Drohnenkrieg: Die Schweiz ist verwundbar, nun sollen die Hochschulen helfen

Die Armee setzt beim Rüstungswettlauf stark auf das Wissen der besten Schweizer Universitäten. Nun zeigen interne Papiere, wie die ersten Forschungsprogramme laufen. Sie sollen die Armee fit machen für den Krieg der Zukunft.

  • 5 min read
Drohnenkrieg: Die Schweiz ist verwundbar, nun sollen die Hochschulen helfen

Drohnenabwehr: Schweizer Hochschulen starten Forschungsprogramme

Die Armee setzt beim Rüstungswettlauf stark auf das Wissen der besten Schweizer Universitäten. Nun zeigen interne Papiere, wie die ersten Forschungsprogramme laufen. Sie sollen die Armee fit machen für den Krieg der Zukunft.

11.07.2026, 21.45 Uhr

4 Leseminuten


Eine Abwehrdrohne, aufgenommen bei einem Test des Bundesamtes für Rüstung im vergangenen Dezember. Noch immer aber bestehen Schwierigkeiten bei der Erkennung der Fluggeräte.

Eine Abwehrdrohne, aufgenommen bei einem Test des Bundesamtes für Rüstung im vergangenen Dezember. Noch immer aber bestehen Schwierigkeiten bei der Erkennung der Fluggeräte.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Wenn Armeechef Benedikt Roos in diesen Tagen vor ein Mikrofon tritt, hat er selten Erfreuliches zu berichten. So auch Ende Juni, als in der Kaserne Bern die Milizverbände zusammenkamen. In seinem ganz eigenen hochdeutschen Singsang, der jeden Moment ins tiefste Berndeutsch zu kippen droht, erzählte der «Bänz» von fremden Drohnen, die aufgetaucht seien.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Roos sagte nicht, wo das passierte, aber der Verdacht liegt nahe, dass erneut eine Anlage des Militärs ausgekundschaftet worden sein könnte. «Das ist kein Lausbubenstreich mehr», so Roos bitter. Es brauche schon ein bisschen Know-how, um Formationen von Drohnen «weiss ich woher» über kritische Infrastruktur zu schicken. «Und dann verschwinden sie wieder, und wir haben keine Ahnung, wer das ist.»

Das klingt dann doch ziemlich beunruhigend. SRF hat einen Ausschnitt aus Roos’ Rede publiziert. Wer noch immer nicht vom Ernst der Weltlage durchdrungen ist, dürfte allein schon durch den traurig-ernsten Blick des Armeechefs ins Grübeln geraten. Dass nicht einmal Benedikt Roos weiss, woher die Drohnen kommen und wohin sie wieder verschwinden, zeigt eindrücklich: Die Schweiz hat ein Problem. Über all den Kasernen und Flugplätzen, Elektrizitätswerken und Spitälern des Landes klafft eine gewaltige Sicherheitslücke.

Was Hoffnung macht: An Schweizer Universitäten forschen Spitzenleute zur Drohnentechnologie. Das will die Armee nutzen. Wie das Bundesamt für Rüstung Armasuisse dieser Zeitung bestätigt, sind ETH-Forschende bereits daran, zu überlegen, wie die Erkennung der kleinen Fluggeräte verbessert werden kann.

«Zum Thema Drohnenabwehr wurden vier Projekte aus dem ETH-Bereich ausgewählt, welche zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli starteten», schreibt Armasuisse. Diese Anstrengungen fokussierten «hauptsächlich auf den Aspekt der Detektion von Drohnen». Details gibt der Bund derzeit nicht bekannt. Armasuisse schreibt lediglich, dass die Projekte relativ kurzfristig angelegt seien mit Laufzeiten zwischen 12 und 18 Monaten und jeweils bis zu einer Viertelmillion Franken kosten. Klar ist auch: Weitere Forschungsarbeiten werden folgen.

Die Zeit drängt

Einer, der die Forschung auf diesem Gebiet bestens kennt, ist Roland Siegwart, Robotikprofessor an der ETH und einer der führenden Experten für Drohnen. Siegwart ist auch Verwaltungsrat der NZZ. Drohnen zu bauen, sei keine Rocket Science, sagt Siegwart. Die dazu nötige Technologie sei inzwischen weit verbreitet. «Diese Drohnen aber zu orten, ihre Flugbahn nachzuzeichnen und sie letztlich erfolgreich abzuwehren, das ist eine ganz andere Herausforderung», so der ETH-Professor.

In den aktuellen Projekten versuche man, Methoden und Geräte zur Drohnenerkennung zu entwickeln, die möglichst klein und vor allem günstig seien, fährt Siegwart fort. Dabei spielten Kameras eine Rolle, Wärmebildaufnahmen oder Radar und die Frage, wie sich diese Sensoren miteinander kombinieren liessen, um eine möglichst gute Abdeckung zu erreichen.

Die Systeme, die heute auf dem Markt seien, bewegten sich in einer Preisklasse, bei der eine flächendeckende Überwachung der kritischen Schweizer Infrastruktur wohl schlicht zu teuer sei, sagt Siegwart. «Auch haben diese Anlagen zurzeit Probleme damit, kleine, flinke Drohnen richtig zu erkennen.» Da brauche es nun die notwendige Forschungsarbeit.

Es ist eine Arbeit unter Zeitdruck. Über ganz Europa nehmen die Sichtungen verdächtiger Drohnen zu. Oft vermuten Beobachter, dass Russland dahintersteckt. «Es muss nun schnell gehen», betont der ETH-Professor Siegwart denn auch. «Die Bedrohungslage hat sich innert weniger Jahre deutlich verschärft. Kein Staat ist derzeit in der Lage, sich effektiv dagegen zu schützen.»

Der Bund dürfte in den kommenden Jahren Hunderte Millionen Franken für die Drohnenabwehr ausgeben. Zugleich intensiviert er die Kooperation mit den Hochschulen. «Research Program Security» heisst die Initiative, die im Mai präsentiert wurde. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz konnte die «NZZ am Sonntag» die Vereinbarung einsehen, die der Bund mit der EPFL in Lausanne abgeschlossen hat und die für sämtliche ETH-Projekte im Sicherheitsbereich gilt.

Die weitreichende Verfügbarkeit von Drohnen berge ernste Sicherheitsrisiken, heisst es in einem auf Englisch verfassten Teil der Vereinbarung. Genannt werden explizit Spionage, Sabotage und Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Die Sichtung einer einzigen Drohne habe in der Vergangenheit ausgereicht, um grosse internationale Flughäfen lahmzulegen.

Der Bund formuliert in diesem Vertrag zudem eine Art Wunschliste an die Adresse der Forscher, auf der auch der Bedarf einer besseren Ortung der Drohnen aufgeführt ist. Die Armee erhofft sich von den Hochschulen konkrete Mittel und Wege, um Mini-Drohnen auszuschalten. Besonders gefragt sei die Entwicklung fortschrittlicher, schnell wirkender und präziser Gegenmassnahmen, die sich verändernde Bedrohungen durch Drohnen effektiv neutralisieren könnten.

Zu lange gewartet

Wie dringend nötig solche Abwehrsysteme sind, weiss man im Verteidigungsdepartement schon länger. Bereits vor einem Jahr berichtete diese Zeitung über verdächtige Drohnenflüge beim Militärflugplatz Meiringen im Berner Oberland. Dort, wo in wenigen Jahren die modernen F-35-Kampfflieger der Luftwaffe starten. «Aufgrund der festgestellten Flugmuster können Aufklärungsaktivitäten ausländischer Nachrichtendienste zumindest nicht ausgeschlossen werden», erklärte die Armee damals.

Aus Sicht der SP-Sicherheitspolitikerin Franziska Roth fällt die Reaktion von Bund und Armee viel zu zögerlich aus. «Wir sind nicht in der Lage, die vielen Anlagen und Infrastrukturen gegen die Bedrohung aus der Luft zu schützen.» Noch nicht einmal das Bundeshaus sei sicher, so die Solothurner Ständerätin. «Hält man sich das vor Augen, muss man sagen: So wichtig die Investitionen in diese Forschung auch sind, das reicht nie und nimmer», sagt Roth.

«Diese Sicherheitslücke besteht, das lässt sich nicht schönreden», stimmt ihr der SVP-Nationalrat Mauro Tuena zu. «Aber es ist etwas gar einfach, zu sagen, die Armee habe in den letzten Jahren geschlafen.» Niemand habe voraussehen können, wie schnell und tiefgreifend die Drohnen die Sicherheit in Europa beeinflussen würden, sagt der ehemalige Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats. «Jetzt verträgt es aber kein Abwarten mehr, das ist klar», so Tuena. «Ich bin froh, dass diese Forschungsprogramme nun starten.»

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Armee und Politik suchen händeringend nach Gegenmassnahmen.

Die Schweiz ist derzeit kaum in der Lage, sich gegen kleine Drohnen zu verteidigen. Um diese Lücke zu schliessen, will der Bund in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen in die Abwehr von Minidrohnen investieren, wie ein interner Bericht zeigt.

Wegen neuer Technologien investiert das Militär stärker in Forschung. Gleichzeitig müssen sich Hochschulen besser vor Spionage schützen. Die ETH wies deswegen schon 80 ausländische Bewerbungen ab.