Michele Maggi: Wie ein Flüchtling das Fundament für das Maggi-Imperium legte

Er flüchtete aus dem reaktionären Italien und hatte in der Schweiz als Unternehmer Erfolg. Nur so konnte sein verhaltensauffälliger Sohn Julius das Maggi-Imperium aufbauen. Dies zeigen neue Archivfunde.

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Michele Maggi: Wie ein Flüchtling das Fundament für das Maggi-Imperium legte

Der umtriebige Michele Maggi: Wie ein politischer Flüchtling den Grundstein für eine Weltmarke legte

Er flüchtete aus dem reaktionären Italien und hatte in der Schweiz als Unternehmer Erfolg. Nur so konnte sein verhaltensauffälliger Sohn Julius das Maggi-Imperium aufbauen. Dies zeigen neue Archivfunde.

Helmut Stalder08.08.2026, 05.30 Uhr

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Reich durch Armennahrung: Maggi-Werbung um das Jahr 1900.

Reich durch Armennahrung: Maggi-Werbung um das Jahr 1900.

PD

Um die Anfänge der Weltmarke Maggi ranken sich Legenden. Die Maggi-Saga wird heute erzählt als Heldengeschichte des genialen Selfmademans Julius Maggi (1846–1912), der in Kemptthal bei Zürich eine Fabrik baute und mit innovativen Produkten wie Suppenmehl, Flüssigwürze und Bouillonwürfeln den Siegeszug um die Welt antrat. Doch nun werfen Aktenfunde im Historischen Archiv Nestlé und in den Staatsarchiven der Kantone Zürich und Thurgau ein neues Licht auf die Frühgeschichte: Den Grundstein für das Maggi-Imperium legte bereits Julius’ Vater, Michele Maggi, der als politischer Flüchtling nach Zürich kam und in Frauenfeld rasch ein erfolgreicher Unternehmer wurde. Julius hingegen war ein verhaltensauffälliger Jüngling, der Schulen und Lehren abbrach, bis er Tritt fasste.

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Revoluzzer aus Monza

Der Stammvater Michele Maggi wird am 29. September 1807 in Monza geboren, dies geht aus der Übersetzung des Taufscheins hervor, die im Staatsarchiv Zürich liegt. Es sind unruhige Zeiten in Norditalien. Am Wiener Kongress 1815 wurde das neue Königreich Venetien-Lombardei den Österreichern zugeschlagen. Doch italienische Nationalisten und Liberale im Bürgertum stemmen sich gegen die Restauration der Adelsverhältnisse und streben eine vereinigte Republik Italien an. Die Maggi gehören dem bürgerlichen Stand an, so dass Michele in den 1820er Jahren Medizin studieren kann.

Er ist ein rebellischer Geist, schliesst sich der Widerstandsbewegung «Carbonari» an und gerät ins Visier der österreichischen Staatsmacht. Als es brenzlig wird, setzt er sich in die Schweiz ab, in die liberale Republik inmitten reaktionärer Königreiche. Dies zeigt eine von einer Enkelin 1923 verfasste Familienchronik, die bisher unbeachtet im Nestlé-Archiv lag. Anfang der 1830er Jahre gelangt Michele Maggi nach Affoltern bei Zürich und beginnt einen Früchtehandel. Rasch gelingt ihm die Integration in die neue Heimat.

Das Schlüsseljahr für Michele Maggi ist 1839. Innert dreier Monate wird aus dem Flüchtling aus Monza: erstens ein Bürger von Affoltern, zweitens ein Müller in Frauenfeld und drittens der Ehegatte einer gutsituierten Dame aus einem alten Zürcher Bürgergeschlecht. Die drei Ereignisse hängen zusammen, wie aus Fundstücken in den Archiven deutlich wird.

Aus Michele Maggis Einbürgerungsdossier geht hervor, dass für die Zürcher Behörden sein Flüchtlingsstatus noch rund fünf Jahre nach seiner Ankunft der erste Grund für die Einbürgerung ist. Zudem ist er, anders als es die spätere Legende will, nicht mittellos, sondern verfügt über erhebliches Vermögen. Als Beleg seiner Solvenz legt er eine Bescheinigung vor, die den Kauf der «Neumühle» in der Bleiche in Frauenfeld für 27 000 Gulden belegt. Das Geld stammt grösstenteils aus dem Erbe seines verstorbenen Vaters Gaetano Maggi, wie es in der Familienchronik heisst. Michele Maggi ist also kein armer Schlucker, der sich als Fruttivendolo durchs Leben schlägt. Vielmehr ist er ein vermögender Bürgersohn aus Monza, der in Frauenfeld gezielt in eine Mühle investiert, um ein Unternehmen aufzubauen.

Heirat ins Zürcher Bürgertum

Gleichzeitig treibt Michele Maggi, der sich nun Michael nennt, die Heirat mit Sophie Esslinger (1810–1891) voran. Sie ist die Tochter des Zürcher Grossrates Johannes Esslinger und gehört einer altzürcherischen Familie an, die mit einer Druckerei für das Baumwollgewebe Kattun am Sihlquai vermögend wurde. Sophie ist fast 30-jährig, geschieden, hat einen Sohn und ist damit auf dem Heiratsmarkt nicht mehr erste Wahl. Doch die Vermählung eilt, denn Sophie ist schwanger – vom Einwanderer Maggi.

Spätere Biografen spekulierten, er habe Sophie geschwängert, um ins Bürgertum aufzusteigen. Oder er sei vom Schwiegervater zum Altar geprügelt worden. Diese Sicht nährt sich jedoch aus der Legende vom mittellosen Studenten und vom Klischee des italienischen Casanova. Plausibel ist vielmehr, dass die Verbindung des solventen Einwanderers mit der Zürcher Bürgersfrau ein ideales Arrangement für eine ökonomische Zukunft war.

Und so kam es. Die Buchhaltung der Neumühle aus den Jahren 1843 bis 1860 lag bisher unerkannt im Nestlé-Archiv. Aus der handschriftlich geführten Abrechnung in dem umfangreichen Folianten ist ersichtlich, wie die Eheleute ihr Mühlengewerbe in Frauenfeld zum Erfolg führen. Der Schwiegervater Esslinger gibt ein Darlehen, ebenso Michaels Bruder und ein weiterer Investor aus Monza. Dies erlaubt, den Mühlenbetrieb stetig zu vergrössern und zu arrondieren, bis den Maggi fast das gesamte Bleiche-Areal gehört und sie zu den wohlhabendsten Unternehmern Frauenfelds aufsteigen.

1861 kauft Michael Maggi eine zweite Mühle, die Hammermühle in Kemptthal, zwischen Winterthur und Zürich. Zehn Jahre später veräussert er alle Besitzungen in Frauenfeld mit erheblichem Gewinn, wie aus den Grundbüchern im Staatsarchiv Thurgau hervorgeht. Er will nun den Betrieb in Kemptthal den Söhnen übergeben.

Vom trotzigen Jungen zum Pionier der Schweizer Wirtschaft: Julius Maggi.

Vom trotzigen Jungen zum Pionier der Schweizer Wirtschaft: Julius Maggi.

AKG

Julius, das Problemkind

Als Julius Maggi in Frauenfeld 1846 geboren wird, steht die Mühle von Michael und Sophie Maggi-Esslinger in voller Blüte. Doch der Filius ist ein Problemkind, eigenwillig, impulsiv, trotzig. Die Lehrer in Frauenfeld können ihn nicht bändigen. Nach vier Jahren Primarschule schicken ihn die Eltern zu einem Privatlehrer nach Embrach im Zürcher Unterland. Julius läuft nach einem Jahr davon. Ein Versuch an der Kantonsschule Frauenfeld muss bald abgebrochen werden. Auch der renommierte Winterthurer Pädagoge Johannes Rüegg gibt nach einem Jahr auf.

In einem Internat in Yverdon geht es etwas besser, aber auch hier hält es der Zögling nur knapp zwei Jahre aus. Dann organisieren die Eltern für den nun 17-Jährigen eine kaufmännische Lehre im damals bekannten Handelshaus Jérôme Stehelin in Basel, die vier Jahre dauern soll. Julius lernt viel über internationalen Handel, wie er nach Hause berichtet. Doch bittet er schon nach einem Jahr um Verkürzung der Ausbildung. Er ist tüchtig und wird von Stehelin gefördert. Dennoch bricht er auch diese Lehre vorzeitig ab.

Auf der Suche nach einer Ausbildungsstätte für den unsteten Julius lassen die Eltern wieder ihre Beziehungen spielen. Die Brüder Haggenmacher aus Winterthur betreiben in Ungarn die modernste Grossmühle Europas. Karl Haggenmacher lässt den inzwischen 21-jährigen Julius nach Budapest kommen, wo er endlich Tritt fassen soll. Tatsächlich arbeitet sich Julius Maggi in zwei Jahren vom Praktikanten zum Vizedirektor und Stellvertreter Haggenmachers hoch. Er hat eine glänzende Zukunft in Ungarns Mühlenindustrie vor sich. Doch da ruft ihn der Vater 1869 «in schwerer geschäftlicher Krise und daherigen Unstimmigkeiten in der Familie» nach Kemptthal zurück.

Im Alter von 23 Jahren muss Julius Maggi die Hammermühle in Kemptthal übernehmen, und zwar ohne seinen neun Jahre älteren Halbbruder Eugen, der sich den väterlichen Plänen widersetzt. Energisch macht sich Julius ans Werk. Mit einem Partner stellt er den Betrieb neu auf. Derweil übernimmt Eugen die Stadtmühle am Sihlquai in Zürich. Nach einigen Modernisierungen bringt Eugen diese ins Unternehmen ein. Julius kauft 1880 die Neumühle in Schaffhausen hinzu und formiert den leistungsfähigsten Müllereibetrieb der Ostschweiz.

Doch da steckt die Schweizer Müllerei wegen der Konkurrenz europäischer Grossmühlen bereits in der Krise. Maggi muss umsatteln. Rettung kommt von unerwarteter Seite.

Im Labor entwickeltes Industrieprodukt: Das Bouillon-Extrakt wird in die braunen, langhalsigen «Gütterli» abgefüllt, Bild um 1900.

Im Labor entwickeltes Industrieprodukt: Das Bouillon-Extrakt wird in die braunen, langhalsigen «Gütterli» abgefüllt, Bild um 1900.

PD

Kulinarischer Kubismus

Der Glarner Arzt und Fabrikinspektor Fridolin Schuler hatte festgestellt, dass Arbeiter oft mangelernährt sind, weil Zeit und Geld für gesundes Essen fehlen. Er empfiehlt, man solle «zur Hebung der Volksgesundheit» günstig und schnell zubereitete Nahrungsmittel entwickeln und dazu Mehl aus Leguminosen verwenden, Bohnen, Erbsen, Linsen. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft gibt den Auftrag an Maggi. Nach zwei Jahren Pröbeln und einem Testessen 1884 in Zürich sichert die SGG zu, allen Fabriken, Fürsorgeeinrichtungen und Volksküchen drei Jahre lang exklusiv Maggis Suppenmehle zu empfehlen.

Julius Maggi stellt seine Mühle auf Leguminosen um. Die Armennahrung kommt bei den Arbeitern jedoch nicht gut an, denn sie ist fad. Auch im Bürgertum rümpft man die Nase. Den Durchbruch bringt 1886 die Maggi-Würze für Kraftbrühen, Suppen und Saucen. Das Bouillon-Extrakt im braunen, langhalsigen «Gütterli» hat nichts mehr mit Müllerei zu tun, sondern ist ein im Labor entwickeltes Industrieprodukt.

Das Convenience-Food trifft den Zeitgeist. Die Verkaufszahlen von Mehl und Würze schiessen in die Höhe, angefacht von neuartiger Werbung. Maggi baut aus und setzt auf Internationalisierung mit Fabriken und Niederlassungen in Paris, Berlin, Singen, Bregenz, Wien, London und den USA. Zwanzig Jahre lang geht dies gut. Die Armennahrung macht ihn reich.

Doch 1907 knackt ein Konkurrent das geheime Herstellungsrezept und bringt eine fast identische Flüssigwürze auf den Markt. Um zu bestehen, braucht Maggi ein neues Produkt, wenigstens eines, das man als neu patentieren lassen kann. Schon vorher hatte Maggi Bouillon verfestigt und in Kapseln gepackt. Die zündende Idee jetzt: eingedickte Bouillon, gepresst in Würfel. Ein weiteres legendäres Produkt der Nahrungsmittelindustrie ist geschaffen und verbreitet sich weltweit. Maggi wird zur Weltmarke, auf der Grundlage des erfolgreichen Einwanderers Michele Maggi aus Monza und seiner Mühlen in Frauenfeld und Kemptthal – und durch den Pioniergeist des einstigen Problemkindes Julius Maggi.

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