(+) Vor Hamburgs CSD: Fünf Menschen berichten über queerfeindliche Gewalt.
In Hamburg findet am Wochenende der erste große CSD nach dem Anschlag in Berlin statt. In den vergangenen Jahren nahmen etwa 250.000 Menschen an der Demo teil. Das diesjährige Motto: „Haltung zeigen – für eine ...
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In Hamburg findet am Wochenende der erste große CSD nach dem Anschlag in Berlin statt. In den vergangenen Jahren nahmen etwa 250.000 Menschen an der Demo teil. Das diesjährige Motto: „Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst.“ Angst vor Ausgrenzung, Hass und Gewalt – die auch in Hamburg wieder zunimmt.
„Gerade jetzt müssen wir zusammenstehen und sichtbar bleiben“, sagen die Veranstalter von Hamburg Pride. Um 11.50 Uhr, zehn Minuten vor Beginn der Demo, gibt es an der Ecke Lübecker Straße/Ecke Mühlendamm eine Ansprache, um an die Tat zu erinnern. „Der Anschlag in Berlin macht auf erschütternde Weise deutlich, wie weit wir von einer Zukunft entfernt sind, in der queere Menschen selbstverständlich sicher leben können.“
„Viele Menschen aus der Community wenden sich mit Sorgen und Ängsten an mich – nicht zuletzt, weil die Zahlen der Hasskriminalität gegen queere Menschen erneut gestiegen sind“, sagt Tobias Conrad, Ansprechperson für LSBTI* (lesbische, schwule, bisexuelle, trans und intergeschlechtliche Menschen) bei der Polizei Hamburg. 2025 erfassten die Beamten 166 queerfeindliche Straftaten, davon 37 körperliche Angriffe – eine Verdreifachung der Fälle seit 2022. Laut Polizei ist aber auch die Bereitschaft, Taten anzuzeigen, gestiegen. Eine genaue Einschätzung der Entwicklung ist wegen der hohen Dunkelziffer nahezu unmöglich.
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Klar ist hingegen das Bild der Täter: Mehr als 75 Prozent wurden 2025 der rechten Szene zugeordnet. Nur dreimal lagen religiöse Motive vor wie in Berlin. In der MOPO erzählen fünf queere Menschen, wie sie Hass erleben – und dagegenhalten.
Alexis Milne (26), Journalistin Eimsbüttler Nachrichten
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„Ich musste schon Gewalt im Netz und auf der Straße erfahren, weil ich trans* bin, weil sich die Täter an meiner Queerness gestört haben. Alle möglichen Menschen schauen mich mal schief an, aber solche Angriffe kommen nur von Männern, vermutlich aus dem konservativen bis rechten Spektrum.
In Einzelfällen schienen die Menschen, die mich angegangen sind, auch einfach sehr betrunken oder auf Drogen gewesen zu sein. Da spielt die politische Haltung keine Rolle mehr. Gerade deshalb versuche ich, Orte wie die Reeperbahn zu meiden. Dort wimmelt es von sturztrunkenen Männern, die sich sichtbar queeren Menschen gegenüber aggressiv und sexuell übergriffig verhalten.
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Das politische Versagen der letzten Jahre trägt dazu bei, dass die Täter denken, es wäre in Ordnung, so mit Mitmenschen umzugehen. Wir bräuchten mehr Aufklärung und einen besseren Opferschutz. Die Hasskriminalität wächst und es fühlt sich für mich oft so an, als würden wir damit allein gelassen.“
Jens Weber (47), Betreiber vom Café Uhrlaub
„Bei uns im Café Uhrlaub merken wir klar, dass queerfeindlicher Hass zunimmt. Vor allem seit wir die Regenbogenmarkise haben, werden die Social-Media-Kommentare aggressiver. Nach der Horrortat in Berlin haben wir ein Video gepostet. Neben viel Zuspruch gab es Drohungen wie: „Bombe rein und Ruhe ist“ oder konkrete Warnungen: „Passt auf eure Hunde auf“ und „Wir schlagen euch die Scheiben ein“. Das macht uns Angst.
Dahinter stecken vor allem Männer ab 35 Jahren, die politische Tendenz ist klar rechts, AfD-nah. Vereinzelt kommentieren auch Menschen aus der queeren Szene, wir seien wegen unseres Auftretens selbst schuld an der Hetze. Es bleibt aber nicht beim Hass im Netz: Vor einigen Wochen kam ein Mann ins Café und beschimpfte uns. Kurz davor rief ein Autofahrer im Vorbeifahren aus dem Fenster: „Scheiß Schwuchteln“.
Trotz allem überwiegt für mich in unserem Café das Positive. Unsere Gäste, die Stammkundschaft und die queere Community geben uns viel Rückhalt. Ehrlich gesagt macht uns auch der Hass entschlossener: Unsere Markise bleibt regenbogenfarben – und wir werden noch größer, bunter und vielfältiger.“
Falko Droßmann (52, SPD) queerpolitischer Sprecher des Deutschen Bundestags
„Als schwuler Mann ist es in Deutschland noch immer nicht selbstverständlich, offen leben zu können. Ich war aber sicher, dass gesellschaftlicher Fortschritt nur eine Richtung kennt. Die Zunahme queerfeindlicher Straftaten und der islamistische Anschlag in Berlin zeigen, wie falsch diese Gewissheit war.
Queerfeindlichkeit ist auf kein Milieu begrenzt. Sie zeigt sich im Rechtsextremismus, in religiös-fundamentalistischen Ideologien, aber auch im alltäglichen Wegsehen und Schweigen. Nichts davon dürfen wir hinnehmen oder gegeneinander ausspielen.
Auch der Ton hat sich verändert: Menschenverachtung wird offener ausgesprochen, Vorurteile werden politisch bewirtschaftet, besonders gegen trans* und nicht-binäre Menschen. Angriffe werden zu oft verharmlost. Auch die queere Community muss selbstkritisch sein. Als homosexueller, weißer Mann gehöre ich zu einem vergleichsweise privilegierten Teil. Daraus erwächst besondere Verantwortung.
Die Vorfälle machen mich wütend – und entschlossen. Freiheit ist nie endgültig errungen. Wir müssen sie jeden Tag gemeinsam verteidigen. Ich stehe dazu bereit und bin mir sicher: Hamburg steht an meiner Seite.“
Manuel Opitz (38), Pressesprecher von Hamburg Pride
Einer meiner Lieblingsmomente während der Pride Week ist das Hissen der Regenbogenflagge am Rathaus. Eigentlich. Denn wenn ich das Video auf unseren sozialen Kanälen poste, warte ich nur auf die Welle des Hasses. Detaillierte Beschreibungen darüber, wie „abartig“ queere Menschen seien und was man alles mit ihnen machen könne, um die Welt zu „reinigen“, lösche ich hundertfach mit einem Klick.
Wenn ich mir die Profile anschaue, dann kommt der Hass fast immer von Personen, die AfD-Posts in ihren Feeds teilen, Slogans der AfD weiterverbreiten oder gleichzeitig gegen queere Menschen und Migrant*innen hetzen.
Die Hasskommentare prallen an mir ab, nicht aber die Gewalt, die auf unsere Straßen überspringt. Vor zwei Jahren wurde die Regenbogenflagge am Rathaus heruntergerissen und beschädigt. Nach dem Anschlag in Berlin fragen User*innen im Netz, ob sie überhaupt noch sicher auf den CSD gehen können. Aber es macht Mut, so viele Verbündete auf den Veranstaltungen zu sehen.“
Gila Rosenberg (51), Projektleiterin im JungLesben*Zentrum Hamburg
In meiner Arbeit begegnen mir täglich alle Formen der Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt gegen Frauen* (das Sternchen soll Menschen einbeziehen, die sich nicht der Geschlechterbinarität einordnen), gegen weiblich gelesene Personen, gegen queere Menschen, gegen Lesben*. In den vergangenen Jahren beobachten wir das, was Statistiken klar belegen: einen deutlichen Anstieg von verbaler und physischer Gewalt gegen weiblich gelesene Personen und queere Menschen.
Die Gewalt wird offener, sie wird direkter. Die Betroffenen berichten, dass fast nur Männer die Täter sind, sowohl junge als auch ältere.
Wir sehen mit großer Sorge, dass sich Gewalt nicht nur im Netz entlädt, sondern vermehrt auf der Straße und im näheren Umfeld. Unsere Besuchenden berichten von Anfeindungen, die immer direkter werden, von verbaler Gewalt an Schulen, die schon fast zur Normalität geworden ist. Vor allem dort gehören abwertende Sprüche sowie homo-, queer- und transfeindliche Beleidigungen zum Alltag.
Diese Angriffe sehen zum Beispiel so aus, dass den Betroffenen ihre Taschen weggenommen, ihre Stühle beschmutzt oder während des Unterrichts blöde Sprüche losgelassen werden: „Wir wissen, wo du wohnst. Wir wissen, wo deine Mama arbeitet.“ Und denjenigen, die vor ihrer Familie nicht geoutet sind, wird gesagt: „Wir erzählen deinem Vater, dass er eine Lesbe als Tochter hat.“ In den wenigsten Fällen werden diese Drohungen in die Tat umgesetzt, aber es stellt eine enorme Belastung dar. Das macht unsere Arbeit wichtiger denn je, macht Schutzräume unverzichtbar.
Doch ich sehe auch Solidarität, Empowerment und Mut. Das ist unser größter Schutz gegen den Rechtsruck. Wir sind eine extrem starke und resiliente Community und benennen die Gewalt klar, treten ihr entgegen und kämpfen dafür, dass Hamburg ein sicherer Ort für uns alle bleibt.