen aus Neuseeland und werden mit hohen Zöllen belegt. «Wir zahlen extra, wenn wir das Richtige tun und die Produktion zurück in die USA bringen wollen.»
Solche Abgaben würden den Unternehmen Substanz entziehen, die sie für Investitionen in den USA nutzen könnten. «Warum macht man kein Programm, damit Firmen den Zoll auf ein Sperrkonto einzahlen, auf das sie für Investitionen zugreifen können?»
Zudem sei das Zollumfeld bereits mehrfach angepasst worden, was hohe Unsicherheit schaffe. GE Appliances hat einen Teil der globalen Fertigung in den vergangenen Jahren wieder in die USA zurückgeholt, aber seine Produktion in Mexiko weitgehend beibehalten. Die beiden Länder sind in einer Freihandelszone verbunden, die Trump aber sprengen will. Inzwischen hat die Regierung den Einfuhrzoll auf gewisse Produkte aus Mexiko wie Klimaanlagen wieder gesenkt, weil er die Baukosten zu sehr verteuerte, für Küchengeräte gilt dies aber nicht. Nolan meint dazu: «Es ist schwierig, in dieser Situation zu investieren.»
Glaubt man ihm, ist es kein Naturgesetz, dass klassische Industriebranchen früher oder später nach China abwandern. Gerade Küchengeräte seien ideal geeignet für die lokale Produktion: wegen ihrer Grösse. «Einen Kühlschrank aus Asien zu transportieren, kostet viel Geld, weil nicht viele in einen Container passen.»
Manches können die Regierungen nicht direkt beeinflussen. Das kniffligste Problem für GE Appliances ist etwa, dass sich viele Amerikaner derzeit kein Haus mehr leisten können, wegen der hohen Zinsen und der steigenden Baukosten. Wenn aber niemand umzieht, braucht es auch weniger Kühlschränke und Waschmaschinen.
Die Reindustrialisierung der USA bleibt ein Langfristprojekt mit offenem Ausgang. Ihr Gelingen lässt sich nicht nur an der Zahl der Arbeitsplätze festmachen. In Connecticut werden nebst Pizzaöfen etwa auch Hightech-Produkte wie Nuklear-U-Boote oder Düsentriebwerke produziert. 155 900 Industriejobs zählt der Gliedstaat, das sind etwas mehr als 10 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Aber selbst wenn die Reindustrialisierung voranschreitet: 40 Prozent werden es nie wieder sein.

In Louisville im Gliedstaat Kentucky produziert GE Appliances Geschirrspüler – anders als in Stamford aber in grösseren Serien.
Michael Hickey / Getty

In den USA werden die Industriejobs kaum verschwinden. Weil die Produktion aber immer effizienter wird, dürfte die Zahl der Arbeitsplätze hingegen auch nicht mehr stark ansteigen.
Michael Hickey / Getty
1 Kommentar
Ester Mottini
vor 45 Minuten
Trumps 'Zollrallye' schafft bei der angestrebten 'Reindustrialisierung' der USA, wie im Artikel anschaulich dargelegt, Unsicherheiten in der gesammten Produktionskette und bläht zwangsläufig die Administration auf. Im Artikel wurde darauf hingewiesen, "dass manche Branchen unter Trump Fortschritte gemacht haben", was die Demokraten ignorieren. Dazu hätte ich gerne mehr erfahren: Die Verlagerung von Produktionsstätten der Pharmaindustrie in die USA sind ja erst in Planung. Dasselbe gilt für die Herstellung von Hochleistungschips, die sich nicht so einfach von Taiwan in die USA transferieren lassen. Bei welchen Branchen sind denn diese Fortschritte sichtbar und wie konkret?
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