Die WM, der Zustand der FIFA - und des Fußballs

Was vom Turnier bleibt Die WM, der Zustand der FIFA - und des Fußballs Stand: 18.07.2026 • 11:30 Uhr Was bleibt von der WM in gesel...

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Die WM, der Zustand der FIFA - und des Fußballs
Der WM-Pokal

Was vom Turnier bleibt Die WM, der Zustand der FIFA - und des Fußballs

Stand: 18.07.2026 • 11:30 Uhr

Was bleibt von der WM in gesellschaftlicher, kultureller und (sport-)politischer Hinsicht? Ein Blick auf die Erkenntnisse des Turniers.

Chaled Nahar

Kleine Teams machen Spaß - und Infantino profitiert

Eine Befürchtung vor dem Turnier war: Wird bei einer WM mit 48 Teams die sportliche Qualität leiden, enden viele Spiele mit sehr klaren Ergebnissen? Das hat sich weitgehend nicht bestätigt. Kap Verde hatte Argentinien am Rande einer Niederlage, die Demokratische Republik Kongo holte ein 1:1 gegen Portugal, auch Curacao sorgte für Unterhaltung. Die WM hatte eine große sportliche Faszination, das liefert Argumente für noch mehr. Längst ist die nächste Erweiterung im Gespräch: 64 Teams sollen es möglicherweise schon 2030 sein.

Jubelnde Spieler aus Kap Verde bei der WM 2026

Noch mehr Teilhabe weiterer Länder wäre möglich, profitieren würde auch FIFA-Präsident Gianni Infantino. Eine WM-Erweiterung würde erneut höhere Einnahmen versprechen. Beim FIFA-Kongress in Vancouver kurz vor der WM versprach er den versammelten Verbandschefs der Welt, dass die finanzielle Bilanz im Vier-Jahres-Zeitraum bis zur WM 2030 "noch viel besser" als bei der aktuellen WM sein werde.

Dieses Geld ist das Machtinstrument von Infantino. Über Preisgelder der WM und Zahlungen aus dem Entwicklungsprogramm der FIFA versorgt Infantino alle 211 Nationalverbände mit Geld. Und diese Verbände sind im März 2027 stimmberechtigt, wenn Infantino zur Wiederwahl steht. Es wäre seine letzte Amtszeit. Aktuell gilt in den FIFA-Statuten eine Amtszeitbeschränkung.

FIFA-Präsident Gianni Infantino

Die Integrität der FIFA ist beschädigt - und eine Reparatur ist nicht in Sicht

Die Nähe des FIFA-Präsidenten Infantino zu US-Präsident Donald Trump hat möglicherweise erstmals direkte Auswirkungen auf den Sport gehabt: Dieser Eindruck bleibt durch die vom FIFA-Disziplinarkomitee ausgesetzte Sperre gegen den US-Stürmer Folarin Balogun, nachdem Trump telefonisch bei Infantino um eine "Überprüfung" der Sperre gebeten hatte - die den Regeln entsprechend eigentlich üblich ist.

Belegt ist das nicht - doch allein die Tatsache, dass Infantino diesen Zweifel aufkommen ließ und nie glaubwürdig abräumen konnte, hinterlässt einen Schaden an der Integrität des Weltverbands. Am Tag vor den letzten beiden Spielen deutete Trump erneut an, dass Infantino auf seine Bitte hin die Entscheidung getroffen habe. Gegen Infantino läuft eine Beschwerde der Menschenrechtsorganisation FairSquare bei der Ethikkommission des IOC, weil das IOC-Mitglied Infantino der Beschwerde zufolge seine Pflicht zur politischen Neutralität verletzt haben soll. Schon zuvor wurde ein ähnliches Verfahren bei der Ethikkommission der FIFA angestoßen.

Donald Trump (l.) und Gianni Infantino

Dass Infantino Konsequenzen fürchten muss oder bei seiner anstehenden Wiederwahl im März 2027 ernsthaften Gegenwind erfährt, ist kaum vorstellbar. Sein Machtsystem ist auch durch das in Aussicht gestellte Geld gefestigt. Für 2027 haben die Kontinentalverbände aus Südamerika, Afrika und Asien Infantino längst ihre Gefolgschaft zugesichert. Der Guardian berichtet sogar von mehr als 200 unterschriebenen Unterstützungsschreiben unter den 211 Verbänden. Die europäischen Verbände inklusive des DFB ließen Infantino lange ungehindert agieren. Für eine ernsthafte Rebellion kommt die zuletzt geäußerte Kritik zu spät, ein Gegenkandidat hätte langfristig aufgebaut werden müssen.

Von den Falklandinseln bis zum Iran - Sport und Politik sind nicht zu trennen

Dass sich Sport und Politik niemals vollständig trennen lassen werden, zeigte das Turnier über die mögliche Einflussnahme Trumps hinaus. Das Halbfinale zwischen England und Argentinien war historisch aufgeladen wegen des Kriegs um das britische Überseegebiet Falklandinseln beziehungsweise der Malwinen aus dem Jahr 1982. Am Ende feierten die argentinischen Spieler mit einem Banner, das den Besitzanspruch Argentiniens auf die Inselgruppe plakatierte.

Argentinische Spieler mit dem Banner "Las Malvinas son argentinas"

Der politische Spielball des Turniers schlechthin war das Team aus dem Iran. Der Krieg eines WM-Gastgebers gegen einen WM-Teilnehmer war eine beispiellose Situation für die FIFA. Sie musste um den sportlich korrekten Ablauf ihres Turniers fürchten, weil die Einreise und die zeitlichen Abläufe rund um die Spiele des Iran ständig Fragen aufwarfen - während Trump vorläufige Friedensabkommen verkündete und zurücknahm.

Das vom Regime in Teheran verlesene Team aus dem Iran betonte in Stellungnahmen politisch eine Opferrolle, während Fans auf den Rängen Flaggen aus der vorrevolutionären Zeit schwenkten und eine Ablösung der Machthaber forderten. Von einem unpolitischen Turnier war auch diese WM weit entfernt.

Iranische Fans mit der vorrevolutionären Flaggein Los Angeles

Ticketpreise - ein Vorgehen mit unabsehbaren Folgen für den Alltag

Die regulären Preise der FIFA für die Tickets der Spiele waren selbst bei Vorrundenspielen fast durchweg mindestens dreistellig. Minimalkontingente von Karten für 60 US-Dollar konnten dem Eindruck einer High-Society-WM nicht entgegenwirken, im Finale belaufen sich reguläre Kartenpreise ohne Schwarzmarkt bei manchen Plätzen auf mehrere zehntausend US-Dollar. Die Rechnung der FIFA ging weitgehend auf. Nicht alle Spiele waren komplett ausverkauft, reihenweise leere Blöcke wie noch bei der Klub-WM gab es aber nicht. Der Eindruck von begeisterten Fans in imposanten Stadien wird am Ende genauso stimmen wie die Kasse.

Das Stadion in Boston beim Achtelfinale zwischen Frankreich und Marokko

Das Prinzip "Dynamic Pricing" kannte meist nur eine Richtung: Die Tickets wurden immer teurer. Wenn der Preis mal sank, dann meist von einem vier- oder fünfstelligen Betrag auf einen anderen - für ein einzelnes Spiel. Fanbündnisse kritisierten das als Ausbeutung der Fans, die FIFA verweist auf Zwänge des US-Markts.

Im Alltag nach der WM stehen Fans nun vor einer anderen Frage: Wird sich dieses System im Fußball und im Sport allgemein etablieren? Infantino hat gezeigt, was man mit Fußballtickets an Geld einnehmen kann, wenn man ihren finanziellen Wert komplett ausreizt. Folgen nun beispielsweise die Spitzenklubs in der Champions League diesem Beispiel? Der Fußball, der oft für sich in Anspruch nimmt, ein soziales Konstrukt mit einer Bedeutung für die ganze Gesellschaft zu sein, könnte sich beim Stadionerlebnis zu einer Eliteveranstaltung verändern.

Noch gibt es Widerspruch: Die UEFA will keine dynamischen Preise bei der EM 2028 verlangen, im EU-Parlament gibt es Forderungen nach einer generellen Regulierung.

Hohe Preise - großes Interesse, hier beim WM-Spiel Ecuador gegen Deutschland

Trinkpausen und Halbzeitshow - die FIFA verändert die Kultur des Fußballs

Die obligatorischen Trinkpausen in jeder Spielhälfte bei jedem Spiel unabhängig von den Temperaturen waren ein Reizthema der WM. Die FIFA besteht darauf, das Wohlergehen der Spieler im Blick zu haben und gleiche Bedingungen bei allen Spielen schaffen zu wollen.

Für viele Fans stellen die Trinkpausen aber nur eine Werbeunterbrechung zur kommerziellen Ausschlachtung des Spiels dar. Denn die Pausen mit dem hochattraktiven Werbeplatz mitten im Spiel können die Senderechte auf Dauer teurer und damit lukrativer für die FIFA machen. Darüber hinaus sind die ständigen Trinkpausen ein Kulturbruch: Aus einer Sportart mit zwei Spielhälften ist de facto eine mit vier Vierteln geworden, die den Trainern taktisch neue Optionen bietet und das Spiel verändert.

Rudi Garcia nutzt die Trinkpause für ein paar Anpassungen

Dass die FIFA unter ihrer aktuellen Führung bei solchen Änderungen keine Hemmungen kennt, zeigen die neuen Siegerringe für die Weltmeister oder die Halbzeitshow im Finale, die den Gepflogenheiten des Super Bowls ähnelt. Ob man das gut findet oder damit fremdelt - die Show mit Auf- und Abbau soll auf mehr als 20 Minuten in die Länge gezogen werden, was schlichtweg eine Verletzung der Fußballregeln ist. Sie begrenzen die Halbzeitpause ausdrücklich auf 15 Minuten.

Einwanderungsbehörden - kaum sichtbar, aber massiv im Einsatz

Einfluss auf das Turnier hatte auch die Einwanderungspolitik der USA. Mit Omar Artan aus Somalia durfte ein von der FIFA nominierter Schiedsrichter nicht zum Turnier einreisen. Die USA erhoben Vorwürfe gegen Afrikas Schiedsrichter des Jahres, dass er Verbindungen zu Terrororganisationen habe. Beweise dafür legten sie nicht vor. Der Fall wurde auch sportpolitisch missbraucht, indem die UEFA Artan als Schiedsrichter für ihren Supercup nominierte - eine weitere Episode im langjährigen Konflikt zwischen UEFA und FIFA.

Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia wurde die Einreise in die USA verweigert.

Die US-Einwanderungsbehörde ICE mied das Scheinwerferlicht der WM. Bei der Klub-WM hatte sie noch teils im Rahmen der Spiele Festnahmen durchführte, ähnliche Fälle mit Festnahmen im Umfeld der Stadien kamen nicht ans Licht.

Die strikte Politik der US-Regierung in Sachen Einwanderung kam im Zeitraum der WM abseits der Spiele und fern der Stadien trotzdem zur Geltung. Die Zahl der Festnahmen und Deportationen stieg während des Turniers. Die New York Times berichtete unter Berufung auf Behördenquellen am 1. Juli von 10.000 Festnahmen in den fünf vorherigen Tagen. Zwei Menschen wurden bei den Einsätzen getötet.

Nachhaltigkeit - nie war die WM so schädlich fürs Klima

Ein großes Ärgernis früherer Turniere umging die FIFA. Die sogenannten "weißen Elefanten", also große und nach dem Turnier ungenutzte Stadien, gibt es bei der WM 2026 nicht. Die Spielstätten gehen alle wieder in ihren normalen Betrieb über, vor allem im American Football.

Trotzdem wird die WM 2026 nach Berechnungen der britischen Organisation "Scientists for Global Responsibility" (SGR) die klimaschädlichste der Geschichte. Die Treibhausgasemission wird sich demnach im Vergleich zum Durchschnitt der vorherigen vier Endrunden fast verdoppeln. Dazu trugen vor allem das vergrößerte Teilnehmerfeld und auch das riesige Gebiet, auf dem die WM stattfindet, bei.

Die Spielorte der WM 2026

FIFA-Präsident Infantino brachte als Vielflieger im Privatjet zehntausende Flugmeilen hinter sich. Er wurde teils bei mehreren Spielen am selben Tag gesichtet. Nach der WM 2022 hatte er noch mit der "Grünen Karte" der FIFA für die Umwelt geworben.

Dieses Thema wird in Zukunft noch größer. Die mögliche Vergrößerung des Teilnehmerfeldes auf 64 Teams ist bei der Klimabilanz für künftige Turniere genauso ein Faktor wie die Tatsache, dass die WM 2030 in sechs Ländern auf drei Kontinenten verteilt stattfindet.

Ob Klimabilanz, Tickets, Einnahmen und Machtspiele - die FIFA hat viele Themen für die WM der Zukunft gesetzt.

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