Brand in Hürtgenwald: „Wenn das Feuer kommt, retten wir unser Leben und fertig“
KI-Stimme. InfoAm Morgen hat der Enkel aus Sri Lanka angerufen: „Omi, wir haben dein Haus im Fernsehen gesehen. Was ist los?“ Omis Haus steht vielleicht einen Kilometer weg vom Feuer im Hürtgenwald, aus dem Woh...
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KI-Stimme. Info
Am Morgen hat der Enkel aus Sri Lanka angerufen: „Omi, wir haben dein Haus im Fernsehen gesehen. Was ist los?“ Omis Haus steht vielleicht einen Kilometer weg vom Feuer im Hürtgenwald, aus dem Wohnzimmerfenster sind die Flammen zu sehen. Margret Klinkenberg im Dörfchen Straß ist trotzdem noch zu Hause; aber wie lange noch? „Ich habe Angst“, sagt die 75-Jährige immer wieder, „Panik.“ Wenn das Feuer kommt, „dann retten wir unser Leben und fertig“.
Frau Klinkenberg hat gepackt, schon in der Nacht. Als um vier Uhr die Nina-App losging, eine Minute später der Alarm und danach im nahen Gey ein Megafon („Verlassen Sie unverzüglich Ihre Häuser!“), als also keiner mehr schlief in der Voreifel, da holte sie den Wäschekorb: Ordner mit Unterlagen zum Haus, Medikamente, Patientenverfügung, ein paar Kleidungsstücke. „Wenn es brennt, machen wir ja keine Modenschau.“
„Das hat gerade richtig gefackelt!“
Es liegt alles im Kofferraum, aber halb Straß steht auf der Straße, den Blick hochgerichtet zur Grillhütte von Gey: Dort flackern neue Flammen in den Himmel, Margret Klinkenberg schlägt die Hand vor den Mund. „Das war eben noch nicht. Das hat ja richtig gefackelt!“

Hat alles gepackt: Anwohnerin Margret Klinkenberg im Dorf Straß hat Angst vor dem Feuer, das am Horizont näherkommt.© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
Und nachts, da hat es „geknallt wie nicht ganz gescheit, da wieder und da wieder“, das waren die alten Hand- und Phosphorgranaten, die immer noch im Wald liegen von der „Schlacht von Hürtgenwald“ im Zweiten Weltkrieg. „Die Munitionsreste platzen auf“, hat der Landrat gesagt, es geht den ganzen Tag so. Klar, dass die Schwiegermutter von Jakob Poll diesen Gedanken hatte, als Gey in der Nacht evakuiert wurde: „Wie im Krieg, da mussten wir auch in den Keller“, hat sie gesagt, als sie noch vorm Sonnenaufgang zum Vetter zogen. Die Frau ist 96.
Seit zwei Monaten nicht mehr geregnet
Sie mussten nicht weg, weil das Feuer drohte, das Dorf zu erreichen: Es geht um die Rauchgase und den Ascheregen; Doris Abschlag aus Gey hat den Polizisten gerade ein paar alte Corona-Masken gebracht. Sie wohnt jetzt bei Klinkenbergs in der Ferienwohnung. Die Rauchwolke hat den blauen Sommerhimmel verdunkelt, aus dem es seit sicher zwei Monaten nicht mehr geregnet hat. Die schlechte Luft legt sich auch noch Kilometer weiter auf die Atemwege, kratzt an der Stimme.
Am Einsatzplatz in Großhau verwirbeln die Hubschrauber die schlechte Luft, die sich vermengt mit den trockenen Grashalmen, irgendjemand muss hier noch gemäht haben. Von unten steigt der trockene Staub unter den Rädern von Einsatzwagen auf. Zwei Bergepanzer der Bundeswehr hüllen die Szenerie in dicken Nebel. Der schmutzige gelb-rote Rauch ist schon aus 30 Kilometern Entfernung zu sehen, er zieht über den Baumwipfeln sekündlich in eine andere Richtung. Von der anderen Seite zieht am frühen Abend der Qualm vom Hohen Fenn herauf und verdunkelt

Trügerische Idylle: Die Rauchwolke verdunkelt den blauen Sommerhimmel.© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
„Das ist Scheiße für uns“, sagt Andreas Abschlag in Straß. „Entscheidend ist der Wind“, hat auch Landrat Ralf Nolten bereits gesagt, diese warme Luft, die ständig die Richtung wechselt und nun wieder auffrischt. Erst blies er aus Osten, jetzt wieder woanders her. 50 Meter in 20 Minuten habe er das Feuer vorangetrieben, sagt der Landrat. Er hat gesehen, was das mit dem Wald macht: „Abgebrannt wie Zunder. Man glaubt es nicht, da war alles Grün.“

Rauchschwaden über Gey, das Dorf wurde als erstes evakuiert. © Federico Gambarini/dpa/dpa-tmn | Federico Gambarini
Feuerwehr hisst die „Rote-Flagge“
Peter Berndgen, der Sprecher der Feuerwehr, erklärt die Lage mit Zahlen: 300 Hektar Wald, mehr als 30 Grad Temperatur, mehr als 30 Stundenkilometer Wind. Und eine „für die Feuerwehr schlechte Luftfeuchtigkeit“. Sie nennen das einen „Red Flag Day“, einen Rote-Flaggen-Tag. „Bei 15 Grad würden wir uns wohler fühlen.“ Am Mittag haben sie die hügelige Gegend in acht Einsatzabschnitte eingeteilt. „Ein Mix aus klassischem Löscheinsatz, Angriff von oben, Bewässern, Schneisen schlagen, Schneiden.“ Am späten Nachmittag ziehen sie die 600 Kräfte wieder ab, es wird verlagert. Der Rauch kommt immer näher.
Das Problem für die Feuerwehrleute ist die Gefahr: „Das Feuer frisst sich in den Boden“, sagt Berndgen. Die Kräfte gehen zu zweit in den Wald, einer trägt 25 Liter Wasser, einer hackt. Aber auch wenn gelöscht sei, könnten „Bäume, die unten angebrannt sind, mir nichts, dir nichts umfallen“. Am Donnerstag ist es dem 60-Jährigen zwischen Birken und Fichten dreimal passiert. „Ein Konglomerat aus Einsatzgefahren.“ Bei der Feuerwehr nennen sie die umstürzenden Stämme „Witwenmacher“.
Weitere Infos zum Waldbrand in Hürtgenwald:
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- Waldbrandgefahr in Deutschland: Experte spricht von „grober Fahrlässigkeit“
Der Landrat steht derweil in Arbeitshose und Wanderschuhen am Sammelplatz der Einsatzkräfte. Neben ihm starten und landen unaufhörlich die Helikopter der Polizei, nehmen in ihren roten „Bambibuckets“ jeweils 800 Liter Wasser auf. Abholen, Kurve fliegen, wieder von vorn. Die Schläuche der Feuerwehr liegen kreuz und quer durch die Dörfer. In der Nacht sind Bauern und Bauunternehmer stundenlang mit Tankwagen unterwegs gewesen, einer landete am Morgen vor Müdigkeit im Graben. Am Nachmittag wird ein Antrag gestellt: Ob man Wasser entnehmen könne aus Bade- und Stausee?
Feuerwehrleute mit roten Gesichtern
Als alles anfing, hatten sie in Hürtgenwald der „großen Schadenslagen“ noch drei: Es brannte nicht nur im Wald, sondern auch im nahegelegenen Tagebau, eine Photovoltaikanlage musste gelöscht werden. Tausende Kräfte rückten an, am Anfang aus Bonn und Köln, inzwischen aus dem Ruhrgebiet, ein siebter Hubschrauber kommt aus Niedersachsen. Manche verlegten ihren Urlaub, die Freiwilligen ließen ihre Arbeit liegen. „Eine extreme Situation“, wiederholt Berndgen, selbst kein Berufsbrandmeister. Nachts hatten sie keine Orientierung, nur das Feuer. „Es gibt ja keine Straßenlaternen im Wald.“ Im Schatten ihrer Einsatzwagen liegen Feuerwehrmänner mit hochroten Gesichtern und versuchen, etwas Schlaf zu bekommen.

Hubschrauber-Stau in der Luft: Über Hürtgenwald kämpft auch die Polizei gegen das Feuer. © Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini
Um drei Uhr sagt die Polizei durch, die Leute sollten im Haus bleiben, das Feuer dreht auf Ost. „Fenster schließen!“, schreit Doris Abschlag durchs Haus. Vor dem Haus fährt ein Löschzug aus Essen vorbei. Jetzt können sie auch nicht mehr fotografieren, aber die Bilder aus der Nacht sind ohnehin die schlimmsten. Ganze Feuerseen lodern krachend auf Handy-Videos, der Wald ist vor lauter Bränden nicht zu sehen. So viele Brandnester überall, der Landrat hat sie von oben beobachtet: „Wir sind noch lange nicht durch“, hat Nolten schon am Morgen gesagt.

Auch die Bundeswehr ist angerückt: Ihre Bergepanzer schneiden Schneisen in den Wald. © FUNKE Foto Services
Feuerwehr fährt im Sommer tägliche Einsätze
Der Klimawandel? Der Landrat zögert eine Sekunde, bevor er sagt: „Das hier ist erst einmal ein Feuer.“ Feuerwehrmann Peter Berndgen sieht das anders: Was in Hürtgenwald passiert, hat er „noch nie gesehen“. Sie kennen das, wenn bei Trockenheit Hecken brennen, sie hatten Einsätze an jedem Sommertag in diesem Jahr, zu seiner eigentlichen Arbeit kam er nicht viel. Aber „das Klima treibt die Feuerwehr voran“: im Sommer Brände, im Herbst Starkregen und mehr Stürme. „Das hat Einfluss auf uns.“
Der Waldbrand bei Hürtgenwald hält Einsatzkräfte und Anwohner:innen weiter in Atem. Der Ortsteil Gey wurde wegen der Gefahr durch die Flammen evakuiert. Anwohnerin Margret Klinkenberg berichtet, wie sie die angespannte Situation erlebt und welche Sorgen sie sich macht.© Funke Foto & Video
Die rund 2000 Menschen aus Gey haben sie in der Nacht in die alte Schule von Straß verlegt, am Morgen müssen sie schon wieder weiterziehen – nun nach Düren. Bessere Luft, mehr Ruhe, heißt es. „Da gibt es alles, zur Not haben wir auch Katzenfutter“, heißt es von der Feuerwehr. Aber auch in Düren wird vorm Rauch gewarnt. Margret Klinkenberg, die früher einmal Krankenschwester war, wollte eigentlich helfen im Schulhaus, es waren ja auch die Alten aus dem Seniorenheim dort. Aber das Rote Kreuz war schon da, und der Partyservice fürs Essen.
Keine Panik, „das nützt ja nichts“
In Straß stehen sie am Nachmittag trotz aller Warnungen noch an der Straßenecke und warten. Die Gelassenen barfuß mit einem Bier in der Hand, die Ängstlichen etwas atemlos wie Margret Klinkenberg. „Jetzt brennt es an allen Ecken.“ Die Honighecke! Die Grillhütte! Das Geykreuz! Der Rennweg! Oben in Großhau kommt der Qualm immer näher, Feuerwehrsprecher Berndgen entfährt es beim Anblick einer schwarzen Wolke: „Schon wieder schwarz. Es ist zum Kotzen.“
Sie haben jetzt drei Verletzte, etwas an der Hand, ein Hitzeschock, ein Kollaps. Das ist wenig für einen solch großen Einsatz. Aber was heißt schon groß: Eigentlich, findet Berndgen, „müsste unten am Waldrand jetzt Feuerwehrmann neben Feuerwehrmann stehen.“ Über ihm stehen die Löschhubschrauber am Himmel im Stau, man kann das Polizei-Blau kaum noch erkennen.
Jakob Reimer (67) und Jakob Poll (75) aus Gey sind wieder zurück ins Haus des Cousins gegangen. „Was soll man in Panik verfallen, das nützt ja nichts.“ Das sagen sie so leicht, vielleicht kennen sie Doris und Margret nicht. Die kämpfen mit den Tränen, sie haben doch neulich noch vorm Fernseher gesessen; die Brände gesehen in Südeuropa. „Alles kann kommen“, hat Margret Klinkenberg gesagt, „aber sowas nicht.“

Der Himmel wird immer dunkler: Freitagnachmittag in Großhau, Kreis Düren.© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
Der Rest ist nicht zu verstehen, es heult schon wieder das Martinshorn durch die Maubacher Straße. Frau Klinkenberg hält sich die Ohren zu: „Das macht mich ganz kirre.“ Sie hat jetzt das achte Angebot am Ohr: „Kommt zu uns!“, sagt jemand ins Telefon. Allerdings brennt nun eben auch das Hohe Fenn, wo die Freundin wohnt und wo es im Ernstfall hingehen soll. Lebensgefährte Jupp bleibt entspannt – was seine Margret noch mehr aufregt. „Erst wenn‘s unterm Stuhl brennt, sagt er, dass wir gehen.“
Heute noch, morgen? Um drei schon kam die Nachricht: „Das Feuer ist durchgebrochen. Es ist jetzt über die Straße.“ Der Landrat hat gesagt: „Das wird noch über Tage gehen.“ Am frühen Abend schüttelt Feuerwehrmann Peter Berndgen den Kopf. „Montag, mindestens. Und danach fängt die Arbeit erst richtig an.“