Blackfacing: Biedenkopf hält trotz Protest am „Mohren“ fest

Darf der "Mohr" die Damen noch küssen? Unterwegs mit dem Schriftsteller Stephan Thome auf vermintem Gelände beim Biedenkopfer Grenzgang, bei dem Provinzstolz, gescheiterte Lebensentwürfe und der Streit über Blackfacing aufeinanderprallen.

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Blackfacing: Biedenkopf hält trotz Protest am „Mohren“ fest

Noch vor Sonnenaufgang führt der Weg vom Galgenberg hinab zum historischen Marktplatz. Morgennebel liegt über den Lahnwiesen, die Berge ragen wie eine Phantasielandschaft in den Himmel. Da schallt ein Kanonenschuss durch die Stille. Als müsse Biedenkopf noch geweckt werden. Die Stadt ist längst auf den Beinen. Tausende haben sich zu dieser frühen Stunde versammelt, um der Eröffnung des jahrhundertealten Rituals beizuwohnen. Sie warten auf den „Grenzgang“ – und auf eine Figur, die in diesem Jahr umstrittener ist als je zuvor, den sogenannten „Mohren“, den wichtigsten Akteur in diesem Spektakel.

So heftig, wie in Berlin gerade über die Ein- und wieder Ausladung schwarzer Kinder im Schwimmbad vor der Volksbühne diskutiert wird, streitet man in der Provinzstadt Biedenkopf über die historische Figur in diesem Ritus. Der Mann in Uniform und mit schwarzer Farbe im Gesicht soll wie seit Jahrhunderten den dreitägigen Zug anführen. Für die einen ist er ein unentbehrlicher Teil ihrer Geschichte. Für die anderen steht er für ein verletzendes Bild, das auf einem Volksfest nichts zu suchen hat.

Wir lassen uns unsere Tradition nicht nehmen

Seit Wochen berichtet die Lokalpresse über den Streit, auch der Hessische Rundfunk war vor Ort. Wird es eine Störung geben? Wird jemand gegen das Blackfacing protestieren? Wird der Grenzgang, der die Biedenkopfer regelmäßig zusammenführt, in diesem Jahr zum Schauplatz eines offenen Konflikts über Zugehörigkeit und Ausschluss? Noch ist alles still auf dem Marktplatz. Dann plötzlich fegt der Mohr wie ein Derwisch durch die Menge. Applaus brandet auf. Er klingt wie das, was man hier häufig hört: Wir lassen uns unsere Tradition nicht nehmen. Auch der Bürgermeister hebt in seiner Ansprache die Rolle der historischen Figur hervor.

Alle sieben Jahre zieht man in Biedenkopf los, um nach altem Brauch die Grenzen zu kontrollieren. Drei Tage wandern Tausende über 45 Kilometer durch Wald, Wiesen und Gehölz. Sie folgen den alten Grenzsteinen mit sonderbaren Markierungen, die sie berühren müssen, so will es die Tradition, die zurückreicht bis ins 17. Jahrhundert. Damals wurde geprüft, ob die umliegenden Gemeinden heimlich die Steine versetzt hatten, um mehr vom ertragreichen Wald zu haben.

Stephan Thome lebt seit 18 Jahren in Taipeh, zum Grenzgang kommt er immer zurück.
Stephan Thome lebt seit 18 Jahren in Taipeh, zum Grenzgang kommt er immer zurück.Emil Eichinger

Heute ist der Grenzgang Volksfest, Geschichtsstunde und kollektive Selbstvergewisserung, wie es Stephan Thome in seinem gefeierten Romandebüt „Grenzgang“ 2009 beschrieb. Dass die gefährlichsten Grenzüberschreitungen nicht zwischen Wald und Wiese verlaufen, sondern entlang menschlicher Zweifel und Ängste, davon handelt dieser Roman. In diesem Jahr ist diese Grenze besonders gespannt, weil der Streit um den Mohren nicht bloß eine Auseinandersetzung über den rituellen Ablauf des Grenzgangs darstellt, sondern an die Frage führt, wer eine Tradition deuten darf und wann aus gemeinsamer Erinnerung ein Ausschluss wird.

Stephan Thome hat sich mit Jetlag unter die Menge gemischt. Der 1972 in Biedenkopf geborene Schriftsteller lebt seit 18 Jahren in Taiwan. Trotzdem hat er seit seinem fünften Lebensjahr alle Grenzgänge bis auf einen miterlebt. Wie er kehren viele Menschen, die der Stadt an den Ausläufern des Rothaargebirges längst den Rücken gekehrt haben, für den Ritus zurück. Der Grenzgang sei ihre Zeiteinteilung des Lebens, sagt Thome. Weil er Stationen ihrer Biographie markiert und sie an die existenziellen Fragen erinnert, die nie ganz verschwinden.

Der Fahnenträger ist aus Australien angereist

Aus allen Teilen Deutschlands sind sie angereist, manche aus Frankreich, Spanien und Amerika. Der Fahnenträger einer der Männergesellschaften, die gerade auf dem Marktplatz einziehen, lebt heute in Australien. Die Reiter und die übrigen Beteiligten tragen Uniformen und Säbel, die an das französische Revolutionsheer angelehnt sind. Beim Salut werden alle mit „Bürger“ angesprochen.

Das ist den Biedenkopfern heute wichtig zu erwähnen, da der Militarismus wieder in den Köpfen herumspukt. Der Grenzgang soll nicht Unterordnung feiern, sondern bürgerliche Selbstbehauptung. Und Selbstbehauptung steht nun zur Debatte. Der Grenzgangsverein weist die Kritik am Mohren zurück. Der Grenzgang sei ein integratives Volksfest, bei dem Menschen jeden Alters und jeder Herkunft friedlich zusammenkämen. Alle seien willkommen. Für die meisten Biedenkopfer ist das kein taktisches Argument, sondern ihre Überzeugung. Sie erleben das Fest als Gegenbeweis zu jeder Form von Ausgrenzung. Die Kritiker halten dagegen, dass ein Fest nicht automatisch inklusiv wird, nur weil alle eingeladen sind. Entscheidend sei auch, welche Bilder und Bezeichnungen es verwendet.

Die Grenzsteine mit den seltsamen Markierungen im Wald von Biedenkopf
Die Grenzsteine mit den seltsamen Markierungen im Wald von BiedenkopfEmil Eichinger

Der Marsch gleich zu Beginn auf die 674 Meter hohe Sackpfeife wird mitunter so steil, dass man auf allen vieren hochsteigen muss, um nicht abzurutschen. Wer von der Route abweicht, wird von Wettläufern mit ihren knallenden Peitschen zurück auf den Weg gescheucht. Die Grenze ist keine Option, so viel wird klar, sie ist ein Auftrag. Am „Frühstücksplatz“, wo der Zug der Wandernden nach gut zwei Stunden pausiert, wird das erste kühle Bier gereicht. Zuvor muss man sich allerdings dreimal in die Luft werfen lassen. Irgendwann nimmt das Werfen ein Ende. Der Grenzgang noch lange nicht.

Das ist die Welt, in der Stephan Thome nun auch die Fortsetzung seines Romans unter dem Titel „Besser als nie“ angesiedelt hat. In diesen 17 Jahren hat sich vieles verändert. Die Mischung aus Vereinsmeierei und existenzieller Prüfung besteht in der Hauptstadt des Hinterlands fort. Die Region in der äußersten Ecke des einstigen Großherzogtums Hessen-Darmstadt heißt tatsächlich so und pocht auf ihre Abgeschiedenheit. Die Studentenstadt Marburg ist 30, die Metropole Frankfurt 100 Kilometer entfernt, und doch befindet man sich hier in einer anderen Umlaufbahn.

Schützenfest, Gastronomiesterben und die Blicke der Nachbarn

Das ist auch das Lebensgefühl, das Thome in seiner Literatur vor allem über Dialoge gekonnt einfängt. Der Rest des Landes lebt wie in Biedenkopf. Oder zumindest so, wie man in Biedenkopf glaubt, dass der Rest des Landes lebt: unter den Blicken der Nachbarn, in der Nähe der Familie, zwischen Schützenfest, Gastronomiesterben und der Frage, ob man sein Leben eigentlich schon abgeschlossen hat oder nur gerade eine Pause macht. Im neuen Roman begegnen uns vertraute Figuren wieder. Da ist Weidmann, der inzwischen das Gymnasium leitet. Einst hatte er es bis nach Berlin geschafft. Er hatte Ambitionen und die Hoffnung, sein Leben könne größer werden als der Ort, dem er entstammt. Von seiner gescheiterten Habilitation und der demütigenden Rückkehr hat er sich bis heute nicht erholt.

Angst und Sehnsucht, die Suche nach einem anderen Leben, das treibt die Menschen in Thomes Literatur um. Auch Kerstin Werner begegnen wir aufs Neue. Einst verirrte sich die Kölner Sportstudentin nach Biedenkopf und blieb. Im ersten Roman waren sie alle Mitte vierzig: zu jung, um sich schon alt zu fühlen, aber auch zu alt, um sich noch jung zu wähnen. Nun sind sie noch einmal älter geworden. Die Träume haben sich noch einmal verschoben, die Partnerschaften auch. Manche sind gestorben.

Es liegt an Thomes multiperspektivischer Erzählkunst, dass man ihnen derart gebannt folgt. Seine Figuren suchen nach neuen Pfaden in der ummauerten Gemarkung ihrer Existenz. Sie wollen ausbrechen, aber nicht alles verlieren. Sie wollen bleiben, ohne zu erstarren. Sie sehnen sich nach einem anderen Leben und fürchten zugleich, dass es ihnen tatsächlich begegnen könnte.

Alles ist verbunden, doch nicht alles darf gesagt werden

Was diese Suche in einem Provinzleben besonders macht, ist das Milieu, in dem jeder jeden kennt und alle alles wissen. Hier bleibt nichts privat, aber vieles geheim. Jürgen, der verunsicherte Bürgermeister im Roman, hat den Kontakt zu seinem Sohn Daniel verloren, der als Computer-Nerd in Tallinn lebt. Jürgens Tochter Janina möchte lieber ein Janis sein. Und dass die Schulpsychologin Linda heimlich ein Kind mit Daniel hat, macht die Sache nicht einfacher. Alles ist miteinander verbunden, und doch darf nicht alles beim Namen genannt werden.

Die Provinz, das ist der Ort, an dem die Geschichten manchmal zu dicht beieinanderliegen. Thome beobachtet diese Welt wie ein Ethnologe. Er kennt die Rituale, die Eigenarten der Männergesellschaften wie „Hasenlauf“ oder „Ludwigshütte“, den Stolz auf den Waldbesitz und den Neid der Nachbarn. Er weiß, dass Biedenkopfs Innenstadt hinter der mittelalterlichen Pracht mit den geschmückten Fachwerkhäusern und den Blumenbouquets in Wahrheit darbt. Viele Geschäfte stehen leer, die Gastronomie verschwindet. Zum Grenzgang erwacht die Stadt nach sieben Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf. Mit dem Mohrenstreit gelangt die Gegenwart dann auch prompt mit aller Wucht in die Abgeschiedenheit.

Eine kurze Begegnung legt die ganze Spannung zutage

Schon am Vorabend hatte der Hotelier die Besucherin mit dem Frankfurter Autokennzeichen gefragt, ob sie wohl deshalb gekommen sei. Er fragte zögerlich, fast besorgt. Das könne nur verstehen, wer von hier komme, sagte er dann. So sei eben Tradition. Daran dürfe man nicht rütteln. Der Mohr müsse bleiben.

Ob er trotz der Proteste auftreten werde, frage ich. Natürlich. Auch mit schwarzer Farbe im Gesicht? Unbedingt. Und ob die Damen von ihm geküsst würden? Aber ja. Das bringe Glück. So sage es der Brauch. In dieser kurzen Begegnung macht sich die ganze Spannung des Konflikts breit. Weil für den Hotelier der Mohr kein Symbol der Herabsetzung ist, sondern eine vertraute Figur aus Kindheit und Festkalender. Für die Kritiker, den Ausländerbeirat Marburg und die Marburger Ortsgruppe der Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“ zählt jedoch nicht nur die Absicht derjenigen, die das Ritual bewahren wollen. Sie sehen in dem schwarz geschminkten Gesicht eine koloniale Bildtradition, die Menschen verletzt. Beides lässt sich nicht dadurch auflösen, dass man die eigene Erinnerung für aufrichtig erklärt. Eine ganze Stadt organisiert einen Teil ihrer Würde um ein Ritual, das von außen fragil wirkt, im Inneren aber ernst ist. Denn die Menschen haben darin ihre Eltern, ihre Jugend, ihre erste Liebe und auch ihre Toten aufbewahrt.

Grenzgänger beim steilen Anstieg auf den Kleeberg
Grenzgänger beim steilen Anstieg auf den KleebergEmil Eichinger

Niemand weiß wirklich, woher die Tradition des Biedenkopfer Mohren stammt. Im örtlichen Museum wurde lange erklärt, er habe Fremde erschrecken sollen, die sich an den Grenzen zu schaffen machen wollten. Heute wird vermutet, dass die Figur von einem schwarzen Tambourmajor inspiriert worden ist, der einst als Gesandter des Landgrafen zum Grenzgang nach Biedenkopf kam.

Beide Seiten sprechen im Streit über Zugehörigkeit, aber sie meinen nicht dasselbe. Die einen sagen: Das ist unser Fest, unser Gedächtnis, unser Recht, unsere Geschichte selbst zu erzählen. Die anderen sagen: Eure Geschichte macht uns zu einer Figur, über die ihr euch selbst erkennt. Eine Tradition kann alt sein, ohne unschuldig zu sein. Ein Fest kann Menschen verbinden und zugleich ausschließen. Darin liegt die Brisanz. Die Biedenkopfer verteidigen mit dem Mohren nicht nur eine einzelne Gestalt. Sie verteidigen ein Bild ihrer Gemeinschaft. Die Kritiker greifen nicht bloß ein Kostüm an, sondern fragen, welche Gemeinschaft dieses Bild hervorbringt und wer darin nur vorkommt, wenn er eine Rolle spielt.

Am ersten Tag bleibt der Skandal vorerst aus

Am ersten Tag des Grenzgangs bleibt der Skandal vorerst aus. Doch damit verschwindet der Konflikt nicht, glaubt Stephan Thome. Dass beide Seiten einander vor allem aus der Distanz beurteilen, hält er für problematisch. Sie müssten reden, sagt er, während wir mit den anderen Grenzgängern durch die Wälder streifen. Dann könnten sie herausfinden, was sich an der Tradition ändern ließe, damit alle damit leben können.

Sein Roman ist trotzdem keine moralische Gebrauchsanweisung. Er zeigt vielmehr, wie die Angst vor dem Urteil und die Konvention der Provinz in den Seelen und Sätzen der Menschen weiterarbeiten. Kerstin spottet über den Grenzgang und hilft doch, wo sie helfen kann, vor allem Geflüchteten wie Samira, die längst Teil der Biedenkopfer Gesellschaft sind, auch wenn das Fest und seine Bilder einer anderen Zeit zu entstammen scheinen.

Frauen nicht gestattet: die Truppe des Bürgeroberst auf ihren Pferden beim Grenzgang
Frauen nicht gestattet: die Truppe des Bürgeroberst auf ihren Pferden beim GrenzgangEmil Eichinger

„Der Stein –, die Grenze –, in Ewigkeit“, krächzt der Mohr ein ums andere Mal. In dieser Trias steckt die ganze Anstrengung des Rituals. Die Mühe, aus einem Grenzstein eine Weltordnung zu machen. Die Biedenkopfer sichern ihre Gemarkung, als könnten sie dadurch auch ihre Weltsicht schützen. Im Grenzgang hat sich die Arbeit von Generationen abgelagert. Auf dem Hügel thront die Burg über dem Städtchen, unten fließt die Lahn. Alles ist da und soll nicht gestört werden. Auch nicht von den Frauen, die bis heute nicht teilnehmen dürfen am offiziellen Grenzgang. Sie müssen sich hinten beim „Volk“ einreihen. Als sie jüngst vorschlugen, auch weibliche Reiter in den Festzug aufzunehmen, wurde der Antrag einhellig abgelehnt. Und das, obwohl es nicht genug männliche Reiter gibt.

Der Aufstand der Frauen kümmerte die Biedenkopfer nicht sonderlich. Der Streit um den Mohren stört die Ordnung wesentlich empfindlicher. Thome schrieb dem Bürgermeister schon vor Jahren in einem langen Brief, die Stadt könne der Problematik nicht länger aus dem Weg gehen. Er erhielt keine Reaktion. Auch den jetzigen Bürgermeister, den er noch aus der Schule kennt, wollte er für seinen Roman interviewen, was der mit dem Hinweis ablehnte, das Buch könne dem Ruf der Stadt schaden. Und dann würde er ja seinen Amtseid verletzen.

Starrsinn ist nicht immer nur Borniertheit

„Wir tragen den Grenzgang im Herzen“, hatte er bei der Eröffnung am Marktplatz gesagt. Und dass eine alte Regel besage, dass am Grenzgang alle Streitigkeiten beigelegt würden. Deshalb sollten die Kritiker das Ritual erst dann beurteilen, wenn sie es erlebt hätten: „Wir reichen die Hand und schauen nach vorn.“ Da ist er wieder, dieser Sinn für Zugehörigkeit, die Beharrlichkeit und das Leiden daran. Manche nennen das Starrbiedenköpfigkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt so lange zu halten, bis der andere erschöpft aufgibt. Doch Starrsinn ist nicht immer nur Borniertheit. Manchmal ist er auch die letzte Form von Halt, die Menschen besitzen. Wer alles verloren hat, hält sich an den Grenzstein. Wer nicht mehr weiß, wohin, folgt der Fahne. Wer seine Jugend nicht zurückbekommt, lässt sich wenigstens dreimal in die Luft werfen.

Stephan Thome, der über konfuzianisches Denken promoviert wurde, schreibt über diese Gegend und ihre seelische Verfasstheit so bewandert, weil er sie kennt und weil er sie verlassen hat. Er ist nah genug, um ihr inneres Getriebe zu verstehen, und fern genug, um die Widersprüche zu sehen. Das Komische und das Verzweifelte liegen dicht nebeneinander. Die Menschen in „Besser als nie“ suchen nach einem Ausweg aus der Mittellage ihrer Gefühle und Jahre. Ein Mann versteht seine Kinder nicht mehr, ein anderer weiß nicht, wohin er gehört. Ein Kuss soll Glück bringen; zugleich müssen Menschen erklären, warum gerade dieses Bild sie verletzt. Eine Stadt feiert ihre Grenzen und bemerkt nicht, wie sehr sie sich verausgabt.

Der Grenzgang durch die Lahnwiesen und über die steilen Berge endet an diesem Tag nach 16 Kilometern und ohne Zwischenfall. Was bleibt, ist die offene Frage hinter dem Ritual. Kann eine Gemeinschaft ihre Geschichte bewahren, ohne die Verletzungen, die in dieser Geschichte stecken? Es geht nicht nur darum, ob der Mohr bleibt. Es geht darum, ob Biedenkopf bereit ist, seine eigene Erinnerung nicht bloß zu verteidigen, sondern zu überprüfen. Kann ein Mensch seine Gemarkung verlassen, ohne sich selbst zu verlieren? Und kann eine Stadt sich verändern, ohne sich aufzugeben? Es ist die Leistung von Thomes Roman, dass er aus Biedenkopf kein Idyll macht, aber auch kein Provinztribunal. Er zeigt eine Stadt, die sich nach Zugehörigkeit sehnt und an ihren Bildern festhält.

Am heutigen Samstag findet der letzte Grenzgang statt. Vielleicht wird der Konflikt noch offen zutage treten, vielleicht kommt es zum Schwur. Wenn es nach Stephan Thome geht, den manche hier als „Nestbeschmutzer“ sehen, wird die Stadt nicht darum herumkommen. Denn der Grenzgang endet nicht am Grenzstein. Er endet erst dort, wo die Gemeinschaft entscheidet, welche Grenze sie schützen will: die zwischen Wald und Wiese oder die zwischen ihrer Erinnerung und der Gegenwart.