Brandanschlag vor 56 Jahren: Anschlag auf jüdisches Heim - „Antisemit mit Hitler-Tick“

Jahrzehnte war der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970 ungeklärt. Nun legen sich die Behörden auf einen Verdächtigen fest: ein glühender Antisemit, der von Hitler fasziniert war.

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Brandanschlag vor 56 Jahren: Anschlag auf jüdisches Heim - „Antisemit mit Hitler-Tick“
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Brandanschlag vor 56 Jahren Anschlag auf jüdisches Heim - „Antisemit mit Hitler-Tick“

München · Jahrzehnte war der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970 ungeklärt. Nun legen sich die Behörden auf einen Verdächtigen fest: ein glühender Antisemit, der von Hitler fasziniert war.

20.08.2026 , 14:19 Uhr

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Anschlag auf jüdisches Heim - „Antisemit mit Hitler-Tick“

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Foto: picture alliance / Joachim Barfknecht/dpa/Joachim Barfknecht

Sie hatten das Grauen des Holocaust überlebt - und fanden sich 25 Jahre nach ihrer Rettung in einem Flammeninferno wieder. Sieben Menschen starben am 13. Februar 1970 bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München. Mehr als 56 Jahre später nennt die Generalstaatsanwaltschaft München nun einen Tatverdächtigen: einen als rechtsextrem und antisemitisch bekannten Deutschen, der 2020 starb. Und: für die Justiz war er kein Unbekannter.

Einer der „schwersten Anschläge gegen jüdisches Leben“

„Wir sprechen hier von einem der schwersten Anschläge gegen jüdisches Leben seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Oberstaatsanwalt Andreas Franck, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz. Der Fall sei eine „Wunde in der jüdischen Seele“ gewesen, aber auch in der deutschen. Das nun vorgelegte Ergebnis leiste hoffentlich einen Beitrag zu einem Rechtsfrieden, auch wenn für den verstorbenen Verdächtigen die Unschuldsvermutung gilt. Anhaltspunkte für weitere Tatbeteiligte wurden nicht gefunden.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bezeichnet es als „wichtig und wertvoll“, dass es endlich eine Antwort auf die Frage gebe, wer den Anschlag verübt hat. Aber: „Es schmerzt mich sehr, dass der mutmaßliche Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.“ Dass jemand, der womöglich sieben jüdische Menschen ermordet habe, „sein eigenes Leben ohne Strafe beschließen konnte, bedeutet auch, dass es keine Gerechtigkeit für die Opfer gegeben hat“.

„Hilfe, wir werden verbrannt“

Den Ermittlungen zufolge hatte der Tatverdächtige in dem Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde ein Benzingemisch verschüttet und angezündet - an mehreren Stellen im hölzernen Treppenhaus. Der einzige Zugang zu den Wohnräumen über vier Stockwerke wirkte dabei wie ein Kamin. In kürzester Zeit loderten den Ermittlern zufolge die Flammen bis hoch zum Dachgeschoss, dazu kam viel Rauch.

Die von dem Kabarettisten Christian Springer 2020 gegründete Initiative Schulterschluss gibt auf ihrer Internetseite Einblicke in die entsetzlichen Momente. „Hilfe, wir werden verbrannt“, so einer der vielen dort dokumentierten verzweifelten Hilferufe.

Viele Menschen konnten gerettet werden, etwa weil sie aufs Dach flüchteten oder von der Feuerwehr über Drehleitern befreit wurden. Fünf Männer und zwei Frauen zwischen 59 und 71 Jahren waren in den Flammen gefangen und starben.

„Antisemit mit "Hitler-Tick"“

Was weiß man über den Tatverdächtigen? Die Generalstaatsanwaltschaft wälzte Akten früherer Ermittlungen und verhörte Menschen aus dem Umfeld des damals 25-jährigen. „Zeugen beschrieben ihn als Antisemiten mit einem "Hitler-Tick"“, so die Behörde. 

Als Jugendlicher habe er Reden von Adolf Hitler auf Schallplatte gehört. Im sogenannten Führersperrgebiet am Obersalzberg habe er Schießen geübt. Er hantierte demnach gern mit explosiven Stoffen und wurde für die Zerstörung zweier Telefonzellen in den 1960er Jahren zu einer Jugendstrafe verurteilt.

Mit Dolch der Hitlerjugend

„Der Verdächtige ist schon in frühester Kindheit mit nationalsozialistischem Gedankengut in Kontakt gekommen“, erläutert Franck. Dazu habe vor allem sein Onkel beigetragen, der sich vorwiegend um ihn gekümmert habe und der im Nationalsozialismus Mitglied der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ war.

Zum zwölften Geburtstag bekam er laut Generalstaatsanwaltschaft eine Pistole und einen Dolch der Hitlerjugend. Den soll er bei einer Auseinandersetzung auf dem Gelände eines Internats gezückt haben, wie eine Lehrkraft berichtete. Sie beschrieb den ehemaligen Schüler als kühl berechnend und geltungssüchtig. Mitschüler erinnerten sich demnach an seine Feindschaft gegenüber Juden.

Neue Zeugin brachte Ermittlungen wieder ins Rollen

Doch wie wurde der Tatverdächtige auf das Altenheim aufmerksam? Er sei oft bei einem Freund in der Reichenbachstraße gewesen, sagte Franck. Am Tatabend soll er vorbeispaziert sein. Franck zitiert sinngemäß die Worte, die er gesprochen haben soll: „Die Juden haben alles, wir haben nichts, ich zünde sie jetzt an.“ Eine Viertelstunde später habe das Haus in Flammen gestanden.

Die Informationen stammen von der Zeugin, die sich Anfang 2025 gemeldet hatte und die Ermittlungen wieder ins Rollen brachte. Ermittelt wurde gegen Unbekannt, um nach möglichen weiteren Beteiligten zu suchen. Hinweise darauf fand die Behörde nicht, sie stellte das Verfahren ein. „Der Mann ist tot, und von daher wird es auch keine Gerichtsverhandlung geben und damit auch kein rechtskräftiges Urteil“, erklärte Franck. Dennoch sei „ein wirklich belastbares und auch deutliches Ermittlungsergebnis rausgekommen“.

Experte: „Kein abschließendes historisches Urteil“

Der Terrorismushistoriker Adrian Hänni vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München hält das Ergebnis für plausibel, es könne aber kein abschließendes historisches Urteil sein. Er sieht noch offene Fragen. „Es spricht viel dafür, dass die Tat gründlich vorbereitet wurde.“ Zudem stehe sie in einem breiteren Kontext von Terrorismus und Gewalt gegen jüdische Ziele wie dem Anschlag 1972 auf die Olympischen Spiele in München. Und es sei nicht auszuschließen, dass es weitere Beteiligte gab.

Die Ermittlungen in den 1970er Jahren nennt Hänni ausgiebig und breit. „Es wurden sehr viele Leute befragt, sehr viele Spuren festgelegt, aber es wurde nicht sehr hartnäckig und tief weiterverfolgt.“

Tatverdächtiger schon 1972 vernommen

In der Tat war der Tatverdächtige den Ermittlern zufolge 1972 schon mal als Beschuldigter vernommen worden wegen Mordes in sieben Fällen. Zuvor hatte der „Spiegel“ berichtet. Der Mann habe die Vorwürfe bestritten, das Verfahren sei eingestellt worden. Erst mit den neuen Ermittlungsergebnissen habe sich in der Gesamtschau eine schlüssige und belastbare Indizienkette ergeben. 

Akten nicht „auf Nimmerwiedersehen“ einsperren

Für Christian Springer von der Initiative Schulterschluss ist das erst der Beginn. „Der tote Täter war mit Sicherheit kein Einzeltäter. Das heißt: Da gibt's noch welche, die was wissen“, sagte der Kabarettist der dpa. „Wer in das Jahr 1970 blickt, weiß, dass der Judenhass viele geeint hat: Rechte, Linke, palästinensische Terroristen. Ich kann mir auch eine "gemischte" Tätergruppe sehr gut vorstellen.“ Seine Bitte: „Mitwisser, Zeugen, meldet Euch!“

In der Tat waren die Verdachtsmomente im Laufe der Jahrzehnte vielfältig, so wurde etwa auch gegen eine linksextremistische Gruppierung ermittelt. Oberstaatsanwalt Franck schließt bei neuen Hinweisen weitere Ermittlungen nicht aus. „Die Akten werden jetzt nicht auf Nimmerwiedersehen weggesperrt.“

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