(+) Wenn der Nachbar mit dem Wassereimer kommt
Es ist Nacht. Ein glatzköpfiger Mann kommt den Laubengang herauf, nähert sich der Wohnungstür von Astrid G., (Name geändert) nimmt Schwung – und schleudert den Inhalt eines Eimers gegen ihre Tür. Mehrere Liter ...
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Es ist Nacht. Ein glatzköpfiger Mann kommt den Laubengang herauf, nähert sich der Wohnungstür von Astrid G., (Name geändert) nimmt Schwung – und schleudert den Inhalt eines Eimers gegen ihre Tür. Mehrere Liter Wasser klatschen gegen Glas und Rahmen. Es bleibt nicht bei einem Vorfall: Etliche Male zeichnet die Überwachungskamera der 55-jährigen Mieterin aus Rissen ähnliche Szenen auf. Der Mann auf den Bildern ist Wladimir S. (56, Name geändert), ihr Nachbar.
Begonnen hatte der Konflikt mit einer alltäglichen Kleinigkeit. Astrid goss auf ihrem Balkon die Blumen. Dabei tropfte etwas Wasser nach unten – auf Wladimir S.‘ Balkon. Seit diesem Tag im Jahr 2021, sagt sie, habe er sie auf dem Kieker.
Dabei war die Stimmung im Haus zuvor eine völlig andere gewesen. 2020 waren die Bewohner in den Neubau gezogen. Gerade während der Corona-Zeit sei eine enge Hausgemeinschaft entstanden, erzählt Astrid. Man kannte sich, half sich gegenseitig und kümmerte sich um Blumen und Briefkästen, wenn jemand verreist war.
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„Das Problem war nie unsere Hausgemeinschaft“, sagt Astrid. „Ganz im Gegenteil.“
Nachts poltert und hämmert er, ruft Beschimpfungen durchs Haus
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Doch der Streit mit Wladimir S. habe sich immer weiter zugespitzt. Astrid sagt, er habe sie als „Hure“ beschimpft. Auch über die Ukraine und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj habe er sich geäußert. Er habe von „Selenskyj-Schweinen“ gesprochen und sinngemäß gesagt, diese gehörten „abgeschlachtet“.
Besonders verstörend: Im Haus leben auch ukrainische Bewohner.
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Vor allem Frauen gegenüber sei S. immer wieder aggressiv und beleidigend aufgetreten, berichtet Astrid. Einige Bewohnerinnen hätten sich irgendwann kaum noch getraut, ihm etwas entgegenzusetzen – aus Angst, selbst ins Visier zu geraten.
DER FEIND NEBENAN – DIE MOPO-SERIE
Sie haben nur nette Nachbarn? Menschen, die Ihre Blumen gießen, wenn Sie im Urlaub sind? Die Pakete annehmen, die der Bote in Ihrer Abwesenheit bringt? Mit denen Sie gern zusammensitzen und Feste feiern? Dann wissen Sie vielleicht gar nicht, was für ein Glück Sie haben. Denn in vielen Hamburger Häusern ist aus Nachbarschaft längst Feindschaft geworden. Schlösser werden mit Sekundenkleber unbrauchbar gemacht, Türen eingetreten, nachts wird gebrüllt und gehämmert. Das eigene Zuhause wird zum täglichen Krisengebiet – getreu dem Schiller-Motto: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Die MOPO hat besonders heftige Nachbarschaftskonflikte aus Hamburg und dem Umland zusammengetragen.
Nachts habe es immer wieder gehämmert, gebollert und Geschrei gegeben. Nicht nur gelegentlich: „Zeitweise hatten wir das drei- bis viermal in der Woche, teilweise mehrmals in einer Nacht“, sagt sie. Mehrfach hätten Bewohner deshalb die Polizei gerufen. „Es kam auch vor, dass die Polizei da war, wieder gefahren ist und kurze Zeit später ging es von vorne los.“
Die ständigen nächtlichen Störungen hätten sich irgendwann auf Schlaf, Alltag und Arbeit ausgewirkt – und zwar nicht nur bei ihr. „Wenn man nachts immer wieder wach wird und morgens arbeiten muss, geht das irgendwann einfach nicht mehr.“
Angeblich machte Astrid Lärm – obwohl sie gar nicht zu Hause war
Ausgerechnet S., über dessen nächtlichen Lärm sich die Hausbewohner immer wieder beschwerten, warf Astrid regelmäßig Ruhestörung vor – sogar dann, wenn sie nachweislich gar nicht zu Hause war. Einmal stand die Polizei vor ihrer verschlossenen Wohnungstür. Ein anderes Mal erreichten sie die Vorwürfe im Urlaub: „Selbst aus Gran Canaria habe ich deswegen schon mit Hamburg telefoniert.“
Wiesen Nachbarn S. darauf hin, dass Astrid gar nicht da sei und der Lärm deshalb nicht von ihr kommen könne, habe sich sein Ärger teils gegen sie gerichtet. „Dann waren sie eben die Lügner und wurden teilweise selbst beschimpft“, sagt Astrid.
„Keine Freunde, kein Grillen, kein gemütliches Zusammensitzen. Nichts“
Mit den Jahren begann Astrid G., ihr Leben immer stärker an die Situation im Haus anzupassen. „Irgendwann hatte ich praktisch keinen Besuch mehr bei mir.“ Ihre Mutter habe 2022 das letzte Mal mit ihr auf dem Balkon gesessen. Danach habe Astrid den Balkon über Jahre kaum noch gemeinsam mit anderen genutzt. „Keine Freunde, kein Grillen, kein gemütliches Zusammensitzen. Nichts.“
Auch innerhalb ihrer eigenen Wohnung habe sie versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. „Ich bin in meiner eigenen Wohnung nur noch auf Zehenspitzen und wie auf rohen Eiern gelaufen.“ Zum Umziehen sei sie ins Badezimmer gegangen. Abends habe sie die Jalousien und den Vorhang an ihrer Eingangstür geschlossen, damit von draußen möglichst niemand erkennen könne, ob sie zu Hause sei. Teilweise sei sie nachts sogar ohne Licht ins Badezimmer gegangen. An vielen Wochenenden habe sie die Wohnung schließlich freiwillig verlassen. „Irgendwann habe ich sogar gedacht: Wenn ich nicht da bin, können wenigstens meine Nachbarn schlafen.“
Die Angst sei schließlich so groß geworden, dass sie nachts nur noch mit Pfefferspray und einem Messer neben dem Bett geschlafen habe. „Irgendwann wusste ich einfach nicht mehr, was als Nächstes kommt.“
Psychologische Hilfe wegen der ständigen Angst
Über die Jahre habe sich bei ihr eine permanente Anspannung entwickelt, sagt Astrid. Sie habe nie gewusst, wann es erneut losgehe oder welcher Vorwurf als Nächstes komme. Schließlich suchte sie sich psychologische Hilfe. „Für mich war das über die Jahre nichts anderes als Psychoterror“, sagt sie. „Anders kann ich es auch heute nicht beschreiben.“
Nachbarschaftsstreit in Zahlen
Hamburg liegt bundesweit auf Platz zwei: 66 Prozent der befragten Hamburgerinnen und Hamburger haben schon mindestens einmal Streit mit ihren Nachbarn erlebt. Nur in Bremen ist der Anteil mit 71,43 Prozent höher. Im Durchschnitt aller Bundesländer liegt der Wert bei 54,07 Prozent.
Jeder fünfte Hamburger war schon mehrfach betroffen: 20 Prozent der Befragten in Hamburg berichten von mehreren Nachbarschaftsstreitigkeiten. Deutschlandweit sind es 14,4 Prozent.
Lärm sorgt am häufigsten für Ärger: In Hamburg nennen 54,55 Prozent derjenigen, die schon Nachbarschaftsstreit erlebt haben, Lärm oder Ruhestörung als Auslöser. Bundesweit sind es 42,66 Prozent.
Auch Kinder können zum Streitthema werden: 15,15 Prozent der Hamburger Befragten mit Nachbarschaftskonflikten nennen das Verhalten von Kindern als Ursache. Weitere häufige Streitpunkte in Deutschland sind Haustiere, falsch abgestellte Fahrzeuge, Bäume und Hecken, Grundstücksgrenzen oder die Müllentsorgung.
Junge Menschen geraten häufiger mit Nachbarn aneinander: Deutschlandweit haben 63,28 Prozent der 18- bis 24-Jährigen schon mindestens einen Nachbarschaftsstreit erlebt. 22,66 Prozent dieser Altersgruppe sogar mehrere. Bei den Menschen ab 55 Jahren sind es deutlich weniger: 42,47 Prozent hatten mindestens einen Streit, 6,96 Prozent mehrere.
Quelle: Die Zahlen stammen aus einer repräsentativen Umfrage der Allianz Direct Hausratversicherung.
Am 12. Juni 2025 folgte die nächste Eskalationsstufe. Astrid G. war nicht zu Hause, als ihre Kamera Wladimir S. unmittelbar vor ihrer Wohnung aufzeichnete. Er trat so heftig gegen die Tür, dass sie beschädigt wurde und eine Scheibe splitterte.
Der Fall landete vor dem Amtsgericht Hamburg-Blankenese. Die Richterin erkannte eine Wiederholungsgefahr und erließ eine Gewaltschutzanordnung: Wladimir S. durfte Astrid G.'s Wohnung und Terrasse nicht mehr betreten, keinen persönlichen Kontakt aufnehmen und kein Zusammentreffen herbeiführen.
Protest der Hausgemeinschaft
Zahlreiche Mitglieder der Hausgemeinschaft unterschrieben einen Brief an die Hausverwaltung. Darin heißt es, die Polizei müsse „nahezu täglich einschreiten“, die Wohnqualität sei erheblich beeinträchtigt. Astrid G. erzählt, dass im Laufe der Jahre mehrere Bewohner wegen der Auseinandersetzungen ausgezogen seien.
Schließlich erhob der Vermieter Räumungsklage. Das Verfahren ist inzwischen abgeschlossen: S. muss seine Wohnung bis zum 30. September räumen. Seine Möbel wurden bereits abgeholt.
„Jetzt, wo es hier gerade ruhig ist, merke ich erst einmal, wie sehr mir diese Ruhe die ganzen Jahre gefehlt hat“, sagt Astrid G. „Ich kann sogar meinen Balkon wieder genießen. Das ist eigentlich etwas völlig Normales, fühlt sich für mich im Moment aber überhaupt nicht selbstverständlich an.“