Der Wolf breitet sich aus: 111 Tiere in Hessen genetisch nachgewiesen seit 2019

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Der Wolf breitet sich aus: 111 Tiere in Hessen genetisch nachgewiesen seit 2019

Stand: 10.08.2026, 20:01 Uhr

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Ein Wolf in freier Wildbahn bei Waldkappel im Werra-Meißner-Kreis. Die Aufnahme entstand am 1. Mai 2023. Nachdem der Wolf in Hessen lange als Ausnahmeerscheinung galt, haben sich inzwischen wieder feste Territorien gebildet. Eines davon befindet sich im Raum Waldkappel.

Ein Wolf in freier Wildbahn bei Waldkappel im Werra-Meißner-Kreis: Die Aufnahme entstand am 1. Mai 2023. Nachdem der Wolf in Hessen lange als Ausnahmeerscheinung galt, haben sich inzwischen wieder feste Territorien gebildet. Eines davon befindet sich auch derzeit im Raum Waldkappel. © Carolin Eberth

Ob Wolf, Luchs oder Wildkatze: Die Tierwelt in Nordhessen und Südniedersachsen ist im Wandel. In unserer Serie „Wildwechsel“ stellen wir Tiere vor, die sich in der Region wieder ansiedeln oder ausbreiten.

Nachdem der Wolf in Deutschland rund 150 Jahre lang als ausgerottet galt, kehrt er seit einigen Jahren auch nach Niedersachsen und Hessen zurück. In Niedersachsen wurde 2007 erstmals wieder ein freilebender Wolf in der Lüneburger Heide dauerhaft nachgewiesen. Der erste dauerhaft nachgewiesene Wolf in Hessen lebte zwischen 2008 und 2011 im Reinhardswald im Landkreis Kassel. Zunächst blieb der Wolf in beiden Bundesländern eine seltene Erscheinung.

Inzwischen hat sich das Bild deutlich verändert. In Niedersachsen setzte die Ausbreitung bereits ab 2012 mit dem ersten bestätigten Wolfsnachwuchs ein. Seither ist die Zahl der Wolfsterritorien und Nachweise kontinuierlich gestiegen. In Hessen nahm deren Zahl insbesondere ab 2019 deutlich zu. Seitdem wurden in Hessen 111 verschiedene Wölfe genetisch nachgewiesen. Das teilt Hessen-Forst, zuständig für das Wolfsmonitoring, auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Die Behörde weist jedoch darauf hin, dass diese Zahl nicht der tatsächlichen Wolfspopulation in Hessen entspricht. Zum einen halten sich einige der 111 Individuen nachweislich nicht mehr in Hessen auf oder sind verstorben. Zum anderen weist die Behörde darauf hin, dass trotz des umfangreichen Monitorings nicht alle Wolfsvorkommen erfasst werden können.

Mit der Rückkehr des Wolfs nehmen jedoch auch die Konflikte zu. Besonders Nutztierrisse sorgen immer wieder für Diskussionen. Nach Angaben von Hessen-Forst nahm die Zahl der gemeldeten Nutztierrisse in den ersten Jahren nach der Rückkehr des Wolfes deutlich zu. Wurden im Monitoringjahr 2019/20 noch zwölf Fälle registriert, lag der Höchstwert 2023/24 bei 112 Meldungen. Im vergangenen Jahr wurden 71 Nutztierrisse in Hessen erfasst. Ein ähnliches Bild zeigte sich zuvor bereits in Niedersachsen: Mit der Ausbreitung stieg dort ebenfalls die Zahl der Nutztierrisse. So wurden 2025 dort 301 Wolfsangriffe auf Nutztiere amtlich bestätigt, bei denen 667 Tiere getötet wurden.

Nach Einschätzung von Hessen-Forst ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Die Erfahrungen aus anderen Bundesländern und europäischen Regionen zeigten, dass sich Wolfsbestände bei günstigen Bedingungen dynamisch entwickeln können.

Vor diesem Hintergrund wurde der Wolf 2022 in Niedersachsen, 2024 in Hessen und 2026 auch bundesweit in das Jagdrecht aufgenommen. Ziel ist nach Angaben der Politik und der zuständigen Behörden ein aktives Wolfsmanagement, das den Schutz des Wolfes mit den Interessen von Weidetierhaltern und dem ländlichen Raum in Einklang bringen soll.

Wolfshinweise

Das Wolfszentrum Hessen bittet Bürger, Sichtungen und andere Hinweise auf Wölfe zu melden. Dafür steht das Meldeportal unter monitoring.wolfszentrum.hessen.de zur Verfügung. Bei Verdacht auf einen Wolfsriss können Betroffene die Wolfshotline unter 0611/32572000 kontaktieren. Außerhalb der Sprechzeiten verweist das Wolfszentrum auf ehrenamtliche Wolfsberater in der jeweiligen Region. Informationen dazu gibt es unter wolfszentrum.hessen.de/wolf-und-nutztiere/nutztierschaden-melden. Weitere Informationen sind unter wolfszentrum.hessen.de zu finden.

Hessen bereitet reguläre Bejagung von Wölfen vor

Mit der Aufnahme des Wolfs in das hessische Jagdrecht hat das Land die rechtlichen Voraussetzungen für ein aktives Wolfsmanagement geschaffen. Nach Angaben von Hessen-Forst soll damit der Schutz der Wolfspopulation mit den Interessen von Weidetierhaltern und dem ländlichen Raum in Einklang gebracht werden.

Grundlage dafür ist der inzwischen veröffentlichte Wolfsmanagementplan des Landes. Er regelt den Umgang mit dem Wolf in Hessen und bildet die Basis für jährliche Abschussfestsetzungen. Darin wird festgelegt, unter welchen Voraussetzungen Wölfe regulär bejagt werden können.

„Die Rückkehr des Wolfes nach Hessen ist ein naturschutzfachlicher Erfolg“, erklärt Hessen-Forst. Damit dieser dauerhaft Bestand habe, setze die Landesregierung auf ein aktives Bestandsmanagement. Künftig soll deshalb ein Teil der jährlich erwarteten Jungwölfe entnommen werden. Wie viele Tiere betroffen sind, wird jeweils über einen jährlich festgelegten Abschussplan geregelt.

Der Ansatz sei bewusst vorbeugend gewählt. „Während andere Regionen erst bei sehr hohen Beständen reagieren mussten, setzt Hessen früher an, um Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen“, teilt die Behörde mit. Ziel sei es, die Entwicklung frühzeitig zu steuern und aus den Erfahrungen anderer Regionen zu lernen.

Auch die Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdrecht bewertet Hessen-Forst positiv. Dadurch sei ein bundeseinheitlicher rechtlicher Rahmen geschaffen worden. Die Änderung sende zudem ein deutliches Signal: „Der Wolf ist Teil des heimischen Wildtierbestandes und bedarf – wo erforderlich – wie andere Wildarten eines verantwortungsbewussten Managements.“

Neben der bereits möglichen Entnahme sogenannter Problemwölfe sieht der Wolfsmanagementplan ein reguläres Bestandsmanagement vor. Hessen-Forst erhofft sich davon auch Veränderungen im Verhalten der Tiere. Eine reguläre Bejagung führe „mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem noch stärkeren Meidungsverhalten der verbleibenden Wölfe gegenüber dem Menschen und seinen Nutztieren“.

Für Jäger schaffen der Wolfsmanagementplan und die darauf aufbauenden Abschussfestsetzungen die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine reguläre Bejagung unter klaren Vorgaben. Das übergeordnete Ziel sei ein dauerhaftes Zusammenleben von Mensch und Wolf. Aktives Bestandsmanagement sei deshalb „kein Widerspruch zum Schutz des Wolfes, sondern seine Grundvoraussetzung“.

Das sagt der Hessische Bauernverband:

Der Hessische Bauernverband sieht die Rückkehr des Wolfs vor allem als Belastung für die Weidetierhaltung. Besonders Schaf- und Ziegenhalter seien betroffen, zunehmend aber auch Rinder- und Pferdehalter. Mit der Ausbreitung des Wolfs steige der Aufwand für die Betriebe kontinuierlich. Zum Schutz ihrer Tiere setzen viele Halter auf elektrische Zäune, verstärkte Einfriedungen oder Herdenschutzhunde. Nach Einschätzung des Verbandes bieten diese Maßnahmen jedoch keinen vollständigen Schutz. Gleichzeitig verursachten sie hohe Kosten und einen erheblichen zusätzlichen Arbeitsaufwand.

Kritisch sieht der Bauernverband auch die Entschädigungsregelungen. Viele Betriebe empfänden die Verfahren als bürokratisch und die Unterstützung als unzureichend. Nach Wolfsrissen komme es zudem immer wieder zu Unsicherheiten bei der Klärung der Schadensursache. Neben den wirtschaftlichen Folgen verweist der Verband auf die emotionale Belastung der Tierhalter. Verletzte oder getötete Tiere sowie die ständige Sorge um die Herden seien für viele Betroffene schwer zu verkraften.

Die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht bewertet der Bauernverband als wichtigen Schritt. Er fordert ein aktives Bestandsmanagement, eine vollständige Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen und schnelle Entschädigungen. Nur so könne das Zusammenleben von Wolf, Weidetierhaltung und Mensch langfristig gelingen.

Das sagt der Naturschutzbund:

Aus Sicht des Nabu Hessen ist der Wolf in Hessen noch weit von einer großen Population entfernt. Der Naturschutzverband geht derzeit von drei Wolfsrudeln mit sechs erwachsenen Tieren aus. Von einem günstigen Erhaltungszustand könne daher noch keine Rede sein, ein weiterer Bestandszuwachs sei sinnvoll.

Der Nabu betont, dass der Wolf ursprünglich zur heimischen Tierwelt gehöre und sein Verschwinden allein auf die Verfolgung durch den Menschen zurückzuführen sei. Erst nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze hätten Wölfe wieder nach Deutschland einwandern können. Für Natur und Wald habe die Rückkehr des Beutegreifers positive Effekte. Wölfe könnten Bestände von Rehen und anderem Schalenwild begrenzen und so den Verbiss an jungen Bäumen verringern. Dadurch werde die natürliche Verjüngung der Wälder gefördert.

Kritisch sieht der Verband die oft emotional geführte Debatte über den Wolf. Sie sei häufig von Ängsten, Vorurteilen und historischen Bildern geprägt. Stattdessen fordert der Nabu eine sachliche Diskussion auf Grundlage von Fakten. Die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht bewertet der Verband skeptisch. Die Herausforderungen für Weidetierhalter würden dadurch nicht gelöst.

Statt auf Abschüsse von Wölfen zu setzen, müsse der Herdenschutz weiter verbessert werden. Denn gut geschützte Weiden könnten das Risiko von Wolfsübergriffen deutlich verringern, so der Nabu.

Das sagt der Landesjagdverband

Aus Sicht des Landesjagdverbands Hessen hat die Rückkehr des Wolfs nicht nur Auswirkungen auf Weidetiere, sondern auch auf die heimischen Wildbestände. Besonders deutlich zeige sich dies beim Muffelwild. In mehreren Regionen Deutschlands seien Bestände stark zurückgegangen oder sogar ganz verschwunden.

Auch beim Rotwild beobachten Jäger Veränderungen. So würden sich die Tiere häufiger zu größeren Rudeln zusammenschließen. Dieses Verhalten gelte als Reaktion auf die Anwesenheit von Wölfen, da größere Gruppen Gefahren früher wahrnehmen könnten. Zudem werde Wild insgesamt vorsichtiger. Höhere Fluchtdistanzen und eine stärkere Verlagerung der Aktivitäten in die Nacht führten dazu, dass Tiere seltener zu sehen seien.

Nach Einschätzung des Verbands können sich diese Verhaltensänderungen auch auf Wald und Landschaft auswirken. Wenn Wild verstärkt nachts auf Äsungsflächen ausweicht, könne dies örtlich zu konzentriertem Verbiss und Schälschäden an Bäumen führen.

Grundsätzlich geht der Landesjagdverband davon aus, dass der Wolf inzwischen dauerhaft zur hessischen Kulturlandschaft gehört.

Die Aufnahme des Wolfs in das hessische und später auch in das Bundesjagdrecht bewertet der Verband als wichtigen Schritt. Dadurch seien rechtliche Voraussetzungen geschaffen worden, um den Umgang mit der geschützten Tierart langfristig zu regeln.

Fünf Fakten über Wölfe

  1. Ein ausgewachsener Wolf benötigt etwa drei bis fünf Kilogramm Fleisch pro Tag. Nach einer erfolgreichen Jagd kann er aber auch bis zu zehn Kilogramm auf einmal fressen und anschließend mehrere Tage ohne Nahrung auskommen.
  2. Wölfe nutzen ihr Heulen zur Kommunikation: um das Rudel zusammenzurufen, ihr Revier zu markieren oder Kontakt zu anderen Rudelmitgliedern aufzunehmen. Ein Wolfsheulen kann bis zu zehn Kilometer weit gehört werden.
  3. Die Paarungszeit liegt meist zwischen Januar und März. Nach etwa 63 Tagen Tragzeit bringt die Wölfin meist vier bis sechs Welpen zur Welt. Die Jungtiere werden nicht nur von den Eltern, sondern vom gesamten Rudel versorgt.
  4. Wölfe besitzen einen außergewöhnlich guten Geruchssinn, der etwa 100-mal besser als der des Menschen ist. Außerdem können sie sehr gut hören und auch bei wenig Licht sehen. Mit ihren langen Beinen erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h.
  5. Wölfe gehören zu den ausdauerndsten Landraubtieren Europas. Auf der Suche nach Nahrung legen sie oft 30 bis 50 Kilometer pro Tag zurück, in Ausnahmefällen sogar deutlich mehr. Statt ihre Beute in einem kurzen Sprint zu verfolgen, hetzen sie sie häufig über lange Strecken, bis diese erschöpft ist.
    (Von Carolin Eberth)