Leichtathletik-EM: Audrey Werro und ihre verrückte Woche bis zum EM-Gold
Nach einer überragenden Saison reist die Schweizer 800-m-Läuferin als Favoritin an die Leichtathletik-EM in Birmingham. Doch die Tage in England verlangen der 22-Jährigen viel Nehmerqualitäten und Nervenstärke ab. Sie meistert sie bravourös.
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Duell, Sturz, Juryentscheid, Goldmedaille: Die dramatische EM-Woche der Audrey Werro
Nach einer überragenden Saison reist die Schweizer 800-m-Läuferin als Favoritin an die Leichtathletik-EM in Birmingham. Doch die Tage in England verlangen der 22-Jährigen viel Nehmerqualitäten und Nervenstärke ab. Sie meistert sie bravourös.
15.08.2026, 18.09 Uhr
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Die Erlösung: Audrey Werro gewinnt Gold.
Cyril Zingaro / Keystone
Am Samstagabend bekommt Audrey Werro vor dem Alexander Stadium in Birmingham die Goldmedaille umgehängt. Die Schweizer Nationalhymne erklingt. Die Geschichte dahinter könnte so kurz wie schlicht sein: Die Schweizer 800-m-Läuferin reiste als Favoritin an die Europameisterschaften und gewann Gold.
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Doch diese Kurzfassung wird der Woche der 22-jährigen Freiburgerin nicht gerecht, bei weitem nicht. Bei der Medaillenzeremonie liegen Tage hinter ihr, die der jungen Athletin viel Nehmerqualitäten und Nervenstärke abverlangten.
Es ist der Sonntag vor Beginn der Europameisterschaften. Werro gehört zu den vier Athletinnen und Athleten, die European Athletics zur offiziellen Pressekonferenz eingeladen hat. Seit Beginn der Outdoor-Saison hat sie alle ihre Rennen gewonnen, lief so schnell wie seit 40 Jahren keine mehr, das rückte sie ins Zentrum des Interesses. In der Schweiz wird sie jedes Mal angesprochen, wenn sie aus dem Haus geht. Werro nimmt aus diesen Begegnungen vor allem eines mit: Alle erwarten von ihr EM-Gold. Sie hält trotzdem an ihrem Ziel fest. Es soll eine Medaille sein.
Vor ihrer ersten Antwort bedankt sich Werro höflich für die Frage. Sie sagt, die Aufmerksamkeit motiviere sie eher, als dass sie Druck erzeuge. Sie erzählt noch einmal die Geschichte hinter ihrem Jubel. Ihr Vater habe der 12-jährigen Audrey vor Rennen jeweils gesagt, sie solle wie eine Löwin sein, «weil ich sehr schüchtern war». Jahrelang begleitete sie dieser Satz, der Rat wurde zu ihrem Motto, bis sie zu Beginn dieser Saison beschloss, daraus eine Jubelgeste zu kreieren.
Am Dienstag beginnt der 800-m-Wettkampf mit der ersten Runde. Werro läuft wie gewohnt vorneweg, gewinnt ungefährdet, doch die anderen Läuferinnen drängen. Die 1:57,83 sind schnell für einen Vorlauf, fünf der sechs Athletinnen hinter ihr verbessern ihre persönliche Bestzeit.
Am Abend nach dem Sturz löscht sie die Instagram-App
Es ist Donnerstag, der Tag der Halbfinals. Werro entscheidet sich dafür, diesmal nicht ganz alleine vorneweg zu laufen. In der letzten Kurve liegt sie plötzlich auf der Bahn, sie knallt auf die Leiste, die die Bahn einfasst, ihr bleibt die Luft weg. Die anderen laufen weiter, Werro rappelt sich auf, joggt ins Ziel, lässt sich von ihrer Familie in die Arme schliessen. Doch sie zieht sich nicht zurück, steht wenige Minuten später bereits vor den Mikrofonen. Halb geschockt, halb schon wieder gefasst, mit ein paar blutigen Schürfungen. «Ich habe keine Ahnung, was passiert ist», sagt sie. «Ich hoffe einfach, dass sie mich zum Final zulassen werden.»
Ist ein Sturz nicht selbst verschuldet, kann die Jury die Athletin eine Runde weiter lassen. Die ersten Kameraperspektiven liefern keine Lösung, die Fernsehstationen spielen die Szene immer wieder ab und suchen nach einer Erklärung. Swiss Athletics legt Protest ein und ein Video vor, das zeigt, wie die Französin Anaïs Bourgoin mit ihrer linken Hand den rechten Fuss der 1,82 m grossen Werro berührt, worauf diese aus dem Gleichgewicht gerät und stürzt. Die Jury gibt dem Protest statt, Werro darf im Final starten.

Lässt sich Zeit fürs Feiern: Audrey Werro mit Medaille und Krönchen.
Stefan Mayer / Imago
Am Donnerstagabend öffnet Werro auf ihrem Handy Instagram. Sie will ihre Follower wissen lassen, dass sie sich nicht schwerer verletzt hat und es ihr gut geht. Dabei sieht sie Kommentare von etlichen Menschen, die finden, sie hätte keinen Startplatz im Final bekommen dürfen. Kurzerhand löscht sie die App.
Doch auch abseits der Gehässigkeiten im Internet setzt ihr die Art des Finaleinzugs zu. «Mental war dies das Schwierigste: dass ich im Final stand, ohne den Halbfinal unter den ersten drei beendet zu haben.» Sie nimmt sich vor, aus der zweiten Chance am nächsten Tag etwas Gutes zu machen.
Am Finaltag befürchtet Werro, im Stadion möglicherweise ausgepfiffen zu werden. Die Olympiasiegerin Hodgkinson, die Dominatorin der vergangenen Jahre, ist in Grossbritannien ein Liebling der Fans. Modemagazine widmen ihr grosse Strecken, ihr Ausrüster lancierte kurz vor der EM eine eigene Kollektion, natürlich in Gold gehalten.
Zum ersten Mal in dieser Woche ist das Alexander Stadium mit 23 000 Leuten ausverkauft. Die meisten wollen sehen, wie Hodgkinson als erste Britin zum vierten Mal Europameisterin wird. Doch wieder findet Werro einen positiven Zugang. Vor dem Final sagt sie sich, das Publikum bestehe aus lauter Sportfans, die wüssten, dass sie ihren Platz im Final verdient habe. Bei der Präsentation der Athletinnen verzichtet sie auf grosse Posen, winkt nicht einmal in die Kamera.
Wer damit rechnete, eine verunsicherte Athletin zu sehen, täuschte sich. Werro spürt, dass es an diesem Tag gut für sie ist, vorneweg zu laufen. Sie geht nach 300 Metern in Führung, nimmt sich vor, alle 100 Meter noch etwas mehr zu beschleunigen. Der kritischste Moment kommt auf den letzten 100 Metern, nachdem sie die ganze Zeit vorne im starken Wind gelaufen ist. Sie denkt an all die harten Trainings der vergangenen Wochen. «Da habe ich beschlossen, alles zu geben – und dass heute mein Tag ist.» So leicht das klingt, so leicht sieht das auch aus. Hodgkinson hat keine Chance. Immer wenn sie näher kommt, beschleunigt Werro einfach.
Im Ziel dauert es einen Moment, bis Werro jubelt. In ihrem Gesicht steht eher Schock, ein gewaltiger Abfall der Anspannung. Später sagt sie, sie habe einen Moment gebraucht, um den Sieg zu realisieren.
Jeden Tag sagt sie sich: «Ich bin die Beste»
Werro läuft eine ausgiebige Ehrenrunde. Überall dort, wo Gruppen mit Schweizer Fans stehen, klettert sie über die Abschrankung und feiert mit ihnen. Die Kollegen aus ihrem Verein setzen ihr ein Diadem auf den Kopf, dann schliesst sie ihre Eltern in die Arme. Beide tragen bunt bedruckte Hemden, auf denen vorne wie hinten ein Foto von Werro prangt. Die Mutter Philomène tanzt. In Côte d’Ivoire, wo sie aufgewachsen ist, musste sie täglich mehrere Kilometer in die Schule rennen, doch die Eltern finden, das Lauftalent habe Audrey nicht von ihnen. Wohl aber Biss, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen.
Während Werro das Resultat dieser Qualitäten in den Händen hält und vor Dutzenden Fotografen posiert, steht die Verliererin Keely Hodgkinson wenige Meter daneben. Um ihren Hals baumelt die Silbermedaille, der Moderator gratuliert zum Podestplatz. «Ich wäre glücklicher mit Gold», sagt sie ins Mikrofon.
Werro lässt sich Zeit fürs Feiern, bis sie über ihren Erfolg spricht. Es seien verrückte zwei Tage gewesen, sagt sie. Doch wie sie da mit ihrem Krönchen steht, strahlt sie vor allem eines aus: das Selbstbewusstsein einer Athletin, die weiss, dass sie zurzeit die Schnellste der Welt ist. Seit mehr als zwei Jahren sagt sie sich das jeden Tag: «Du bist die Beste.» Und nicht immer fällt es ihr gleich leicht, das zu glauben. «Doch wenn man es oft genug wiederholt, wird es irgendwann möglich.»
Als sie das Rennen nochmals nacherzählt, sagt sie, dass sie ganz am Schluss noch hätte zulegen können, wenn eine angegriffen hätte. Es ist als Warnung an die Konkurrenz zu verstehen, auf die sie in den kommenden Wochen in Lausanne an der Athletissima, bei Weltklasse Zürich oder an den ersten Ultimate Games in Budapest trifft. Diese Woche war bloss der Anfang.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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