Rente mit 63: Warum sie jungen Menschen schadet und Deutschland schwächt

Die Forderung ostdeutscher Politiker, die Frührente zu erhalten, stellt das Rentenpaket der Bundesregierung infrage und gefährdet den Reformkurs. Bundeskanzler Friedrich Merz muss ein Machtwort sprechen.

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Rente mit 63: Warum sie jungen Menschen schadet und Deutschland schwächt

Der andere Blick

Die ostdeutschen Ministerpräsidenten wollen die Rente mit 63 retten. Das ist falsch. Die Frührente muss weg

Die Forderung ostdeutscher Politiker, die Frührente zu erhalten, stellt das Rentenpaket der Bundesregierung infrage und gefährdet den Reformkurs. Bundeskanzler Friedrich Merz muss ein Machtwort sprechen.

03.08.2026, 18.48 Uhr

4 Leseminuten


Baden auf Kosten der Jungen. Frührentner belasten die Rentenkasse.

Baden auf Kosten der Jungen. Frührentner belasten die Rentenkasse.

Urs Flüeler / Keystone

Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.

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Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Das gilt auch in der Politik. Kaum entschwand der deutsche Kanzler Friedrich Merz nach der verstolperten Kabinettsumbildung in der vergangenen Woche in die Ferien, brachen die Regionalfürsten seiner Partei eine für die Reformagenda der Regierung brandgefährliche Debatte vom Zaun.

Mit einem gemeinsamen Papier starteten die ostdeutschen Ministerpräsidenten Sven Schulze (Sachsen-Anhalt), Michael Kretschmer (Sachsen) und Mario Voigt (Thüringen) eine Initiative zur Rettung der Frührente (Rente mit 63). Diese ermöglicht es Arbeitnehmern, die 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben, ohne Abschläge in Rente zu gehen. Und zwar auch dann, wenn sie die reguläre Altersgrenze (derzeit 66 Jahre und 4 Monate) noch nicht erreicht haben.

Die Forderung der ostdeutschen Ministerpräsidenten, die der CDU angehören, gründet in der panikartigen Sorge über Wahlsiege der AfD bei den im September anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Dass Politiker der SPD diese Gelegenheit wahrnehmen, die Rente mit 63 nun ebenfalls infrage zu stellen, kann nicht verwundern. Die Sozialdemokraten hatten der Abschaffung nur mit der Faust in der Tasche zugestimmt.

Panik aber ist kein guter Ratgeber für die Politik. Denn Deutschland steht vor einer demografischen Zeitenwende. Die Generation der Babyboomer wird sich in den nächsten Jahren in den Ruhestand verabschieden. Die Alterslast, die in dem Umlageverfahren der deutschen Rentenversicherung auf die jüngeren Generationen zukommt, wird dadurch kräftig steigen.

3 Millionen Frührentner

Seit Einführung der Rente mit 63 im Jahr 2014 haben rund 3 Millionen Deutsche von dem Modell Gebrauch gemacht. Derzeit ist jeder dritte Neurentner ein Frührentner. Das treibt nicht nur den Beitragssatz in der Rentenversicherung in die Höhe. Es trägt auch zu dem Fachkräftemangel bei, den viele Unternehmen beklagen. Denn die meisten Frührentner sind gut ausgebildete und gut verdienende Fachkräfte, auf die die Unternehmen nur schwer verzichten können. Sie nehmen ihr Know-how, das ein wichtiger Wachstumstreiber ist, mit in den Ruhestand.

Bliebe es bei der Rente mit 63, wie die ostdeutschen Ministerpräsidenten fordern, eskalierten die Probleme. Der deutschen Wirtschaft gingen Jahr für Jahr weitere 250 000 bis 280 000 Arbeitskräfte verloren. Das ist etwas mehr als die Nettozuwanderung nach Deutschland im vergangenen Jahr.

Mehr noch. Das gesamte Renten-Reformpaket, das die Bundesregierung in diesem Jahr auf den Weg bringen will, fiele in sich zusammen. Zu dem Paket gehört auch die Einführung einer obligatorischen Kapitalrente. Sie soll das Umlagesystem durch Geldanlagen am Kapitalmarkt ergänzen und das Rentenniveau langfristig verbessern.

Anfangs aber wird die Kapitalrente den Beitragssatz in die Höhe treiben. Ohne den Wegfall der Frührente würde dieser noch stärker steigen. Die Folge: Die Beschäftigung verteuerte sich, der Exodus von Unternehmen und Arbeitskräften beschleunigte sich, und die Finanzierungsbasis der Rentenversicherung erodierte.

Früher ins Altersprekariat

Daran kann auch den ostdeutschen Ministerpräsidenten nicht gelegen sein. Ihr Argument, wer – wie viele Ostdeutsche – schon früh mit der Arbeit begonnen habe, besitze einen Anspruch auf früheren Rentenbeginn, zeugt von Unkenntnis der Funktionsweise der deutschen Rentenversicherung. Entscheidend für die Rentenansprüche ist nicht die Anzahl der Beitragsjahre, sondern die Höhe der geleisteten Beiträge.

Dass viele Ostdeutsche im Alter über keine ergänzenden Einkünfte etwa aus betrieblicher Altersversorgung verfügen und daher stärker auf die Zahlungen der gesetzlichen Rentenversicherung angewiesen sind, ist ebenfalls kein Argument für die Beibehaltung der Frührente. Denn sie schickt die Menschen noch früher ins Altersprekariat.

Wer die Altersrenten all jener aufbessern will, die über keine zusätzliche Altersversorgung verfügen, sollte sich für einen späteren Rentenbeginn starkmachen. Dieser verschafft den Beschäftigten die Möglichkeit, durch zusätzliche Beitragszahlungen höhere Rentenansprüche zu erwerben.

Der Kanzler muss ein Machtwort sprechen

Mehr Wohlstand im Alter lässt sich nur durch eigene Mehrarbeit erwirtschaften, nicht durch eine höhere Belastung der nachfolgenden Generationen. Denn diese werden nicht zögern, den Generationenvertrag zu kündigen, wenn sie die Belastung als zu hoch empfinden.

Dass die Bundesregierung sich darauf verständigt hat, die Frührente auf dem Müllhaufen rentenpolitischer Irrtümer zu entsorgen, ist daher zu begrüssen. Sie entlastet dadurch die Rentenkasse um rund 10 Milliarden Euro pro Jahr und sorgt dafür, dass dem Arbeitsmarkt rund 125 000 zusätzliche Arbeitskräfte je Rentner-Jahrgang erhalten bleiben.

Der Bundeskanzler ist daher gut beraten, die unselige Debatte, die die ostdeutschen Ministerpräsidenten losgetreten haben, möglichst rasch durch ein Machtwort zu beenden. Dieses lässt sich auch aus den Ferien sprechen.

8 Kommentare

Marc Anderson

vor 42 Minuten

45 Jahre einbezahlt, kein Ding, 45 Jahre gearbeitet .. auch Carearbeit oder in der DDR, das wäre etwas unsportlich. Aber wenn‘s die AfD kaputtmacht ist’s wahrscheinlich billiger als die.

Holger Dorn

vor 57 Minuten

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Gerade wird eine ganze Generation Ingenieure 50+ in die Rente genötigt. Da der Stellenabbau in der Auto- und Masch.bauindustrie regional konzentriert und keine Firma bereit ist, ältere Arbeitnehmer einzuarbeiten, bleibt jemandem mit eigener Immobilie kaum anderes übrig, als eines der gut dotierten Frühverrentungsprogramme anzunehmen. Arbeitsnomade mit Mitte 50? Das mag im Vergleich zum Maurer, der mit 16 angefangen hat zu arbeiten, ungerecht sein, ist aber weder egoistisch noch reine Bequemlichkeit. Versucht der Staat, Frühverrentung durch Strafsteuern oder höhere Abzüge bei der Rente zu verhindern, gibt es nicht mehr ältere Beschäftigte, sondern ärmere Rentner. Ohne intakten Arbeitsmarkt und gesunde Wirtschaft ist halt alles Mist.

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