Nowotny über Jürgen Klopps Einfluss und den deutschen Fußball-Nachwuchs: „Kopieren funktioniert nicht“

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Nowotny über Jürgen Klopps Einfluss und den deutschen Fußball-Nachwuchs: „Kopieren funktioniert nicht“

DFB-Juniorencoach Nowotny exklusiv: „Kopieren ist nicht“

Stand: 07.08.2026, 13:01 Uhr

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DFB-Juniorencoach Jens Nowotny spricht exklusiv bei Absolut Fussball über den deutschen Nachwuchs, Ausnahmetalent Kennet Eichhorn und wo Jürgen Klopps Einfluss aufhört.

München – Jens Nowotny ist seit 2021 als Jugend- und Co-Trainer im Nachwuchsbereich des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) tätig. Im exklusiven Interview mit Absolut Fussball spricht der 48-malige Nationalspieler über die Qualität im deutschen Nachwuchs, die Lücke zu den Top-Nationen und warum Kennet Eichhorns Weg zu Nowotnys Ex-Verein Bayer Leverkusen der richtige Schritt ist.

Jens Nowotny bestritt für Deutschland 48 Länderspiele

Jens Nowotny bestritt für Deutschland 48 Länderspiele © Hannes P Albert

Außerdem erklärt er, wieso man Erfolgskonzepte anderer nicht kopieren kann, wie im Juniorenbereich der Gebrauch von Handys und Sozialen Medien geregelt wird und wieso Jürgen Klopp sich in die Jugendarbeit nur bedingt einbringen kann.

Herr Nowotny, Sie sind im U15-Bereich des DFB als Trainer tätig. Was kann man denn künftig vom DFB-Nachwuchs erwarten?

Viele tolle Spieler, davon bin ich fest überzeugt. Wir haben vielleicht nicht die Breite wie die Spanier, die jetzt mit der A-Mannschaft Welt- und Europameister sind, dazu auch U19-Europameister. Wir haben viele, viele sehr gute Spieler, die eine Chance brauchen. Es ist ganz elementar, dass du einen Trainer hast, der dich fördert, der dich fordert, der auch in der ersten Mannschaft dann vielleicht den Mut hat, einen jungen Spieler mal einzusetzen.

Nowotny stuft Erfahrung höher ein als Potenzial

Wo liegt dann das Problem?

Wir wissen alle, und da ist keiner blauäugig, im Profibereich geht es ums Gewinnen. Da hast du manchmal nicht mehr die Zeit, einen Spieler wirklich auszubilden, heranzuführen, dich um den Einzelnen so zu kümmern, wie es eigentlich sein müsste. Deshalb muss man da realistisch genug sein, zu sagen: Da geht’s um den Sieg. Da bringt vielleicht doch mal ein erfahrener Spieler, der Mitte/Ende 20 ist, mehr als ein junger Spieler, der vielleicht das größere Potenzial hat. Und da ist die Krux darin: Wie bekommt man ihn so weit, dass er dann in der Bundesliga, 1., 2. oder 3., sei mal dahingestellt, aber im Herrenbereich dann auch spielen kann.

Sind uns denn Länder wie Spanien und Frankreich schon im U15-Bereich voraus?

Im U15-Bereich weiß ich nicht, ob sie da voraus sind. Weil es da oftmals auch um Athletik geht. In dem Bereich Technik, erster Kontakt, Spiel lesen, Spiel das wahrnehmen und dann die richtige Entscheidung treffen, da sind sie im Allgemeinen aktuell einen Schritt voraus – meint man. Aber punktuell gibt es bei uns Spieler, die da absolut mithalten können, aber halt nicht in der Breite. Also wir haben durchaus zwei, drei, vier, fünf Spieler, die auf dem gleichen Niveau sind, oder manchmal sogar einen, der noch einen Tick besser ist. Ich habe jetzt keinen vergleichbaren Spieler gesehen wie Kennet Eichhorn zum Beispiel. Aber in der Kategorie dahinter haben sie halt acht oder zehn oder 15 Spieler. Und da müssen wir ansetzen, dass wir praktisch die Spitze breiter machen.

Und geht dann mit fortlaufendem Alter die Schere auseinander oder geht sie eher zusammen?

Ja, die letzten Jahre ist sie auseinandergegangen. Leider Gottes. Weil die Ausbildung in Spanien den Weg A nimmt, in Deutschland den Weg B und in Frankreich den Weg C nimmt. Und da ist es schon auseinandergegangen. Also die Spanier sind aktuell, auch im Mannschaftskontext gesehen, schon noch einen Schritt voraus, muss man ganz klar sagen.

Was kann man dagegen tun?

Für uns gilt es jetzt im deutschen Fußball zu schauen: Was ist uns wichtig? Es geht nicht nur darum, was dem DFB wichtig ist, sondern auch darum, was den Vereinen in der Nachwuchsförderung, und in der Nachwuchsausbildung wichtig ist. Deswegen sind gewisse Änderungen angestoßen worden. Beim Internationalen Trainerkongress zuletzt haben durch die Bank wirklich alle gesagt: Diese Veränderung, das ist der richtige Weg, nicht nur für den Elite-, sondern auch für den Basisbereich, für den Amateurbereich und für den Breitensport. Und daran wollen wir jetzt weiterarbeiten. Dass das nicht mit einem Schalter geht, der an- und ausgedrückt wird, ist auch klar. Und dass es seine Zeit benötigen wird. Da sind wir jetzt alle dran zu arbeiten, um in die vermeintlich richtige, aber vielleicht erfolgreiche Zukunft zu gehen.

Wir dürfen nicht mit Scheuklappen herumrennen

Nimmt man sich dann Spanien und Frankreich als Vorbild und eifert denen nach, oder geht man lieber den eigenen Weg konsequenter?

Also Kopieren ist nicht. Kopieren funktioniert selten, wenn verschiedene Basisvoraussetzungen anders sind. Und sei es nur kulturell gesehen. Südländer, die vielleicht ein bisschen emotionaler sind, sind in ihrer Art anders als wir. Wir müssen sehen, dass wir unseren Weg finden, uns aber inspirieren lassen durch sehr, sehr gute Arbeit von außen. Und wir dürfen nicht mit Scheuklappen herumrennen und denken: „Oh, wir sind ja Deutschland, wir machen alles richtig.“ Nee, wir müssen die Scheuklappen wegmachen und müssen uns Inspiration holen.

Wie sieht das konkret aus?

Wir müssen wirklich sehen und sagen: „Oh, guck mal, was machen die Spanier? Wie kriegen die das hin, dass im Training, Übungsformen so und so ausgebildet wird? Und wie können wir das adaptieren?“ Nicht kopieren, das funktioniert nicht, dazu benötigen wir auch vielleicht spanische Trainer. Aber dann müssen wir Spanisch sprechen und plötzlich sind wir alle Spanier. Und im Handball sagen wir: „Da ist Dänemark top, jetzt machen wir alles, was Dänemark macht.“ Und im Eishockey machen wir alles, was Kanada macht und im Basketball, was die USA machen. Das funktioniert nicht. Wir haben unsere eigene Kultur, unsere eigene Geschichte, und wir müssen sehen, dass wir mit dem, was dann von außen als Inspiration kommt, unseren Weg finden.

Wird Jürgen Klopp da im Juniorenbereich irgendwelche Veränderungen vornehmen?

Ich denke, dass Jürgen aufgrund seiner Vergangenheit und wie er in Dortmund mit Hannes Wolf zusammengearbeitet hat, auf jeden Fall interessiert ist. Die Frage ist immer die nach dem Einfluss: Was kann er in dem Bereich der Jugendausbildung ändern? Er kann Hinweise geben, das können wir auch. Wir können sagen, dass Kleinfeldspiele wichtig sind, dass Funino für die Basis ganz wichtig ist, für die ganz Kleinen.

Das Problem liegt tiefer?

Aber ob das ein Trainer, der in einem Dorfverein oder in einem Nachwuchsleistungszentrum ist, dann umsetzt, das können wir nicht bestimmen. Das funktioniert nicht. Das heißt, wir können nur Impulse setzen, und da wird Jürgen auf jeden Fall Impulse setzen, da bin ich 100-prozentig sicher, und auch vielen ins Gewissen reden. Aber welche Handhabe hat denn jemand, der eine A-Nationalmannschaft trainiert, aber keinen Zugriff auf Hunderttausende von Vereinen oder von Mannschaften und Millionen Spieler hat?

Was würden Sie denn grundsätzlich in der Nachwuchsarbeit verändern?

Das, was wir schon gemacht haben, vonseiten des DFB oder Hannes Wolf mit der „Trainingsphilosophie Deutschland“. Man muss auf die ganzheitliche Ausbildung schauen und nicht nur auf Taktik und Technik. Und dass man versucht, gerade in der Basis den Jungs und Mädels eine möglichst breite Ausbildung zu geben. Damit verbreitert man die Qualität der Basis und kann dadurch die Qualität an der Spitze verbessern und bekommt eine breitere Spitze.

Und wenn Sie jetzt Ihre eigene Generation noch mal mit den heutigen Nachwuchsspielern vergleichen, kann man das überhaupt oder welche Unterschiede gibt es?

Da haben wir es wesentlich einfacher gehabt.

Auf dem Rasen und abseits des Rasens auch?

Als ich damals Jugendnationalspieler war, da hatte ich deutschlandweit vielleicht zwei Konkurrenten. Aber nicht, weil ich jetzt so exorbitant gut war, sondern weil halt noch weniger Spieler diese Qualität hatten. Heutzutage gibt es viel mehr Spieler mit einer sehr hohen Qualität. Was enorm Druck macht, ist natürlich der Umgang mit sozialen Medien. Da kann man jetzt wieder sagen, ja, jeder ist seines eigenen Glückes dann auch Schmied, je nachdem wie ich soziale Medien nutze. Wir werden diesen Umgang mit Instagram oder Snapchat oder wie das Ganze auch alles heißt, nicht zurückdrängen können.

Was können Sie tun?

Wir müssen darauf hinweisen, dass es vielleicht nicht so gesund ist, so lange mit sozialen Medien umzugehen, sondern diese eher als Wissensquelle herauszustellen und sich dann mit Menschen so im normalen Bereich zu beschäftigen. Das ist enormer Druck für die Jungs heutzutage. Das legen sie sich selbst auch auf.

Was ist noch anders?

Also wir hatten damals viermal Training die Woche und ein Spielchen. Die haben heute mitunter siebenmal Training und haben noch ein Spiel oder ein Turnier je nach Alter am Wochenende. Diese Momente, in denen man mal wieder runterfahren kann, wo man abschalten kann, wo man sich mit anderen Dingen als Fußball beschäftigt, die sind immer weniger geworden. Und deswegen würde ich sagen, dass wir es früher viel einfacher hatten.

Klare Regeln im Umgang mit dem Handy

Wie handhaben Sie das denn in Ihrer U15-Mannschaft mit den Handys und sozialen Medien? Heißt es ab 20 Uhr: „Jungs, Handys an die Seite“ oder ...?

Nee, nee, das kannst du nicht machen. Also wir haben Regeln: bei Besprechungen, in der Kabine, beim Physiotherapeuten, bei jeglicher Art von Termin, sei es Schultermine oder wenn sie mit dem Athletiktrainer oder der Psychologin zusammensitzen, da sind Handys außen vor. Wir versuchen, sie aus dem Zimmer zu holen mit Aktivitäten, sei es Team-Olympiaden oder Spieleabenden, Brettspielabenden, wo man dann am Tisch sitzt und sozial interagiert, analog, wie es so schön heißt.

Es gibt allerdings schon Freiheiten?

Aber alles andere, was im Privaten ist, was sie in den Zimmern machen oder in der Freizeit bei uns - da würden wir nie sagen, so wie gerade erwähnt, ab 20 Uhr Handys weg. Funktioniert nicht. Weil auch da sieht man ja, wenn man sich in ein Café setzt: Da sitzen vier Leute am Tisch und drei haben das Handy und der eine guckt dumm in die Röhre. Aber damit meine ich jetzt nicht die im Fernsehen. 

Sie haben Kennet Eichhorn schon angesprochen. Warum ist Bayer der richtige Verein für ihn und seine Entwicklung?

Zunächst wünsche ich Kenny viel Geduld für eine gute und schnelle Genesung. Viele haben sich damals, als ich von Karlsruhe nach Leverkusen gegangen bin, vielleicht auch gefragt, warum das der richtige Verein ist. Aber es waren nicht so viele wie heute durch die Sozialen Medien und die öffentliche Diskussion. Aber es ist eigentlich ein logischer Schritt für die Qualität von Kennet.

Wie haben Sie seinen Weg verfolgt?

Er war bei uns in der Jugendnationalmannschaft dabei. Ich kenne ihn schon zwei, drei Jahre, also habe ich seine Entwicklung, auch wenn er nicht so oft bei uns war, trotzdem hautnah miterlebt, weil wir ihn immer wieder beobachten durften. Es ist ein logischer Schritt für ihn, der sich als ganz junger Spieler schon etabliert hat in einer Herrenmannschaft der 2. Liga. Und jetzt ist dieser Schritt, dieser qualitative von einem Zweitligaverein zum Erstligaverein, dann auch international, eigentlich in der heutigen Zeit logisch. Man überspringt gerne, nimmt sich erst mal einen Verein, der im gesicherten Mittelfeld vielleicht spielt, aber nicht noch mit dieser Doppelbelastung mit international oder - wenn man Pokal dazu nimmt – Dreifachbelastung.

Warum ausgerechnet Bayer?

Ich finde, dass Leverkusen ein Verein ist, der in der Vergangenheit schon gezeigt hat, dass er junge Spieler entwickeln kann. Und das muss auch noch bei Kennet sein, er ist noch lange nicht dieser gestandene Profi wie ein Granit Xhaka, was auch klar ist. Der hat einfach x Jahre Erfahrung, auch international. Leverkusen wird sich bewusst sein, dass Kennet noch ein, zwei Jahre benötigt, um sich zu entwickeln, um dann diese Leaderrolle einzunehmen. 

An ihm waren auch der FC Arsenal und der FC Bayern dran. Das wäre dann doch ein bisschen zu schnell, zu hoch gewesen, oder?

Das hätte man dann auch erst im Nachhinein natürlich gewusst. Aber bei Arsenal ist natürlich noch – das mag für den einen oder anderen immer blöd klingen in der heutigen Zeit – die Sprachbarriere am Anfang. Und bei Bayern ist es halt ein ganz anderer Fokus, ein ganz anderer Druck, der dann auf einem Spieler lastet. Der eine kommt besser damit zurecht, der andere weniger gut. Bei Lennart Karl funktioniert es ja auch. Aber trotzdem, das kannst du erst im Nachhinein wissen. Ich glaube aber, dass dieser Schritt zu Leverkusen ein logisch guter Schritt war.

Haben Sie schon als DFB-Jugendtrainer gemerkt: Okay, der ist allen anderen schon ein oder zwei Schritte voraus?

Na gut, das hat jeder gesehen. Das war schon eine Dominanz, die er an den Tag gelegt hat im Mittelfeld durch seine Art. Es sah immer sehr, sehr leicht aus, wie er seine Zweikämpfe geführt hat, wie er dann mit dem Ball durchs Mittelfeld gegangen ist. Man sieht Potenzial und man hat bei Kennet schon gesehen, dass es ein sehr fortgeschrittener Spieler war. Ich meine, Hertha ist kein blinder Verein, und die machen ihn zu einem Spieler als Sechser oder Doppelsechser und lassen andere Spieler, die mitunter 30 sind, auf der Bank sitzen, und da spielt ein 16-Jähriger. Da muss man jetzt kein großer Fußballfachmann sein, um zu sagen: Boah, der Junge kann was.

Kann man denn ungefähr sagen, wo er dann in fünf Jahren steht?

Nein, das kann man nicht sagen. Also in der heutigen Zeit kann es alles sein. Es kann sein, dass er nach zwei Jahren oder nach drei Jahren so eingeschlagen hat, dass er plötzlich den Kontinent wechselt und bei der A-Mannschaft aufschlägt. Es kann aber auch sein, dass er eine vielleicht eher normalere Entwicklung hat, dass er dann U20-, U21-Nationalspieler ist und dann kurz vor der A-Mannschaft steht, in Leverkusen eine tragende Rolle spielt. Das ist ganz schwer vorauszusagen, das maße ich mir auch nicht an. Aber es ist alles möglich.