Den Grünen droht bei den Wahlen 2027 eine Niederlage. Nun lanciert die Partei eine Hitzekampagne – und hofft auf ihr Comeback
Mit einer neuen Kampagne warnen die Grünen vor der Hitze, so wie der Bund einst vor Corona warnte. Die Partei will das Klima zurück auf die politische Agenda bringen – und damit auch sich selbst.
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Die Grünen könnten bei den nächsten Wahlen zu den grossen Verlierern gehören. Nun lanciert die Partei eine Hitzekampagne – und hofft auf ihr Comeback
Mit einer neuen Kampagne warnen die Grünen vor der Hitze, so wie der Bund einst vor Corona warnte. Die Partei will das Klima zurück auf die politische Agenda bringen – und damit auch sich selbst.
11.07.2026, 21.47 Uhr
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foto76 / iStockphoto / Getty
Das Plakat ist orange und trägt den Titel «So schützen wir uns». Es sieht ziemlich genau so aus wie jene Plakate, die der Bund während der Corona-Pandemie verbreitet hatte. Nur steht neben den Piktogrammen nicht «Abstand halten» oder «Maske tragen», sondern «regelmässig Wasser trinken» und «in den kühlen Stunden lüften».
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Das Plakat stammt von den Schweizer Grünen und ist Teil einer grossen Hitzekampagne, die die Partei am Montag startet. Während einer Woche sollen die Plakate an den Bahnhöfen in Zürich, Bern, Basel, Genf und Lausanne vor der gegenwärtigen Hitzewelle warnen. Die Grünen investieren einen fünfstelligen Betrag dafür.
«Die Ähnlichkeit mit der offiziellen Corona-Kampagne des Bundes ist gewollt», sagt die Parteipräsidentin Lisa Mazzone. «Wir erwarten, dass der Bund und die Kantone die Klimakrise endlich als Krise behandeln und Massnahmen ergreifen, um die Menschen am Arbeitsplatz, auf der Strasse oder zu Hause vor der Hitze zu schützen.»

Wasser trinken und Fenster öffnen: Die Hitzeplakate der Grünen erinnern an die Covid-Kampagne des Bundes.
PD
Die Kampagne der Grünen fällt mitten in die Sommerferien. Weder Wahlen noch Abstimmungen stehen an. Den Grünen dürfte es vor allem darum gehen, die hohen Temperaturen zu nutzen, um das Klimathema, das zuletzt an Bedeutung verloren hat, wieder zurück auf die politische Agenda zu bringen – und damit auch sich selbst.
Denn keine Partei ist so stark mit dem Klima verbunden wie die Grünen. Dreht sich die öffentliche Debatte um Klimakrise und Umweltschutz, gewinnt die Partei an der Urne. Gerät das Thema in den Hintergrund, verliert sie.
Und gerade läuft es eher schlecht für die Grünen. Zwar ächzt die Schweiz unter der zweiten grossen Hitzewelle in diesem Jahr. Die Bauern wünschen sich sehnlichst Regen, Gemeinden verbieten Bürgerinnen und Bürgern, das Auto zu waschen oder die Blumen zu giessen, überdurchschnittlich viele ältere Menschen sterben.
Doch erstaunlich oft ist bloss vom heissen Wetter die Rede, von den hohen Temperaturen. Die Menschen kaufen Klimaanlagen und Ventilatoren, um sich abzukühlen, und fliegen in die Ferien. «Der Begriff ‹Klima› ist verbrannt», sagte kürzlich ein deutscher TV-Meteorologe. «Sobald man vom Klima spricht, drehen sich die Leute weg.»
Auch politisch hat der Klimawandel an Bedeutung verloren. Während im Jahr 2019 Tausende Klimaaktivisten durch die Strassen von Bern, Lausanne oder Zürich zogen, ist die Bewegung heute klein und leise. Putins Angriff auf die Ukraine und die Kriege in Iran und Gaza dominieren die Nachrichten. Donald Trump schert sich nicht um das Klima, und die Aktivistin Greta Thunberg fällt eher mit Segelreisen nach Palästina auf.
Darunter leiden die Grünen. Bei den Wahlen in den Kantonen gehörten sie in den vergangenen Monaten fast immer zu den Verlierern. In 16 kantonalen Parlamentswahlen, die seit den eidgenössischen Wahlen 2023 stattfanden, musste die Partei insgesamt 23 Sitze abtreten – mehr als alle anderen Parteien. Auch die zweite Partei, die das Wort «grün» im Namen trägt, die Grünliberalen, verlor Sitze.
Eine Projektion des Forschungsinstituts GfS Bern, die auf den Resultaten in den Kantonen basiert, sieht die Grünen denn auch als grosse Verlierer bei den Nationalratswahlen im nächsten Jahr: Die Grünen verlieren 1,4 Prozentpunkte und kommen auf einen Wähleranteil von 8,4 Prozent. Auch die FDP, die Mitte und die GLP verlieren. Zu den Gewinnern gehört die SP mit einem Zuwachs von 0,9 Prozentpunkten. Und allen davon zieht die SVP, die mit einem Plus von 3,7 Prozentpunkten einen Wähleranteil von 31,6 Prozent erreicht.
Mietzinsreduktion und kürzere Arbeitszeiten
Die Grünen reagieren betont gelassen auf die Zahlen. «Die Hochrechnungen beeindrucken mich wenig», sagt Präsidentin Lisa Mazzone. Bei nationalen Wahlen lasse sich mit dem Klima besser mobilisieren. Und die Grünen hätten bei den Wahlen im Jahr 2019 derart viele Sitze gewonnen, dass es normal sei, dass sie nun gewisse wieder abgeben müssten. «Wir befinden uns auf dem zweitbesten Niveau unserer Geschichte, der langfristige Trend zeigt nach wie vor nach oben.»

Die Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone.
NZZ
Mazzone sagt, der Klimawandel habe nicht an Bedeutung verloren. «Das wird ständig behauptet, aber es stimmt nicht.» Im jährlich erscheinenden Sorgenbarometer der UBS belegten die Themen Klima und Umwelt nach wie vor den zweiten Rang. «Viele Menschen machen sich Sorgen um das Klima», sagt sie. Man könne sich eine Klimaanlage kaufen und die Klimakrise trotzdem ernst nehmen. Das Problem seien vielmehr die grossen Parteien und Umweltminister Albert Rösti, die das Thema nicht auf der politischen Agenda haben wollten. «Sie wissen, dass sie von der Diskussion politisch nicht profitieren.»
Die Grünen wollen die Debatte mit ihrer Kampagne wieder anheizen. Auf den Plakaten werben sie für einen Hitzeplan, in dem sie verschiedene Massnahmen fordern. Zum Beispiel: mehr Bäume in den Städten, ein Recht auf Schatten im öffentlichen Raum (etwa an Bushaltestellen), Mietzinsreduktionen bei grosser Hitze in der Wohnung, reduzierte Arbeitszeiten, ein Recht auf Home-Office oder hitzeresilientere Schulen – nötigenfalls durch den Einbau von Klimaanlagen.
Was auffällt: Die Grünen setzen in ihrem Hitzeplan auf Massnahmen, die das Leben mit der Hitze erträglicher machen sollen – und nicht auf solche, die deren Ursachen bekämpfen. Etwas, das manche Klimaaktivisten kritisieren. In einem Video auf Instagram beklagte sich eine junge Aktivistin kürzlich, überall erhalte man Tipps, wie man die Wohnung kühl halten und sich am Arbeitsplatz konzentrieren könne. «Aber eigentlich müsste man darüber sprechen, dass die aktuelle Hitzewelle die Folge der Klimakrise und somit eines massiven Politikversagens ist.»
Lisa Mazzone betont: «Es braucht beides, Mittel, um die Menschen vor den hohen Temperaturen zu schützen, und Massnahmen, um den Klimawandel zu bekämpfen, also etwa den Ausstieg aus den fossilen Energien.»
Konkurrenz im linken Lager
Bei den politischen Gegnern kommen die Forderungen der Grünen schlecht an. Der SVP-Nationalrat Christian Imark sagt: «Es ist typisch, kaum ist es zwei Wochen lang heiss, holen die Linken ihre alten, sozialistischen Rezepte aus der Mottenkiste.» Er findet es falsch, von einer Klimakrise zu sprechen. «Anstatt Angstmacherei zu betreiben, sollten wir weiterhin in sinnvolle Anpassungsmassnahmen investieren.» Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass die Bevölkerung die «apokalyptischen Szenarien» der Grünen satthabe. Klimapolitik der Linken bedeute in der Regel umfassende Verbote und Verteuerungen.
Der Politologe und Co-Leiter des Forschungsinstituts GfS Bern, Lukas Golder, beobachtet die Grüne Partei schon länger. Er sagt: «Den Grünen geht es besser, als man aufgrund der Wahlergebnisse in den Kantonen annehmen könnte.» Nach der grossen Euphorie bei der Klimawahl 2019 sei eine gewisse Ernüchterung in den Folgejahren absehbar gewesen. Die Partei habe es aber geschafft, sich als Oppositionspartei zu etablieren.
Golder weist allerdings darauf hin, dass die Grünen im linken Lager unter Druck stünden. Denn die Grünen und die SP kämpften bei Wahlen um dieselben Stimmen. Und derzeit liege der Vorteil bei der SP: «Die SP hat die grössere Wucht bei Kampagnen als die Grünen, den frischeren Online-Auftritt, das erfolgreichere Fundraising.» Den Sozialdemokraten gelinge es auch besser, neue Themen zu setzen. «Die SP hat das Kaufkraftthema aufgebracht, sie kann mit Gleichstellungsanliegen punkten, und sie hat es geschafft, sich als Anti-Trump-Partei zu etablieren.»
Den Grünen falle es schwerer, neue Themen aufzubringen. «Sie sind stärker darauf angewiesen, dass das Klima wieder zu einem dominanteren Thema wird.» Nun versucht die Partei mit ihrer Hitzekampagne selbst einen Teil dazu beizutragen. Wie gut das Revival der Corona-Plakate bei der Bevölkerung ankommt, wird sich kommende Woche zeigen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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