Harry vs. William: Die britische Monarchie vor einer neuen Zerreissprobe
Bruderzwist im Hause Windsor: Baut Prinz Harry einen Gegenhof auf?Die Rückkehr von Harry und Meghan ins Vereinigte Königreich stellt die Monarchie auf die Probe. Der künftige König William scheint «not amused»,...
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Bruderzwist im Hause Windsor: Baut Prinz Harry einen Gegenhof auf?
Die Rückkehr von Harry und Meghan ins Vereinigte Königreich stellt die Monarchie auf die Probe. Der künftige König William scheint «not amused», und ein Onkel mischt noch mit.
Tessa Szyszkowitz, London23.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

So friedlich werden sie wohl nicht so bald wieder aussehen: die britischen Prinzenbrüder und ihre Ehefrauen.
Kirsty O’Connor / Reuters
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Schon Shakespeare wusste, was von Harrys Rückkehr an den Hof zu halten war: «Zwei Sterne kreisen nicht in einer Bahn, noch duldet ein England eine Doppelherrschaft.» In seinem Stück über König Henry IV. bringt der Meisterbarde diese Urangst Englands zur Sprache. Bei der Schlacht in Shrewsbury 1403 trifft der Prince of Wales auf seinen grössten Rivalen der Epoche – Harry Percy, genannt «Hotspur» Harry.
Gut 600 Jahre später fürchten die Engländer wieder einen Kampf um die Monarchie. Diesmal unter Brüdern. Harry war vor sechs Jahren nach einem Bruderzwist im Hause Windsor mit seiner Familie nach Kalifornien abgerauscht. Danach herrschte zwar Ruhe im Buckingham-Palast. Aber Harry und seine Frau Meghan Markle sorgten aus Kalifornien weiter für Skandälchen. Kein Wunder, wenn Prinz William «sehr, sehr wütend» auf die Ankündigung der Rückkehr seines Bruders Harry reagieren sollte, sagt der Adelsexperte Peter Hunt. Nichts Schlimmeres könnte ihm passieren, als wenn sich mit Harrys Rückkehr «Rival Courts» etablierten, also konkurrierende Höfe.
Ein Gegenhof des kleinen Bruders zum Thron, den der ältere Sohn William nach dem Tod seines Vaters Charles III. besteigen wird? Da der 44-Jährige und seine Frau Catherine mit drei Kindern, davon zwei Jungen, auch schon die nächste königliche Generation produziert haben, ist an Williams Thron praktisch nicht zu rütteln.
Harry stiehlt William die Show
Trotzdem erschüttert die Nachricht Grossbritannien. Der unberechenbare Harry sorgt halt immer, egal, was er macht, für Schlagzeilen. Schliesslich besteht die Existenzberechtigung der heutigen britischen Monarchie auch darin, das Volk zu unterhalten und vom Elend der Gegenwart abzulenken. Und darin hat sich kaum einer mehr hervorgetan als der abtrünnige Sohn.
Das allein ist für seinen grossen Bruder ein Problem. Denn in seinen Augen sollte das Königshaus über den Dingen stehen, für Stabilität sorgen statt für Skandale, gerade in einer Zeit, da die Regierungschefs in immer schnellerer Abfolge wechseln.
Was William gerade nicht brauchen kann, ist ein kleiner Bruder, der ihm die Show stiehlt. Zumal der Begriff der «Rival Courts» historisch aufgeladen ist. Im 15. Jahrhundert liess Edward IV. aus dem Haus York einen seiner Brüder, George, sogar hinrichten. Und zwar, so ist es zumindest überliefert, in einem Fass Malvasierwein. Der illoyale George hatte sich davor mit dem rivalisierenden Haus Lancaster verschworen.
Und was tat der jüngste Bruder Richard III., als er die Krone nach dem Tod von Edward übernahm? Er sperrte dessen Kinder in einen Turm, um seine Herrschaft und jene seiner Sprösslinge zu sichern. Dadurch spaltete und schwächte er das eigene Haus York. Es begann eine neue Ära, die der Tudors. Wen diese Rosenkriege an die brutale und unterhaltsame Fernsehserie «Game of Thrones» erinnern: zu Recht.
Nun sind das ferne Erzählungen einstiger Familienzwiste. Dennoch ist es nicht verwunderlich, dass William und die ihm getreuen Untertanen erst einmal wissen möchten: Was will Harry mit seinem «Regrexit», wie die englische Boulevardpresse seine Rückkehr in Anspielung auf das Bereuen eines monumentalen Fehlentscheides wie des Brexits nennt?
Harry, der im September 42 Jahre alt wird, hat 2023 in seiner vor Bitterkeit triefenden Autobiografie klargestellt, woran er gelitten hat: Er war immer nur der «spare», die «Reserve». Er ist nicht die erste Zweitbesetzung, der diese Rolle nicht gefiel. Auch von Elizabeths kleiner Schwester Margaret ist überliefert, wie schwer ihr das Leben voller Zeremonien und ohne echte Aufgabe gefallen ist. Sie trank schwer und rauchte viel, am Ende erlag sie, nur 71-jährig, einem Schlaganfall. Oder Andrew, der kleine Bruder des Königs. Dem musste Charles sogar die Titel streichen, weil Andrew nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, als gemeinsam mit dem amerikanischen Straftäter Jeffrey Epstein Minderjährige sexuell auszubeuten.
Nun, da sich das Celebrity-Abenteuer in Übersee als nicht besonders lukrativ erwiesen hat und der Vater noch König ist, hat Harry vielleicht die beste Chance, sich zu Hause neu zu etablieren. Sicher besser jetzt, als nachdem der entfremdete Bruder König geworden ist. «Er will Legitimität und in Grossbritannien seine Engagements und wohltätige Arbeit zu seinen Bedingungen verfolgen und nicht als Gast im eigenen Land behandelt werden», soll eine ihm nahestehende Quelle dem US-Journalisten Rob Shuter schon im Dezember gesagt haben.
Meghan hat ihr eigenes Interesse an der Rückkehr. Lächelnd am Balkon zu stehen, das war Meghan als Rolle am Hof zu wenig. Dass gerade sie als Amerikanerin die britische Königsfamilie verstaubt fand und ihr vorwarf, sie nicht genug gegen rassistische Anfeindungen geschützt zu haben, brachte ihr im Vereinigten Königreich viele Feinde ein. Der Hass gegen Meghan erinnert an eine frühere Prinzengattin. Auch Wallis Simpson wurde angefeindet: eine Amerikanerin, zwei Mal geschieden. Weil Simpson nicht Königin werden konnte, dankte Edward 1936 ab.
Heute gibt sich die britische Monarchie, die nur noch zeremonielle Funktionen hat, etwas moderner. Das liegt auch an William und Kate, einer Bürgerlichen. Für William wäre es eigentlich nützlich, sich mit Harry auszusöhnen. Eine weitere moderne Jungfamilie würde auf den Familienfotos des alten Geschlechts gut aussehen. Denn die Königsfamilie hat Rekrutierungsprobleme. Die einzigen «Working Royals» unter 60 sind William und Catherine.
Windsor gegen Spencer
Der ursprüngliche Zwist hatte sich denn nicht nur um – angebliche – Rivalitäten und Gemeinheiten innerhalb der Familie gedreht, sondern auch darum, dass aktive Mitglieder der Königsfamilie sich an gewisse Benimmregeln halten müssen und keine bürgerlichen Jobs haben können.
Bei Harry wäre das noch gegangen – er hatte ehrenamtlich die Invictus Games ins Leben gerufen – Wettkämpfe für verletzte Soldaten und Veteranen. Meghan aber ist Schauspielerin und Geschäftsfrau. Netflix soll der Herzogin für die dritte Staffel von Guy Richies «The Gentleman» eine Rolle erst angeboten haben, dann aber wegen der Empörung unter den Monarchisten gleich wieder zurückgezogen haben. Ihr bisheriger Vertrag mit Netflix endet dieses Jahr. Wenigstens soll laut «Vanity Fair» ihre Lifestyle-Firma «As Ever» florieren. Allein ihre Marmelade soll 35 Millionen Dollar eingebracht haben. Wie viel davon an Meghan und Harry fliesst, ist nicht bekannt.
Möglicherweise schaffen es die Rückkehrer, künftig ihre Halb-drin-halb-draussen-Strategie zu verfolgen, die ihnen Elizabeth II. verwehrte. Erst einmal könnten sie bei Harrys Onkel unterkommen. Charles Spencer, der Bruder der 1997 verunglückten Diana, soll ein Anwesen in Althorp in Northamptonshire angeboten haben.
Die «Times» munkelt daraufhin gleich, der alte Konflikt zwischen den Häusern Mountbatten-Windsor und Spencer könnte jetzt wieder aufbrechen – zumal Dianas Bruder im September sein neues Buch «Swan Song» herausbringt. Schon in seiner Grabrede für Diana hatte Spencer die königliche Familie als «Blutfamilie» bezeichnet. Er kündigte damals auch an, ihre Söhne vom Einfluss der Windsors fernhalten zu wollen. Mit William ist ihm das nicht gelungen. Vielleicht probiert er es nun mit Harry. Sollte dieser nach Althorp ziehen, könnten sich die beiden Enkel von Elizabeth II. auch territorial in zwei neuen Häusern aufstellen: Windsors gegen Spencers.
Ob ein Landsitz im idyllischen Nordwesten Englands sich als «Rival Court» eignet? Wohl eher als neue Produktionsstätte von Meghans Brombeermarmelade: «Der süsse Geschmack des Spätsommers».
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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