„Das ist unsäglich“: Strack-Zimmermann fordert „drastische“ Sanktionen gegen Russland und Druck auf EU-Partner

StartseitePolitikStand: 22.08.2026, 18:09 UhrKommentareUns auf Google folgenDie EU-Abgeordnete Strack-Zimmermann befürwortet den Plan über neue EU-Sanktionen gegen Russland. Auch Visa könnten ins Visier geraten...

  • 5 min read
„Das ist unsäglich“: Strack-Zimmermann fordert „drastische“ Sanktionen gegen Russland und Druck auf EU-Partner

Stand: 22.08.2026, 18:09 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Die EU-Abgeordnete Strack-Zimmermann befürwortet den Plan über neue EU-Sanktionen gegen Russland. Auch Visa könnten ins Visier geraten.

Brüssel – Obwohl die russische Armee weiter mit Rekrutierungsproblemen kämpft und Russlands Wirtschaft immer weiter unter Druck gerät, scheint Russlands Präsident Wladimir Putin nicht bereit für ein Friedensabkommen zu sein. Deshalb hat die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas angekündigt, Russland mit weiteren Sanktionen zu belegen. Diesen Plan befürwortet die deutsche EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Neben Sanktionen fordert die Verteidigungspolitikerin, dass westliche Staaten die Ukraine auch militärisch stärker unterstützen sollten.

Analyse deckt auf: Warum plötzlich Milliarden von russischen Konten verschwinden

Russlands Krieg wird wirtschaftlich spürbarer: Firmen zahlen mehr, Bürger ziehen Milliarden ab. © © IMAGO / SNA / Symbolbild

Die EU‑Außenbeauftragte Kaja Kallas hat angekündigt, sie werde im Herbst die weitreichendste Sanktionsliste seit Kriegsbeginn vorlegen. Halten Sie neue Sanktionen gegen Russland für richtig?

Es wird ja gerne kolportiert und das russische Narrativ benutzt, die Sanktionen würden Russland nicht schaden. Das Gegenteil ist der Fall. Russlands Wirtschaft steht unter enormem Druck. Seit über vier Jahren fließt viel Geld in Putins Kriegsmaschinerie. Das birgt Risiken, denn inzwischen werden Inflation, Arbeitskräftemangel, hohe Zinsen zu großen Problemen. Zudem heben aktuell viele Russen ihr Geld von ihren Konten ab, weil sie große Angst davor haben, dass der Staat ihnen ihr Geld wegnimmt, um den Krieg gegen die Ukraine weiter zu finanzieren. Das zeigt, dass sich die Lage in Russland weiter verschlechtert, denn Banken müssen liquide bleiben, um mit den Einlagen der Sparer zu arbeiten. Die Sanktionen zeigen deutlich Wirkung.

Strack-Zimmermann befürwortet neu geplante EU-Sanktionen gegen Russland

Kallas will laut eigener Aussage die Zahl der sanktionierten russischen Personen, Unternehmen und Organisationen um rund ein Drittel erhöhen. Befürworten Sie ihren Vorschlag?

Unbedingt! Es gibt genug auch westliche Unternehmen, die nach wie vor Geschäfte mit Russland machen. Noch immer erreichen technische Komponenten Russland, die auch für die Waffenherstellung nötig sind. Kallas will daher eben auch solche Unternehmen sanktionieren, die indirekt die russische Kriegskasse füllen. Es gibt in Europa noch immer Unternehmen, die glauben, sie könnten business as usual machen, an Russland verdienen und würden unbeobachtet mit einem blauen Auge davonkommen. Zudem und das zeigt, dass noch deutlich mehr sanktioniert werden kann, dass Deutschland beispielsweise nach wie vor erlaubt, dass immer noch bestimmte medizinische Güter nach Russland exportiert werden dürfen. In Deutschland hergestellte hochwertige Arm- und Beinprothesen kommen demnach russischen Soldaten zugute, die in der Ukraine morden und brandschatzen. Das ist unsäglich. Wir warten in Brüssel jetzt zeitnah auf die detaillierten Pläne von EU-Vizepräsidentin Kaja Kallas. Unsere Unterstützung hat sie.

Und die EU sollte auch mehr Privatpersonen sanktionieren?

Russische Oligarchen legen ihr Geld bei uns an, kaufen Immobilien und machen nach wie vor Geschäfte im Westen. Stehen diese Leute auf der EU-Sanktionsliste, kann deren Vermögen – dazu gehören auch deren Immobilien – eingefroren werden. Sie können dann darüber nicht wirtschaftlich verfügen und grundsätzlich nichts zu Geld machen. Gleichzeitig müssen wir die Ukraine auch weiter militärisch unterstützen. Denn bleibt der militärische Erfolg für Putin aus, bei gleichzeitig schlechter Wirtschaft, wird auch der innenpolitische Druck auf ihn wachsen. Nur so kann er endlich an den Verhandlungstisch gezwungen werden.

Sollte die EU noch andere Sanktionen gegen Russland beschließen?

Neben drastischen Sanktionen gegen Unternehmen – es gibt nach wie vor kein allgemeines Exportverbot für Lebensmittel und Agrarprodukte – müssen wir die Ukraine wirtschaftlich weiterhin unterstützen, damit die Ukrainer in ihrer Heimat eine Perspektive haben. Putin lässt gezielt Schulen, Kindergärten, zivile Infrastruktur zerstören, damit die Ukrainer gezwungen werden, auf kurz oder lang ihre Heimat zu verlassen. Er will die Ukrainer im wahrsten Sinne des Wortes in die Flucht schlagen, und macht dabei auch keinen Halt vor der Zerstörung von UNESCO‑Weltkulturerbe. Die russischen Angriffe auf die zivile Bevölkerung haben dramatisch zugenommen. In den letzten vier Wochen sind so viele Zivilisten getötet worden, wie in keine der Wochen in den letzten Kriegsjahren zuvor. Es fehlen der Ukraine Luftverteidigungssysteme und das weiß auch Putin. Alle Unterstützer sollten alles in ihren Möglichkeiten tun, diese Systeme zu liefern.

EU könnte Druck auf eigene Mitgliedsstaaten erhöhen

Es gibt noch einige EU-Staaten, die keine oder nur wenige Abwehrraketen an die Ukraine geliefert haben. Sollten die anderen Mitgliedsländer den Druck auf diese EU-Partner erhöhen?

Die EU sollte denen möglichst deutlich zu verstehen geben, dass es in ihrem ureigenen Interesse ist, dass Putin keinen militärischen Erfolg hat, sonst ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er auch nach anderen Nachbarstaaten greift.

Nach dem Drohnenvorfall in Leipzig wurde öffentlich diskutiert, ob die EU keine oder nur noch wenige Visa an Russen ausstellen sollte. Was halten Sie davon?

Seite 2022 ist das Visaerleichterungsabkommen zwischen der EU und Russland vollständig ausgesetzt. Dadurch sind Visa für Russen teurer und die Voraussetzungen strenger geworden. Die EU kann aber bestimmten russischen Personen eine Einreise verbieten, vor allen Dingen denjenigen, die auf der EU-Sanktionsliste stehen. Für russische Staatsbürger, die nicht sanktioniert werden, besteht weiterhin die Möglichkeit, ein Visum zu beantragen. Politisch kann die EU natürlich grundsätzlich ein weitgehendes Einreiseverbot beschließen. Leider ist Europa bei einem generellen Einreiseverbot für russische Staatsbürger politisch gespalten. Frankreich, Italien und Spanien stehen einer pauschalen Verschärfung skeptisch gegenüber, während die nordischen, die baltischen Staaten und die Niederlande auf eine strengere und vor allem gemeinsame EU-Lösung drängen. Deutschland hat bisher leider auch noch nicht ein generelles Einreiseverbot für russische Staatsbürger eingeführt, könnte aber aus Sicherheitsgründen eine Einreise verhindern. Ich teile die Auffassung: Wer Russland beim Krieg gegen die Ukraine unterstützt, sollte nicht gleichzeitig die Freiheit und den Schutz Europas genießen dürfen.

Strack-Zimmermann fordert stärkere EU-Zusammenarbeit

Stichwort nationale Entscheidungen: Sie haben die bisherigen Sanktionspakete als „Basar der Ausnahmen“ bezeichnet. Sie meinen damit wohl, dass immer wieder einzelne Staaten härtere Sanktionen wegen nationaler Interessen verhindern. Wie problematisch ist das?

Die Europäische Union ist keine Verteidigungsunion. Wir würden als EU deutlich stärker auftreten, wenn wir in Sicherheitsfragen eine Einheit wären. Die EU wurde aus den damaligen Kriegserfahrungen heraus politisch und rechtlich nicht als Militärbündnis gegründet. Jedes Mitglied sollte dies in eigener Verantwortung angehen. Manche europäischen Regierungen denken immer noch zu national.

Aber was denken Sie?

Angesichts der heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen, erschwert das unsere Arbeit sehr, denn kein Land in der EU wird sich selbst verteidigen können. Wir müssen in der EU auch in Fragen der Verteidigung einheitlicher und entschlossener handeln. Wir brauchen keine 150 verschiedenen Waffensysteme, wir sollten zukünftig konsequent gemeinsam Rüstungsgüter beschaffen und in die Forschung einsteigen. Das wäre deutlich effizienter und würde unseren Kontinent sehr viel sicherer machen. (Quellen: eigene Recherche/Interview: Jan-Frederik Wendt)