China diskutiert den Film "One Upon A Time In The Middle East"
Ein chinesischer Kinofilm macht indirekt Außenpolitik und regt das Land zum Nachdenken über sich selbst an. Eine Erkenntnis fällt dabei besonders auf: Hauptsache, das Essen schmeckt.
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Den größten Erfolg hat in China zurzeit nicht Christopher Nolans „Odyssee“, sondern ein Film, der vergangene Woche fast gleichzeitig angelaufen ist: „Willkommen im Drachenrestaurant“ von Wen Muye (englischer Titel: „Once Upon a Time in the Middle East“). Von Europa aus, wo man den Film jetzt noch nicht sehen kann, ist vor allem die chinesische Diskussion interessant, ob sich in ihm eine gewandelte Haltung der eigenen Gesellschaft zur Welt spiegele – oder eben nicht.
Es geht in dem Film um einen Koch mittleren Alters namens Xu Fu, der 2003 in einer fiktiven Stadt im Nahen Osten ein Restaurant eröffnet, um seine Schulden zurückzahlen zu können. Er wird dann von einer Invasion der USA in das Land überrascht (für die offenbar der amerikanische Irakkrieg das Vorbild ist), und inmitten des Chaos macht er sein Lokal zu einem Zufluchtsort für Waisenkinder in der Stadt. Bedeutsam ist, dass die Hauptrolle von Shen Teng gespielt wird, der mit seiner humorigen Schlagfertigkeit eine beliebte Identifikationsfigur in China ist, wie ein Nachbar, den man schon sein Leben lang kennt.

Es ist unverkennbar, dass die Story des Films dem offiziellen Bild entspricht, das die chinesische Außenpolitik momentan von sich verbreitet: dem Bild einer neutralen Macht, die in den globalen Konflikten vermitteln will und im Übrigen einen antiideologischen Standpunkt vertritt, dem Gegenbild zu den ebenso ideologiegesteuerten wie unberechenbaren USA also. Genauso unverkennbar ist, dass in diesem Bild einige Elemente fehlen, die Duldung des russischen Angriffskriegs etwa oder das Damoklesschwert über Taiwan und die robuste Machtpolitik Chinas in Südostasien generell.
Wer immer China beleidigt
Doch die Diskussion auf der chinesischen Website Douban konzentriert sich vor allem auf die mentalitätsgeschichtlichen Implikationen. Ein Rezensent erinnert an Wu Jings Film „Wolfskrieger 2“, dessen aggressiver Nationalismus unter dem Motto „Wer immer China beleidigt, wird gejagt werden, wo auch immer er ist“ 2017 noch eine ganz andere Einstellung zur Welt verbreitete – und damit alle Rekorde brach. Anders als dieser suche sich der neue Film nun „von den Hassgefühlen des 19. Jahrhunderts zu lösen“.
Viele Kommentatoren zeigen sich bewegt von den echten, nicht manipulativ eingesetzten Gefühlen des Films, und davon, dass er die bisherige chinesische Gleichgültigkeit angesichts des „Leids von Menschen in einem weit entfernten fremden Land“ aufbreche. Dahinter steht die Frage, ob das Auslandsengagement der vergangenen Jahrzehnte vor allem in Afrika den chinesischen Blick wirklich globaler gemacht habe. Skeptiker halten den Wandel, den der Film signalisiert, für äußerlich: „Die Macher haben die Komfortzone des Publikums perfekt getroffen: Chinesisches Essen ist das beste der Welt, und man sollte einfach den Kopf einziehen und sein Leben ordentlich leben, das ist wichtiger als alles andere.“
Angesichts der weltweiten Konflikte scheint der Film großes Gewicht aufs Essen zu legen. Ob dies ein Zeichen von Oberflächlichkeit oder aber tieferer Weisheit ist, ist allerdings umstritten. Ein Kommentator meint: „Die Weisheit der Chinesen lautet: ‚Iss ordentlich‘. Dynastien kommen und gehen, Ebbe und Flut wechseln sich ab. Solange man selbst noch ganz unten steht, kann man vor allem eines tun: jeden Bissen gut essen. Das Fortbestehen des Lebens ist der größte Sinn.“
Doch gerade die Art und Weise, wie die chinesische Küche dargestellt wird, sorgt auch für Kritik. Im Vergleich mit der detailgenauen Lebendigkeit von Ang Lees Film „Eat Drink Man Woman“ sehe das Drachenrestaurant so aus, „als würde es nur Fertiggerichte aufwärmen“, meint einer. Wie sich die chinesische Küche in die lokale Kultur integriert, interessiere den Film gar nicht.
Ein anderer Kommentator weitet diese Kritik aus und bezieht sie auf das Verhältnis zur Außenwelt insgesamt: Es gebe in diesem Film keinen einzigen „echten Konflikt zwischen Erwachsenen“. In Wirklichkeit werde „die Welt außerhalb des eigenen Horizonts kaum ernst genommen“, sodass auch dieser Film letztlich ein Zeugnis der früheren chinesischen „Selbstüberhöhung“ sei. Von der durch ihn angestoßenen Diskussion kann man das jedenfalls nicht sagen.