Ein Brief als Eskalation: Gianni Infantino droht nun doch alles zu verlieren

Drei große Fußball-Kontinentalverbände mit insgesamt 136 Mitgliedern verschicken einen Brief, der es in sich hat. Sie drängen Gianni Infantino mit schweren Vorwürfen zum Rücktritt. Zudem dringt ein heikler Zusatz durch. Wie reagiert die FIFA nun?

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Ein Brief als Eskalation: Gianni Infantino droht nun doch alles zu verlieren

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11.08.2026 | 07:26 Uhr

Drei große Fußball-Kontinentalverbände mit insgesamt 136 Mitgliedern verschicken einen Brief, der es in sich hat. Sie drängen Gianni Infantino mit schweren Vorwürfen zum Rücktritt. Zudem dringt ein heikler Zusatz durch. Wie reagiert die FIFA nun?

Vorerst tun die FIFA und Gianni Infantino so, als wäre am Montag nichts passiert. Die FIFA schweigt und ihr Boss gibt den Fußball-Influencer. Er fühlt etwa mit den Familien in Kolumbien, die bei einem schweren Erdbeben liebe Menschen verloren haben. In Kolumbien war der schwer angezählte Schweizer gerade erst selbst zu Besuch, um der Amtseinführung des ultrarechten Präsidenten Abelardo de la Espriella beizuwohnen. Er reiste gemeinsam mit CONMEBOL-Präsident Alejandro Dominguez, einem engen Verbündeten Infantinos in Südamerika, nach Cali.

Infantino kämpft um seinen Job. Er will nicht nur FIFA-Präsident bleiben sondern im nächsten Jahr abermals zum Spitzenmann gewählt werden. Es ist ein Kampf, der einem Schachspiel gleicht. Zug um Zug werden Szenarien aufgebaut, um den gegnerischen König zu stürzen. Bis vor wenigen Wochen gab es tatsächlich nur einen auf dem Spielfeld: Infantino selbst. Doch dann war ihm die Deckung um die Ohren geflogen, weil er den heiligen Gral des Fußballs, die Weltmeisterschaft, zumindest in Teilen in die Hände von Investoren legen wollte. Es winkte das ganz große Geld. Auch für ihn selbst. Einer zu gründenden Tochterfirma hätte er später mal vorsitzen wollen.

Ein Zug, der den König Schach stellt

Am Montag setzten Infantinos Gegner unter Führung der UEFA zum nächsten Zug an und der hatte es in sich. Der König steht Schach. Mindestens. Ob er matt ist? Bei Infantino kann man sich nie sicher sein. Europa (UEFA), Asien (AFC) sowie Nord- und Mittelamerika und die Karibik (CONCACAF) verschicken einen offenen Brief an die Fußballwelt - als Replik auf den Generalangriff des FIFA-Präsidenten gegen seine Kritiker, die sich inzwischen über die ganze Welt verteilen. Die Macht des Schreibens ist gigantisch. Eine Eskalation. 136 Mitgliedsverbände sind inkludiert. Die drei großen Verbandsbosse haben den Brief unterschrieben, ihre Generalsekretäre ebenso.

Es ist das bislang engste Bündnis in diesem Machtkampf, der bisweilen sehr dreckige Züge anzieht. Auf beiden Seiten. Angefangen mit dem undurchsichtigen Investorendeal, der weit mehr war als eine "Idee", wie Infantino in fast schon panischer Verzwergung ausrief. Danach wurde ein Giftschrank geöffnet und es scheint jedes Mittel recht, um die andere Seite mit Drohungen oder Vorwürfen zu schwächen. Zuletzt gab es heikle Berichte über eine angebliche "Geliebte" des Schweizers. Vor 15 Jahren soll der damalige UEFA-Generalsekretär für eine enge Mitarbeiterin eine hohe Entschädigungszahlung bei ihrem Ausscheiden aus der UEFA ausgehandelt haben.

Es sind so viele Flanken offen. Der drohende WM-Boykott, mögliche juristische Schritte gegen Infantino, sollte es bereits Vorverträge im Zuge des Investorendeals gegeben haben und der drohende US-Kongress, der von der FIFA und ihrem Boss alles über die Beziehungen zu Donald Trump und dessen Umfeld wissen will.

Die große Wut der FIFA

Die FIFA ging danach wütend in den Angriff über. "Immer deutlicher wird, dass einige Akteure gezielt und fortlaufend versuchen, die FIFA und ihren Präsidenten zu schwächen", teilte der Verband bei X mit. "Wenn Berichte unzutreffend oder irreführend sind, wird die FIFA ihnen unmittelbar und energisch entgegentreten." Spekulationen dürften nicht als Tatsachen dargestellt werden. Welche Berichte und Akteure gemeint sind, machte die FIFA in ihrer Stellungnahme nicht deutlich. Sie erklärte nur, in der jüngsten Berichterstattung seien unbelegte Behauptungen und nachweislich falsche Aussagen über die FIFA und ihren Präsidenten verbreitet worden. Es gehe jedoch darum, den Verband zu stärken und den Fußball weiter "wirklich global zu machen". Der Fokus bleibe fest auf diese Aufgabe gerichtet. "Wir sind entschlossener denn je, sie zu erfüllen."

Vorerst aber schweigt der Weltverband auf den großen Angriff. 136 Verbände, das ist ein Bündnis, gegen das Infantino in diesem Moment keine Verteidigung hat. Will er sich im kommenden März im marokkanischen Rabat wiederwählen lassen, braucht er mindestens 106 Stimmen der 211 Verbände. In der aktuellen Hochrechnung ist das ausgeschlossen. Nun gibt es innerhalb der Kontinentalverbände keinen Fraktionszwang. UEFA, AFC und CONCACAF könnte sich Abweichler leisten und trotzdem gegen Infantino gewinnen. Zumal sich mit den USA und Kanada weitere Verbände meldeten, die sich mit Infantinos Gegnern verbünden.

Trump warnt vor "schrecklichem Fehler"

Dass sich gerade die USA gegen den Schweizer stellen, dürfte ihn besonders schmerzen. Infantino hatte bei der WM alles getan, um das Turnier und den Gastgeber zu schützen. Die Störfeuer und Einflussnahmen seines engen Freundes - wobei unklar ist, wie sich der Wert der Freundschaft außerhalb von Macht und Geld definiert - Donald Trump blieben ohne Konsequenzen. Infantino soll nach seinem gescheiterten Großvorhaben im Weißen Haus um Unterstützung gebeten haben. Auch wenn die FIFA entsprechende Medienberichte als "frei erfunden" geißelte, so bekommt Infantino nun tatsächlich einen Zuruf von Trump.  

"Die FIFA würde einen schrecklichen Fehler begehen, wenn sie aus irgendeinem Grund auch nur in Erwägung ziehen würde, Präsident Gianni Infantino abzulösen", schrieb der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social. Der unter Druck geratene Infantino sei "unglaublich", unter seiner Leitung habe "die mit Abstand erfolgreichste Weltmeisterschaft jemals stattgefunden - und zwar um das Vierfache", schrieb Trump weiter: "Wenn er weg ist, wird es nie wieder so erfolgreich und profitabel sein!"

Wer übernimmt denn für Infantino?

Der Weg Infantino aus dem Amt zu kegeln ist aber noch ein weiter, auch wenn das Bündnis wächst und sich die Machtverhältnisse auf dem Schachbrett wieder wenden, nachdem der gestolperte und aufgeschlagene Infantino erst durch den afrikanischen Verband (CAF) und dann, nach einem Krisentreffen, durch die FIFA selbst gestärkt wurde. Denn wer soll's machen? Ein Gegenkandidat ist noch nicht aufgebaut und nominiert. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin könnte es werden. Er ist das Gesicht geworden, dass Infantino die Stirn bietet. Nicht zum ersten Mal. Im kommenden Jahr scheidet er aus dem Amt. Er wäre dann verfügbar (wenn er will). Ist er ein so großer Netzwerker, dass er nicht nur den Protest anführen sondern auch den Weltverband führen kann?

Eine große Aufgabe in einem möglichen Machtkampf dürfte sein, den nationalen Verbänden die Furcht davor zu nehmen, dass sie die finanzielle Unterstützung seitens der FIFA verlieren. Da hat Infantino groß vorgelegt. In dem Brief von Montag wird aber zumindest beteuert, dass weder die bereits erfolgten WM-Vergaben oder auch die Verteilung der Gelder an die Verbände angetastet werden sollen. Aber wie könnte es nun weitergehen? Die Gegner setzen auf eine schnelle Eskalation, um dem Lobbyisten Infantino wenig Raum zur Wende zu geben.

So könnte der FIFA-Rat, das wichtigste Entscheidungsgremium der Organisation zwischen den FIFA-Kongressen, eine Krisensitzung einberufen, um über die Zukunft des Präsidenten zu beraten. Sollten mindestens 19 der 37 Mitglieder dafür stimmen, müsste es binnen zwei Wochen ein Treffen geben. Eine Rücktrittsaufforderung könnte Infantino jedoch ablehnen. Was wahrscheinlich wäre. Eine andere Möglichkeit wäre eine außerordentliche Sitzung des FIFA-Kongresses, des obersten Organs des Weltverbands. Dafür ist ein Fünftel der Stimmen der 211 Mitgliedsverbände nötig. Die Anfrage muss schriftlich eingehen, innerhalb von drei Monaten muss das Treffen dann abgehalten werden. Anschließend könnte ein Misstrauensvotum gegen Infantino gestellt werden.

Was UEFA, AFC und CONCACAF der FIFA vorwerfen

Noch am Tag des verschickten Briefs sickerte mehreren Medien zufolge durch, dass es Gespräche gegeben habe, in denen skizziert worden sei, wie die drei Kontinentalverbände eigene Wettbewerbe organisieren könnten. Diese pikante Ergänzung sollte aber offenbar nur eine Hintergrundinformation sein, sie wurde aber an einen großen Verteiler verschickt. Wirklich ein Versehen? Oder ein kalkulierter Zug, um den Druck weiter zu erhöhen?

Die erfolgte Attacke ist der ultimative Angriff. Der Versuch, die "FIFA-Weltmeisterschaft zu verkaufen", stelle einen "grundlegenden Vertrauensbruch gegenüber genau jenen Institutionen, denen die FIFA eigentlich dienen soll", dar. Zudem kritisierten Ceferin und Co., dass die von der FIFA angekündigte Aufarbeitung der Vorfälle der vergangenen Wochen nicht vollständig von einer unabhängigen Instanz durchgeführt werden soll.

Die Unterzeichner sendeten noch einen dringenden Appell: "Die Stärke des Fußballs lag stets in seiner Einheit. Wir rufen dazu auf, diese Einheit nun zu wahren - und für eine Führung einzustehen, die dem Fußball dient, statt ihn beherrschen zu wollen." Es herrsche Schweigen, "wo Rechenschaftspflicht herrschen sollte, und Distanz, wo Offenheit herrschen sollte", schreiben die Präsidenten zum Abschluss ihres heftigen Gegenschlags. Nun sind Infantino und die FIFA am Zug. 

Verwendete Quelle: ntv.de