Sayuri Loza, die Stimme Boliviens: indigene Identität im Spiegel der Zeit
Sayuri Loza zählt zu den einflussreichsten indigenen Stimmen Boliviens. Doch sie hält Abstand zur linken Bewegung von Evo Morales. Auch mit identitätspolitischen Klischees kann sie nichts anfangen.
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Die Kosmopolitin von El Alto. Warum Boliviens Eliten auf eine Tiktokerin hören
Sayuri Loza zählt zu den einflussreichsten indigenen Stimmen Boliviens. Doch sie hält Abstand zur linken Bewegung von Evo Morales. Auch mit identitätspolitischen Klischees kann sie nichts anfangen.

Die Bolivianerin Sayuri Loza, hier in einem Restaurant in El Alto, ist eine einflussreiche Fürsprecherin der Indigenen sowie von Kleinunternehmern und Händlern.
Wer Sayuri Loza vor einer der Seilbahnstationen in El Alto stehen sieht, könnte sie für eine Studentin halten. Eine zierliche Frau mit grossen Augen und langen Zöpfen. Gegen die starke Sonne auf 4000 Metern über Meer trägt sie einen breitkrempigen Filzhut, gegen die Kälte eine blaue Steppjacke. Doch kaum geht man mit ihr über einen der belebten Strassenmärkte der zweitgrössten Stadt Boliviens, ist es, als begleite man einen Pop-Star.
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Junge Frauen bitten kichernd um ein Selfie mit Loza, die in Bolivien alle nur mit ihrem Vornamen ansprechen. Verkäuferinnen und Köchinnen winken ihr zu. Immer wieder kommen ältere Frauen in der Pollera, dem weiten Faltenrock der Aymara-Indigenen, mit besticktem Schal und Bombín, dem traditionellen Melonenhut, auf sie zu. Sie sprechen mit ihr auf Aymara, manche sichtlich gerührt, andere mit grossem Respekt.
Mit rund 75 000 Tiktok-Followern zählt die 42-Jährige zu den reichweitenstärksten politischen und kulturellen Kommentatoren Boliviens. Ihre Analysen verfolgen Journalisten, Politiker und Unternehmer ebenso aufmerksam wie indigene Jugendliche und Studentinnen. Dort postet sie Diskussionen in Talkshows, führt indigene Avantgarde-Mode vor, spricht mit einflussreichen Künstlern. Sie zeigt arabische Bauchtanzkurse, die sie auch leitet, erklärt den Immobilienmarkt in El Alto oder redet über das Fast Food in einem Flughafenrestaurant in New York.
Im Wahlkampf wollen sich alle mit ihr zeigen
Das Interesse mächtiger Bolivianer an ihr ist gross. Der frühere Präsident Evo Morales wollte sie als Abgeordnete für seine MAS-Partei gewinnen. Sie lehnte ab. «Evo wollte doch gar keine indigenen Führer neben sich», sagt sie. «Er führte sich auf wie ein indigener Monarch.»
Auch konservative Politiker suchen ihre Nähe, um von ihrer Volksverbundenheit zu profitieren. Alle tauchen sie dann in El Alto auf, in der Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole oberhalb von La Paz. Und der bolivianische Milliardär Marcelo Claure, früher Softbank-Manager und heute Vizechef des chinesischen Modekonzerns Shein, trifft sich mit Loza, um mit ihr über die politische Lage in seiner Heimat zu sprechen.
Politiker wie Unternehmer müssen sich ideologisch nicht verbiegen, wenn sie sich an Lozas Seite zeigen. Sie ist nicht politisch links, wie viele politisch aktive Indigene, die unter Morales gross geworden sind. Sie sagt von sich, dass sie liberal-konservativ sei.
Ihre Biografie erklärt, warum sie den politischen Wandel Boliviens so präzise beschreiben kann wie sonst kaum jemand.
Zwischen zwei Welten aufgewachsen
Loza wuchs in der Aymara-Kultur auf. Von der Familie ihrer Mutter lernte sie das Hutmacherhandwerk. Bis heute arbeitet sie an den Marktständen. Sie ist wie viele Aymara-Indigene in El Alto stolz darauf, Unternehmerin zu sein. «Wir machen aus jeder Gelegenheit ein Geschäft», sagt sie und erklärt, warum sie mit Immobilien arbeitet, Folkloreprodukte herstellt, als Übersetzerin tätig ist und eine Tanzschule leitet. «Wir minimieren das Risiko, indem wir uns als Unternehmer möglichst breit diversifizieren.»
Auch wenn die Unternehmer in El Alto jahrelang den Linken Evo Morales gewählt hätten, seien sie im tiefsten Innern konservativ. Bei der letzten Präsidentenwahl gewann der konservative Kandidat und jetzige Präsident Rodrigo Paz in El Alto fast die Hälfte der Stimmen. Der linke Gegenkandidat von Morales’ Partei MAS hatte es nicht einmal in die Stichwahl geschafft.
Lozas Einfluss erklärt sich auch aus ihrer familiären Herkunft. «Ich bin in Bolivien so etwas wie eine Kennedy in den USA», sagt die 42-Jährige ohne jede Eitelkeit. Ihre Mutter Remedios Loza war als Radio- und Fernsehmoderatorin landesweit bekannt. 1989 zog sie als erste Indigene in traditioneller Kleidung in den Nationalkongress ein, acht Jahre später kandidierte sie für das Präsidentenamt. Lozas spanischstämmiger Vater Carlos Palenque war einer der bekanntesten Sänger, Medienunternehmer und Politiker des Landes. Obwohl er Sayuri nie offiziell als Tochter anerkannt hat, wusste sie schon als Kind, dass er ihr Vater ist.
Ihre Mutter setzte durch, dass sie das renommierte Jesuitenkolleg San Calixto in La Paz besuchen konnte. Die Schule wollte sie wegen ihrer unehelichen Herkunft erst nicht aufnehmen. Loza war stets eine Aussenseiterin. «Die Aymara sehen in mir eine Weisse», sagt sie, «die Weissen halten mich für eine Cholita.» So werden indigene Frauen bezeichnet.
In Japan stellte niemand ihre Identität infrage
Als Kind liebte Loza Videospiele und begann deshalb mit dreizehn Jahren, Japanisch zu lernen. Später konnte sie mit einem Stipendium in Japan asiatische Kunstgeschichte studieren. «In Japan integrierte ich mich einfacher als hier», sagt sie. «Dort stellte niemand meine Identität infrage.»

Mit rund 75 000 Tiktok-Followern zählt die 42-jährige Loza zu den reichweitenstärksten Kommentatoren Boliviens. Neben Fragen zu politischen Themen ist in El Alto auch die Meinung der Kunsthistorikerin gefragt.
Heute arbeitet Loza als Dolmetscherin für Japanisch und Aymara und schreibt Kinderbücher in ihrer Muttersprache. Sie beobachtet mit Sorge, wie indigene Sprachen in Südamerika verschwinden. Viele Eltern hätten ihre Kinder bewusst nur Spanisch lernen lassen, weil sie sich davon bessere Aufstiegschancen versprochen hätten. «Wir feiern indigene Symbole – doch unsere eigene Sprache stirbt», kritisiert Loza. Wegen Vorbildern wie ihr lernen heute junge indigene Frauen wieder Aymara.
Indigene begegnen bis heute kolonialen Denkmustern
Gerade weil Sayuri Loza Insiderin und Aussenseiterin zugleich ist, fällt ihre Analyse der Ära von Evo Morales so klar aus. Mit der Verfassung von 2009 wurde Bolivien unter seiner Präsidentschaft offiziell zum «plurinationalen Staat» mit 36 anerkannten indigenen Nationen und Völkern. Nicht nur in Bolivien, auch im Westen wurde Morales dafür gefeiert. Sein grösstes Verdienst sei gewesen, den Indigenen ein neues Selbstwertgefühl zu geben, sagt Loza. Doch zugleich habe seine Politik eine ethnische Überhöhung befördert.
Loza ärgert, dass auf die alten Klischees neue Klischees gefolgt sind. «Früher sollte der Indigene Diener sein. Später sollte er seine Wurzeln vergessen. Heute soll er Aktivist sein.» Ausländische Nichtregierungsorganisationen bevorzugten den rebellischen Indigenen wie Evo Morales. «Der kapitalistische Indigene mit einer kosmopolitischen Neugier auf die Welt – der interessiert sie weniger.»
Loza beobachtet aber auch, dass die traditionellen indigenen Bewegungen in Bolivien ihre Dynamik verloren haben. Das haben die Proteste gezeigt, die das Land gerade sieben Wochen lang lahmgelegt hatten. In der Hauptstadt La Paz mangelte es wegen der Strassenblockaden ab Mitte Mai an Benzin und Lebensmitteln. Die Proteste losgetreten hatte der Gewerkschaftsdachverband COB. Bauernverbände, Bergarbeiter und Transportgewerkschaften schlossen sich an. Sie forderten den Rücktritt von Präsident Paz.
Die Händler sind konservativ. Sie wollen keine Revolution
Inzwischen sind die Proteste beendet – ohne dass jemand gewonnen hätte. «Die sozialen Bewegungen sind erstarrt und ihre Führungen selbstgefällig geworden», sagt Loza. «Sie glaubten, Regierungen weiterhin einfach stürzen zu können – doch die Realität hat sich verändert.»
Der Gewerkschaftsdachverband einigte sich mit der Regierung, dass diese vorerst keine strategischen Staatsunternehmen privatisiert und mit dem Internationalen Währungsfonds kein Kreditprogramm vereinbart. Doch es erscheint unwahrscheinlich, dass sich die Regierung daran halten wird. Sie braucht den IWF-Kredit dringend. Auch dürften sich die Konfliktparteien kaum einig sein, welche Staatsunternehmen «strategisch» sind. Von einem Rücktritt Paz’ ist nicht mehr die Rede.

Aus dem noch höher gelegenen El Alto geht es mit der Seilbahn zurück in die bolivianische Hauptstadt La Paz.
Früher sei die Bevölkerung hinter den Protesten gestanden, sagt Loza. Doch nun hätten die Blockaden vor allem die Armen, Kleinunternehmer und Händler getroffen. «Die Händler wollen, dass die Wirtschaft wächst. Sie wollen keine Revolution.»
Für Loza ist die alte Debatte darüber, ob der Staat oder private Unternehmen die Wirtschaft führen sollten, überholt. «Die eigentliche Frage lautet: Warum sind sowohl staatliche Technokraten als auch private Unternehmer so inkompetent in Bolivien?» Denn nicht nur in der Landwirtschaft seien die Nachbarländer erfolgreicher. Auch der Bergbau sei ein Desaster, trotz etwa den grössten Lithium-Reserven der Welt. Obwohl Bolivien reiche Gasvorkommen habe, würden die meisten Menschen wieder mit Holz oder Kuhdung kochen, klagt sie.
Auch die Unternehmer wollen vom Staat profitieren
Die angeblich liberalen Unternehmer würden ebenso wie die sozialistischen Bewegungen vom Staat alimentiert. «Sie wollen billiges Land und subventionierten Treibstoff, aber keine Steuern zahlen.»
Freies Unternehmertum, das sei das hier, sagt Loza und zeigt auf die Marktstände mit Hundeleinen und Katzenkleidung. Daneben werden Autoeinzelteile angeboten. Neu und gebraucht, geklaut oder geschmuggelt. Beliebt sind zudem Rücksendungen von Amazon und internationalen Modeketten. Sie werden als verschlossene Überraschungspakete zu einem Festpreis angeboten.
Mit dem Amtsantritt von Präsident Paz im November 2025 hat eine grundlegende politische Zeitenwende stattgefunden. Erstmals nach zwanzig Jahren Sozialismus ist ein konservativer Präsident durch eine Wahl an die Macht gekommen. Doch das habe dem Land bisher keinen Neuanfang gebracht, sagt Loza, als sie die Seilbahnstation zur Abfahrt ins Tal nach La Paz erreicht. Das einzige Ziel der Rechten sei es gewesen, Morales und seine Partei abzulösen. «Aber sie haben kein politisches Projekt. Die Korruption, der Klientelismus und die Krise der Institutionen: Das alles ist geblieben.»
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