Wenn die Eichen Durst haben: Wald sucht Wasser
Deutschlands Auwälder haben Durst: Die Flussauen, in denen sie wachsen, sind nämlich nicht mehr feucht genug. Dabei werden sie dringend gebraucht, da Auwälder besonders gut Kohlenstoff sowie Wasser speichern und sogar ihre Umgebung kühlen können. Deshalb stehen Feuchtgebiete eigentlich auch unter speziellem Schutz: Schon 1976 hat Deutschland die internationale Feuchtgebietskonvention ratifiziert. Dieses Jahr ist also 50. Jubiläum. Aber gibt es wirklich etwas zu feiern?
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Auwälder im Klimawandel
Wenn die Eichen Durst haben: Trocknen die Auwälder aus?
Stand: 18.07.2026 05:00 Uhr
Deutschlands Auwälder haben Durst: Die Flussauen, in denen sie wachsen, sind nämlich nicht mehr feucht genug. Dabei werden sie dringend gebraucht, da Auwälder besonders gut Kohlenstoff sowie Wasser speichern und sogar ihre Umgebung kühlen können. Deshalb stehen Feuchtgebiete eigentlich auch unter speziellem Schutz: Schon 1976 hat Deutschland die internationale Feuchtgebietskonvention ratifiziert. Dieses Jahr ist also 50. Jubiläum. Aber gibt es wirklich etwas zu feiern?
von Kristin Kielon
Wenn Annalena Lenk in den Wald geht, setzt sie als erstes einen Schutzhelm auf. Der ist wichtig, denn die Gefahr kommt von oben: Kranke und abgestorbene Bäume werfen Totholz ab oder fallen ganz um. Allen Gefahren zum Trotz muss die Ökologin von der Universität Leipzig in die Tiefen des Auwalds im Leipziger Süden. Denn hier stehen ihre Schützlinge: Junge Stiel-Eichen. "Das ist eine der typischen Baumarten in einer Hartholzaue. Es hängt eine wahnsinnig große Artenvielfalt von dieser Baumart ab." Doch auf natürlichem Weg werden Eichen hier kaum noch groß.
Hartholzauwälder
... sind Wälder in Flussauen, die an etwas höheren Standorten stehen und deshalb nicht ständig überflutet werden. Dort wachsen typischerweise Baumarten wie Eiche, Flatterulme und Esche. Weichholzauwälder hingegen stehen unmittelbar am Ufer an Standorten, die sehr häufig überflutet werden und an denen das Wasser fließt. Dort wachsen vor allem die Silberweide und andere Weidenarten.
Lenk bahnt sich einen Weg durchs Unterholz und dann lichtet sich das Kronendach: Auf einer Fläche von rund 250 Quadratmetern stehen hier um die 20 junge Bäume, die von grünen Gitterkonstruktionen geschützt werden – manche sind mannshoch, andere noch sehr klein. Die Forscherin hat vor drei bis vier Jahren im ganzen Auwald insgesamt mehr als 1.800 junge Eichen gepflanzt und beobachtet seitdem, wie sie wachsen.
Annalena Lenk forscht im Leipziger Auwald an Stieleichen.
Die Eichen haben ein Problem mit zu wenig Licht, erklärt Lenk. Weil die Aue nicht mehr regelmäßig überschwemmt wird, setzen sich auenfremde, überflutungsintolerante und schnell wachsende Arten wie der Berg- und Spitzahorn durch. "Wenn man sich umsieht, gibt es hier im Unterstand überwiegend Ahorn, der sehr dicht steht und so angeordnet ist, dass er einen geschlossenen Schirm bildet. Das heißt, alles, was Licht braucht, hat keine Chance mehr da drunter zu leben."
Dieser Text erschien zuerst im ARD Klima-Update #253
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Auwald ohne Wasser?
Auenwälder gehören zu den seltensten und zugleich ökologisch wertvollsten Waldlebensräumen Deutschlands, meint Auenforscher Mathias Scholz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Diese Wälder wachsen im Überschwemmungsgebiet von Bächen und Flüssen. Das heißt also, Auwälder sollten nicht nur unterirdisch mit dem Fluss verbunden sein, sondern auch regelmäßig oberirdisch überschwemmt werden. Von den 148.000 Hektar Wald, die es noch im Auenraum gibt, sind nur noch rund 14.000 Hektar Hartholzauen.
Fast allen Auwäldern ist eins gemeinsam: Ihnen fehlt das Wasser und deshalb verändert sich das Ökosystem, es siedeln sich zunehmend auenfremde Arten an. "Fluss und Aue sind aus verschiedenen Gründen entkoppelt", sagt Scholz. "Entweder durch Deiche oder weil die Flussbetten viel zu tief liegen und das Wasser nur noch bei extremen Ereignissen ausufern kann."
Heute sorgt das für massiven Stress in den Auen: In den extremen Dürrejahren sind die Grundwasserstände in den Keller gegangen, erinnert sich der UFZ-Forscher. "Diesen Stress können wir auch an den anderen Flussaue-Ökosystemen in ganz Mitteleuropa beobachten und überall ist der Wald durch dieses Absinken in Kombination mit Niederschlagsdefiziten und Hitzewellen sehr stark beeinträchtigt.
In der Leipziger Südaue drohen ständig tote Bäume umzufallen.
Leipzig: Ein Rettungsversuch
In Leipzig bemüht man sich seit Jahren um die Renaturierung des Auwalds. Im Kooperationsprojekt "Lebendige Luppe" wurden ehemalige Flussarme in der Leipziger und Schkeuditzer Aue wieder miteinander verbunden und Gewässer wie der Burgauenbach revitalisiert, um den Auwald wieder besser mit Wasser zu versorgen. Dafür wurden unter anderem künstliche Dämme entfernt, trockengefallene Rinnen wieder angeschlossen und Anlagen gebaut, mit denen Auenbereiche geflutet werden können.
UFZ-Auenforscher Mathias Scholz in seiner liebsten Umgebung
Der große Haken war jedoch, dass die größeren Flüsse – die Weiße Elster, die Pleiße und die Luppe – nicht verändert werden konnten. "Die Idee war ursprünglich, dass man für die Aue wieder einen größeren Fluss schafft und so dafür sorgt, dass dieser Austrocknungsprozess endet", sagt Philipp Steuer vom Naturschutzbund und einer der Projektpartner. Eigentlich brauche der Wald nämlich nicht nur Wasser, sondern auch eine Wasserdynamik – also Phasen der Überschwemmung und welche mit niedrigerem Wasserstand. Dennoch zeigt sich der Naturschützer einigermaßen zufrieden mit dem Erreichten. "Bei allem, was wir im Rahmen des Projekts erreichen konnten, ist der große Wurf noch nicht gelungen", sagt auch Scholz.
Die nächsten Schritte müssen folgen, sind die Fachleute überzeugt. Bei der Stadt Leipzig treffen sie damit auf offene Ohren. Umweltdezernent Heiko Rosenthal zeigt sich bemüht: "Wir versuchen über ein sogenanntes Naturschutzgroßprojekt dort Pflegemaßnahmen zu initiieren, um zehnjähriges Programm aufzusetzen." Das sei sogar bereits genehmigt.
Multitasking in Sachen Klima
Auwälder speichern bis zu dreimal mehr Kohlenstoff als andere Wälder. "Beim Auwald kommt noch hinzu, dass durch die Sedimentation von Feinpartikeln, die aus dem Einzugsgebiet kommen, sehr viel Kohlenstoff eingelagert wird", so UFZ-Forscher Scholz. Auwälder sind also eine natürliche Kohlenstoffsenke – wenn auch eine flächenmäßig kleine. Naturnahen Auwald gibt es nur noch in etwa einem Prozent der Auen, erklärt Scholz. "Allerdings ist es ja eine Gratis-Leistung in der Natur, die wir nicht so einfach verspielen sollten."
Der Auwald spielt nämlich auch beim Thema Klimaanpassung eine Rolle. Er dient unter anderem auch dem Hochwasserschutz, denn er kann das Wasser zurückhalten und Flutwellen abbremsen. Gleichzeitig saugt er das Wasser wie ein Schwamm ein, speichert und reinigt es. Das heißt also auch, dass er den Grundwasserspiegel stabilisiert. Ein funktionierender Auwald würde im Klimawandel das Wasser aus dem Winter für die Dürre im Sommer erhalten.
Ein intakter Auwald mit einer funktionierenden Auenlandschaft ist eine natürliche Lebensversicherung. Dr. Mathias Scholz, UFZ
Und dann hat insbesondere der Stadt-Auwald, in dem Scholz an diesem heißen Sommertag gerade steht, eine weitere wichtige Funktion: Er kühlt die Umgebung nämlich merklich ab. "Also, wir haben heute an so einem Tag, wo es wieder weit über 30 Grad ist, hier gerade eine angenehme Temperatur von ein bisschen über 20 Grad. Also wir schwitzen noch nicht." Allerdings, schränkt der Forscher ein, kann der Wald diese ganzen Funktionen nur ausüben, wenn der Wasserhaushalt intakt ist.
Sorge am Rhein
Während man im Bereich der Mittelelbe bemüht ist, Nebenflüsse besser anzuschließen und Auenbäche in einer größeren Fläche wieder fließen zu lassen, hat man am Rhein mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen. Auenforscher Florian Wittmann sagt, zu wenig Grundwasser sorgt hier für zusätzlichen Stress. Das große Problem: Der Fluss ist künstlich begradigt worden. Das sorge für mehr Tiefe und den Abfall des Grundwassers. Gleichzeitig fließt der Fluss sehr schnell, so Wittmann.
"Das würde ganz anders aussehen, wenn er nicht begradigt wäre. Bei uns hätten wir zum Beispiel eigentlich ein verflochtenes Flusssystem – also ganz viele kleinere Kanäle." Wäre diese Landschaft noch natürlich, würden breite Auen das Wasser halten und speichern, erläutert Wittmann. "Unser gesamtes Wasser fließt eigentlich sehr viel schneller ins Meer ab, als es eigentlich sollte und genau das ist jetzt mit dem zunehmenden Klimawandel unser Problem."
Die Auwälder haben also Durst und werden gleichzeitig inmitten der Klimaerwärmung dringend gebraucht. Deshalb sind Naturschutzverbände, Forschende und Teile der Politik durchaus um ihre Revitalisierung bemüht. Doch: "Das Ganze ist nicht über Nacht machbar", sagt Auenforscher Scholz. "Die großen Vorhaben, die wir hier in Deutschland haben am Rhein, Donau oder auch an der Elbe und hier in Leipzig, das hat zum Teil Jahrzehnte lange Vorarbeit und Überzeugungsarbeit gekostet."
Wir werden uns in wenigen Jahren darüber wundern, wie verantwortungslos wir bisher gehandelt haben. Prof. Dr. Florian Wittmann, KIT
Dabei drängt eigentlich die Zeit, betont der Karlsruher Wittmann. "In 50 Jahren werden wir uns da drüber kaputtlachen, wie blöd wir heute gehandelt haben. Dann Wasser ist die wichtigste Ressource für alles Leben." Dann werde man diese Renaturierung ohnehin machen müssen, und zwar sehr schnell und großräumig, so Wittmann. "Sonst fehlt uns dann die Lebensgrundlage."
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