Epsteins letzte Vertraute: Wer ist Karina Schuljak, seine Alleinerbin?
Karina Schuljak, eine 37-jährige Zahnärztin aus Weissrussland, war Epsteins langjährige Freundin. Sie ist die Hauptbegünstigte in seinem Testament. Was wusste sie von Epsteins Missbrauchssystem?
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Karina Schuljak, eine 37-jährige Zahnärztin aus Weissrussland, war Epsteins langjährige Freundin. Sie ist die Hauptbegünstigte in seinem Testament. Was wusste sie von Epsteins Missbrauchssystem?
01.08.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Jeffrey Epstein mit der Zahnärztin Karina Schuljak: Sie führten acht Jahre eine Beziehung – und wollten offenbar gar heiraten.
Privat; Bearbeitung NZZ
Am Abend des 9. August 2019 gelingt es Jeffrey Epstein, die Wärter seines Gefängnistrakts zu täuschen: Unter dem Vorwand, seine Mutter anzurufen, führt er ein unüberwachtes Telefongespräch. Doch die Mutter ist bereits 2004 verstorben. In Wahrheit telefoniert Epstein zwanzig Minuten lang mit Karina Schuljak. Er rät ihr, stark zu bleiben und sich vorübergehend eine andere Unterkunft zu suchen. Es ist sein letztes Telefonat. Am nächsten Morgen wird Epstein tot in seiner Zelle aufgefunden.
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Die 37-jährige Zahnärztin Karina Schuljak ist die letzte Person, mit der Epstein sprach. Und sie ist die Frau, die das Vermögen des verurteilten, bekannten Sexualstraftäters erben soll.
Nur zwei Tage vor seinem Tod hatte Epstein sein Testament geändert und sein Vermögen in den sogenannten «1953 Trust», ein Treuhandsfonds, übergeführt – benannt nach seinem Geburtsjahr 1953. Trusts sind komplexe rechtliche Gebilde, die schwerer öffentlich zu kontrollieren sind als ein klassisches Testament. Als Hauptbegünstigte ist Karina Schuljak aufgeführt – der Trust sieht für sie eine Auszahlung von rund 100 Millionen Dollar vor, zusätzlich jährliche Zahlungen von 50 Millionen Dollar. Dazu kommen beide Privatinseln Epsteins, Little St. James und Great St. James, ein Stadthaus in New York, eine Wohnung in Paris, die Zorro Ranch in New Mexico sowie ein 33-karätiger Diamantring – «in contemplation of marriage». Offenbar wollte Epstein Schuljak heiraten.
In den Akten des Justizministeriums taucht Schuljaks Name über 40 000 Mal auf. Sie war Epsteins Freundin während mehr als acht Jahren eine zentrale Figur in seinem engsten Umfeld. Und doch blieb sie, anders als Epsteins langjährige Vertraute und Komplizin Ghislaine Maxwell, bis vor kurzem weitgehend unbeachtet. Eine grosse Recherche der «New York Times» macht nun erstmals Schuljaks Rolle im Epstein-Komplex klar.
Eine Zahnärztin aus Minsk
Karina Schuljak wurde 1989 in Weissrussland geboren. Schon als Kind wollte sie Zahnärztin werden. Sie absolvierte vier von fünf Studienjahren an einer medizinischen Fakultät in Minsk, brach das Studium dann ab und kam 2010 laut Medienberichten mit einem befristeten Studentenvisum nach New York. Dort verdiente sie als Zahnarzthelferin 15 Dollar pro Stunde. Sie besuchte eine Sprachschule und suchte nach Kellnerjobs, um ihre Ausbildung zu finanzieren.
Ende März 2011 wird die damals 21-jährige Schuljak über eine junge Frau aus Sibirien an den 58-jährigen Jeffrey Epstein vermittelt.
Dieser war zu diesem Zeitpunkt gerade aus der Haft entlassen, nachdem er 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen verurteilt worden war. Trotz dieser Vorgeschichte pflegte Epstein ein aktives gesellschaftliches und geschäftliches Netzwerk.
Epstein schmeichelte Schuljak, verwöhnte sie und bot ihr Hilfe bei ihrer Karriere als Zahnärztin an. Schuljak reagierte zunächst zurückhaltend. In einer E-Mail schrieb sie, sie könne seine Hilfe nicht annehmen, da sie ihn nicht kenne und Angst vor seiner Macht habe. Sie habe online über ihn gelesen, was sie beunruhigt habe, und formulierte ihre Sorge: «In den meisten Fällen müssen wir für Dinge einen gewissen Preis zahlen.»
Was genau sie gelesen hatte, führte sie nicht aus. Epstein warf ihr vor, auf Gerüchte zu hören. Er lud sie zu Broadway-Shows, Helikopterflügen und Reisen auf seine Anwesen ein. Und er überwies ihr Geld. Schuljak antwortete in einer E-Mail: «Jeffrey, ich weiss nicht, ob ich das verdiene. Das ist sehr lieb von dir! Ich werde es nicht vergessen.»
Im Herbst 2011 hatte Schuljak ihre Zurückhaltung gegenüber Epstein abgelegt. In einer E-Mail vom 31. Oktober 2011 scherzte Epstein, sein «Bart» werde mit ihm zurückkehren – eine mögliche Anspielung darauf, dass er sich vor seiner Rückkehr in die Öffentlichkeit wieder einen Bart wachsen lasse. Schuljak antwortete mehrdeutig, damit werde er wohl auch wieder anfangen, seine «schrecklichen Dinge» mit Frauen zu tun.
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Acht Jahre, eine Million Dollar
Zwischen Schuljak und Epstein entwickelte sich eine komplexe Beziehung: E-Mail-Verläufe zeigen eine tiefe und anscheinend liebevolle Bindung. Epstein bezeichnete Schuljak als seine «Favoritin», sagte ihr wiederholt, dass er sie liebe. Er gewährte ihr weitreichenden Zugriff auf seine Finanzen. Die beiden reisten gemeinsam um die Welt. Insgesamt überwies er ihr nach vorliegenden Unterlagen fast eine Million Dollar – und schickte zusätzlich Zehntausende Dollar an ihre Eltern in Weissrussland und finanzierte ihre Reisen in die USA.
Die E-Mails zwischen Epstein und Schuljak zeigen aber auch das Machtgefälle: Epstein kontrollierte die Beziehung – schliesslich finanzierte er Schuljaks beruflichen und persönlichen Aufstieg.
Bis heute hat sich Schuljak selbst nie als Opfer bezeichnet. Die amerikanischen Behörden haben sie weder als Mitverschwörerin eingestuft noch offiziell befragt. Dennoch deuten die Akten darauf hin, dass sie früh von Epsteins Taten wusste.
Nach ihrer anfänglichen Skepsis äusserte Schuljak 2012 ein gewisses Unbehagen gegenüber Epsteins sexuellen Kontakten zu anderen jungen Frauen. In einer E-Mail schrieb Schuljak, sie verstehe, dass er dies brauche, doch fühle es sich für sie «nicht natürlich» und «etwas schmutzig» an. Ihre einzige Bitte: dass er sie da heraushalte. Ihre Liebe und Loyalität versicherte sie ihm dennoch.
Schuljak half womöglich sogar, Frauen zu rekrutieren. Im April 2013 leitete Schuljak Epstein Fotos von Frauen weiter, versehen mit dem Kommentar, alles sei für ihn bereit: Sie habe «sie» heute gefunden. «Übrigens, Jeffrey, sie behauptet, sie gibt eine gute Massage.» Im Epstein-Kontext ist «Massage» ein gut dokumentierter Euphemismus: Mehrere Opfer sagten aus, zunächst als «Masseurinnen» angeworben worden zu sein, bevor die Situation in Übergriffe eskalierte.
Studium, Scheinehe und die «Inspektorin»
2012 verhalf Epstein Schuljak zur Aufnahme an der zahnmedizinischen Fakultät der Columbia University, nachdem sie zunächst abgelehnt worden war. Epstein spendete der Columbia University Geld in der Höhe von rund 210 000 Dollar, Schuljak soll im Gegenzug vorab über die Prüfungsthemen informiert worden sein, wie E-Mails aus den veröffentlichten Akten darlegen.
Epstein übernahm ihre Studiengebühren von insgesamt 631 000 Dollar. Schuljak dankte ihm und bezeichnete ihn in einer E-Mail als den «reinsten Menschen von allen». Die Columbia University leitete später disziplinarische Massnahmen gegen zwei Personen im Zusammenhang mit Schuljaks Zulassungsverfahren ein.
Zu dem Zeitpunkt, als Schuljak sich 2012 an der Columbia University bewarb, hatte sie ihr Studentenvisum bereits überzogen. Jeffrey Epstein suchte Anfang 2013 nach einer Lösung, um ihren Aufenthaltsstatus in den USA zu sichern und eine Abschiebung zu verhindern. Anfang 2013 arrangierte Epstein eine gleichgeschlechtliche Ehe, um ihr die US-Staatsbürgerschaft zu ermöglichen. Im September 2013 heiratete Schuljak Jennifer Kalin, eine Assistentin Epsteins. Kalin gab später vor Gericht an, als Opfer in die Ehe gezwungen worden zu sein.
Die Ehe verschaffte Schuljak 2015 eine Green Card, 2018 wurde sie offiziell amerikanische Staatsbürgerin.
In diesen Jahren konzentrierte sich Schuljak zunehmend auf die Verwaltung von Epsteins Imperium. Sie kontrollierte seine Immobilien, sein Personal und seine persönlichen Angelegenheiten. Zu ihren Aufgaben zählten beispielsweise aufwendige Möbel- und Kunstkäufe, 2019 führte sie die Verhandlungen für einen geplanten Palastkauf in Marrakesch.
Anfang 2019 drängte Schuljak auf eine rasche Scheidung von Jennifer Kalin – vielleicht, um sich vorsorglich rechtlich abzusichern. Ermittlungen gegen Epstein waren zu dieser Zeit bereits bekannt. Die Scheidung wurde am 6. Juli 2019 vollzogen – nur wenige Stunden bevor Epstein bei seiner Rückkehr aus Paris am Flughafen Teterboro in New Jersey vom FBI verhaftet wurde.
Teilzeitstelle in Brooklyn
Nach Epsteins Tod im August 2019 arbeitete Schuljak zunächst weiter als Zahnärztin. Vielleicht, weil sie keine andere Wahl hat? Epsteins Vermögen ist so lange eingefroren, bis sämtliche Entschädigungsforderungen der Opfer abgeschlossen sind.
Ende 2023 begann Schuljak, Teilzeit in einer Praxis in Brooklyn zu arbeiten: Nach dem das Justizministerium drei Millionen Seiten an Ermittlungsunterlagen und E-Mails zu Epstein veröffentlicht hatte, erkannte eine Patientin Schuljak und wandte sich an die «New York Times».
Die neuen Veröffentlichungen brachten Schuljaks Rolle und intime Details ihrer Beziehung zu Epstein ans Licht. Kurz darauf tauchten unter ihrem Namen Beiträge auf der Plattform X auf, die Epstein als Opfer einer Verschwörung darstellten; sie wurden rasch gelöscht.
Im Februar 2026, nachdem die Patientin sie erkannt hatte, verliess Schuljak ihre Arbeitsstelle und kehrte nicht mehr zurück. Zuletzt soll sie in einer Wohnung an der Upper East Side gelebt haben, an der Mark Epstein – der Bruder von Jeffrey Epstein – finanziell beteiligt ist.
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