Danger Dan, hab keine Angst vor dem Gespräch!

Hi Daniel, wir kennen uns nicht, aber wir teilen eine Stadt. Aachen, Dreiländereck, Karlsstadt, katholisch bis in die Pflastersteine. Du bist dort aufgewachsen, ich auch....

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Danger Dan, hab keine Angst vor dem Gespräch!

Hi Daniel,

wir kennen uns nicht, aber wir teilen eine Stadt. Aachen, Dreiländereck, Karlsstadt, katholisch bis in die Pflastersteine. Du bist dort aufgewachsen, ich auch. Und weil das so ist, fällt es mir schwer, über deinen Streit mit dem ZDF nur als Redakteur zu schreiben, der eine Meinungssache abwägt. Es geht mir näher. Also schreibe ich dir persönlich.

Zunächst das Naheliegende: Dass das ZDF dein Lied „Keine Angst“ aus der hundertsten „Anstalt“ herausgeschnitten hat, war falsch. Ein Sender, der einen antifaschistischen Song vorab kassiert, weil er als Aufruf zu Gewalt „verstanden werden kann“, macht die radikalstmögliche Lesart zum Maßstab und traut seinem eigenen Publikum die Debatte nicht zu.

Wo das ZDF recht hat - und wo nicht

Der Deutsche Journalisten-Verband hat das einen schwerwiegenden Eingriff in die redaktionelle Freiheit genannt, das „Anstalt“-Team selbst hat sich von der Entscheidung distanziert und sie mutlos genannt. Beides zu Recht. Wer die AfD in Talkshows einlädt und dich auslädt, hat, wie es der DJV-Vorsitzende formulierte, ein Problem mit dem Kompass.

Und trotzdem, Daniel: Das ZDF hat, wenn auch aus den falschen institutionellen Reflexen, einen wunden Punkt berührt. Denn dein Lied ist mehr als ein Bekenntnis. Es ist eine Anleitung. Sieben Minuten lang beschreibst du am Klavier, wie man konspirative Strukturen aufbaut, Gegner recherchiert, ihr Umfeld „kontaktiert“, und am Ende schickst du Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.

Das sind keine abstrakten Chiffren. Gemeint sind Verurteilte aus dem Antifa-Ost-Komplex, denen das Oberlandesgericht Dresden Angriffe zur Last legte, bei denen Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. Du selbst sagst im Song: „Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt.“ Genau darüber muss man reden dürfen — offen, hart, ohne Cancel-Geste, aber auch ohne Applaus-Automatismus.

Ein Haus in Aachen

Lass mich einen Umweg machen, über das, was uns verbindet.

Ich war in Aachen in der antifaschistischen Linken aktiv. Ich erinnere mich an das Che Haus, als es noch so hieß. Am Eingang hing das Bild eines indigenen Mädchens auf einer Bergstraße in Bolivien — dieses Gesicht, das einen ansah, bevor man überhaupt richtig drinnen war.

In der ersten Etage gab es sozialistische Schulungen. Am Elisenbrunnen standen wir mit Infoständen und marxistisch-leninistischer Literatur, damals, als es dort noch das Bavaria-Kino gab. Anders als du, der auf eine katholische Schule ging, besuchte ich die erste Gesamtschule der Stadt. Verschiedene Milieus, dieselbe Stadt, ähnliche Fragen.

Um diesen Songtext streitet sich das ZDF mit Danger Dan und Igor Levit

ÖRR

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Das ist rund dreißig Jahre her. Und Deutschland ist ein anderes geworden. Die AfD erreicht in Teilen Ostdeutschlands Zustimmungswerte, die einen Eintritt in Landesregierungen realistischer erscheinen lassen als noch vor wenigen Jahren. Die Gesellschaft wirkt gespaltener, unversöhnlicher, politisch nervöser. Ich schreibe das nüchtern, nicht kokettierend: Die Bedrohung von rechts ist real, sie ist gewachsen, und wer sie kleinredet, hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Bleibt die Frage, um die dein Lied kreist und die ich für die eigentliche halte: Wie soll eine demokratische Gesellschaft mit dieser Polarisierung und mit der neuen Rechten umgehen? Durch Gespräch? Durch politische Auseinandersetzung? Durch Kampf?

Die Grenze

Für mich beginnt alles bei einer Grenze, und sie verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern an der Gewalt. Wer zur Militanz aufruft oder Gewalt als politische Lösung akzeptiert, entscheidet sich in diesem Moment gegen den Menschen. Gewalt darf nicht romantisiert, nicht relativiert, nicht als notwendige historische Konsequenz verklärt werden — auch nicht, wenn sie sich antifaschistisch nennt. Das ist keine bürgerliche Betulichkeit. Es ist die Lehre aus der Geschichte, auf die du dich im Song selbst berufst: „Und die Geschichte hat uns schon mal gezeigt.“

Nur zeigt sie etwas Komplizierteres, als das Lied nahelegt.

Was die Geschichte wirklich zeigt

Ja, in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren tobten Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Faschisten. 1932 nahm die Gewalt bürgerkriegsähnliche Formen an; der Altonaer Blutsonntag im Juli jenes Jahres kostete achtzehn Menschen das Leben. Aber die Geschichte lehrt gerade nicht, dass Eskalation die Faschisten aufhielt.

Die SA machte Gewalt zum Mittel der Eroberung des öffentlichen Raums. Und die KPD verband ihre antifaschistische Gegenwehr mit einer revolutionären Logik, die die SPD unter der Formel des „Sozialfaschismus“ zeitweise zum Hauptgegner erklärte — ein strategischer Fehler mit verheerenden Folgen, weil er das Bündnis der Arbeiterbewegung gegen Hitler zerschlug.

ZDF bringt Sonderausgabe zu Danger Dan: Diskurs über Meinungsfreiheit

Medien

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Die ehrliche Lehre ist doppelt: Antifaschismus braucht Entschlossenheit — und er darf nicht selbst menschenfeindlich werden. Wer sie verkürzt, verkauft dir Militanz als historische Pflicht. Das ist sie nicht. Sie war oft der Weg in die Niederlage.

Die Ambivalenz des Gesprächs

Nun kommt der Teil, an dem es unbequem wird, für dich und für mich.

Menschenfeindliche Ideologien müssen isoliert und bekämpft werden — politisch, gesellschaftlich, argumentativ. Da gibt es kein Vertun. Von Teilen der radikalen Rechten geht eine reale Gefahr aus, und diese Kräfte haben in der AfD ein politisches Zuhause gefunden. Aber daraus darf keine Haltung entstehen, die Millionen AfD-Wähler pauschal entmenschlicht oder für grundsätzlich unerreichbar erklärt.

Ich unterscheide, und ich halte diese Unterscheidung für die wichtigste überhaupt: zwischen Funktionären, rechtsextremen Netzwerken, radikalen Ideologen — und den sehr unterschiedlichen Motiven derer, die dieses Kreuz machen. Kollektivschuld ist keine linke Kategorie. Sie ist eine autoritäre. Und die Formel, die man dieser Tage überall hört — „Mit AfD-Wählern reden wir nicht“, „mit den Palis reden wir nicht“, „mit Russland reden wir nicht“ —, ist bequem, aber sie ist gefährlich. Menschen und politische Akteure verschwinden nicht, weil man ihnen den Dialog verweigert. Gesprächsverweigerung als Grundhaltung wird im schlimmsten Fall selbst autoritär: Sie ersetzt Überzeugung durch Ausschluss.

Das Gegenteil stimmt genauso: Dialog darf niemals Kapitulation vor der Ideologie sein, niemals Normalisierung von Menschenfeindlichkeit. Wer redet, um zu verharmlosen, hat schon verloren. Aber wer nicht mehr reden und nicht mehr überzeugen will, hat den Kern der Demokratie aufgegeben — die Zumutung, den anderen für erreichbar zu halten.

Der humanistische Kern

Ich mache mir keine Illusionen über den Rechtsextremismus, Daniel. Ich habe zu lange an Infoständen gestanden, um naiv zu sein. Aber ich weigere mich zu glauben, dass Menschenfeindlichkeit mit neuer Menschenfeindlichkeit besiegt werden kann.

Wer eine bessere Welt will, kann sie nicht auf Hass, Verachtung und Gewalt errichten. Das ist kein Pazifismus aus Bequemlichkeit. Es ist die einzige Konsequenz, die aus deinem eigenen Refrain folgt: Keine Angst — nicht, weil wir bewaffnet sind, sondern weil wir uns die Menschlichkeit nicht nehmen lassen.

Eine Einladung

Ich habe gehört, du sollst ein Interview mit der Berliner Zeitung abgelehnt haben. Aber ich lade dich ein, dieses Gespräch doch zu führen. Nicht als PR-Termin, nicht als Abrechnung. Sondern als das, was uns fehlt: eine ernsthafte, widersprüchliche Auseinandersetzung über Antifaschismus, Gewalt, Angst, Verantwortung und die Zukunft einer gespaltenen Gesellschaft.

Zwei aus Aachen, die sich nicht einig sein müssen, um miteinander zu reden.

Die Tür ist offen. Keine Angst. Und:

¡Venceremos!
Harald

Harald Neuber ist Nachrichtenchef der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung

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