Rekordbergsteigerin Lhakpa Sherpa: «Everest? Einfach. Amerika? Mein Gott, ist das hart»
Elfmal stand die Nepalesin auf dem Mount Everest – so oft wie keine andere Frau. Doch ihr Alltag war geprägt von Armut, Gewalt und starren Rollenbildern. Die Geschichte einer Kämpferin.
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«Der Everest? Einfach. Das amerikanische Leben? Mein Gott, das ist hart», sagt die Rekord-Bergsteigerin Lhakpa Sherpa
Elfmal stand die Nepalesin auf dem Mount Everest – so oft wie keine andere Frau. Doch ihr Alltag war geprägt von Armut, Gewalt und starren Rollenbildern. Die Geschichte einer Kämpferin.
23.08.2026, 05.30 Uhr
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Lhakpa Sherpa ging nie zur Schule – ihr Lehrer war der Everest.
Netflix
Lhakpa Sherpa sitzt am Küchentisch und erzählt im Videoanruf von ihrer jüngsten Everest-Expedition. Mit ihren beiden Töchtern teilt sie sich in in West Hartford eine Zweizimmerwohnung, rund 200 Kilometer nordöstlich von New York. Der höchste Punkt des Gliedstaats Connecticut ist ein Hügel – wenig beeindruckend für eine Frau, die man die Königin der Berge nennt.
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Keine andere Frau hat den Mount Everest so oft bestiegen wie Lhakpa. Mitte Mai stand die 48-jährige Nepalesin erneut auf dem höchsten Berg der Welt: Als Bergführerin brachte sie internationale Kundschaft auf den Gipfel – zum elften Mal erklomm sie ihn. Seit langem bricht sie nur noch ihre eigenen Rekorde.
Der Everest als Ferien
«Der Berg ist mein Lehrer und mein Chef», sagt Lhakpa. Ihr gebrochenes Englisch ist bildhaft und voller Witz. Sie ging nie zur Schule, lernte erst vor kurzem lesen und schreiben. Stattdessen hat sie den Mount Everest studiert: «Er ist für mich wie ein Computer. Ich weiss genau, welche Taste ich drücken muss, ohne hinzusehen. In den Bergen bin ich eine erfahrene Chirurgin.»
2000 war sie die erste Nepalesin, die den Mount Everest bestieg und zurückkehrte. Drei Jahre später nahm sie ihre damals 15-jährige Schwester Ming Kipa mit. Weil Nepal Besteigungen für unter 16-Jährige verboten hatte, stiegen die beiden von der chinesischen Seite auf. Ming Kipa war damals die jüngste Person, die je den Everest bestiegen hatte. Nach einer längeren Pause kehrte Lhakpa 2016 auf den Everest zurück und bestieg ihn vier weitere Male. Auch den K2, mit 8611 Metern der zweithöchste Berg der Welt, hat sie bezwungen.
2023 erschien die Netflix-Doku «Mountain Queen». Sie gibt Einblicke in Lhakpas ausserordentliche Erfolge – und ihr schwieriges Leben fernab der Berge. Für ihren Ex-Mann wanderte sie nach Connecticut aus. Er war gewalttätig und trank. Um ihre Familie zu ernähren, arbeitete sie in Supermärkten, pflegte alte Menschen und putzte Häuser. Manchmal übernahm sie die Schichten kranker Kollegen und arbeitete von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends.
Den höchsten Berg der Welt zu besteigen, habe sich immer wie Ferien angefühlt, sagt sie: «Für mich ist der Everest sehr einfach! Aber der amerikanische Lebensstil, die Scheidung . . . Oh, das war für mich viel schwieriger!»
Der Schulbus ihrer Brüder
Lhakpa wurde 1978 im Dorf Balakharka im Himalaja geboren. Die Achttausender Mount Everest und Makalu waren die Kulisse ihrer Kindheit. Die Eltern hielten auf über 2000 Metern Yaks, Schafe und Ziegen. Ihr Geburtsdatum kennt sie nicht; sie weiss einzig, dass sie im Jahr des Pferdes geboren worden ist. Weil sie an einem Mittwoch auf die Welt kam, taufte man sie auf den Namen dieses Wochentags: Lhakpa.
Sie wuchs mit sechs Schwestern und vier Brüdern auf. Nur die Brüder durften damals zur Schule. Die Mutter sah, dass die Tochter kräftig gebaut war, und beauftragte sie damit, die jüngeren Brüder in die Schule zu tragen. Der Weg dauerte fast drei Stunden. Er führte über Flüsse und Felsen. Wenn es regnete, saugten sich Blutegel in Lhakpas Beinen fest, Bäche verwandelten sich in gefährliche Flüsse.
Lhakpa sagt: «Meine Familie hat mich damals wie einen Schulbus benutzt.» Sie sagt es ohne Anklage. Sie liebte es, draussen zu sein und die Gegend zu erkunden. Die Mutter wünschte sich, dass sie den traditionellen Weg geht: eine arrangierte Ehe eingehen, Kinder bekommen, die Familie umsorgen. Doch Lhakpa war ein wildes Mädchen. Sie träumte davon, Bergsteigerin zu werden.
Der Vater war Guide am Makalu für Touristen aus Europa. Er setzte durch, dass seine Tochter ihn begleiten konnte. Und so trug Lhakpa als Jugendliche schwere Lasten ins Basislager des Makalu. Später wurde sie Küchenhilfe, wusch ab und trug Geschirr zu den Camps. Man nannte sie «kitchen boy».
Der Traum vom Everest blieb. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nur einer Nepalesin gelungen, den Mount Everest zu besteigen: Pasang Lhamu Sherpa, die 1993 den Gipfel erreichte. Beim Abstieg verunglückte sie jedoch tödlich.
Lhakpa suchte nach Sponsoren für ihre erste Everest-Besteigung – lange vergeblich. Dann liess sie einen Brief an den nepalesischen Ministerpräsidenten schreiben. Darin bat sie um Unterstützung für eine Expedition. Der Ministerpräsident stimmte zu. Die Bedingung: Andere Frauen mussten sie begleiten.

Den Mount Everest zu besteigen, ist für viele die Herausforderung des Lebens. Lhakpa Sherpa hingegen kommt hier zur Ruhe.
Imago
Lhakpa war getrieben vom Gipfeltraum, Angst verspürte sie keine. Als ihre Gruppe nur langsam vorankam, wurde sie ungeduldig. Sie liess die anderen Frauen hinter sich. Am 18. Mai 2000 erreichte sie als Einzige der Frauen den Gipfel. Als sie oben stand, lagen die Achttausender zu ihren Füssen. Sie musste sofort wieder absteigen. Doch sie wusste, sie würde wiederkommen.
Ihr Mann schlägt sie am Berg bewusstlos
Kurz nach ihrem ersten Everest-Gipfel lernte sie bei einer Staatsfeier den Rumänen George Dijmarescu kennen, einen Bergsteiger, der sie mit seinen Everest-Besteigungen ohne Sauerstoff beeindruckte. Dijmarescu war vor dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu in die USA geflohen. Auf der Flucht hatte er die Donau durchquert, war nachts durch Wälder gerannt.
Sie verliebten sich, heirateten. Lhakpa zog für ihn nach Connecticut. Bereits Mutter eines Sohnes, bekam sie mit ihm zwei Töchter: Sunny und Shiny. Mit Dijmarescu bestieg sie fünf Mal den Mount Everest. Nach der Geburt der ersten Tochter, Sunny, wurde Dijmarescu gewalttätig.
Mehrere Vorfälle sind öffentlich dokumentiert. 2004 führte das Paar eine Gruppe amerikanischer Bergsteiger aus Connecticut auf den Everest, unter ihnen der Journalist Michael Kodas. Was er dort erlebte, verarbeitete er später in seinem Buch «High Crimes». Darin beschreibt er Dijmarescu als jähzornigen und gewalttätigen Mann, der riskante Entscheidungen traf. Die Gruppe musste mit ansehen, wie er Lhakpa bewusstlos schlug. Kodas hielt auf Fotos fest, wie Dijmarescu seine Frau aus dem Zelt trug.
In der Netflix-Doku sagt Lhakpa: «Wenn er wütend wurde, sah er aus wie schlechtes Wetter, wie ein Gewitter, wie eine Kugel.» Gheorghe habe ihr die Kraft genommen. 2012 liess sie sich scheiden – nachdem sie nach einem Gewaltausbruch ins Spital eingeliefert worden war und in einem Frauenhaus untergekommen war. 2020 erlag der neunfache Everest-Besteiger seiner Krebserkrankung.
Der Weg in die Selbständigkeit
Nach der Scheidung und als die Töchter älter waren, begann Lhakpa wieder auf den höchsten Berg der Welt zu steigen. «Der Everest ist mein Arzt, er repariert meine Seele», sagt sie.
Sie will nach vorne blicken. Die Netflix-Dokumentation hat sie sich nie angeschaut. Sie sagt: «Die Leute sagen, der Film sei gut geworden. Ich will mein schwieriges Leben nicht noch einmal durchleben. Ich will den Abfall wegfiltern.»
Sie sagt, sie schäme sich dafür, dass die ganze Welt die «schlechten Dinge» ihres Lebens gesehen habe. Trotzdem ist sie froh, ihre Geschichte geteilt zu haben: «Menschen sagen mir: ‹Danke, Lhakpa. Du zeigst uns, dass man trotz allen Kämpfen im Leben nicht aufgibt.›» Das gibt ihr ein gutes Gefühl: «Ich habe damit etwas Gutes bewirkt.»
Vor einem Jahr gründete sie die eigene Trekking-Agentur Hiking with Lhakpa. Sie bietet Touren im Himalaja an. «Mein Leben ist noch immer schwierig. Es ist nicht leicht, ein Geschäft aufzubauen.» Sponsoren hat sie bis jetzt keine. Mehrmals bittet sie darum, zu erwähnen, dass sie in der Schweiz und in Europa gerne Vorträge halten möchte.
Lhakpa Sherpa glaubt nicht an Schicksal: «Wenn man etwas Aussergewöhnliches im Leben erreichen möchte, muss man auch entsprechend hart dafür arbeiten.» Ihr nächstes Ziel hat sie bereits vor Augen: In den kommenden zehn Jahren will sie jedes Jahr einmal den Mount Everest besteigen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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